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»Dann erst, mein lieber Ross, dann erst, wenn sich unter den Völkern der Welt ungeheuerer Haß, ungeheuerer Zorn und ungeheuere Ohnmacht angesammelt haben, dann erst muß man ihnen den Film aus Teheran vorführen! Um ihnen diese beiden monströsen Gangster in ihrer ganzen Gemeinheit und Brutalität vorzuführen. Den Menschen unseres geliebten Vaterlands, das dann zerrissen sein wird und geteilt – wie das Protokoll es vorsieht –, muß man den Film zuerst zeigen! Wie wird die Wirkung auf deutsche Menschen sein, wenn sie sehen und lesen, was man längst vorhatte mit ihnen, neunzehnhundertdreiundvierzig schon? Wie wird die Wirkung auf alle anderen zerrissenen, geteilten, unterdrückten Völker sein?«

Goebbels holte tief Atem.

»Dann, Ross, dann wird jeder, auch der letzte, erkennen, daß wir Nationalsozialisten die einsamen Kämpfer gegen die Schurken in Washington und Moskau gewesen sind. Dann wird jeder, auch der letzte, erschüttert begreifen, mit welchem in der Geschichte einmaligen Heldenmut wir versucht haben, ein in der Geschichte einmaliges Verbrechen zu verhindern. Begreifen wird jeder, daß wir unbedingt tun mußten, was wir taten, alles, alles, auch das, was gleich nach unserem scheinbaren Untergang als bestialische Vergehen gegen die Menschheit hingestellt werden wird. Dann wird der letzte sehen, wer das bestialische Verbrechen begangen hat, das wir voraussahen und verhindern wollten bis zur Dreingabe unseres Lebens. Nicht nur das Abendland, nein, die Welt wollten wir befreien für immer von diesen der Hölle entsprungenen, skrupellosen Kreaturen. Deutschland wird ein heiliges Wort werden. Der Führer, seine Gefolgsleute, die deutschen Soldaten, das deutsche Volk überhaupt, sie werden in die Geschichte eingehen als Synonyme für Ehre, Tapferkeit und Heldenmut. Und der Nationalsozialismus wird dann vor den Augen der armen Menschen in der zweigeteilten Welt dastehen als die größte Lehre des Heils, die es je gegeben hat. Die Welt wird erfaßt werden von einem Sturmwind des Zorns, der jene Kreaturen und ihre Speichellecker wegfegt. Der Nationalsozialismus wird nicht nur rehabilitiert sein, sondern seinen Siegeszug rund um den Erdball antreten – und diese Erde wird nationalsozialistisch sein!«

Goebbels schwieg, schwer atmend.

»Die ganze Erde – nationalsozialistisch. Bei Gott, Sie haben recht«, flüsterte Ross fasziniert.

»So wird unser Sieg aussehen. muß unser Sieg aussehen. Der Nationalsozialismus wird leben, und wenn wir alle sterben müssen. Dadurch erst wird er die neue Weltreligion werden. Durch unser Blutopfer und durch diesen Film. Einer der Tapfersten, einer der Zuverlässigsten muß diesen Film darum hüten wie den Heiligen Gral. Im tiefsten Bunker geschützt muß der Film bleiben, damit er ihn herzeigen kann, wenn die Vorsehung uns gnädig ist und wir trotz allem noch siegen. Wenn absolut feststeht, ohne jeden Zweifel, daß es uns bestimmt ist, das größte Opfer zu bringen, das Menschen bringen können, wenn feststeht, daß der Krieg verloren ist, dann muß dieser eine mit dem Film Deutschland verlassen. Er muß sich in ein weit entferntes Land zurückziehen. Er muß dieser wahrhaft übermenschlichen Mission, den Nationalsozialismus über die ganze Erde zu verbreiten, sein Leben weihen.«

Goebbels war aufgestanden. Er wanderte hin und her. Draußen wurde die Finsternis immer wieder schmutzigrot erhellt von Bränden, die in der Umgebung wüteten. Auch Ross erhob sich, ohne es zu bemerken. Seine Augen betrachteten Goebbels, als sei er hypnotisiert. »Dieser Mann muß warten können – viele Jahre vielleicht. Bis die Zeit reif ist. Bis er von unseren Kämpfern, die dann in den Untergrund gegangen sind, den Auftrag erhält, mit dem Film vor die Öffentlichkeit zu treten! Eine ungeheure geschichtliche Verantwortung lastet auf ihm, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Ross atemlos.

