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»Herrje ...« Kramksy hatte durch die Scheibe ins Studio gesehen.

»Was heißt herrje?«

»Herrn Ross geht’s nicht gut. Zwei Studioarbeiter stützen ihn. Dem geht’s ganz mies, Herr Colledo.«

»Sie sollen ihn zum Studioarzt bringen!«

Kramsky stellte die Lautsprecherverbindung zum Atelier her und rief in das Mikrofon: »Bringt ihn zum Arzt!«

»Auf deine Eitzes hamwa jewartet!« schrie ein Arbeiter zurück. »Sie«, tobte Colledo, »gehen sofort auch zum Arzt und blasen ins Röhrchen, Kramsky! Sofort, habe ich gesagt. Der Zettler auch! Haben Sie verstanden?« Die Verbindung war unterbrochen.

Die Bildmischerin schluchzte laut auf.

»Hör auf, blöde Kuh«, sagte Kramsky, und zu dem Produktions-Ingenieur: »Also, was ist, gehen wir?«

»Ich komme gleich nach.«

Kramsky verschwand. Die Tür fiel hinter ihm zu. Der Produktions-Ingenieur bückte sich tief und zog eine

Cognacflasche aus einer Bodenlade. Er entkorkte sie und trank in mächtigen Schlucken.

»Was machen Sie da?« rief die Bildmischerin entsetzt. »Siehste doch. Ich besaufe mich. muß auch besoffen sein.

Wenn ich nicht besoffen bin, gibt’s keine Entschuldigung für mich dafür, daß ich nicht früher abgeschaltet habe.« Er hob die Flasche wieder. Dann sagte er: »Idioten, die wir sind.«

»Kramsky und Zettler haben beide mehr als eineinhalb Promille«, sagte Conrad Colledo und ging in seinem großen Dienstzimmer schnell auf und ab. »Du überhaupt nichts. Es ist zum Heulen, Mensch. Warum hast du dich nicht auch besaufen können?« Daniel Ross antwortete nicht.

Er saß in einem Stahlrohrsessel und starrte die Picasso-Lithographie an der Wand an. Sie zeigte einen Frauenkopf im Profil und zugleich von vorne. Die Frau hatte nur ein Auge.

Das große Verwaltungsgebäude war durch einen Gangtrakt mit den Aufnahmestudios verbunden. Der Sender Frankfurt befand sich nahe der Stadt Königstein im Taunus am Fuß des Großen Feldbergs, fünfundzwanzig Autominuten von Frankfurt entfernt.

»Wenn du betrunken gewesen wärst, würde gar nichts passieren. Du weißt doch, in den Anstalten wird derart ungeheuerlich gesoffen, daß man ein extrastarkes soziales Netz für Alkoholiker installiert hat. Niemand wird gefeuert, weil er blau ist, auch wenn er etwas ganz Übles anstellt. Schau dir den Juhnke an. Was der schon für Sendungen geschmissen hat! Und? Alle lieben ihn. Du mit deinen Scheißpillen. Jetzt haben wir die Katastrophe.« Ross antwortete noch immer nicht.

Er war sehr blaß, und sein Gesicht glänzte von der Creme, mit welcher die Maskenbildnerin die Schminke abgerieben hatte. Es war ihr zuviel Creme auf die Haut geraten, und als sie den Überschuß mit einem Kleenextuch entfernen wollte, hatte Ross sie, bebend vor Unruhe, weggestoßen und war fortgelaufen. Schminke befleckte den weißen Kragen des Hemdes, den Ross geöffnet trug, die Krawatte herabgezerrt, die Jacke ausgezogen, weil ihm wieder heiß war. Unter den grauen Augen lagen dunkle Ringe, das weiße Haar glänzte im Licht der starken Deckenbeleuchtung.

Es war nach Mitternacht. Colledo hatte Stunden mit dem erbitterten Siegfried Woitech zugebracht und all seine Überredungskunst aufgeboten. Zwischendurch waren ihm die Blutalkoholwerte Kramskys und Zettlers mitgeteilt worden, und er hatte lautlos geflucht, als er auf dem Formular des Arztes den Namen seines alten Freundes Daniel Ross las und daneben eine durchgestrichene Null sah.

Dann hatte er sich wieder dem Funktionär zugewandt, dem in seiner Ehre zutiefst getroffenen aufrechten Demokraten – mit diesen Worten charakterisierte Woitech sich selber. Colledo war klar, daß er alles tun mußte, um ihn zu beruhigen. Kein vernünftiger Mensch legte sich mit den Vertriebenenverbänden an. Colledo hatte noch von zu Hause mit dem Intendanten, Herrn von Karrelis, telefoniert und über Daniel Ross’ Zukunft gesprochen. Dem übererregten Siegfried Woitech erklärte Colledo dann, der Intendant des Senders sichere zu, daß Ross morgen, Mittwoch, zur besten Sendezeit, im Anschluß an die 20-Uhr-Nachrichten, vor der Kamera darum bitten würde, ihm seine schwere Entgleisung zu verzeihen.

