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»Ja.« Jetzt goß Olivera sein Glas halb voll und trank es fast leer. Er sagte verloren: »Dann hätte ich Dora ...« Er lehnte sich zurück. Seine Stimme war wieder kalt und sachlich. »Also, mit den Häusern in der Meinekestraße, das wurde eine regelrechte Katastrophe.«

»Okay. Weiter. Bringen wir’s hinter uns. Wieso Katastrophe?«

»Du kannst dir vorstellen, daß wir alles taten, um ins dritte Stockwerk hinunterzukommen. Der Film! Ein Tag nach dem andern ging verloren. Wir brauchten den Film! Wir hatten so viele Leute zur Verfügung, wie wir wollten. Wir hatten die besten Maschinen. Wir hatten einfach kein Glück. Zuerst dauerte es endlos, bis der Schutt und die Trümmer weggeräumt waren und wir anfangen konnten, die erste Stahlplatte aufzuschweißen. Von diesem tiefen Keller gab es natürlich keine Durchbrüche zu anderen Kellern mehr. Als wir die erste Platte in Angriff nahmen, schmissen die Amerikaner Luftminen, einen ganzen Teppich, von der Uhlandstraße bis zur Gedächtniskirche. Alles wieder verschüttet. Die Maschinen. Die Geräte. Ein Haufen Tote. Konnten wir von vorn anfangen. Das war am vierundzwanzigsten April. Mitte Mai waren wir wieder im ersten Stockwerk. Am fünfzehnten schlugen die Amerikaner wieder alles zusammen in der Gegend, in der es ohnedies nur noch Trümmer gab. Die Fundamente des Hauses verschoben sich. Jetzt wurde es lebensgefährlich, dort zu arbeiten.«

»Also habt ihr nur Kriegsgefangene oder politische Häftlinge genommen.«

»Natürlich. Aber die sabotierten die Arbeit. mußten wieder unsere Leute ran. Kam der Juni. Kam die Invasion in der Normandie. Kam ein schwerer Wassereinbruch, Hauptrohr geplatzt. Das Grundstück ein See. Wochenlang pumpen, bevor wir endlich weitermachen konnten. Durchnäßte Mauern. Erdreich geriet ins Rutschen. Alles krachte neuerlich zusammen. Kam der Juli.«

»Und so weiter. Wann wart ihr endlich unten?« »Am neunundzwanzigsten. Am zwanzigsten war das Attentat

auf Hitler. Stimmung bei Null. Amerikaner und Engländer im Vormarsch durch Frankreich. Großoffensive der Roten Armee. Achtunddreißig deutsche Divisionen in wenigen Tagen aufgerieben. Die Sowjets stehen in Brest-Litwosk. Schöner Tag, dieser neunundzwanzigste Juli. Ich erinnere mich noch, wie ich da runterkletterte in das dritte Stockwerk, durch die Löcher, die sie aus den Stahlplatten geschnitten hatten. Gab nur eine Strickleiter. Auch den Panzerschrank hatten sie aufschweißen müssen. Die Kombination funktionierte nicht mehr. Da lag der Koffer. Ich holte ihn raus. An einem Seil zogen sie ihn hoch. Oben war natürlich alles abgesperrt. Ich rein zur Reichsbank mit SS-Eskorte. Dort den Koffer ganz tief unten in einem Haupttresor deponiert.«

»Warum noch einmal deponiert?«

»Goebbels und Himmler waren nicht in Berlin. Als ich in der Reichsbank war, kamen prompt die amerikanischen Bomben. Angriff auf die Stadtmitte. Die Reichsbank bekam ein paar Volltreffer ab. Aber sie hielt es aus. Drei Nächte später ...«

... griffen siebenhundert Bomber der Royal Air Force Berlin in immer neuen Wellen an. Ross, die junge Dora Holm, die Haushälterin Frau von Tresken, das Stubenmädchen und eine neue Köchin namens Emma Siedeleben saßen in dem kleinen, dickwandigen Bunker im Garten hinter der Villa Im Dohl. Diesmal fiel das Licht nach einer halben Stunde vollkommen aus. Der Bunker besaß ein Notstromaggregat. Ross schaltete es ein. Nun hatten sie wieder Licht, und sie konnten auch wieder die Drahtfunkmeldungen aus dem Radio hören.

Das Brausen der Motoren immer neuer anfliegender Verbände erfüllte die Luft ebenso wie das wahnsinnige Belfern der Flak und die ungeheueren, einander pausenlos folgenden Explosionen in der Ferne. Die Sprecherin meldete, daß deutsche Nachtjäger aufgestiegen seien und bereits zwölf Bomber abgeschossen hätten. Begleitende britische Mosquito-Jäger lieferten ihnen erbitterte Luftkämpfe. Andere Einheiten deutscher Jäger griffen die Bomber bereits weit vor der Reichshauptstadt an. Zwischen den Meldungen tickte der Wecker.

