180 SEITEN! verkündete grellgelb das Titelblatt. Das Heft kostete drei Dollar, im Vereinigten Königreich ein Pfund fünfundsiebzig. Zum Bersten angefüllt waren dieses und die anderen Hefte mit den blutrünstigen Schilderungen von Söldnern im Einsatz an den verschiedensten Kriegsschauplätzen, ehren- und respektvollen Serien über besonders berühmte oder berüchtigte Söldner und mit genauen Lernanweisungen für die schnellsten, grausamsten und tollkühnsten Arten, Menschen zu töten. In anderen Artikeln benützten die Verfasser edelste Epitheta bei der hingerissenen Beschreibung neuer Waffen, darunter auch solcher, die jeder Privatmann sich leisten konnte (und sollte): phantastische Schnellfeuermaschinenpistolen, großkalibrige Neun-Millimeter-Pistolen, Handgranaten, Reizgasgeschosse und Kostbarkeiten wie die offiziell autorisierte Nachahmung des Stilettos der US Marine Raiders (geht durch Fleisch wie durch Sahne), begrenzte Anzahl weltweit zweieinhalbtausend Stück.
Das halbe Heft nahmen – zum Teil als grausige Meldungen getarnte – Inserate ein, in denen Söldner vieler Nationen nach eigenem Bekunden ihr Leben nur diesem Kampfhubschrauber, jenem Sturmpanzer oder gerade diesem Gewehr mit Nachtfernrohr verdankten. Viele Seiten sahen betont unauffällig aus. Söldner wurden hier von anonymen Interessenten gesucht, Söldner, die gerade beschäftigungslos waren, boten ihre Dienste an.
Da konnte man zum Beispiel lesen:
SÖLDNER ZU MIETEN. Für alles. Überall. Mord inbegriffen. Sie regen sich nicht auf, er begleicht die Rechnung. Arbeitet allein. In kürzester Zeit. Vertraulich. Hinterläßt keine Spuren. An: SKIPPER, POSTFACH 546455, SURFSIDE, FLORIDA 33154. Oder.
EX-MARINELEUTNANT. Vietnamveteran, Fallschirmjäger, sucht Arbeit. Bietet Personen- und Objektschutz. Sicherheit. Schnellste Hilfe. Geheime Bergungsoperationen. An: MALDONADO, POSTFACH 267, COLBY, KANSAS 67701.
Oder:
SUCHE JOB. Südostasien-Veteran 66-70, mit internationalen Einsätzen und entsprechenden Erfahrungen. Für. Ausbildung, Geiselnahme, Kampfeinsatz und Kurierdienst. Ab sofort. An: VGA, OSTFACH 309, SCHENECTADY, NY 12301.
Anwalt Morley hatte gefunden, was er suchte. Er sah sein Gegenüber an, lächelte sein Babylächeln und las laut vor: »NAMVET für hochriskante Jobs. Arbeite für Regierungen, Einzelpersonen oder Organisationen. Einwandfreie Beseitigung von Gegenständen und/oder Individuen garantiert. Tue alles. Überall. Sie sagen, was Sie brauchen. Ich erledige es. Spreche fließend Deutsch, Spanisch und Französisch. Auch militärische und politische Probleme. An: COPLAND, POSTFACH 41051, CHICAGO, ILLINOIS 60641.«
In der Küche begann der Wasserkessel zu pfeifen. Morley erhob sich, eilte zum Herd und stellte den Kessel auf eine andere Platte. Dann nahm er mit einem kleinen Löffel mehrere Portionen des »Highgrown Darjeeling« aus der Büchse, warf die schwarzen Teeblätter in die aufgeheizte Silberkanne und füllte diese sowie eine größere deckellose mit dem kochenden Wasser. Dabei sagte er: »Copland – das sind Sie, Mister Hyde, NAM-VET, Vietnamveteran. Und auf Sie fiel schlußendlich unsere Wahl. Wir müssen ihn ein wenig ziehen lassen. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß wir noch ein paar Ihrer Kollegen unter die Lupe genommen haben. Sie hatten den bei weitem besten Rekord. Ausschlag gaben Ihre Sprachkenntnisse. Ich habe erfahren, an welchen Operationen Sie schon beteiligt waren. Ich gestehe, manches mußte ich zweimal lesen. Allein, was Sie in Beirut taten. Bei dem Massaker im Lager Chatilla. daß Sie da lebend herausgekommen sind!«
»Glück«, sagte Hyde bescheiden. »Man nennt uns ja auch Glücksritten. Ja, da wir uns nun kennen gelernt haben, Sir – womit kann ich dienen? Wer sind meine Auftraggeber? Ich habe das Gefühl, daß es sich um Regierungen handelt.«
»Ihr Gefühl ist völlig richtig, Mister Hyde. Es handelt sich um die Regierungen der beiden mächtigsten Staaten der Erde.«
