Выбрать главу

»Fluchen Sie nicht! Ich mag das nicht.«

»Na, hören Sie mal! Haben Sie dieses dreckige Schwein gesehen? Wir wären ihm fast draufgebrummt.«

»Lassen Sie das!« sagte Hyde.

»Was denn?«

»Reden überhaupt. Schwer zu fahren. Ja. Na und? Ihr Beruf, nicht? Also seien Sie ruhig.«

»Ganz wie der Herr wünschen.« Der Taxichauffeur war beleidigt. Er bewegte die Lippen und verfluchte diese beschissenen Amerikaner, denn daß sein Fahrgast einer war, hatte er sogleich an dessen breitem Akzent erkannt.

Ein mieses Gesocks, die Amis, dachte der Chauffeur. Neue Raketen haben sie uns eben wieder beschert. Cruise Missiles und Pershings 11, da in Greenham Common. War ich draußen, vorige Woche. Noch ein Haufen andere. Mindestens zweihundert. Hinter dem Stacheldrahtzaun amerikanische Soldaten. Haben ihr Maul aufgerissen und was von »yellow« gesagt. »Yellow« heißt soviel wie feig. Hat einer von uns die Hosen runtergelassen. Noch einer. Noch zehn. Eine Minute später haben die Amerikaner zweihundert nackte britische Ärsche gesehen. Na ja, weil’s wahr ist! Wenn’s losgeht, wer kriegt’s aufs Haupt? Wir und die Deutschen. Die Deutschen sind mir egal. Aber die da drüben in Amerika, von denen hat ja noch kein einziger eine einzige Bombe fallen hören! Die wären nicht so forsch, wenn sie mitgemacht hätten, was London mitgemacht hat im »Blitz«. Fahr links, Trottel, links sollst du fahren! Herr Jesus! Jetzt dreht die Kutsche sich um sich selbst!

Der Taxichauffeur bewegte die Lippen, bis er sein Ziel erreicht hatte. Er fluchte die ganze Zeit – lautlos.

In der Chancery Lane stieg er aus, öffnete den Schlag, blieb stumm. Holte die beiden Kleidersäcke aus dem Kofferraum. Stumm. Dann nannte er den Fahrpreis. Hyde zahlte und ließ sich auf den Penny genau herausgeben, nahm die Säcke und trat zum Hauseingang, ohne zu grüßen. Der Chauffeur sah ihm nach, spuckte in den Schnee und setzte sich ans Steuer. Als er losfuhr, fluchte er wieder – jetzt laut.

Wayne Hyde stieg mit seinem Gepäck bis zum zweiten Stock des stillen, vornehmen Hauses. Licht brannte. Eine Messingtafel war an einer Tür befestigt:

ROGER MORLEY SOLICITOR

Beratender Anwalt also. Keiner, der vor Gericht plädiert, dachte Hyde. Sonst wäre er ein Barrister at law. Bei uns drüben ein Attorney at law. Natürlich Solicitor! Habe ich doch in der Nase gehabt. Hier geht es um keine Sache, bei der ich Beweise fürs Gericht herbeischaffen oder verschwinden lassen soll.

Er klingelte. Es summte. Die Tür öffnete sich. Hyde trat ein. Die Kanzlei war sehr groß und altmodisch gediegen eingerichtet. Er mußte nur einen Moment warten, dann kam schon Roger Morley: klein, flink, mit rosigem Gesicht und Pausbacken, Spitzbauch und wirrem grauem Haar, rundem Mund, Mäusezähnchen, fröhlich und herzlich. Eine Dickens-Figur, dachte Hyde. Er kannte alles, was Dickens geschrieben hatte. Er kannte sehr viele Schriftsteller. Wayne Hyde las, wann immer er Zeit fand.

Morley begrüßte seinen Gast erfreut. »Wie schön, daß Sie da sind, Mister Hyde!« Er half ihm aus dem Dufflecoat. »Die Kleidertaschen lassen wir im Sekretariat. Bitte, folgen Sie mir!« Er ging in sein Büro voraus. Hyde sah hohe Mahagonipaneele, welche die halben Wände verdeckten, schöne alte Möbel, eine starke Lampe mit kunstvoll geblasenem, grünem Glasschirm auf dem Schreibtisch und Regale voller Bücher, die magisch leuchteten. Warm und sehr still war es in Roger Morleys Büro. Auf dem großen, geschnitzten Schreibtisch lagen Fotos, Magazine und ein kleiner Recorder.

»Was trinken Sie, Mister Hyde? Whisky? Cognac? Wodka?« »Ich trinke nie Alkohol, Mister Morley.«

»Oh, wirklich? Das finde ich fabelhaft.« Der Anwalt rieb sich die rosigen Händchen. »Aber doch gewiß Tee?«