»Und nun frage ich Sie, mein Lieber, der Sie eben so Furchtbares durchmachen, der Sie die Frau verloren haben, der Ihre ganze Liebe galt: Wollen Sie dieser Mann sein?«

»Ich will dieser Mann sein«, sagte Ross.

Es war lange Zeit still am Pool.

Endlich sagte Mercedes: »Das absolut Böse – nun wird es vielleicht zum absolut Guten werden.«

»Hoffentlich«, sagte Olivera.

»Moment mal!« mischte sich Daniel ein. »Noch sind wir nicht so weit. Noch habe ich ein paar Fragen. Wie bist du herübergekommen! Wann? Und wieso, verflucht, hat sie von fünfundvierzig bis heute gedauert, deine Wandlung? Was ist in den neununddreißig Jahren dazwischen passiert? Warum hast du den Film nicht vor deiner Wandlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – und damit die ganze Welt zu einem einzigen KZ?«

»Ich erzähle es dir, Daniel«, sagte Olivera. »Alles erzähle ich dir.«

ZWEITES BUCH

»Also die drei als Leichen – und alle Videofilme, die es gibt.« »So ist es, Mister Hyde. Und schnell. So schnell wie

möglich.«

»Die drei sind kein Problem, Mister Morley. Die Videofilme schon. Weil man von den Kopien Kopien ziehen kann, so viel man Lust hat.«

»Unsere Hoffnung geht dahin, Mister Hyde, daß niemand mehr so recht Lust haben wird, sobald es Tote gibt.«

»Gewiß, Mister Morley. Aber ganz beruhigt können Ihre Herren erst sein, wenn sie alle Kopien besitzen.«

»Natürlich. Lassen Sie mich im übrigen darauf hinweisen, daß Sie sehr wahrscheinlich gezwungen sein werden, mehr als drei Menschen zu... hmm... eliminieren.«

Dieses Gespräch fand am Nachmittag des 20. Februar 1984, einem Montag, drei Tage, nachdem Daniel Ross in Buenos Aires mit vierzigjähriger Verspätung seinen Vater wiedergesehen hatte, im Büro eines Hauses an der Chancery Lane nahe dem Zeitungsviertel Fleet Street in London statt. Nur eine Häuserzeile weiter westlich erhob sich der mächtige, vieltürmige Bau der Royal Courts of Justice. Es schneite in London, und es war sehr kalt. Etwa drei Stunden zuvor, um 14 Uhr 30, war planmäßig die Maschine der PAN AMERICAN WORLD AIRWAYS, Flug 8 5 6, aus Chicago auf dem Flughafen Heathrow gelandet. Draußen vor der Stadt verursachte der schwere Schneefall große Behinderungen. Räumfahrzeuge mühten sich in ständigem Einsatz, die Rollbahnen des Flughafens frei zu halten, und auf der Autobahn nach London war es schon zu zahlreichen Zusammenstößen gekommen. Der Schnee fiel auf Eis, das harte Winterwetter dauerte schon viele Wochen an.

Unter den Passagieren der Maschine befand sich ein großer, hagerer Mann mit einem von Sonne und Regen, Wind und Wetter gegerbten Gesicht, sehr hellen Augen und kurzgeschnittenem blondem Haar. Er trug einen pelzgefütterten Dufflecoat. Bei der Einreisekontrolle für Ausländer zeigte der Mann dem Beamten einen amerikanischen Paß. Diesem Paß, der natürlich gefälscht sein konnte, zufolge war der Reisende ein gewisser Wayne Hyde, geboren am 12. August 1948 in Chicago, Wohnort zur Zeit der Ausstellung des Passes gleichfalls Chicago, ledig.

Hyde trug zwei große Kleidersäcke – sie hatten ein Schottenmuster, waren von bester Qualität, aber, wie man sah, schon sehr langem und heftigem Gebrauch ausgesetzt – zu einem Taxi. Als der Chauffeur das Gepäck verstaut hatte, setzte Hyde sich in den Fond und nannte eine Nummer in der Chancery Lane. Danach lehnte er sich zurück, faltete die Hände und schloß die Augen. Inzwischen waren die Verhältnisse auf der Autobahn zur Stadt chaotisch geworden. Wegen der Zusammenstöße leiteten Polizisten den Verkehr immer wieder von einer Fahrbahn auf die andere. Das Taxi rutschte über Eisplatten. Der Fahrer des Wagens vor dem Taxi bremste jäh, es kam zu einem Beinahezusammenstoß.

Der Chauffeur fluchte.

»Lassen Sie das!« sagte Hyde mit geschlossenen Augen. »Was ist los?«