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Plötzlich preßte sie ihre Lippen auf die seinen und ihre Brüste an seinen entblößten Oberkörper. Er erwiderte den Kuß leidenschaftlich, und vor der Seligkeit dieses Augenblicks wichen Angst und Schwäche zurück wie durch ein Wunder. Ein Wunder, dachte er.

Jäh löste sie sich von ihm.

»Es wird dir nichts geschehen, solange ich da bin«, sagte sie. »Solange du da bist«, wiederholte er.

Sie strich ihm noch einmal über die Stirn. »Willst du das Licht?«

»Nein, bitte nicht.«

Sie knipste die Lichter aus und ging zu einem der großen französischen Fenster, um es zu öffnen.

»Ich lasse einen Flügel weit auf«, sagte sie. »Und ich komme gleich wieder und schaue nach dir. Ich will nur nicht, daß Vater unruhig wird und einen Arzt ruft.«

»Nein«, sagte er. »Keinen Arzt! Das Letzte, was ich jetzt brauchen kann.«

»Bis gleich, Danny!«

»Danke, Mercedes.«

Er hörte, wie sich ihre Schritte über den Kies entfernten. Dann hatte sie den Rasen erreicht, der jedes Geräusch verschluckte. Ross lag reglos auf dem Rücken. Da war noch immer ihr Duft. Er atmete tief. Er schloß die Augen. Und wenn es Liebe wird? dachte er. Eine Liebe nach so vielen Jahren? Eine Liebe wie die, die ich mit Sibylle hatte? Damals habe ich mir geschworen, daß mir das nie wieder passieren soll. Niemals wieder. Ja, dachte er, aber jetzt ...

Ganz leise und langsam öffnete sich die Tür. Ross bewegte sich nicht.

Ein Schatten glitt in den Raum. Miguel! Ross richtete sich auf.

Der Junge erstarrte. Er war zu Tode erschrocken. Aus, dachte er. Alles aus!

»Miguel«, sagte Ross verblüfft.

»Si, Senor...« Miguels Stimme kam flüsternd. »What are you doing here?« Vielleicht versteht er etwas

Englisch, dachte Ross.

»I look after you, Sir.« Miguel hatte den Schock überwunden. »You sick, Sir?«

»No, just a little tired.«

»Can I do something for you?« Miguel kam heran. Er verneigte sich tief, wie er es immer tat.

»No, thank you, Miguel. It’s allright.«

»As you wish, Sir. Always at your service.« Wieder eine Verneigung. Miguel ging ein paar Schritte zurück, dann bückte er sich entschlossen, tastete die Unterseite der Marmorplatte des niedrigen Tisches ab, fand die Wanze und riß sie ab. Er huschte zur Tür.

»Good bye, Sir!«

»Bye!« sagte Ross. Und es wird Liebe werden. Bei so viel Haß muß es auch Liebe geben, dachte er und fühlte, wie er immer benommener wurde. Komm zurück, Liebe, dachte er. Gleich darauf war er eingeschlafen.

Er träumte von der roten Rose, die er gesehen hatte, als er zwischen Tod und Leben schwebte. Dann fühlte er, daß ihn jemand beobachtete. Ganz schnell kam er zu sich und schlug die Augen auf. Neben ihm kniete Mercedes. Sie lächelte.

»Hallo, Danny«, sagte sie leise und streichelte seine Hand. »Hallo«, sagte er und dachte an die rote Rose zwischen Tod und Leben. Mercedes ist das Leben, dachte er. Das schöne Leben. Das Leben kann vielleicht schön sein wie der Tod. Warum nicht? »Habe ich lange geschlafen?«

»Keine zwanzig Minuten. Ich habe dreimal nach dir gesehen. Wie fühlst du dich?«

»Fabelhaft«, sagte er, und es war die Wahrheit, erkannte er staunend. »Komm her!«

Er legte die Arme um sie und küßte sie wieder. Ihre Lippen öffneten sich sofort.

»Liebling«, sagte sie. »Liebling. Wir werden ein schönes Leben haben, wenn das erst alles vorbei ist.«

»Ja«, sagte Daniel. »Wenn alles vorbei ist.« »Glaubst du, du kannst wieder aufstehen und zu Vater

kommen?«

»Ich denke schon.« Er erhob sich. »Alles in Ordnung.« »Diese Tropfen sind prima«, sagte Mercedes. »Deine Gebete auch«, sagte Daniel.

»Zu spät«, sagte Dr. Joseph Goebbels. Er wanderte wieder hin und her, diesmal über den Teppich seines Arbeitszimmers im Reichspropagandaministerium am Wilhelmsplatz acht bis neun. Er brauchte Bewegung, wenn er aufgeregt war, der kleine Mann. »Viel zu spät«, sagte er.

»Warum?« fragte Ribbentrop.

