Выбрать главу

»Lassen Sie augenblicklich meine Knie los!« schrie Ross. Er trat nach ihr. Die Köchin fiel auf den Rücken.

»Nick anzeijen!« rief sie. »Bitte, bitte, bitte, nich anzeijen!« Das Telefon klingelte.

»Ruhe!« brüllte Ross. »Halten Sie den Mund, sofort!« Er hob ab und meldete sich: »Ja?«

»Herr Ross?«

»Wer ist da?«

»Verbindung Auswärtiges Amt.«

»Was ist passiert?«

»Unser Haus in der Meinekestraße hat einen Volltreffer gekriegt. Das Nebenhaus auch. Da ist nur noch ein einziger riesiger Trümmerhaufen.«

Das Dock Sur, das Süd-Dock, drang wie eine lange, schmale Feile sehr weit in das Randgebiet von Buenos Aires ein. Auf der dem Rio de la Plata zugewandten Seite standen große Raffinerieanlagen und Öltanks. Hier gab es noch viel freies Land mit Abfallhalden, Autofriedhöfen, verfaulenden Holzhütten und Abertausenden von Ratten. Es waren Riesentiere, und die Menschen, die hier wohnten, fürchteten sie sehr, denn die Ratten hatten die Angewohnheit, kleine Kinder im Schlaf anzufallen, ihnen die Kehle durchzubeißen und sie dann anzufressen. Hier wohnten die Ärmsten der Armen.

Auf der anderen Seite des Dock Sur, jenseits der Straße Debenedetti, standen in langen Reihen graue, häßliche Mehrfamilienhäuser des sozialen Wohnungsbaus. Ihre Bewohner gehörten auch zu den Armen, aber nicht mehr zu den Ärmsten der Armen. Die Debenedetti war eine soziale Grenze, welche alle respektierten, sogar die Ratten.

Ein grüner Ford holperte über die Löcher der Straße Olimpia und blieb vor einem dreistöckigen Haus stehen. Zwei Männer saßen darin.

»Nummer fünfzehn. Hier leben seine Eltern, Pio«, sagte der Mann am Steuer. »Da steht sein Volkswagen. Er wohnt im dritten Stock, ganz links. Das offene Fenster.«

»Okay«, sagte der Mann, der Pio hieß. Er stieg aus, ließ den Schlag offen, trat an den Holzzaun, der den winzigen Garten vor dem Haus säumte, bückte sich nach ein paar Kieseln und warf sie durch das offene Fenster im dritten Stock. Es dauerte nicht lange, und Miguel zeigte sich. Sein Oberkörper war nackt. Er machte einen erschrockenen Eindruck.

»Was ist los?«

»Miguel Morales?«

»Ja. Wer sind Sie?«

»Sag' ich dir gleich. Komm runter! Es ist dringend.« »Ich will wissen, wer Sie sind.«

»Leise! Weck nicht deine Eltern! Was sagte die Ameise zur Libelle?«

Miguel atmete auf. Erleichtert antwortete er: »Tanze nur, tanze! Im Winter wirst du bitterlich Hunger leiden.« Dann verdüsterte sich sein Gesicht wieder. »Es ist was passiert, ja?«

»Ja. Nun komm schon endlich runter!«

»Sofort.«

Miguel trat gleich darauf aus der Tür. Er trug der Hitze wegen nur einen Slip und sah verschlafen aus.

»Komm in den Wagen!« sagte Pio.

Miguel folgte ihm. »Guten Abend«, sagte er zu dem Mann am Steuer.

»Abend. Ich heiße Ernesto. Das ist Pio.« Sie schüttelten einander die Hände. Miguel saß mit Pio im Fond. Ernesto löschte die Scheinwerfer. Sie sprachen sehr leise.

»Du warst heute im Retiro?«

»Wie jeden Freitag.«

»Und hast du was in das Schließfach gelegt?« »Drei Kassetten.«

»Kacke.«

»Was heißt Kacke?«

»Wann hast du sie reingelegt?«

»Halb zehn oder etwas später.«

»Wir waren um zehn da. Wie immer. Das Fach war leer.« Miguel preßte beide Fäuste gegen die Brust. Plötzlich zitterte er, als würde er frieren.

»Wir haben den Leitoffizier verständigt. Er hat uns sofort zu dir geschickt. Du bist immer zum Wochenende hier, wenn du frei hast, hat er gesagt. Bringst deinen Eltern Geld und Essen. Guter Junge. Guter Junge hat Pech gehabt.«

»Heilige Mutter Maria! Jetzt verstehe ich.«

»Was verstehst du?«

»Die Scheißer.«

»Wer?«

»Die verfluchten Scheißhunde! Die haben den Zusammenstoß absichtlich arrangiert.«

»Was für einen Zusammenstoß?«

»Auf dem Parkplatz vor dem Retiro ...« Miguel berichtete, was sich dort ereignet hatte. Er schloß: »Während ich mit dem einen Kerl verhandelt habe, muß der andere die Kassetten aus dem Fach geholt haben. Ganz schnell.«