»Von denen bekomme ich gemeinsam einen Auftrag, verstehe ich das richtig?«
»Vollkommen richtig, Mister Hyde. Gräßlich, dieser Schnee. Hören Sie, wie der Sturm heult! Sehen Sie bloß durchs Fenster!«
Es war längst finster draußen. Schauer schlugen hart gegen die Scheiben. »Da bricht der ganze Verkehr zusammen. Zum Glück habe ich meine Wohnung im Hause. Ich denke, ich werde abends noch fernsehen. Eiskunstlauf. Also, ich liebe Eiskunstlauf! Kann ich stundenlang ansehen. Ja, Amerika und die Sowjetunion, wie gesagt.« Morley schob mehrere Hochglanzfotos über den Tisch. »Zunächst einmal geht es um diesen Mann. Er heißt heute Eduardo Olivera. Früher hieß er Georg Ross.«
»Wann früher?«
»Unter den Nazis. Bis neunzehnhundertfünfundvierzig. Das hier ist seine Stieftochter Mercedes Olivera, dreiunddreißig. Mutter seit sechsundsiebzig tot. Und das ist Daniel Ross, Sohn des Georg Ross. Lebt in Frankfurt am Main, Westdeutschland. Mercedes, die Stieftochter von Ross, hat den Sohn am sechzehnten Februar, also vor vier Tagen, nach Buenos Aires geholt. Sein Vater beabsichtigt, einen Videofilm an das Fernsehen zu verkaufen. Dieser Film darf niemals ausgestrahlt werden. Niemand darf von seinem Inhalt Kenntnis erhalten. Ich denke, jetzt hat er lange genug gezogen.« Morley eilte mit trippelnden Schritten in die winzige Küche und stellte die große und die kleine Kanne auf ein Silbertablett, das er in der Mitte des Schreibtisches placierte. »Zuerst bitte den Kandiszucker, lieber Mister Hyde! Ein, zwei Stück, wie es Ihnen beliebt. Da ist eine Zange. Immer zuerst den Zucker, dann den Tee. Halten Sie das Sieb! So ist es recht! Und nun, erlauben Sie ...« Morley goß die Tasse, die vor Hyde stand, fast voll. »Schütten Sie nur wenig heißes Wasser hinzu, der Muskatellergeschmack kommt in dieser Konzentration am lieblichsten zur Geltung ... « Er bereitete seinen Tee, nachdem er zuerst drei Stück Kandis in die Tasse gelegt hatte. »Ich habe einen süßen Zahn.«
»Warum darf niemand vom Inhalt des Films Kenntnis erhalten, Mister Morley?« Hyde rührte in seiner Tasse.
»Es wäre eine Katastrophe, Mister Hyde.« Morley setzte sich. »Für Amerika oder die Sowjetunion?«
»Vielleicht für beide.« Der Anwalt griff nach dem Recorder, in dem eine Kassette lag: »Hier ist ein heimlich aufgenommenes Gespräch dieser drei Personen in Oliveras Bibliothek in seinem Haus an der Cespedes tausendsechs im Stadtteil Palermo in Buenos Aires. Das Gespräch wurde sozusagen irrtümlich aufgenommen, von jemandem, der einen ganz anderen Auftrag hatte. Ich erkläre es Ihnen später. Die Abhöranlage muß zum Modernsten gehören, was es gibt. Mit Spezialkassetten. In Washington haben sie das Gespräch in komplizierter Weise auf diese normale Kassette überspielt. Wir hören uns das Gespräch am besten an, Mister Hyde. Danach werden sich viele Ihrer Fragen erübrigt haben.«
Der Anwalt drückte auf den Wiedergabeknopf. Es ertönte die Stimme Eduardo Oliveras: »... Du wirst jetzt, Daniel, einen Film sehen. Dieser Film spielt in Teheran, der Hauptstadt des heutigen Iran... «
...
Das Band war abgelaufen.
Anwalt Morley hatte noch einmal eine Kanne Tee aufgebrüht, die Tassen und das Sieb gewechselt, und während er servierte, sagte er: »Sie sind ein intelligenter Mensch, Mister Hyde. Sie haben die Sprecherstimme des Films – wirklich eine hervorragende Wahl, die Sie da mit dem ›Highgrown Darjeeling‹ getroffen haben! –, die Sprecherstimme des Films und die Kommentare der jungen Frau und Oliveras zu den einzelnen Punkten des beidseitigen Geheimprotokolls gehört. Wenn Sie das Protokoll nun auch nicht im ganzen kennen, so wissen Sie doch, worum es da geht.«
»Genau, Mister Morley.«
»Sie könnten – natürlich theoretisch – auch nur zu einem einzigen anderen Menschen ein einziges Wort darüber verlieren, Mister Hyde. Ich glaube, Sie sollten nicht mehr Wasser zum Verdünnen nehmen. Wegen des Muskatellergeschmacks. Dann wären Sie eine Stunde später ein toter Mann.«