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»Ich bin kein Idiot, Mister Morley. Mein Intelligenzquotient beträgt ...«

»Einhundertzweiunddreißig, ich weiß.«

»Woher? Ach so, Ihre Überprüfung.«

»Ich weiß alles über Sie, Mister Hyde. Über Ihre Gesundheit. Ihr Privatleben. Ihre bisherige Tätigkeit. Ihre Kinderkrankheiten. Sie waren doch in der Army. Von der erhielt der amerikanische Geheimdienst ganz schnell alles, was er noch nicht hatte. Der Rest kam von der Datenbank der Großen Zwei.«

»Die haben eine gemeinsame Datenbank? Das wußte ich nicht.«

»Sie haben sie erst seit fünf Jahren. Die Zeiten werden immer explosiver. Da müssen die beiden Supermächte Bescheid wissen, gemeinsam, über politische und militärische Planungen Dritter. Und über Menschen. Menschen sind gefährlicher als Atomsprengköpfe. Menschen sind das Gefährlichste, was es gibt. Um den Frieden zu erhalten, muß man über die Menschen Bescheid wissen. Nicht über alle. Über viele: Idealisten. Ideologen, Fanatiker. Friedenskämpfer. Militärs. Leute wie Sie. Hervorragend, der Tee, wie?«

»Hervorragend, ja. Wissen Sie, ich halte die Geschichte für eine Fälschung.«

»Ihr Intelligenzquotient, Mister Hyde!« Morley war entzückt. »Ihr IQ! Natürlich ist dieser Film eine Fälschung! Aber Sie sehen ja, man hält ihn für echt.« Er rührte in seiner Tasse. »Passen Sie auf: Neunzehnhundertneunundsiebzig, vor fünf Jahren, starb in Buenos Aires ein gewisser Paulo Klein. Deutscher Jude, die Eltern waren mit ihm vierunddreißig aus Deutschland emigriert. Sein Vater erbte ein großes Filmkopierwerk in Buenos Aires, das dann der Sohn geerbt hat. Als Paulo Klein schon ein halbes Jahr im Hospital Doctor Zubizareta lag – Magenkrebs, Metastasen überall –, da bat er die Ärzte, ihm einen Mann von der amerikanischen Gesandtschaft zu schicken. Kein hohes Tier. Einen kleinen, unauffälligen Mann. Also ging ein Sekretär hin. Maltravers hieß er. Timothy Maltravers. Und diesem Maltravers erzählte Klein, daß er fünf Jahre zuvor, im Juni zweiundsiebzig, einen alten Fünfunddreißig-Millimeter-Film von sechshundert Metern Länge heimlich auf drei Videokassetten umkopiert hätte. Für einen Freund ...«

»Wie heißt der Freund?« fragte Timothy Maltravers. Er war achtundzwanzig Jahre alt, mager und trug eine Brille mit starken Gläsern.

»Das werde ich Ihnen nicht sagen«, erklärte Paulo Klein, der gerade fünfundfünfzig Jahre alt geworden war. Er lag in einem Bett im letzten Zimmer an einem langen Gang auf der Krebsstation des Hospitals Doctor Zubizareta an der Avenida Lincoln. Klein war ein hochgewachsener, kräftiger Mann gewesen. Jetzt war er abgemagert bis auf die Knochen. Er sah aus wie ein Zehnjähriger. Sein Kopf vor allem wirkte winzig. Die Haut war fahlgelb. Er hatte Maltravers gleich, als dieser kam, gezeigt, wie sehr die Kobaltbestrahlungen seine Haut zerstört hatten.

Voll Grausen erblickte der junge Amerikaner einen violettschwarzen, tellergroßen, flachen Krater auf dem Bauch, als Klein die leichte Bettdecke hochhob. Gazestreifen lagen auf der verbrannten Haut. Es stank in dem kleinen Zimmer, dessen schmales Fenster in einen Lichthof hinausging. Es stank nach Kleins Krankheit. Das verbrannte Fleisch stank. Maltravers atmete durch den Mund.

»Ich stinke, nicht wahr?« fragte Klein. Winzig waren seine Pupillen. Er sprach mit heiserer Stimme. Stimmbänder und Kehlkopf waren bereits ebenfalls befallen.

»Aber nein ...«

»Aber ja, ich weiß es. Die verfluchten Bestrahlungen. Ich verfaule bei lebendigem Leib. Na, es wird nicht mehr lange dauern. Sie haben mich schon ins Sterbezimmer gelegt.«

»Was ist das für ein Unsinn!«

»Halten Sie ruhig Ihr Taschentuch vor die Nase. Das ist kein Unsinn. Diese kleinen Zimmer am Ende eines Ganges, das sind die Sterbezimmer. Hat mir eine Nachtschwester gesagt. Eine sehr dumme Nachtschwester. Aber so weiß ich es. Na los, Ihr Taschentuch! Das Fenster steht Tag und Nacht offen, doch der Geruch geht nicht weg ...«

Das war die Begrüßung gewesen.