»Ganz schnell! Wie denn ganz schnell, Mensch? Hast das Fach doch versperrt, oder?«

»Natürlich. Münzen eingeworfen und versperrt. Sonst hätte ich den Schlüssel doch nicht rausziehen können.«

»Hast du ihn rausgezogen?«

»Hört mal ...«

»Hast du? Miguel, die haben drei Kassetten! Noch gar nicht abzusehen, was sie jetzt tun werden. Wenn du wirklich abgesperrt hast, mußt du ja auch den Schlüssel haben.«

»Klar hab’ ich den.«

»Wo?«

»In meiner Handtasche.«

»Hol sie!«

»Also, wißt ihr ...«

»Hol sie, Arschloch! Ist dir nicht klar, daß du schon halb tot bist?«

»Halb ...« Miguel starrte Pio an Dann sprang er ins Freie. Lautlos eilte er ins Haus. Kurze Zeit danach kam er zurück und kroch wieder in den Fond. Er hatte die Ledertasche bei sich. Den bizarr gezackten Schlüssel hielt er in der Hand.

»Hier, bitte!«

»Dann haben die Kerle ein Duplikat gehabt. Müssen dich schon länger beobachtet haben. Kannten die Nummer des Fachs.«

»Damit kriegen sie noch kein Duplikat.«

»Ich weiß nicht, wie sie’s gemacht haben«, sagte Ernesto. »Sie haben’s gemacht. Läuft der Recorder im Moment?«

»Ja.«

»Idiot, verfluchter!«

»Nenn mich nicht Idiot, ja? Olivera hat gesagt, er wird mit diesem Mann wieder in die Bibliothek gehen. Ich habe das erste lange Gespräch aufgenommen. Natürlich brauchen die auch das zweite, habe ich gedacht.«

»Gedacht, mein Arsch. Du bist aufgeflogen, Olivera weiß das vielleicht längst. Und da klebt eine Wanze, und da läuft ein Recorder!«

»Ich kann nichts dafür.« Miguel wurde trotzig. »Ich habe immer genau das getan, was man mir gesagt hat.«

Ernesto legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Pio meint es nicht so. Wir sind alle aufgeregt. Du kannst nichts dafür, klar. Aber du mußt jetzt tun, was wir dir sagen. Uns hat's der Leitoffizier aufgetragen. Du ziehst dich an und fährst nach Cespedes.«

»Was, jetzt?«

»Jetzt. Wenn Olivera oder wer anderer dich fragt – irgendeine Ausrede. Willst lieber in der Villa schlafen. Sobald es möglich ist, nimmst du die Wanze weg. Den Recorder und den Empfänger auch. Pack das ganze Zeug zusammen. Was sonst noch da ist. muß alles verschwinden. Keine Spuren.«

Miguel fuhr hoch. »Keine Spuren! Olivera weiß doch längst, daß ich es war! Der hat doch schon mein Zimmer durchsucht und alles gefunden. Er oder seine neuen Freunde – der aus Europa zum Beispiel. Da wartet doch schon die Polizei auf mich. Ihr seid wahnsinnig. Ich kann nie mehr zurück.«

»Der Leitoffizier sagt ...«

»Scheiß auf den Leitoffizier! Soll er doch hingehen!« Pio hatte plötzlich eine schwere Pistole in der Hand. Er

drückte die Mündung gegen Miguels nackten Bauch. »Du fährst zurück und tust, was wir dir gesagt haben. Vielleicht weiß Olivera auch noch gar nichts.«

»Weiß noch gar nichts! Wenn die vor mehr als zwei Stunden die Kassetten geklaut haben! Weiß von gar nichts, ihr Kretins! Klar weiß er. Klar ist die Polente da. Was krieg’ ich? Drei Jahre? Fünf?« Er wurde hysterisch.

Ernesto lehnte sich zurück und schlug ihm rechts und links ins Gesicht, so fest er konnte. »Halt’s Maul!«

Miguel zitterte wieder.

»Du fährst. Sofort! Wir sind hinter dir. Der Leitoffizier sagt, wir sollen dich umlegen, wenn du nicht zum Haus reinfährst. Kannst du wenigstens nicht quatschen, falls Olivera es wirklich schon weiß.«

»Er muß es aber nicht wissen, sagt der Leitoffizier. Und du bist der einzige, der ins Haus kann.« Der kalte Stahl von Pios Pistole bohrte sich in Miguels Bauch.

Miguel keuchte.

»Denk an General Alvarez. Du hast ihm bei der Heiligen Jungfrau geschworen, daß du dein Leben hergibst, wenn es notwendig ist. Also: ja oder nein? Wenn nein, erledigen wir es gleich.« Miguel schwieg.

»Du Saukerl!« sagte Pio plötzlich empört. »Was ist?« fragte Ernesto.

»Hat sich angepißt. Alles schwimmt. So eine verfluchte Schweinerei!« Pio hatte sich halb erhoben. Mit einer Hand stützte er sich.