»Drehen Sie sich um!« sagte er.
Der SS-Mann und der Polizist wandten ihm den Rücken zu. Ross stellte die Kombination des Nummernschlosses an einem Panzerschrank ein. Die Tür schwang auf. Ross stellte den Koffer auf ein leeres Bord aus dickem Stahl. Dann verschloß er den Schrank und drehte am Stellrad mit den Nummern. Die drei Männer gingen wieder nach oben. Der Polizist löschte die Beleuchtung in jeder Etage, die sie verließen, und sperrte die Stahltüren hinter ihnen ab.
Der SS-Mann setzte sich wieder neben seinen Kollegen hinter das Steuer des Mercedes. Ross öffnete eine Fondtür. Ängstlich fuhr der Mann mit dem Kneifer und dem Schulmeistergesicht zurück, eine Hand wie zur Abwehr eines Schlages halb erhoben.
»Ich wollte nur Heil Hitler sagen«, erklärte Ross. »Ja ... ach ja. Heil Hitler, Herr Ross!« Himmler hob die Hand
zum sogenannten deutschen Gruß, Ross desgleichen. »Wir rufen Sie morgen Vormittag an, Reichsführer«, sagte er,
warf den Schlag zu und machte dem SS-Mann am Steuer ein Zeichen. Der Mercedes fuhr los. Ross ging langsam zu seinem Opel zurück. Es war halb sieben Uhr abends. Er fuhr hinaus nach Dahlem, wo er Im Dohl eine Villa bewohnte, die in einem mächtigen Garten stand. Die Villen ringsum gehörten zahlreichen Nazigrößen und hohen Beamten der verschiedenen Ministerien und Organisationen, die ihre Dienststellen im Stadtinneren hatten. Ross ging durch den Garten, in dem schon die ersten Blumen blühten. Es war ein warmer, schöner Frühlingsabend. Das Haus hatte wie viele andere hier einem Juden gehört. In der sogenannten Reichskristallnacht vom g. zum 10. November 1938 war sein Juweliergeschäft am Kurfürstendamm, wie viele andere jüdische Geschäfte in ganz Deutschland, geplündert worden. Er und seine Frau wurden von SA Leuten totgeschlagen – wie viele andere Juden. Das Auswärtige Amt hatte Georg Ross für seine Berlinaufenthalte hier eingewiesen. Die Villa war noch mit den schönen und wertvollen Möbeln, Teppichen und Bildern des ehemaligen Besitzers eingerichtet.
In der Diele erschien, während Ross seinen Regenmantel auszog, Frau Valerie von Tresken, die Haushälterin. Ross trug einen grauen Anzug aus feinstem englischen Flanell, ein Seidenhemd mit eingesticktem Monogramm und eine Foulardkrawatte. Er ging aufrecht und federnd, er wirkte selbstsicher und sich seiner bedeutenden Stellung bewußt. Der geduckte und dabei cholerische Leiter einer Filiale der Österreichischen Sparkasse in Wien hatte nicht das geringste mit ihm gemein.
»Heil Hitler, Frau von Tresken!« Er schenkte ihr ein Lächeln. »Heil Hitler, Herr Ross!« Frau von Tresken war groß und hager, trug die Haare zu einem Knoten hochgesteckt, bevorzugte schwarze Kleider und benützte niemals Puder oder Schminke. Sie sagte: »Fräulein Holm ist schon da.«
»Nanu, so früh?«
»Es war heute für sie nichts mehr zu tun, sagt sie.« »Wo ist Dora?«
»Sie badet.« Frau von Tresken mißbilligte alles, was die junge Schauspielerin, von der die Rede war, auch tun mochte. Am meisten mißbilligte sie die ständige Anwesenheit Dora Holms in diesem Hause. Frau von Tresken stammte aus Ostpreußen und sprach mit dem Akzent jener Gegend. Sie lebte wie die Köchin und ein Stubenmädchen seit fünf Jahren in der Villa, die Ross bei seinen Aufenthalten in Berlin als Heim diente. Das erste halbe Jahr war wunderbar für Frau von Tresken gewesen. Da konnte sie die Hausherrin spielen und Ross all die Bewunderung und Liebe entgegenbringen, die sie sofort für ihn empfunden hatte. Sie war so alt wie er, und sie hatte in ihrer verzweifelten Verklemmtheit, welche die Folge allzu strenger Erziehung war, immer gehofft, daß er ihre Gefühle erwidern würde. Aber dann war dieses junge Ding gekommen, diese kleine Hure, und Ross hatte überhaupt keine andere Frau mehr wahrgenommen. Frau von Tresken begriff nie, wie ein Mann mit so viel Charme und von solcher Lebensart dermaßen den Kopf verlieren konnte angesichts eines Mädchens, das zehn Jahre jünger war und so ungemein vulgär. Bitter sah sie Ross nach, als er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufeilte.
