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»Nein!«

»Ja doch, Liebling! Warte, es kommt noch viel verrückter! Die ungarische Gesandtschaft hat auch keine ungarische Salami. Man telefoniert mit Budapest. Kommt ein Kurier im Flugzeug von Budapest nach Berlin mit einer ungarischen Salami im Diplomatenkoffer!«

»Das ist nicht wahr!«

»Jedes Wort! Der Kurier bringt die Salami in die ungarische Gesandtschaft. Man hat sie bei Seiner Exzellenz dem Herrn Reichsverweser von Horthy ausgeliehen. Ausgeliehen, sage ich, nur ausgeliehen. Ehrenwort, daß er das größte Stück zurückbekommt. Großes deutsches UFA-Ehrenwort.«

»Hör auf, Dora!«

»Die ungarische Salami wird, begleitet von einem Gesandtschaftsattache, nach Babelsberg gebracht. Es ist abgemacht, daß George bei den Proben nur markiert, und daß er dann bei der Aufnahme nur ein ganz kleines Stück ißt. Na, und nun geht das Theater los. Zuerst passiert noch nichts. Dann, erste Aufnahme: George säbelt ein Riesenstück Salami herunter, kaut, schmatzt und verspricht sich – absichtlich natürlich.«

Ross begann zu lachen.

»Dreihundertvier, zum zweitenmal!« Dora machte den Klappenmann nach. »George futtert wieder, was er in den Hals bekommt, verschluckt sich, kriegt einen Hustenanfall. Aus. Der Gesandtschaftsattache wird immer unruhiger. Ucicky hat Tränen in den Augen – der Regisseur, weißt du. Er fleht George an: ›Heinrich, mir zuliebe, bitte, mach es jetzt gut, ja?‹ Einstellung dreihundertvier zum drittenmal!« Dora klatscht wieder in die Hände. »George mampft. Alles geht gut. Noch drei Sekunden. Noch zwei Sekunden. Da verschluckt sich George, kriegt keine Luft mehr.«

»O Gott, nein!«

»O Gott, ja! Der Tonmeister bricht ab. ›Was ist denn jetzt wieder los?‹ schreit er. Also: Dreihundertvier zum viertenmal! Diesmal fängt George mittendrin an zu lachen wie ein armer Irrer. Was soll ich dir sagen? Er hat tatsächlich die ganze Salami verputzt, er ist doch so ein Bär von einem Kerl, nicht, und erst beim letzten Stück ist Einstellung dreihundertvier dann endlich im Kasten. Aber der Mann von der Gesandtschaft bekommt einen Tobsuchtsanfall und Ucicky auch, und da steht George auf und sagt: ›Also, Herrschaften, das war’s, Feierabend!‹ Und geht.

Deshalb war heute früher Drehschluß. Meinst du, daß Ungarn uns jetzt den Krieg erklärt, Süßer?«

Als sie Stunden später glücklich und erschöpft nackt nebeneinander auf dem breiten Bett lagen und gemeinsam eine Zigarette rauchten, brach die zärtliche Radiomusik, die seit langem erklungen war, ab, und eine Männerstimme meldete sich: »Hier ist der Reichssender Berlin. Achtung, eine Luftlagemeldung: Schwere feindliche Kampfverbände im Anflug auf die Deutsche Bucht und die Mark Brandenburg.« Der Sprecher wiederholte die Meldung. Dann setzte wieder sanfte Musik ein.

Dora ließ sich aus dem Bett rollen. Ross erhob sich. Sie zogen nur Schlafkleidung und Morgenmäntel an. Dora nahm eine Krokodilledertasche, in der sich ihr Schmuck und ihre Papiere befanden, Ross trug eine große Aktentasche, als sie das Haus verließen, um durch den dunklen Garten zu dem kleinen, aber sehr dickwandigen Betonbunker zu gehen, der in die Rasenerde eingelassen war. Ribbentrop hatte darauf bestanden, daß Ross so einen Bunker bauen ließ. Sie stiegen die Treppen hinunter. Frau von Tresken, die Köchin Pikuweit und das Stubenmädchen saßen schon da. Platz war genügend. Auch hier gab es ein Radio und einen Telefonapparat – die Leitungen waren vom Haus herübergelegt worden.

Der Reichssender Berlin hatte inzwischen abgeschaltet, man hörte nur das Weckerticken des sogenannten Drahtfunks. Von Zeit zu Zeit gab eine Mädchenstimme aus dem Befehlsstand des Gauleiters bekannt, wo sich die feindlichen Maschinen befanden. Den ersten Verbänden folgten weitere. Bald schon hörte man das tiefe Gebrumm vieler Motoren und das Bellen der Flak, dann erste Explosionen – weit weg. Das Licht im Bunker ging aus, ging wieder an, flackerte. Die Köchin weinte.