Dora Hohn versuchte ihr Bestes, um die Menschen in dem kleinen Bunker abzulenken. Sie erzählte eine komische Geschichte nach der andern. Die neue Köchin Siedeleben reagierte richtig: Sie lachte. Frau von Tresken lachte nie, auch jetzt nicht. Sie saß mit hochgezogenen Brauen reglos da. Ihr Gesicht war eine Maske der Verachtung. Sie haßte die fröhliche, schöne, junge Frau von Herzen. Georg Ross lachte auch. Er dachte: Gewiß hat Dora Angst, aber sie kämpft sie nieder, sie macht Theater, damit wir unsere Angst vergessen. Ach, Dora ...

»... das ist eine richtige Klamotte, die wir da mit Willy Birgel drehen. Ich habe gehört, die Originalstory stammt von einem Amerikaner, Ben Hecht heißt er. Irgendwo haben sie den amerikanischen Film erbeutet. Goebbels hat ihn gesehen und bestimmt, daß wir die Geschichte einfach klauen.«

»Dora, bitte!« sagte Ross pikiert. Das Dröhnen der Bomberverbände, das Krachen der Explosionen, die Abschüsse der Flak untermalten ohne Unterlaß das Gespräch. »So darfst du nicht reden! Ich dulde das nicht. Außerdem ist es nicht wahr. Es werden keine alliierten Filme bei uns nachgedreht.«

»Nein, nicht?« Dora warf das schwarze Haar zurück. Sie lachte. »Und was ist mit ›Serenade‹? Willi Forst sagt, er hat es nicht gewußt, was ihm da für ein Drehbuch gegeben wurde. Also, ich habe den Roman gelesen, englisch, in einer amerikanischen Armeeausgabe: ›Rebecca‹. Daphne Du Maurier heißt die Autorin. Eine Engländerin. Und ›Serenade‹ ist absolut genau ›Rebecca‹! Warum auch nicht? Wir nehmen, was wir kriegen.« Die Explosionen wurden für einen Moment sehr laut, dann wieder schwächer. »Nach dem Endsieg können wir immer noch Tantiemen zahlen – oder auch nicht.« Sie lachte wieder.

Laß sie! sagte Ross zu sich. Laß sie! Es ist wichtiger, daß sie hier für Lachen sorgt. Die Siedeleben wird schon wieder ganz grau im Gesicht vor Angst.

»Goebbels ist schlau«, plauderte Dora weiter, während die Sprecherin schwerste Kampftätigkeit über der Innenstadt und dem Norden und Osten Berlins meldete. »Er weiß, jetzt, in diesem Schlamassel, wollen die Leute nicht ununterbrochen Propaganda. Lachen wollen sie, wenigstens ein bißchen lachen. Darum also jetzt Komödien! Diese geklaute, die ich mit Birgel drehe, da lernt er mich in der S-Bahn kennen. Das Ganze spielt in den dreißiger Jahren. Großartig überlegt von Goebbels: Keine Trümmer, kein Krieg, Frieden, alles gibt es zu kaufen, keiner sagt Heil Hitler!« Ein Verband überflog Dahlem. Sehr laut wurde das Gebrumm der Motoren. Dora sprach unbekümmert weiter: »Na ja, und das haben wir also gestern gedreht. Die Kennenlern-Szene in der S-Bahn. Birgel sitzt mir gegenüber und will unbedingt ins Gespräch kommen. Da hat es mal ein ganz berühmtes Magazin von Ullstein gegeben. ›Uhu‹ hat es geheißen. Er hält so ein Magazin in der Hand und sagt: ›Ach, liebes Fräulein, darf ich Ihnen meinen Uhu zeigen?‹« Überlaut wurde der Lärm der anfliegenden Maschinen. »Und ich antworte empört: ›Wenn Sie den ersten Knopf aufmachen, zieh’ ich die Notbremse!‹«

Die Siedeleben lacht, sogar die Tresken lächelt, dachte Ross. Auch er lachte. Am meisten lachte Dora über ihre eigene Geschichte. In das Lachen und den Motorenlärm hinein drang plötzlich ein dünnes Pfeifen, das schnell lauter wurde und sich in ein grauenvolles Schrillen verwandelte. Dazu kam ein anderes, seltsam rauschendes Getön, ein zweites Pfeifen, ein drittes. Schrillen und Rauschen wurden ohrenbetäubend, dann schlugen Bomben in unmittelbarer Nähe ein und explodierten. Der Bunkerboden schwankte heftig. Die fünf Menschen flogen gegen die Betonwände. Jetzt setzte auch das Notstromaggregat aus. Es schien, als würde der Bunker hin und her geschleudert. Die Frauen kreischten. Ross lag auf dem Boden. Er war mit dem Kopf aufgeprallt und schwer benommen.

Und so, schwer benommen, hörte er in dem Höllenlärm Doras sich überschlagende, plötzlich von panischer Furcht erfüllte Stimme: »Raus! Ich will raus hier! Hier drin krepieren wir!« Im Finstern trat sie auf ihn. Er versuchte, ihre Beine festzuhalten. Der Bunker wurde immer noch von der ungeheueren Wucht der in der Nähe explodierenden Bomben geschüttelt. Feuerschein drang in die Tiefe.