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»Sie kennen einander seit sechs Jahren?«

»Ja. Sechs Jahre kennen wir uns. Er war damals längst ein anderer geworden. Sonst hätte ich mich doch nicht mit ihm befreunden können, nicht wahr? Ihnen ist übel, ich seh’s. Gehen Sie noch nicht! Wer weiß, ob ich morgen noch leb’.«

»Ich bleibe, so lange Sie wollen.«

»Danke, junger Mann. Gott soll Sie beschützen! Mein Freund hat seit vielen Jahren versucht, Wiedergutzumachen. Hat gespendet. An jüdische Organisationen. An Israel. An die Irrenhäuser dort. Wissen Sie, daß es in Israel im Verhältnis zur Größe des Landes mehr Irrenhäuser gibt als in irgendeinem anderen Land auf der Welt? Und dauernd müssen sie neue bauen. Alles überfüllt. Ältere Leute, alte Leute, die die Lager, den Holocaust überlebt haben. Depressionen, Psychosen, die schlimmsten seelischen Leiden – jetzt erst kommen sie heraus. No, und mein Freund hat gegeben und gegeben – ein Vermögen. Wie kann ich ihn da verraten?«

»Aber warum erzählen Sie mir das dann alles?« »Weil es doch so schlimm steht mit der Welt. So nah sind wir

vor einem Atomkrieg. Mein Freund hat den alten Film. Ich hab’ Angst, er zeigt ihn. Nicht als Nazi. Als einer, der den Menschen die Augen öffnet, der den Frieden retten will! Die ganze Welt soll herfallen über Amerika und die Sowjetunion. Und das will ich nicht. Ich will natürlich nicht den Atomkrieg, aber ich will auch nicht, daß die Menschen sagen, die Amerikaner sind Verbrecher. Nein, so kann ich nicht sterben, wenn ich mir vorstelle, daß sie das sagen. Amerikaner haben meinen Eltern und mir das Leben gerettet. Kann ich das vergessen? Haben mit den Sowjets und mit den Engländern die Nazis besiegt. Kann ich auch nicht vergessen. Bin in der Zwickmühle. Habe mir gesagt: Wenigstens wissen sollen es die Amerikaner und die Sowjets, daß einer Kopien von dem Film hat. Damit sie nicht unvorbereitet sind, wenn mein Freund die Kopien zeigt. Damit sie vorbauen können. Den Nachweis konstruieren, daß der Film von den Nazis gefälscht wurde.«

»Herrgott, er wurde ja ... «

»Tck, tck, tck. Nicht widersprechen! Film ist echt. Kopie auch. Hat mein Freund mir geschworen beim Leben seiner Tochter. Ich glaub’ ihm, wenn er so schwört. Würden Sie nicht? Sehen Sie!«

»Herr Klein, was ist mit dem Original geschehen, dem Fünfunddreißig-Millimeter-Film?«

Klein hustete wieder. »Guter Mensch ist er. Aber kann gefährlich sein für die Amerikaner. Und die Amerikaner sind auch gute Menschen. Haben so vielen Juden und anderen geholfen mit Visa in der großen Not ... großen Not ... « Klein spuckte plötzlich Blut. In weitem Bogen schoß es aus seinem Mund. Außer sich vor Entsetzen, stürzte Maltravers auf den Gang hinaus. »Einen Arzt!« schrie er. »Einen Arzt! Sofort einen Arzt!«

»Es hat noch drei Tage gedauert, bis er tot war, der arme Kerl«, sagte der beratende Anwalt Roger Morley. »Maltravers berichtete in der Gesandtschaft sofort, was Klein erzählt hatte. Sie nahmen die Sache ernst. Stunden später wußte man in Washington und Moskau Bescheid. Beim Begräbnis von Klein ein Haufen Agenten. Fotografierten alle Trauergäste. Die Identifizierung gelang bei allen. Ergebnis: Null. Keiner der Trauergäste auf dem jüdischen Friedhof kam als Kleins ›Freund‹ in Frage.«

»Folgerung: Der Mann ist nicht zum Begräbnis gekommen. Die Tochter auch nicht«, sagte Wayne Hyde.

»Richtig. Da fingen wir an, die Sache verflucht ernst zu nehmen.«

»Wir?«

Der Anwalt, der aussah, als wäre er einem Roman von Dickens entsprungen, lächelte. »Ich bin in die Lage gekommen, gewisse Stellen in Washington zu vertreten. Seither leite ich die kleine Organisation.«

»Was für eine Organisation?«

››Gleich. Sehen Sie, in Buenos Aires und Israel forschte man weiter. Niemand in der Zehnmillionenstadt hatte Geld für jüdische Irrenhäuser in Israel gespendet. Für Juden schon. Für Israel schon. Für alle möglichen Einrichtungen – nicht für Irrenhäuser. Also hatte der Freund Klein belogen. Weiter: Wir haben alle anderen Freunde Kleins nach einem solchen Mann befragt. Niemand kannte ihn. Also war es ein sehr vorsichtiger Freund; der nie zu Klein kam. Sie müssen sich im Haus des Freundes oder an einem dritten Ort getroffen haben.«

»Und Kleins Verwandte?«

»Hatte doch keine mehr. War nie verheiratet. Lebte allein. Wurde im Grab der Eltern beigesetzt. Und zweifellos hat er in seinem Loyalitätsdilemma dem jungen Maltravers die Wahrheit gesagt. Davon konnte man ausgehen.«

Konnte man? dachte der hagere, große Hyde mit dem wettergegerbten Gesicht. Wahrheit? Was ist Wahrheit?