»Der Zeitpunkt ist vorbei«, sagte Goebbels. »Die Anglo-Amerikaner vor Paris. Im Osten gehen wir zurück und zurück. Die Russen vor Warschau, in den Karpaten. Werden in den nächsten Tagen in Rumänien einfallen, ebenso in Bulgarien. Minsk, Wilna, Grodno, Lublin in den Händen der Bolschewiken. Lemberg allen. Die Rigaer Bucht von der Roten Armee erreicht und damit die ganze Heeresgruppe Nord abgeschnitten. Der Führer sagt, es wird notwendig sein, schnellstens Griechenland, Albanien und Montenegro zu räumen.«

»Wann hat er das gesagt?« fragte Himmler aufgebracht. »Gestern.« Goebbels blieb stehen und sah ihn voll Verachtung an. »Mir.«

»Seit wann bespricht er militärische Operationen mit Ihnen?« Himmler regte sich auf. »Ich bin sein Mann! Mich hat er nach dem Attentat zum Oberbefehlshaber des Ersatzheeres bestimmt.«

»Und ich habe das Vergnügen, morgen im Sportpalast zum zweitenmal den ›totalen Krieg‹ zu proklamieren. Alle Pläne sind ausgearbeitet, um binnen kürzester Zeit sämtliche waffenfähige Männer zwischen sechzehn und sechzig zum ›Deutschen Volkssturm‹ einzuberufen.«

»Zum was?« fragte Himmler.

»Zum ›Deutschen Volkssturm‹«, sagte Goebbels, weiterhumpelnd, die Hände auf dem Rücken. »Klingt gut, wie? Von mir. Ich schenke es Ihnen. Unsere Städte versinken in Schutt und Asche. Und da denken die Herren, daß es noch möglich sein könnte, den Teheran-Film einzusetzen? Das denken die Herren im Ernst? Tatsächlich?« Er lachte kurz und böse.

»Er würde immer noch seine Wirkung tun«, sagte Himmler wütend.

Goebbels blieb wieder stehen.

»Einen Dreck würde er tun, Reichsführer«, sagte er sehr leise und sehr akzentuiert. »Einen Scheißdreck würde er tun. Die Lage hat sich leider ungeheuer zu unseren Ungunsten verändert in den letzten paar Monaten. Ich habe es vorausgesehen. Damals im März, als Ross mit dem Film auftauchte, habe ich gesagt, wir müßten ihn schnellstens, in größter Eile und kürzester Zeit überall einsetzen. Sie erinnern sich vielleicht gütigst an meine Worte. Pech, daß es so lange dauerte, bis wir den Film wieder hatten. Wir sind eben nicht mit Glück und Erfolg gesegnet – im Moment«, fügte er hinzu, nach bewährter Art das Steuer herumreißend. »Wir werden es wieder sein! Wir werden siegen – zuletzt. Klar. Natürlich. Warum? Weil wir siegen müssen.«

Die anderen Männer im Raum – auch Ross – nickten ernst. Ach, ihr Idioten, dachte der kleine Mann.

»Dann«, sagte er, »wenn wir gesiegt haben, werden wir den Film zeigen. Überall. In der ganzen Welt. Sozusagen als Krönung unseres Sieges. Wenn wir es jetzt täten, wir träfen auf Hohn und Gelächter. In dieser Situation, in der wir von den wie nie einigen Alliierten an allen Fronten geschlagen werden – seien Sie ruhig, Himmler! Wir sind hier unter uns, da darf ich vielleicht noch die Wahrheit sagen. Sie können dem Führer ja sofort hinterbringen, was meine Ansicht ist! –, in dieser Situation dürfen wir einfach nicht mehr behaupten, daß der Film echt ist. Und wenn es hundertmal stimmt. Die Wahrheit würde niemals geglaubt werden. Nirgends. Von niemandem. Es gibt Zeiten, in denen kann man jede Lüge riskieren und jede Wahrheit. Und beide werden geglaubt. Und dann gibt es Zeiten, in denen werden sie nicht geglaubt, die Lüge nicht und nicht die Wahrheit. Lachkrämpfe würden Stalin und Roosevelt kriegen, wenn wir jetzt mit diesem Film herausrückten. Und nicht nur sie. Alle, die ihn sehen. Mörderische Lachkrämpfe, meine lieben Parteigenossen!«

Er redete jetzt wieder schneller.

»Sie pfeifen aus dem letzten Loch, die Nazis, würden alle sagen. Sie sind erledigt, geschlagen, kaputt. Und da servieren sie uns diesen dämlichen Lügenfilm, diese kindische Fälschung! Nein, meine Herren, glauben Sie mir, wir dürfen den Film nicht zeigen! Vor allem nicht in Deutschland. Auf keinen Fall in Deutschland. Die Folgen wären unabsehbar. Später, nach dem Endsieg: überall! Jetzt nicht!«

Das Telefon auf seinem Schreibtisch schrillte. Er hob ab. »Ja«, sagte er. »Ja, danke.« Er legte auf. »Befehlsstand des

Gauleiters. Schwere amerikanische Kampfverbände im Anflug auf die Reichshauptstadt. In zehn Minuten wird Alarm gegeben. Sie sind herzlich eingeladen, in meinen Keller zu kommen. Er ist sicher.«