»Es tut mir leid ... Ich mache alles sauber ... Es war nur, weil ich solche Angst habe ... so schreckliche Angst«, rief der hübsche Junge mit der Bronzehaut und den Mandelaugen verzweifelt. »Kusch! Im Kofferraum sind Lappen«, sagte Pio und stieß Miguel aus dem Wagen. »Los! Wisch die Pisse weg, du Sau!«
»Das war der Angriff in der Nacht zum ersten April vierundvierzig«, sagte Eduardo Olivera. »Die Trümmer zweier Häuser in der Meinekestraße übereinandergestürzt. Die Filmrolle drei Stockwerke unter der Erde. Im Boden jeder Etage Panzerplatten eingezogen. Und Tag und Nacht kamen diese Gangster, Tag und Nacht.«
»Wir wollen lieber nicht von Gangstern reden«, sagte Ross. »Du bist doch ein Demokrat, kein Nazi mehr, hast du mir erklärt.
Wer hat denn mit dem Bombardieren angefangen? Wer hat denn Rotterdam und Warschau und Coventry auf dem Gewissen? Wer hat denn brüllend und unter dem Jubel seiner Zuhörer verkündet, daß diese Städte ausradiert worden sind?«
»Es war unmenschlich, Daniel. Unmenschlich, sage ich dir«, flüsterte Olivera und verdeckte die Augen mit einer Hand, die er wie einen Schirm vor die Stirn hielt.
»Wann wart denn ihr einmal menschlich?«
»Daniel, bitte ...«
»Nein, Mercedes, nein! Dieses gottverfluchte Verbrechergesindel, und mein Vater dabei als großer Bonze! Mit Begeisterung! Im Luxus eines Hauses, das Juden gehörte, die man vermutlich totgeschlagen hatte. Hat das meinen Vater gestört? Einen Scheißdreck hat das meinen Vater gestört! Mit einer Filmhure hat er da ein feines Leben gehabt. Was denn, das war doch seine schönste Zeit! Ihm ist nichts passiert! Fünfzig Millionen sind verreckt! Er nicht!« Die letzten Sätze hatte Ross geschrieen. Er stand auf. Ihm wurde plötzlich brennend heiß und übel. »Er war bei den Mördern, nicht bei den Ermordeten, mein Vater. Jetzt habe ich viermal Vater gesagt. Bist du gerührt, ja? Kommen dir die Tränen, ja? O Gott, so etwas ist mein Vater! So etwas ist ...« Er ging schwankend zum Pool.
»Wohin gehen Sie?« rief Mercedes.
»Weg! Ich muß weg von dem Kerl!« Das bekam Ross eben noch heraus, danach schoß die alte, so wohlbekannte Angst in seiner Kehle hoch, und er blieb stehen. Mit beiden Händen hielt er sich am Stamm einer Palme fest. Das Blut hämmerte in seinen Schläfen so stark, daß es schmerzte. Das alles ist zuviel für mich, schon seit langem, sagte er zu sich, und es kommt noch mehr, das weiß ich. Und ich muß es mir anhören, denn ich muß alles wissen, die ganze schmutzige Wahrheit, wenn ich jetzt losziehen will mit dem Film. Und das will ich, das ist die Story meines Lebens, der Film und mein Vater bei den Nazis, bei dem Henker Himmler, dem Satan Goebbels, dem Lumpen Ribbentrop. Der schloß einen Nichtangriffspakt mit Rußland, das ein Jahr später prompt überfallen wurde von den Nazis, diesen Jahrtausendkriminellen, und mein Vater war einer von ihnen, einer von den Großen ...
Daniel Ross ging zum Pool, kniete nieder und wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser. Er fühlte sich elend. Also nahm er Nobilam. Er wußte nicht einmal, wie viele Tabletten. Er schüttete sie aus dem Röhrchen in die Hand, warf sie in den Mund und schluckte sie ohne Wasser. Egal, wenn der Kerl es sah, alles egal, du muß t durchhalten jetzt, sagte er zu sich, das ist das einzig Wichtige, durchhalten mußt du. Er kam zum Tisch zurück, goß sein Glas halb voll Whisky und trank, bis seine Augen tränten. Er ließ sich in seinen Stuhl fallen.
»So geht das nicht, Sohn«, sagte Olivera. »Ich brauche dich, und du brauchst mich. Also.«
»Schon gut. Es war eben einfach mehr, als ich aushalten kann. Wird nicht mehr vorkommen – Vater! Nimm es um Himmels willen als Beleidigung, wenn ich Vater sage, und nicht etwa als Kindesliebe, die da durchbricht, ja?« Er sah Olivera an. Der war bleich geworden. Die ohnedies schmalen Lippen bildeten einen Strich. »Und weiter?« sagte Ross. »Hast du die Köchin angezeigt?«
»Selbstverständlich. Das war meine Pflicht.« »Das war deine Pflicht, Herrenmensch!« Olivera nahm sich
enorm zusammen. Er sagte: »Ich bin heute ein anderer. Das mußt du mir glauben. Damals war ich ein fanatischer Nazi, ich gebe es zu. Ich gebe alles zu. Ich verberge nichts. Ich erzähle alles. Auch Mercedes wußte das noch nicht. Es ist sehr ... sehr schwer, alles so zu erzählen, wie es war. Das kannst du mir
glauben.«
»Das glaube ich dir – Vater!«
»Sag nicht Vater zu mir!« schrie Olivera. Ross lachte. »Hör auf zu lachen!« Ross hörte auf.
