»Was, der Sohn?«
»Olivera schickte seine Tochter nach Europa, um den Sohn zu holen. Der ist beim Fernsehen.«
Hyde pfiff durch die Zähne.
»Das heißt, er ist nicht mehr beim Fernsehen, da ist er rausgeflogen. Er ist medikamentensüchtig. Kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Hängt an einer alten Liebe, die ihm schon ein paar Mal geholfen hat, einer gewissen Frau Dozentin Sibylle Mannholz. Die arbeitet im Sanatorium Kingston bei Heiligenkreuz. Daniel Ross rief sie an, weil er ihre Hilfe brauchte, um den Flug nach Buenos Aires zu überstehen, bevor er sich bei ihr behandeln läßt.«
»Das wissen Sie alles von dieser Frau Doktor Mannholz?« Morley lachte. »Nein, von ihrem Oberarzt. Der ist unser Agent. Hörte das Gespräch mit.«
»Und diese Mannholz hatte nichts dagegen?«››Nein.« »Wieso nicht?«
»Das hat seine Gründe«, sagte Morley. »Oh«, sagte Hyde. »Der Sohn und die Stieftochter wurden schon auf dem Flug
nach Argentinien beschattet. Dann kriegten wir heraus, wo der Vater wohnt und wie er heißt. Aber etwas ganz Verrücktes kam uns noch zu Hilfe. Olivera wurde abgehört. Wie wir heute wissen, im Auftrag der gestürzten Militärjunta. Unsere jungen Freunde in Buenos Aires erbeuteten drei mitgeschnittene Kassetten, die nach Washington geschickt und auf normale Kassetten überspielt wurden. Zwei von ihnen geben Gespräche mit Politikern wieder. Die dritte, auf der sich Olivera mit seinem Gast aus Europa unterhielt, diese dritte Kassette haben Sie eben gehört. Jetzt sind Sie an der Reihe, Mister Hyde. Wie ist es mit Waffen, Schutz, Papieren, Verstecken und so weiter in anderen Ländern?«
»Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen«, sagte der Söldner. »Solche wie mich gibt es überall. Wir haben auch unser Netz. Ich kann doch zum Beispiel mit einer Waffe nicht fliegen. Also bekomme ich in jedem Land genau das, was ich brauche.«
»Gut, das ist also alles Ihre Sache.«
»Wäre noch die Bezahlung.«
Morley lachte. »Richtig. Fast vergessen. Wieviel?« »Fünf Millionen Dollar auf ein Schweizer Nummernkonto.« »Ist das nicht ein wenig ... «
Hyde erhob sich. »Danke für den Tee. War nett, Sie kennengelernt zu haben.«
»Bleiben Sie doch sitzen, verflixt! Fünf Millionen. Gut. Sie riskieren schließlich nicht nur einmal Ihr Leben.«
»Die Hälfte wird gleich überwiesen. Die andere Hälfte, wenn ich mich aus dem Spiel zurückziehe.« Hyde hob die Stimme. »Und zwar unabhängig davon, ob es mir gelungen ist, alle Ihre Wünsche zu erfüllen. Ich versuche alles zu erledigen, wie vorgesehen. Kann aber sein, es kommt ein Punkt, wo ich noch nicht alles erledigt habe, Sie jedoch der Ansicht sind, daß die Partie verloren ist und ich mich zurückziehen soll. In beiden Fällen wird die zweite Hälfte fällig. Wenn Sie nicht bezahlen ...«
»Nicht!« sagte Morley und sah beschämt auf seine blanken Schuhe.
»Was nicht?«
»Nicht drohen, bitte! Ich verstehe Ihre Forderung. Sie gehen ein enormes Risiko ein. Das müssen wir auch tun.« Morley gab Hyde drei große Kuverts. »Hier ist alles an Unterlagen, was wir über die drei – Olivera, Sohn und Stieftochter – herausgebracht haben. Kleine Dinge, große Dinge. Sie haben den perfekten Eindruck. Lesen Sie alles, bis Sie es auswendig können, dann vernichten Sie die Papiere, bevor Sie London verlassen!«
Hyde schob ihm einen Zettel hin. »Das ist die Nummer des Kontos bei der Schweizer Bankgesellschaft in Zürich. Ich rufe übermorgen vormittag dort an. Wenn die zweieinhalb Millionen noch nicht auf dem Konto liegen, fliege ich nach Chicago zurück.«
»Sie werden auf dem Konto liegen«, versprach Morley. Er öffnete die Schreibtischschublade und entnahm ihr einen Gegenstand in einem Kunststoffgehäuse, der aussah wie ein glatter elektrischer Rasierapparat.
»Was ist das?« fragte Hyde.
