Daniel stöhnte leise.
Mercedes sah ihn erschrocken an. »Schlimm?« »Ja«, sagte er. »Sehr.«
»Die Tropfen!« Sie stand schnell auf und sagte zu einer vorbeieilenden Stewardeß: »Ein Glas Wasser, bitte!«
»Sofort, Madam!«
Mercedes nahm aus der Gepäckablage über den Sitzen eine rote Reisetasche mit dem Aufdruck der Fluggesellschaft, öffnete den Reißverschluß und suchte nach dem Fläschchen mit den Tropfen. Dabei holte sie zwei Videokassetten aus der Tasche, die sie in der linken Hand hielt, während sie weiterkramte.
Sechs Reihen hinter ihr saß in der mittleren Sektion ein junger Mann, der sie genau beobachtete. Er war sehr groß und sehr schlank, sein Gesicht war braungebrannt, und er trug eine randlose Brille. Der junge Mann beobachtete Mercedes und Daniel schon, seit sie mit Olivera in der Flughafenhalle von Ezeiza angekommen waren. Nichts regte sich in seinem Gesicht, als er die beiden Videokassetten sah.
Mercedes hatte das Fläschchen gefunden. Sie legte die Kassetten wieder in die Tasche, verschloß sie und stellte sie in die Gepäckablage.
Der Priester links von Daniel las in seinem Brevier. Ab und zu seufzte er tief. Die Stewardeß kam mit einem Tablett, auf dem ein Glas voll Wasser stand. Mercedes dankte. Sie ließ zwanzig Tropfen in das Wasser fallen. Ross trank das Glas leer und lehnte sich zurück. Mercedes wischte ihm mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.
»Halte durch, Danny! Bitte, bitte, halte durch!« »Ja, Mercedes.« Er nickte und strich über ihre Hand. »Und eine Mega-Nuke auf die große Cruise-Missile-Stellung
hinter Baden-Baden«, sagte Junior. Er lachte. Ein fröhliches Kind.
Daniel ertrug dieses Spiel nicht mehr. Er nahm die Kopfhörer aus der Tasche vor seinem Sitz und streifte sie über die Ohren. Der Plastikbügel, ein schmaler Halbreif, verlief unter seinem Kinn. Er hörte Opernmusik. Am vorderen Ende der linken Sitzlehne befand sich ein Drehschalter. Daniel, der sich bemühte, tief durchzuatmen, um die imaginären Luftblasen in seiner Brust ertragen zu können, drehte den Schalter. Aus den Kopfhörern erklang eine Melodie von Cole Porter. Daniel drehte den Schalter weiter und saß dann reglos. Er hörte die vibrierende, tiefe Stimme von Marlene Dietrich: »... käm’ ich in Verlegenheit ...«
»Mercedes!«
Sie sah ihn entsetzt an. Er reichte ihr die Kopfhörer, die vor ihrem Sitz hingen, gleichzeitig stellte er den Schalter an ihrer Lehne in die gleiche Position wie seinen. Mercedes setzte die Kopfhörer auf. Im nächsten Augenblick wurden ihre Augen riesengroß.
»... was ich mir denn wünschen sollte ...« sang die Dietrich. Ein Klavier. Ein Saxophon. Geigen.
Daniel hob einen Hörer vom Ohr, Mercedes desgleichen. »Unheimlich, Mercedes, wie?«
Sie schluckte und nickte. Sie konnte nicht sprechen. »Als du das erste Mal bei mir anriefst ... vom Flughafen
Kloten ... aus der Bar ...«
»Ja«, sagte sie. »Und jetzt wieder. Unheimlich. Das alte Lied ...«
»... eine schlimme oder gute Zeit...« sang die Dietrich. »Aber es war doch euer Lied«, sagte Mercedes. »Wieso hören
wir es? Und schon wieder?«
»Vielleicht will das Lied zu uns«, sagte Daniel. »... wenn ich mir was wünschen dürfte, möchte’ ich etwas
glücklich sein ...«
»Aber du liebst doch noch immer Sibylle ...« Ihre Stimme war nur ein Flüstern.
Er legte einen Arm um sie. Plötzlich waren Angst und Beklemmung verschwunden, plötzlich ging es ihm wieder gut. Er zog sie an sich und preßte seine Lippen auf die ihren, die weich und warm waren. Sie legte beide Arme um ihn.
»... denn wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein«, sang Marlene Dietrich. Das Orchester wurde laut und brachte das Lied zu Ende. Der Kuß dauerte noch immer. Ein neues altes Lied begann: »Charmaine«.