Nun saß Maltravers auf einem Stuhl nahe dem Bett, hielt tatsächlich ein Taschentuch vor den Mund und fragte: »Wie heißt Ihr Freund?«

»Das werde ich Ihnen nicht sagen«, erklärte mit heiserer Stimme der zum Skelett abgemagerte Klein. »Ich werde Ihnen sagen, was auf dem Film drauf war ... drauf ist ...« Er erzählte es Maltravers. Dessen Gesicht blieb unbewegt.

»Eine Fälschung natürlich«, sagte er zuletzt. »Nein, der Film ist echt!«

»Ausgeschlossen.«

»Ah, Sie wissen selbstverständlich nichts von seiner Existenz, klar.« Klein hustete. »Von der Existenz wissen nur ein paar Leute im Kreml und in Washington. Widersprechen Sie mir nicht! Ich habe nur noch wenig Zeit. Und das Reden strengt mich an. Mein Freund ist Deutscher – wie ich. Ich meine: Wir waren es beide einmal. Meine Eltern stammten aus München. Da wurde ich geboren. Neunzehnhundertvierunddreißig flohen wir aus Deutschland. In Lissabon bekamen wir ein amerikanisches Einreisevisum. So war unser Leben gerettet. Und deshalb erzähle ich Ihnen, daß es Kopien dieses Geheimprotokolls gibt. Damit Ihr Land von dem Verrat weiß, der da dreiundvierzig begangen wurde.«

»Herr Klein, ich schwöre Ihnen, es gibt kein solches Geheimprotokoll.«

»Lieber Junge, was sind Sie? Sekretär an der Gesandtschaft. Sie ausgerechnet werden – nebbich – wissen, ob es so ein Geheimprotokoll gibt. Fangen Sie nicht wieder damit an! Hören Sie mir zu! Jede Minute zählt. Ich mache es nicht mehr lange.«

»Entschuldigen Sie, Herr Klein«, sagte Maltravers und drückte das Taschentuch fester an die Nase. Ich halte es auch nicht lange hier aus, dachte er. Der arme Hund. Aber dieser Geruch ... »Schon gut.« Husten. »Sehen Sie: Jener Mann, mein Freund, war einmal ein ganz großer Nazi. Hat er mir freimütig bekannt. Der Nazigeheimdienst kam Ende des Krieges in den Besitz einer Kopie dieses Films. Ein Amerikaner muß zum Verräter geworden sein und viel Geld genommen haben. Nein! Jedenfalls echt ist die Kopie! Ich finde das übrigens gar nicht so entsetzlich. Alle schreien jetzt doch immer, die beiden Großen müssen sich einigen. Na bitte sehr, sie haben sich geeinigt, schon dreiundvierzig. Wird es wenigstens niemals einen großen Atomkrieg geben.«

»Herr Klein ...«

»Nicht unterbrechen! Die Nazis bekamen den Film zu spät, um ihn noch in der Propaganda einsetzen zu können. Sie waren schon fast besiegt. Hätte ihnen kein Mensch in Deutschland, in den noch besetzten Gebieten, im neutralen Ausland geglaubt,

daß der Film echt ist. Fälschung! hätten alle geschrien.« »Er ist doch auch eine ... Entschuldigen Sie, Herr Klein.

Weiter, bitte!«

»Weiter ...« Der Mann auf dem Bett holte röchelnd Atem. »Also, im Krieg konnten die Nazis den Film nicht mehr einsetzen. Haben sie sich gesagt, gut, gehen wir zugrunde, aber die ganze Welt wird dem Nationalsozialismus gehören beim zweiten Anlauf. Hat mir mein Freund erklärt.«

»Zweiten Anlauf?«

»Ja, Mister Maltravers. Haben die Nazis meinen Freund bei Kriegsende mit dem Film herübergeschickt. Falsche Papiere, alles vorbereitet natürlich. Sollte er warten, bis Befehl kommt. Dann den Film vorführen. Internationalen Journalisten. Idee: Die Menschen lassen es sich nicht gefallen, daß sie jetzt Sklaven der Amerikaner oder der Sowjets sind, die Menschen erheben sich – die ganze Welt wird braun.« Klein hustete heftig. Er drehte dabei den Kopf zur Seite.

»Na, und warum hat Ihr Freund das nicht getan?« »Weil er ein anderer geworden ist.«

»Was ist er geworden?«

»Ein völlig anderer Mensch. Bald nach der Ankunft hier. Wußte vorher nichts von den Verbrechen der Nazis. War Idealist. Erfuhr jetzt die Wahrheit. War total erschüttert. Nervenzusammenbruch. Klinik. Wirklich! Habe ihn dreiundsiebzig kennengelernt, auf einer Gesellschaft. Wir sind ja zuerst nach New York geflohen, nicht wahr. Mein Vater hat ein Filmkopierwerk geerbt hier in der Stadt. No, sind wir heruntergekommen zweiundfünfzig. Sechzig habe ich die Eltern verloren. Beide in einem Jahr. Ich war sehr allein. Und dieser Mann, den ich da dreiundsiebzig kennen lernte, der gefiel mir. Ein Deutscher – wie ich. Ich hatte Heimweh nach Deutschland. Sie wissen ja, wir Juden ...«