»Das ist ein Taschendecoder«, sagte der rosige Anwalt. »Man kann so einen Decoder beispielsweise auch dazu verwenden, in einem Ferienhaus die Heizung anzustellen.« Er stand auf. »Kommen Sie her!« Morley trat vor einen flachen grauen Kasten, der auf einem Tischchen stand. »Und das hier«, sagte er, »ist ein Telefonbeantworter. Für meine Geheimnummer, die ich Ihnen hier gebe.« Er reichte Hyde eine Karte. »Auswendig lernen und Karte vernichten!« Hyde nickte.
»Schauen Sie her!« Morley verschob den Kasten, die Rückseite wurde sichtbar. »Hier hinten befinden sich drei Drehschalter, denen Sie jeden beliebig in fünf Positionen verstellen können. Tun Sie es einmal! Aber nicht zwei gleiche Positionen nebeneinander!«
Hyde drehte die drei Schalter auf Positionen zwischen eins und fünf.
»Gut«, sagte Morley. »Jetzt öffnen Sie Ihren Decoder! Gegen die Mitte drücken, dann zerfällt er in zwei Hälften.«
Hyde drückte. Der Decoder zerfiel in zwei Hälften. Die eine hatte, nur kleiner, drei Schalter, die denen an der Rückseite des Telefonbeantworters glichen.
Stellen Sie die Schalter auf die gleichen Positionen wie die am Beantworter!«
Hyde folgte.
»Schließen Sie den Decoder! So.«
»Und nun?«
»Und nun«, sagte Roger Morley, »wäre alles bereit. Der Decoder wird von einer Fünfzehn-Volt-Batterie gespeist. Sie können jetzt nach Tokio fliegen, nach Johannesburg, nach Rio de Janeiro – einfach überall hin in der Welt. Wenn Sie, was wohl häufig der Fall sein wird, mit mir in Verbindung treten wollen, gehen Sie zu irgendeinem Telefon, wählen die Geheimnummer und halten den Decoder mit dem schwarzen Oberteil vor das Mikrofon des Telefonhörers. Zuerst kommt mein Meldetext. Dann kommt ein Pfeifton. Daraufhin drücken Sie diesen schwarzen Knopf Ihres Decoders. Jetzt werden drei – je nach Codierung verschiedene – Töne des Decoders hörbar, die mein Beantworter wiedererkennt, denn er ist ja genauso programmiert. Damit haben Sie mein Gerät aufnahmebereit für Ihre Mitteilung, die – und jetzt staunen Sie! – auf keinen Fall mitgehört werden kann.«
»Sie meinen ...«
»Jawohl, Mister Hyde! Mein Gerät hat natürlich einen Zerhacker. Ihr kleiner Decoder – und das ist das Schöne! – hat auch einen. Vor einem Jahr auf den Markt gekommen. Wunder der Technik, wie?«
»Ja«, sagte Hyde.
»Großartige Sache!« schwärmte Morley. »Ich meine, Sie müssen doch einfach von überall mit mir sprechen können. Da ist so ein winziger Zerhacker im Decoder doch Gold wert.«
»Pures Gold«, sagte Hyde.
»Sie können mir alles sagen, was Sie auf dem Herzen haben, und ich höre es mir dann an. Das geht aber auch umgekehrt: Ich habe eine Botschaft für Sie. Okay, ich spreche auf das Aufnahmeband. Sie rufen die Geheimnummer, halten Ihren Decoder ans Telefonmikrofon, hier in London läuft das Aufnahmeband zurück, nachdem der Decoder im Gerät das gleiche Signal erkannt hat, und Sie können von jeder Stelle der Welt aus abfragen, was ich auf das Band gesprochen habe. Natürlich lassen sich die Schalter, wenn wir wollen, jederzeit anders einstellen – nur immer in den gleichen Positionen.« Er klopfte auf den Kasten. »Ich sagte schon, ich wohne im Hause. Bin praktisch immer in der Nähe des Apparats, solange der Fall läuft. Ich denke, das wäre alles.«
»Wo sind Daniel Ross und Mercedes Olivera jetzt?« Der Anwalt sah auf eine altmodische Taschenuhr, die er aus
der Westentasche holte und deren Deckel aufschnappte. »Jetzt ist es neunzehn Uhr dreißig. In Buenos Aires ist es erst sechzehn Uhr dreißig. Zwischen London-Greenwich-Time und drüben sind nur drei Stunden Unterschied. Zwischen dem Kontinent und drüben sind es vier Stunden. Ross und Mercedes fliegen heute um zwanzig Uhr Buenos-Aires-Zeit mit einem Jumbo der AEROLINEAS ARGENTINAS von Ezeiza ab. Das sind meine letzten Informationen. Sie kommen morgen um siebzehn Uhr fünfundzwanzig mitteleuropäischer Zeit in Frankfurt an. Ross muß dringend in das Sanatorium bei Heiligenkreuz. Hier ist ein Zettel mit dem Namen der Ärztin und des Arztes, der Anschrift und der Telefonnummer der Klinik. Dieser Arzt Herdegen kann Ihr volles Vertrauen haben. Er wird Ihnen alles erklären, was Sie wissen müssen.«