Mercedes löste sich von Daniel. Beide sahen ihre Gesichter winzig klein in den Augen des anderen, denn das Licht der untergehenden Sonne fiel auf sie. Dann lehnten sie sich wieder in ihre Sitze zurück, hielten sich an der Hand, sehr fest, und sahen einander unverwandt an. Aus den Kopfhörern ertönte die wehmütige, schöne Melodie. Die Maschine flog das Bett eines Stromes entlang, der durch den Urwald floß. Im Dunkelgrün des Dschungels sah das Wasser rötlich und lehmig aus. Es war ein sehr großer Strom, und es gab viele Inseln in ihm.
Die Tropfen machten Daniel ruhig und benommen. Er hielt die Augen geschlossen.
Goebbels hat meinem Vater Zyankali gegeben, dachte er. Zwanzig Kapseln. Im Bunker der Reichskanzlei, wo Hitler und sein Stab seit dem 16. Januar 1945 hausten. Vergebens mühte man sich von dort aus, die zusammenbrechenden Fronten neu aufzubauen. Goebbels hatte seine ganze Familie in den Bunker mitgebracht, Hitler Eva Braun. Militärs waren hier eingezogen. Funkanlagen und Fernschreibverbindungen funktionierten teilweise noch. Am späten Abend des 7. April erschien Georg Ross, von Goebbels gerufen, in dem gewaltigen, bombensicheren letzten Befehlsstand des Dritten Reichs. Auf allen Gängen und vor allen Türen zu den einzelnen Trakten standen SS-Männer, Waffe im Anschlag. Um in den Bunker überhaupt hineinzugelangen, hatte Ross fast eine Stunde gebraucht. In einem schmalen Vorzimmer zu den Privaträumen traf er dann mit dem Reichspropagandaminister zusammen. Goebbels sah zu Tode erschöpft aus.
»Hier, Ross.« Er gab Daniels Vater einen kleinen Koffer mit Nummernschlössern. »Die Filmtrommel ist gut verpackt.« Er zeigte sie Ross. Dann schloß er den Kofferdeckel wieder. »Wählen Sie eine vierstellige Zahl, die Sie sich merken können, und sperren Sie ab.« Ross wählte Dora Holms Geburtstag, den
3.7.17.
Danach holte Goebbels ein Autogrammfoto Hitlers aus der Tasche und zerriß es langsam und umständlich in zwei Teile, so daß die Trennstellen besonders bizarr geformt waren.
»Die eine Hälfte ist für Sie. Wer immer in Buenos Aires mit Ihnen Kontakt aufnehmen wird, muß die zweite Hälfte besitzen«, sagte der kleine Mann mit dem Klumpfuß. Endlich gab er Ross ein Glasfläschchen voll Zyankalikapseln. »Für alle Fälle«, sagte er. »Das hält ewig. Sofern Sie im Notfall Zeit genug haben, brechen Sie besser eine Kapsel auf und lösen das Zyankali in Wasser. Sie machen es sich dann leichter. Wenn Sie die Kapsel zerbeißen müssen, verätzt das Zeug Ihre Kehle. In beiden Fällen ist jedoch in spätestens einer halben Minute alles vorbei.« Von nebenan hörte Ross Goebbels’ Kinder lachen. Es war eine ruhige Nacht. Amerikaner und Engländer griffen die Stadt seit zwei Tagen nicht mehr an, um die sowjetischen Operationen nicht zu stören. Am 25. April sollte Berlin von der Roten Armee eingeschlossen sein.
Ross steckte die kleine Glasphiole mit den Giftkapseln in eine Innentasche seiner Jacke.
Neununddreißig Jahre später nahm er sie, am Pool seines Hauses in Buenos Aires sitzend, aus der Brusttasche des Hemdes. »Da sind die Kapseln«, sagte er.
»Du hast das Zeug immer noch?«
»Ja, Daniel.«
»Aber warum?«
»Man kann nie wissen«, sagte der Mann, der sich nun schon seit neununddreißig Jahren Eduardo Olivera nannte.
Perfekt gefälschte Papiere auf diesen Namen trug er in jener Nacht vom 7. zum 8. April 1945 bereits bei sich. Er hatte sie am Nachmittag im Keller des nach Südtirol verlagerten Auswärtigen Amtes erhalten, in dem einige Männer von Ribbentrops Geheimdienst zurückgeblieben waren.
»Brauchen Sie noch etwas, Ross?« fragte Goebbels. »Nein, ich habe alles, Herr Minister.«
»Sie müssen unbedingt noch heute nacht weg. Jede Stunde kann der sowjetische Durchbruch erfolgen.« Er gab Ross die schlaffe Hand. »Alles Gute, mein Lieber! Mir brauchen Sie das nicht zu wünschen.« Seine Lippen verzogen sich. »Hüten Sie den Film! Er wird die Welt verändern.« Noch mehr verzogen sich die Lippen. »Und wenn er es nicht tut« – Goebbels zuckte mit den Achseln – »dann sind Sie wenigstens mit dem Leben davongekommen.«