»Ich habe doch an Hitler geglaubt. Ich ... für mich war er so etwas wie Gott ... Seit langem weiß ich, daß er der Teufel war ... aber damals ...«
»Was geschah mit der Köchin?«
»Wurde abgeholt, natürlich. Noch in der gleichen Nacht.« »Gratuliere! Mann verloren, Sohn verloren. Für die Frau das
Fallbeil, wie?«
»Vermutlich«, sagte Olivera. »Ich hätte euch das nicht zu erzählen brauchen mit der Köchin. Ich hätte euch vieles nicht zu erzählen brauchen. Aber ich will euch alles erzählen. Denkst du, das fällt mir leicht?«
»Es ist dir ganz leicht gefallen, die Köchin anzuzeigen.« Olivera sagte: »Wir können uns in diesem Ton weiter
unterhalten. Wir verlieren allerdings nur Zeit damit. Und es ist ganz sinnlos.«
»Das stimmt«, sagte Ross. »Da hast du recht. Lassen wir’s, Meine Mutter wußte es also: Da war eine andere Frau. Deshalb wolltest du dich scheiden lassen. Deshalb hast du Mutter gequält, beschimpft, ihr Szenen gemacht, jedes Mal wenn du nach Wien auf Urlaub kamst. Warum kamst du überhaupt noch?«
»Erstens, weil ich ja offiziell Soldat war. Major in Rußland. Meine Tarnung. Der Dienst bestand darauf, daß ich ›auf Urlaub‹ kam. Zweitens kümmerte ich mich dabei auch immer um das Wiener Büro. Das unterstand mir. Wien war das Sprungbrett zum Mittleren Osten. Du siehst: Ich mußte kommen.«
»Ja, ich sehe. Dienstlich mußtest du kommen. Wir haben dich angekotzt, alle beide.«
»Du nicht. Dich hatte ich sehr gern.«
»Aber Mutter war dir ein Greuel.«
»Natürlich«, sagte Olivera. »Die Nacht der Wahrheit. Ich habe genug gelogen in meinem Leben. Ich lüge nicht mehr. Du willst die Wahrheit hören? Das kannst du haben. Im Grunde hast du mich auch angekotzt damals – weil du mir genauso am Bein hingst wie deine Mutter. Ich sage doch, ich liebte diese junge Frau, diese Schauspielerin, Dora Holm.« Plötzlich glitzerten Tränen in seinen Augen.
Ross starrte ihn entgeistert an.
»Vater!« Mercedes war aufgesprungen und zu Olivera geeilt. Sie umarmte und küßte ihn. »Bitte, bitte, nicht weinen!«
Olivera strich über ihr schwarzes Haar. Er sah ihr in die Augen. Doras Haar, dachte er, Doras Augen.
»Diese junge Frau war wie Sauerstoff für mich. Ich habe auch deine Mutter geliebt, Mercedes. Ebenso stark. Auf andere Weise. Und ich liebe dich. Der da, der weiß nicht, was das ist, Liebe.«
»Nein«, sagte Ross. »Nie davon gehört.«
»Wenn er wüßte, wie sehr ich ihn liebe – seit vielen Jahren. Seit ich ein anderer geworden bin. Wie oft habe ich voll Liebe und Sehnsucht von ihm gesprochen, Mercedes, wie oft!«
»Ja, das ist wahr, Daniel«, sagte Mercedes. Sie ging zu Ross und küßte scheu auch ihn. Dann setzte sie sich wieder.
»Seit wann?« fragte Ross. Er bekam keine Antwort. »Und meine arme Mutter? Die hast du nie geliebt, wie?«
»Nie. Oder ja, doch. Ein halbes Jahr vielleicht. Aber das war nicht Liebe«, sagte Olivera. »Das war ...«
»Ich weiß schon, was das war«, unterbrach ihn Ross. Er starrte Olivera an. »Die arme Frau hast du unglücklich gemacht. Im Stich gelassen. Mich hast du damit verkorkst. Mir hast du damit ...« Er stockte.
»Was habe ich dir damit?«
»Nichts«, sagte Ross. Ich muß mit dem Trinken Acht geben, dachte er. »Die Feldpostnummer, die Briefe aus Rußland, das war alles genau organisiert, wie?«
»Alles. Ich war doch überzeugt davon, daß ich das alles tun mußte, damit wir den Krieg gewinnen.«
»Dann hättest du dich scheiden lassen und diese Schauspielerin geheiratet.«