Er lief in den ersten Stock und in ein Ankleidezimmer. Hier zog er sich um. Den Anzug hängte er über einen stummen Diener. Er wählte eine leichte Hose und ein Baumwollhemd. Als er die Kleidungsstücke aus dem Schrank nahm, sah er in der Ecke die Uniform eines Majors der Deutschen Wehrmacht. Er schloß den Schrank schnell. Dann eilte er zur Tür eines Badezimmers und klopfte.
»Ich bin es, Georg.«
»Komm herein!« Dora Holm saß in der Wanne und lachte ihm entgegen. Er sah ihr hübsches Gesicht, ihre schönen Brüste, die nasse, feine Haut, und er war glücklich und ausgeruht und fühlte sich zehn Jahre jünger.
»Guten Tag, Schatz!« Er küßte ihren nassen Mund, danach ihre Brustwarzen.
»Weiter ... mach weiter ... das tut gut ...« Sie drängte ihm die Brüste entgegen und hob den Körper aus dem Wasser, indem sie sich auf die Ellbogen stützte. »Da auch!« sagte sie. Er küßte und leckte das rosige Fleisch. »Oh ... oh ... du weißt aber genau, wo!« Sie atmete schwer. »Heute werden wir schön spielen, ja, Liebling? Mir ist so sehr nach Spielen.«
»Mir auch.« Er richtete sich auf. »Schluß jetzt! Sonst spielen wir gleich weiter.«
»Hab’ nichts dagegen.«
Er setzte sich auf einen Hocker. »Nein, nicht?« »Später, Schatz! Später, so lange du willst.« »Ich will aber jetzt! Wenn du nicht willst, fange ich schon
ohne dich an!« Eine Hand verschwand unter der schaumbedeckten Wasseroberfläche. Sie bewegte sich eine Weile, dann lachte sie. »Was ist denn mit Ihrer Hose los, Herr Ross?«
Er lachte auch.
»Nein«, sagte sie. »Ich will jetzt doch nicht. Jetzt bin ich so schön aufgeregt. Ich werde so aufgeregt bleiben bis nach dem Essen. Und nach dem Essen spielen wir, ja?«
»Ja, mein Schatz.« O Gott, dachte er, habe ich sie lieb. »Wieso bist du schon zu Hause? Ich dachte, ihr dreht bis sechs.«
Sie lachte wieder.
Eine Frau, die immer lacht, eine schöne, junge Frau, überlegte er. Und Thea in Wien. Nein, gar nicht daran denken!
»Alles wegen der Salami«, sagte Dora.
»Verstehe kein Wort.«
»Gefallen dir meine Brüste, ja?«
»Ja, mein süßer Schatz.«
»Sie sind nicht zu groß? Manchmal habe ich Angst, daß sie zu groß sind.«
»Sie sind genau richtig.«
»Das ist gut. Das ist wichtig. Sie müssen genau richtig sein für dich, Liebling.« Sie streichelte ihre Brüste.
Er dachte: Bald fünf Jahre kennen wir einander schon. Als ich sie traf, in der Königin-Bar, war sie noch an der Schauspielschule der UFA. Jetzt hat sie bereits richtige große Rollen mitberühmten Partnern. Ihre Eltern in Hamburg wissen von unserer Beziehung und daß Dora mit mir zusammenlebt. Süße Dora.
››Was war mit der Salami?« fragte er.
Sie lachte wieder. Unter einem Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, sahen schwarze Haare hervor. Sie hatte hellblaue Augen und einen großen Mund. vielleicht, überlegte Eduardo Olivera, bin ich deshalb so vernarrt in meine Stieftochter Mercedes ...
»Wir drehen doch ›Die Wasser unter der Erde‹ nach der Novelle von Harsanyi, nicht wahr? Na, und heute war eine Szene dran, da frühstückt Heinrich George mit seinem Nachbarn und mir. In der Novelle und im Drehbuch steht, daß der Tisch überquillt von Fleisch, Brot, Käse, Butter, Trauben und so weiter ... und George soll eine Salami essen. Eine Salami habe ich gesagt, Liebling!«
»Hab’s gehört, Schatz. Und?«
»Und! Wann hast du zum letzten Mal Salami gegessen? Echte ungarische? Na also, siehst du! Es gibt doch keine mehr seit einer Ewigkeit.«
Sie lachte wieder. Und er dachte: Wie liebe ich sie. »Aber in der Novelle und im Drehbuch steht: ungarische
Salami! Na, George macht vielleicht ein Theater, kann ich dir sagen. Hat schon vor zwei Wochen angefangen damit. Er kann es sich leisten.« Sie ahmte Heinrich George nach: »Hier steht, ich esse ungarische Salami, also her mit ungarischer Salami! Geht mir weg mit euren Ersatzwürsten! Ich bin ein Künstler, der auf Werktreue schwört. Wenn ich keine ungarische Salami kriege, können wir die Szene gleich streichen.« Dora streckte einen Schenkel aus dem Wasser, danach den anderen. Ross küßte schnell ihre Zehen. »Naja, was sollten sie machen? Zuerst fragten sie bei Rollenhagen. Die hatten natürlich keine. Dann fragten sie einfach überall. Keine Salami. Also rufen sie die ungarische Gesandtschaft an.«