»Sie müssen bedenken, mein Lieber«, sagte der Anwalt, »daß Amerika und die Sowjetunion sich wirklich in einer scheußlichen Lage befanden. Und befinden. Immer wahnsinniger werden ihre Rüstungsanstrengungen. Immer größer wird die Angst der Menschen. Immer stärker die Friedensbewegung. muß ich Ihnen ausmalen, was passiert, wenn der Film, den der arme Klein auf Video umkopiert hat, heute abend beispielsweise in der ganzen Welt von Fernsehsendern gezeigt wird? Einfach nicht auszudenken!«

»Warum? War doch eine Fälschung der Nazis für einen ganz anderen Zweck!«

»Das wissen Sie und ich und der Mann, der die Kopien hat. Die Millionen, die den Film heute abend zu sehen bekämen, wüßten es nicht. Natürlich würden Washington und Moskau sofort erklären, es handle sich um eine Fälschung. Na und? Die

Menschen würden es ihnen nicht glauben. Aber selbst wenn es welche gäbe, die es glauben, wo liegt der Unterschied? Was der Film zeigt, ist möglich, und darum würde er alle Menschen sehr nachdenklich machen. Auch die Sowjets und die Amerikaner. Mit anderen Worten Es spielt keine Rolle, daß der Film eine Fälschung ist. Nicht die geringste. Und darum darf er niemals gezeigt werden!

Darum haben Washington und Moskau ihre kleine Organisation ins Leben gerufen. Es ist eine. Hoffentlich-funktioniert-sie-Organisation.«

»Was soll das heißen?«

»Nun ja, alles, was wir wußten, war: In Buenos Aires wohnt ein ehemaliger deutscher Top-Nazi, der drei Videokopien dieses Films besitzt. Und eine Tochter. Paulo Klein, der arme Kerl, hatte die Befürchtung, daß der Unbekannte in diesen Zeiten des Overkills und der Überrüstung den Film an die Öffentlichkeit bringen würde. Wann? Konnte niemand sagen. Jeder Tag war möglich. Deshalb die Organisation. Sie beschränkte sich hauptsächlich auf Buenos Aires. Dort ging eine Gruppe von Männern nach meinen Weisungen jeder Spur, jeder Spur einer Spur nach. Achtete jahrelang auf das kleinste Zeichen, mit dem sich ein Mann unter zehn Millionen Menschen verdächtig machen konnte. Sie ahnen nicht, wie vielen tausend Spuren diese Leute nachgegangen sind. Alles umsonst. Überall blinder Alarm. Gleichzeitig erkannten die beiden Großen in dieser Zeit, in der man sie immer mehr und mehr fürchtet und haßt, daß es nötig war, Stellen zu errichten, an denen sie leicht Dinge erfuhren, die von beiderseitigem Interesse waren. Ist das klar?«

»Sonnenklar.«

»Solche Stellen sind zum Beispiel private Kliniken. Es gibt in ganz Europa – auch im Ostblock – Privatsanatorien, die angeblich mit dem Geld eines amerikanischen Millionärs namens Kingston gebaut wurden und die trotz ihrer hohen Kosten Gewinn bringen – im Gegensatz zu staatlichen Krankenhäusern. Diese sogenannten Kingston-Sanatorien dienen in erster Linie dazu, Auskünfte zu bekommen über die Meinungen und Absichten hoher Politiker und Militärs, aber auch von Persönlichkeiten des Geisteslebens, über ihren Gesundheitszustand, ihre Tätigkeit, ihre Geheimnisse. Die Sanatorien wurden daneben als Unterschlupf und Quartiere für Agenten eingerichtet, und andere Agenten – Ärzte, Laboranten, Pfleger – sind verantwortlich für das Funktionieren dieser Einrichtungen. Solch ein Institut und solch ein Agent befinden sich auch nahe Heiligenkreuz, einem kleinen Ort vor Wien. Wie alle Agenten in diesen Sanatorien wußte jener Mensch von der Sache mit dem Film. Seit Jahren. Nun, jetzt endlich haben wir Glück gehabt.« Morley klopfte mit einem Finger auf das Foto von Daniel Ross. »Der Sohn!«