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»Bleib hier!« brüllte Ross. »Du kannst jetzt nicht hinaus! Du kannst jetzt nicht ...«

Da sah er im Gegenlicht des Feuers, wie sie schon aus dem Bunker rannte.

»Dora!« Er konnte keinen anderen Gedanken mehr fassen, nur den einen, den einen: Ich muß sie zurückholen! Ich muß sie zurückholen! Die sind ja über uns! Sie rennt in den Tod.

»Herr Ross!« schrie Frau von Tresken.

Er hörte noch ihre Stimme. Er stand schon im Freien. Die Villa war getroffen worden, sah er. Sie brannte. Er drehte sich um. Viele andere Villen brannten gleichfalls.

››Dora!« brüllte er. »Dora, ver ...« Das Wort sprach er nicht zu Ende. Im Garten detonierte eine weitere Bombe. Der Luftdruck erreichte Ross wie eine unsichtbare Riesenfaust, hob ihn hoch und schleuderte ihn fort, in ein Rosenbeet hinein. Er spürte noch den Schmerz des Aufschlags, dann verlor er das Bewußtsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Gesicht. Es dauerte lange, bis er ganz bei Besinnung war. Im Feuerschein der brennenden Villa sah er, daß er nur noch die Hose und Streifen des Hemdes trug. Jacke und Schuhe hatte der Luftdruck weggerissen. Er fuhr sich über das Gesicht. Seine Hand wurde rot von Blut. Die Brust war gleichfalls aufgerissen, auch hier Blut, warm und klebrig. Er hörte keinen Motorenlärm mehr. Die Formation war weitergeflogen. Überall ertönte nun das Heulen von Sirenen. Krachend stürzten Balken ins Innere der Villa. Ross wollte aufstehen und fiel sofort wieder um. Beim dritten Versuch erst gelang es ihm, auf zitternden Beinen stehen zu bleiben. Er taumelte durch den Garten. Er schrie Doras Namen, wieder und wieder. Es kam keine Antwort. Stolpernd irrte er durch den verwüsteten Garten. Feuerwehren und Ambulanzen waren eingetroffen. Uniformierte und Ärzte rannten an ihm vorbei. Er bemerkte es nicht. O Gott, dachte er, laß sie am Leben sein! Nur bewußtlos. Bitte, lieber Gott, bitte! Dann fiel er über sie. Dora lag am Rande eines Bombenkraters, und nur noch Fetzen ihrer Kleidung bedeckten den schönen Körper, der nun eine einzige blutige Masse war. Ross richtete sich auf. Dann fuhr er vor Entsetzen zusammen. Doras Mund und Augen standen weit offen. Über das rechte Auge eilte geschäftig eine Ameise.

Olivera schwieg. Er saß zusammengesunken da und starrte in den dunklen Park.

Mercedes und Ross tauschten Blicke.

Olivera sagte: »Ich habe sie begraben. Auf dem Friedhof Schmargendorf. Ihre Eltern konnten nicht aus Hamburg kommen. Die Bahnlinie war zerbombt. Es gab keinen Priester. Nur die Totengräber. Als sie das Grab zuschaufelten, kam der tägliche amerikanische Angriff. Wir suchten unter den Marmorplatten eines großen, unerhört kitschigen Mausoleums Schutz. Viele Bomben fielen auf den Friedhof und wühlten die alten Gräber auf. Dieses Mausoleum rettete uns das Leben. Als der Angriff vorüber war, hingen halbe Skelette mit grinsenden Totenschädeln in den Ästen der Bäume. Ich ...« Er brach ab, denn ein Volkswagen näherte sich auf der Anfahrt dem Haus. »Miguel!« rief Olivera. Der Wagen hielt. Miguel Morales stieg aus und kam zum Pool. Er machte einen verlegenen Eindruck.

»Was ist los mit dir, Junge? Wieso kommst du zurück?« Miguel schwieg und sah auf seine Schuhe.

»Ist dir nicht gut?«

»Doch, Senor.«

»Also, was dann?«

»Ich habe Streit gehabt, Senor«, sagte Miguel und sah Olivera offen in die Augen. »Mit meinem Mädchen.«

»Mit der neuen? Der mit dem goldenen Haar?« »Mit Maria Perichole. Ja, Senor. Da war ein anderer. Sie hat

geflirtet. Dauernd haben sie miteinander gelacht und geflüstert. Ich habe sie zur Rede gestellt. Schließlich ist sie mit dem anderen Jungen weggegangen.«

»Sie hat dich verlassen?« Olivera staunte. »Ja, Senor.« »Also, das ist dir sicher noch nie im Leben passiert, wie?« »Nein, Senor. Ich war so wütend, daß ich ... daß ich gedacht

habe, es ist besser, ich fahre zurück, bevor ich noch was anstelle.«

»Sehr vernünftig von dir«, lobte ihn Olivera. »Und jetzt bleibst du da?«

»Ja, Senor. Ich werde schlafen gehen. Ich habe mich schon wieder beruhigt.«

»Wirklich?«

»Wirklich, Senor.« Miguel lächelte und verneigte sich. »Gute Nacht, Senorita, gute Nacht, Servores!« Er ging zum Wagen und fuhr ihn hinter das Haus. Von dort betrat er es offenbar auch, denn er kam nicht mehr nach vorne.