Dora versuchte, ihr Mut zu machen. Sie sagte: »Frau Pikuweit. Sie müssen keine Angst haben. Hier bei uns in Dahlem passiert nichts. Auch nicht im Grunewald.«

»Woher wollen Sie das wissen?« fragte Frau von Tresken spitz. »Na, ist schon mal was passiert? Ein paar Bomben, ja. Aber richtig passiert? Nein! Und wissen Sie, warum nicht, Frau Pikuweit? Ein Beleuchter im Atelier hat es mir gesagt, und ich glaube es. Die wollen doch den Krieg gewinnen, die Amerikaner und die Engländer. Na, und wenn sie ihn gewinnen, dann werden sie doch nach Berlin kommen, nicht? Und da werden sie doch in den schönsten Villen in den schönsten Vierteln wohnen wollen, wo jetzt die großen Bonzen sitzen – in Dahlem und im Grunewald. Werden sie die schönsten Villen doch nicht zusammenbomben. Ist doch nur logisch, was?«

»Sprich nicht so!« sagte Ross, plötzlich schwer verärgert. »Ich sage ja nur, was der Beleuchter gesagt hat. Und weil

Frau Pikuweit solche Angst hat.«

»Ach, liebet Frollein«, sagte die bleiche Köchin mit den rotgeweinten Augen. »Ick weene doch nich, weil ick Schiß habe. Ick weene weinn meinen juten Oska. Seit fünf Wochen hab ick keene Nachricht mehr von ihm. Zuerst der Mann. Und nu ooch noch der Junge. Zwanzich issa erst, erst zwanzich ...« Sie brach erneut in Tränen aus. Dora drückte sie an sich und redete ihr gut zu, aber die blasse Frau war nicht zu beruhigen. Nun erschütterten dauernd Explosionen die Luft. Der Boden bebte. Wieder ging das Licht aus und an. Die Mädchenstimme sprach von starker Kampftätigkeit und massiven Bombenwürfen im Zentrum und im Norden der Stadt. Und immer neue Kampfverbände flogen Berlin an.

Die Köchin verlor plötzlich die Nerven. Sie schrie: »Festa! Festa! Haut allet zu Klump! Det is die Strafe Jottes dafür, det wa hurra jebrüllt ham zu allem, wat er jetan hat, der Hitla, der Leibhaftije! Als er die Tschechen ibafiel und die Polen und Beljien und Holland und Frankreich und Norwejen und Rußland. Und die Juden! Nich eene Hand hat sich erhoben jejen ihn. Warum nich? Er is so stark und wir sin so feije. Ohne Gnade bestraft uns der liebe Jott nu dafür, ohne Gnade. Darum müssense verrecken hier und an de Fronten, mein arma Paule und mein arma Oska und so ville, ville andere ...« Die Pikuweit fuhr sich mit einer Hand über die Stirn wie ein Mensch, der erwacht. »Entschuldigen Sie, gnädija Herr. Ick weeß nich, wat det war eben, ick hab den Vastand valorn vor Kumma, vazeihnse ma, bitte!«

»Verzeihen?« schrie Ross, dunkelrot im Gesicht und außer sich vor Zorn. »Das könnte Ihnen so passen, Frau Pikuweit! Sie haben gewagt, den Führer zu beschimpfen! Das ist phantastisch! Das ist verbrecherisch!«

»Nun laß doch, Georg«, sagte Dora leise. »Die arme Frau. Mann verloren. Der Junge wahrscheinlich auch tot. Wußte doch nicht, was sie sagte.«

»Halte du dich da raus, bitte, ja?« schrie Ross. »Wußte nicht, was sie sagte! Was heißt denn das? Hunderttausende verlieren ihre Liebsten in unserem heroischen Ringen. Und Frau Pikuweit meint, daß sie den Führer mit Dreck bewerfen kann. Na, da hat sie sieh aber geirrt. Da hat sie sich mächtig geirrt, die Frau Pikuweit! «

»Jawohl, das haben Sie«, rief Valerie von Tresken. »Um Jottes willen, Sie wernma doch nich anzeijen, Herr

Ross!« Die Köchin fiel auf die Knie und umklammerte seine Knie. »Bitte, eich anzeijen!«

»Natürlich werde ich Sie anzeigen!« brüllte Ross. »Das ist meine Pflicht. Sie sind ja eine Hochverräterin!«

»Herrjeses, wennse mir anzeijen, is doch die Rübe ab! Ick flehe Sie an, seinse gnädich, Herr Ross! Ick hab es doch nick so jemeint! Ich war nur so aussa mir.«