Die Männer erhoben sich.
»Diese verfluchte Mörderbrut«, sagte Himmler. »Wer?« Goebbels sah ihn an. »Ach so«, sagte er dann, »ja, ja,
natürlich.« Er räumte Papiere und Akten, die auf dem Schreibtisch lagen, in eine große Ledertasche, um sie mit in den Bunker zu nehmen.
Himmler und Ribbentrop eilten schon voraus. Goebbels sah ihnen nach. »Die Hosen voll Mut«, sagte der
kleine Mann. Er fragte Ross: »Was machen Sie noch hier?« »Ich warte auf Sie, Herr Minister.«
»Danke.«
Ross trug einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte. Es war verboten, Trauerkleidung zu tragen, aber er scherte sich nicht darum. Er scherte sich im Augenblick um gar nichts. Ihm war alles egal. Ob er nun in den Keller ging oder hier oben blieb. Ob er weiterlebte, ob er von Bomben erschlagen wurde. Egal. Ganz egal.
››Sie haben einen furchtbaren Verlust erlitten«, sagte Goebbels, immer noch mit Akten beschäftigt. »Ich weiß. Sie haben Fräulein Holm sehr geliebt, das weiß ich auch. Mein aufrichtiges Beileid!«
Ross nickte und schwieg.
»Haben Sie schon eine neue Bleibe?«
»Ich wohne bei einem Freund.«
»Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann ...« »Vielen Dank! Aber ich habe alles.«
»Ihnen kann keiner helfen.« Goebbels nickte. »Nein.« sagte Ross. »Keiner. Erlauben Sie, daß ich die
Tasche trage, Herr Minister!«
Sie gingen zur Tür.
»Haben Sie heute Nachmittag viel zu tun?« fragte Goebbels. »Ja. Nein. Warum fragen Sie?«
»Ich muß Sie noch einmal sprechen. Ich konnte hier nicht alles sagen vor diesen ... Herren. Später werde ich es sagen müssen. Aber noch nicht jetzt. Nur mit Ihnen möchte ich gleich sprechen. Können Sie zu mir kommen am Nachmittag?«
»Selbstverständlich, Herr Minister.«
»Sagen wir um fünf?«
»Um fünf, in Ordnung.«
Die Sirenen begannen zu heulen.
Ein Telefongespräch. »Ja, hallo?«
»Sind Sie das, Cristobal?«
»Wer ist dort?«
»Franco. Ablösung von Roberto und Esteban. Emilio ist jetzt mit mir zusammen.«
»Was gibt es? Ist dieser Miguel Morales zurück zu Olivera gefahren?«
»Ja. Und hinter ihm der Ford mit den zwei Typen. Miguel ist vorn rein, beim Haupteingang. Der Ford ist in die Straße hinter Cespedes gefahren. Zabala heißt sie. Bis dorthin reicht Oliveras Park. Da hat der Ford gewartet, bei der großen Kirche.«
»Und?«
»Etwa nach fünfzehn Minuten ist Morales da über die Mauer geklettert. Die Typen haben ihm geholfen. Er hatte eine schwarze Reisetasche und einen Koffer. Sie sind mit ihm zum Retiro gefahren.«
»Wohin?«
»Zum Hauptbahnhof. Sie haben eine Karte nach Tucuman gekauft. Für den Zug um null Uhr fünfzehn.«
»Tucuman? Das ist doch ganz im Norden oben! Da fährt er zwanzig Stunden.«
»Zweiundzwanzig. Es scheint, sie wollen ihn so weit wie möglich von hier wegbringen. Aber wer will das, Cristobal? Wer?«
»Idiot! Er hat Olivera abgehört, richtig? Hat die Kassetten in einem Schließfach deponiert. Sicher nicht zum erstenmal. Nur daß er von Roberto und Esteban heute erwischt wurde dabei. Als seine Auftraggeber von ihren Leuten erfuhren, daß die Kassetten weg sind, mußten die ganze Abhöreinrichtung und Miguel verschwinden. Bevor Olivera etwas merkte. Die Kassetten haben jetzt wir.«
»Aber wir haben ihn doch nicht abhören lassen!« »Madonna! Nein, das waren nicht wir. Das waren andere, die
Angst haben, daß das herauskommt.«
»Was für andere, Cristobal?«
»Das werden wir wissen, wenn wir wissen, was auf den Kassetten gesprochen wird. Und wer da außer Olivera spricht. Null Uhr zwanzig. Der Zug nach Tucuman ist also schon fort.«
»Ja. Mit Morales. Wir haben aufgepaßt bis zuletzt. Was jetzt?«
»Ihr fahrt zurück nach Cespedes. Ich glaube nicht, daß da heute nacht noch jemand das Haus verläßt. Aber für alle Fälle. Um sieben Uhr werdet ihr abgelöst.«
»Der Angriff dauerte bis halb drei«, sagte Olivera am nächtlichen Swimmingpool. »Galt dem Zentrum. Als wir endlich bei der Entwarnung nach oben kletterten, war es Nacht, obwohl die Sonne schien. Dicker schwarzer Rauch von brennenden Gebäuden lag über der Stadt. Ich ging in mein Büro im Auswärtigen Amt. Nur katastrophale Funkmeldungen von überall her. Sehr deprimierend. Goebbels hatte recht gehabt. Der Film war nicht mehr zu zeigen.« Er lachte kurz. »Erst nach dem Endsieg! Um fünf war ich dann wieder im Propagandaministerium ...«
Goebbels empfing Ross sofort. Sie nahmen in einem kleinen Salon Platz. Im Arbeitszimmer des Ministers waren wieder einmal alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Das elektrische Licht brannte, denn immer noch machte der schwere Rauch den Tag zur Nacht. Von Zeit zu Zeit hörte man Zeitbomben explodieren, die Martinshörner der Feuerwehr, das Gejaule der Ambulanzsirenen. Goebbels war bleich. Er holte eine Flasche französischen Cognac und zwei Gläser aus einem Schrank. Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch nahe einem Fenster und tranken.