»Das wird er tatsächlich tun?« fragte der Funktionär ungläubig. »Sie haben das Wort des Intendanten, Herr Woitech. Daniel Ross wird sich in aller Form entschuldigen und eine Ehrenerklärung für Sie und die Vertriebenenverbände abgeben. Damit ist Ihre Ehre dann aber doch wahrhaftig wiederhergestellt – oder?«

»Na ja, schon«, sagte Woitech. Er lachte plötzlich. »Was gibt es?« fragte Colledo.

»Sie haben mir die ganze Zeit Sekt angeboten, Herr Colledo, und ich habe natürlich abgelehnt. Tja, wenn das so ist – wirklich, ich glaube, ich trinke doch ein Glas nach der ganzen Aufregung. Aber Sie müssen mit mir trinken!«

»Gerne.« Colledo nahm eine Flasche aus einem Kübel, den ein Mädchen vor Stunden zusammen mit zwei Gläsern aus der Kantine gebracht hatte. Colledo öffnete die Flasche, goß die Gläser halb voll und reichte eines davon dem Mann mit dem Rundkopf.

»Anstoßen!« rief Woitech.

Also stießen sie die Gläser aneinander und tranken, nachdem Woitech sein Glas zuvor noch hochgehoben und Colledo ernst in die Augen gesehen hatte, während er laut »Ihr Wohl!« wünschte.

Nach dem dritten Glas war er gerührt und feierlich. »Sie sind ein unerhört anständiger Mensch, Herr Colledo. Und Ihr Herr Intendant auch. Ich werde selbstverständlich meinen Kameraden sagen, wie Sie sich benommen, wie Sie durchgegriffen haben. Hut ab, Herr Colledo! Das ist schon sehr korrekt! Auch allen Journalisten werde ich das sagen. Es tut mir ja leid um den Herrn Ross, aber ein Mann, der kein Interview leiten kann, ist für so eine Sendung wirklich unmöglich. Wirklich, nicht?«

»Herr Ross ist ein sehr tüchtiger Mann, nur leider krank.« »Was fehlt ihm denn?«

»Die Nerven, Herr Woitech«

»Ja, dann. Ja, dann aber erst recht! Sie können doch nicht einen Nervenkranken hier rumtoben lassen!«

Diese letzten Sätze berichtete Conrad Colledo dann später in seinem Dienstzimmer Daniel Ross nicht. Alles andere schon. Ross saß reglos und hörte ohne Widerspruch zu. Colledo rannte noch immer hin und her.

»Würde es dir sehr viel ausmachen, dich hinzusetzen, Conny?« fragte Ross heiser.

»Entschuldige.«

»Entschuldige du. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen.« Colledo ließ sich in den Stahlrohrsessel hinter seinem Stahlrohrschreibtisch mit dicker Glasplatte fallen. Der sehr große Raum war modern eingerichtet und hatte vier Fenster, die man des Airconditionings wegen nicht öffnen konnte. Die vier Fenster waren ein Statussymbol. Sie zeigten an, daß Colledo eine sehr hohe Position innerhalb der Hierarchie des Senders bekleidete. Es gab Drei-, Zwei- und eine Menge Ein-Fenster-Angestellte. Das Büro des Intendanten hatte sechs Fenster und war riesenhaft. »Du wirst dich also heute Abend entschuldigen, Danny«, sagte Colledo leise. Es klang wie eine Bitte.

»Natürlich«, sagte Ross, ohne den Kopf zu heben. »Ich tue alles. Es tut mir auch wirklich leid. «

»Und daß du danach nicht mehr vor eine Kamera darfst, verstehst du auch.«

»Verstehe ich auch. Ich habe sehr an Focus gehangen. Es war meine Sendung. Ich habe sie aufgebaut. Sechs Jahre lang hat mir dank dir niemand auch nur ein einziges Mal reingeredet.«

»Ja, aber jetzt ...«

»... ist Schluß. Klar. Völlig klar.« Ross fragte: »Und was geschieht mit mir?«

»Kinderstunde«, sagte Colledo erschöpft. Auch er zerrte seine Krawatte herunter und öffnete den Kragen.

»Was?«

»Natürlich nicht Kinderstunde!« Colledo schlug mit der Hand auf die Glasplatte. »Ich wollte damit sagen: etwas ähnlich Attraktives. Irgendeine absolut unwichtige Position in einer absolut unwichtigen Abteilung.«

»Es ist dir doch klar«, sagte Ross, während er den Freund endlich ansah, »daß ich mir das nicht leisten kann. Wegen der Kollegen in den anderen Sendern. Und aus Gründen der – verzeih das harte Wort – Selbstachtung. Ist dir das auch klar?«

»Natürlich.«