Olivera, der ihm nachgesehen hatte, wandte sich um. Er erschrak. Ross saß schief in dem Korbstuhl, er stützte die Stirn mit einer Hand. Er hatte sich mit größter Anstrengung beherrscht – Mercedes hatte es voll Besorgnis verfolgt –, aber jetzt ging es einfach nicht mehr. Die Angst. Die unwirkliche Angst, sie schnürte seinen Brustkorb ab, sie saß ihm in der Kehle, sie kroch durch sein Gehirn.

»Was ist los mit dir, Daniel?«

»Nichts«, sagte Ross mühsam. »Wirklich nichts. Die Hitze. Und ich habe mich natürlich sehr aufgeregt. Ich ... mir ist schwindlig ... Kopfweh ...« Olivera wußte nicht, welche Mühe ihn jedes Wort kostete. Mercedes wußte es, sie hatte das schon einmal mit Ross erlebt.

››Wollen Sie sich ein paar Minuten hinlegen, Daniel?« fragte sie. »Ja, ich glaube, das wäre das beste.«

»Wenn es zuviel für dich wird, Sohn, können wir auch schlafen gehen. Es ist allerdings erst elf Uhr.«

»Nein, nicht schlafen! Du mußt weitererzählen! Unbedingt. Nur eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, dann geht es mir wieder gut!« Ross stand auf. Er taumelte. Mercedes stützte ihn schnell.

»In die Bibliothek«, sagte sie. »Da ist es kühl. Wollen Sie sich in der Bibliothek hinlegen? Auf das Sofa vor dem Kamin? Wir sind ja ganz in der Nähe. Sie brauchen nur zu rufen ...«

»Ja, das ist eine gute Idee.« Ross nickte.

»Geht einem an die Nieren, das alles, ja«, sagte Olivera. »Mir auch.« Er goß sein Glas voll und trank. »Eine verfluchte Geschichte. Ich kann ebenfalls eine Pause brauchen. Gute Besserung, Daniel!«

»Danke.«

Olivera ahnte nicht, wie schwer Ross sich beim Gehen auf Mercedes stützte. Der Boden schwankte unter ihm. Alles drehte sich. Er stöhnte.

»Armer Daniel ... Ich werde beten ... Ich habe es schon die ganze Zeit getan ... Ich habe gesehen, was mit Ihnen los ist ... Aber Ihre Freundin Sibylle und dieser Doktor Reinstein sagten doch, Sie halten bestimmt durch.«

»Tu ich auch, Mercedes.« Sie erreichten das Haus, gleich darauf die Bibliothek. Mercedes führte Ross zum Sofa. Hier drinnen war es wirklich angenehm, während es im Park in dieser heißesten Zeit des Jahres selbst nachts nicht kühler würde. Ross streifte die Slipper von den Füßen und legte die Beine hoch. Mercedes schob ein Kissen unter seinen Kopf und öffnete sein Hemd.

»Doktor Reinstein hat mir Tropfen mitgegeben«, sagte Ross. »Sie erinnern sich, Sibylle hat es vorgeschlagen für den Fall, daß mir sehr mies ist. Das Fläschchen liegt in meinem Waschbeutel im Badezimmer. Würden Sie es bitte holen, Mercedes? Und ein Glas Wasser. Mit den Tropfen geht es ganz bestimmt wieder.«

»Sofort, Daniel.« Sie eilte fort.

Er fühlte die Luftblase, die es nicht gab, in seiner Brust klopfen. Du mußt auf den Beinen bleiben, sagte er zu sich. Noch zwei, drei Tage mußt du auf den Beinen bleiben. Du mußt einfach. Du mußt diese Story haben ...

Mercedes kam zurück: Sie brachte das Fläschchen und ein Glas, halb voll mit Wasser.

»Wie viele Tropfen?«

»Zehn bis fünfzehn, hat Doktor Reinstein gesagt. Geben Sie mir zwanzig, bitte.«

Im Licht der beiden Lüster ließ Mercedes die Tropfen ins Wasser fallen. Er trank das Glas leer und verzog das Gesicht. »Danke«, sagte er.

Sie kniete neben ihm. Ihr Gesicht war dem seinen ganz nahe. Er roch wieder den süßen Duft ihrer Haut und ihres Parfums. Sie streichelte seine Wangen, sie strich über sein Haar. Riesengroß waren ihre hellblauen Augen plötzlich.

»Danny«, flüsterte sie. »Bitte, lieber Danny, halte durch! Ich darf doch du und Danny zu dir sagen?«

»Natürlich.«

Sie lächelte. »Du bist so nett, Danny.«

»Du auch, Mercedes.«