»Tee gerne.«

Morley blühte auf. »Ah, wunderbar! Welchen hätten Sie denn gerne?« Er öffnete die Tür zu einer winzigkleinen Küche. Über dem elektrischen Herd standen auf einem Bord verschiedenfarbige Blechdosen. »Wie wäre es mit einem ›Finest China Keemun‹, blumigzart? Oder einen ›China Jasmin with Flowers‹, hell, erfüllt vom lieblichen Duft der Jasminblüten?« Er wies auf die bunten Dosen. »›Flowery Orange Tea‹? Eine chinesischindische Auslese mit dem Aroma reifer Orangen? Oh, oder hier: ›Assam Herrentee‹. Beste indische Provenienz, rassigschwer. Vielleicht sollten Sie aber auch einen ›Special Earl Grey‹ versuchen – extravagante Mischung indisch-chinesischer Sorten mit dem besonderen Duft des Bergamotte-Öls? Oder, ach, einen ›Finest Highgrown Darjeeling‹! Man nennt ihn auch ›Flowery Orange Pekoe‹. Es handelt sich um ein Hochgewächs der Himalayasüdhänge mit ausgeprägtem Muskatel Flavour. Oder...«

»›Highgrown Darjeeling‹, Mister Morley, wenn ich bitten dürfte.«

Roger Morley schlug die rosigen Händchen gegeneinander. »Ausgezeichnet! ›Highgrown Darjeeling‹!« Er nahm eine der Büchsen vom Bord und öffnete sie. Während der folgenden Konversation bereitete Roger Morley, beratender Anwalt, den

Tee mit jener Liebe, die den wahren Kenner erfüllt. Zuerst ließ er einen Kessel voll Wasser laufen und stellte ihn auf eine Herdplatte.

Der Mann namens Wayne Hyde, der ihm zusah, sagte: »Ich habe Ihren Brief und ein Flugticket erhalten. Es war natürlich nicht Ihr Brief. Es stand nur darin, daß Sie mich umgehend erwarteten. Der Brief kam von einer Fleischwarenfabrik in New York.«

»Sie sollen weder für diese Leute noch für mich arbeiten«, sagte der rosige Anwalt, während er papierdünne chinesische Porzellantassen, Untertassen, Löffel und ein Silbergefäß mit braunem Kandiszucker brachte. »Ich bin nur Mittelsmann.«

»Ich verstehe. Große Sache?«

»Sehr große Sache, Mister Hyde.«

»Hohe Kundschaft?«

»Die höchste, Mister Hyde.«

»Die Herrschaften wollen sich nicht selbst die Finger dreckig machen, wie?«

»Sie können es nicht, Mister Hyde. Sie können es nicht. Und niemand in ihren Diensten kann es. Sie werden das gleich verstehen. Was die Herren betrifft, so ist ihr Problem derart delikat, daß ihnen eigentlich niemand helfen kann als ein MERC. Der beste, der zu haben ist. Sie, Mister Hyde.«

»Woher wissen Sie, daß ich der beste bin?« »Oh, man hat natürlich Erkundigungen über Sie eingezogen«,

sagte Morley und brachte ein kleines silbernes Sieb auf Untersatz – »Wer hat Erkundigungen über mich eingezogen, Mister Morley?‹‹

»Nun, der amerikanische Geheimdienst ...«

»Aha.«

»... und der sowjetische Geheimdienst.«

»Mhm.«

In der Kitchenette wärmte der Anwalt eine schöne, antike Silberkanne. Er lächelte Hyde zu. Roger Morley erinnerte an einen gesunden, glücklichen Säugling.

»Sie wissen, wie es ist, Mister Hyde. Man kann den Menschen nicht vertrauen, und wenn sie einem noch so hoch und heilig versprechen, andere umzubringen. Gewöhnliche Menschen, meine ich. Laien. Darum habe ich Sie hergebeten. Sie sind ein wahrhaft zuverlässiger Killer.«

»Das ist mein Beruf, Mister Morley«, sagte Hyde. »Das ist der Beruf eines MERC.«

»Ich bin stolz und glücklich, Ihnen begegnet zu sein, Mister Hyde.« Morley brachte eine Warmhalteplatte. »Wenn jemand diese gräßliche Geschichte wieder ins Lot bringen kann, dann sind Sie das. Habe ich gleich gesehen. Dem Himmel sei Dank! Wirklich, eine ganz schauderhafte Sache.« Er nahm eines der

Magazine, die vor ihm lagen. Es waren dicke, geheftete Publikationen auf bestem Papier mit Farbfotos, zum großen Teil auch im Inneren, und sie erinnerten an Pornomagazine der teuren und exklusiven Art. Der schreiend rote Titel lautete MERCENARIES, der rote Untertitel THE JOURNAL OF PROFESSIONAL ADVENTURERS; zu deutsch: Das Journal der berufsmäßigen Abenteurer. Mercenaries ist das englische Wort für Söldner. Das Titelblatt des Heftes, das Morley in der Hand hielt, zeigte drei solche Söldner, schwer bewaffnet und mit Stahlhelmen, wie sie an Hakenleitern ein Gebäude entern, aus dessen Inneren die grausigorangefarbenen Zungen von Flammenwerfern schießen.

Links gaben Schlagzeilen bunt gedruckt Auskunft über die Hauptthemen des Heftes: EXKLUSIV: UNSERE MÄNNER IN HONDURAS – ENDLICH: DIE SAS-STORY – DIE LEGION IN SYRIEN – KOREA WARTET AUF DEN NEUEN KRIEG- MERCS IM LIBANON – VIETNAM-CHARADE – WIR RÄUMEN IN ANGOLA AUF – FRANKREICHS MEISTER-MERCS – FERTIGMACHEN FÜR LIBYEN – NACHTATTACKE IN CUBA.