»Wie lange kennen wir uns, Ross?«
»Seit ich im Dienst bin, Herr Minister. Seit neununddreißig. Fünf Jahre. Nicht ganz.«
»Ich habe immer Ihre Arbeit bewundert. Und Ihren fanatischen Glauben an den Führer, die Bewegung, die nationalsozialistische Weltanschauung. Ich könnte nicht gläubiger sein. Sie sind gebildet. Sie haben bei aller begeisterten Hingabe an unsere Sache die Fähigkeit, Ereignisse streng logisch, wissenschaftlich möchte ich sagen, zu bewerten. Müssen Sie haben, diese Fähigkeit, in Ihrer Position. Ich muß sie ebenfalls haben, in meiner.« Er nahm einen Schluck. »Wir werden kämpfen, wie noch nie ein Volk gekämpft hat. Die Wunderwaffen müssen alles schlagartig zu unseren Gunsten wenden – wenn sie rechtzeitig fertig werden. Wird das der Fall sein? Niemand weiß es. Es wird furchtbar werden, was jetzt kommt, Ross, das wissen Sie. Sie können vollkommen offen reden. Das bleibt ein Gespräch unter vier Augen. Ich muß einmal mit jemandem so reden können. Über Fakten, Ross! Fakten sind Ihr Beruf. Darum ist meine Wahl auf Sie gefallen. Und weil ich Vertrauen zu Ihnen habe. Zu Ihrer Besessenheit. Und zu Ihrer kühlen, analytischen Art des Denkens.«
»Ich verstehe nicht ...«, begann Ross, aber Goebbels winkte ab.
»Warten Sie, mein Lieber. Wir werden kämpfen, ja. Und wenn es sein muß, werden wir sterben. Sie wissen wie ich, Ross: Die Idee stirbt nicht mit uns. Die Idee lebt weiter. Selbst wenn wir in diesem Ringen untergehen sollten – ich spreche so zu Ihnen, weil Sie es von Ihrem Beruf her gewöhnt sind, emotionslos und kühl alle Möglichkeiten einzukalkulieren, und ich verpflichte Sie natürlich, das ist eine Selbstverständlichkeit, vor keinem Menschen über dieses Gespräch ein Wort zu verlieren –, selbst wenn wir also untergehen sollten, wird die Idee in Millionen Gehirnen weiterleben. Habe ich recht?«
»Vollkommen, Herr Minister«, sagte Ross. »Man bedenke, wie lange es dauerte und welche Ströme von Blut fließen mußten, bis sich das Christentum, diese Lehre der Barmherzigkeit, durchgesetzt hat.«
»Ausgezeichnet«, sagte der kleine, bei den Jesuiten erzogene Goebbels. »Wir sprechen dieselbe Sprache. Sollten wir also unter der Übermacht der Feinde zusammenbrechen, sollten wir – scheinbar – untergehen, dann ist das nichts als ein vorüberziehender Schwächeanfall. Die ersten Christen zahlten auch mit ihrem Leben. In Wahrheit wird unser Untergang die Geburtsstunde des universellen Nationalsozialismus sein. In my end is my beginning.«
»Der Wahlspruch der Tudors.«
»Ach, tut es wohl, mit einem gebildeten Menschen zu sprechen!« Goebbels seufzte. »Zunächst – in den ersten Jahren – werden die Sieger dann allmächtig und jeder Widerstand gegen sie sinnlos sein. Oh, aber jene, die überleben, können warten! Warten auf ihre Stunde. Und diese Stunde, sie wird gekommen sein, wenn einer nun doppelt geknechteten Menschheit glasklar geworden ist, was zwei Verbrecherstaaten mit ihr gemacht haben. Die Welt haben sie unter sich aufgeteilt! Jeder kann in seiner Hälfte Ungeheuerlichkeiten begehen an wehrlosen Völkern, sooft und soviel er Lust hat. Die Völker unter amerikanischer Knute. Mehr noch die Völker unter bolschewistischer Knute. Man wird sie ausbeuten. Man wird sie wie Tiere behandeln. Schlimmer als Tiere. Sie alle, die vielen Völker in Ost und West, werden Kulis sein, die ihre Freiheit verloren haben. Zwei gewaltigen Diktatoren sind sie ausgeliefert – hilflos, rechtlos.« Goebbels war jetzt sehr erregt.