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Ein kleines blondhaariges Mädchen stürzte weinend in den Raum. Das kleine Mädchen trug eine Puppe, die es anklagend empor hielt.

»Vati, Vati, Hans hat der Tine den Arm ausgekugelt!« »Na, so was! Nicht weinen! Ich mache dir Tine gleich wieder

heil!«

Goebbels schlug Ross auf die Schulter und hinkte ohne ein weiteres Wort aus dem winzigen Bunkerraum. Von fern hörte Ross eine sehr betrunkene Frau und einen sehr betrunkenen Mann singen.

»Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei ...« Kurz vor drei Uhr früh traf am 8 . April 1945 ein

graugestrichener Wagen der Waffen-SS auf dem Nachtjägerflughafen südlich von Berlin ein. Nirgends brannte Licht. Die Scheinwerfer des Wagens trugen Verdunklungsscheiben aus schwarzem Bakelit, in die schmale Schlitze geschnitten waren. Von den drei Startbahnen des Flughafens waren zwei total zerbombt, die dritte hatte man notdürftig instand gesetzt. Eine Maschine vom Typ JU 52 der Deutschen Luftwaffe wartete am Ende dieser Piste. Über den von den Trümmern des Hauptgebäudes freigeräumten Weg fuhr der Wagen holpernd und langsam – das Feld war voller Bombentrichter – bis nahe an die Maschine heran.

Ross stieg aus. Er trug einen gefütterten Regenmantel und einen breitkrempigen Hut. Der SS-Mann, der gefahren war, und der Funker der JU 52 halfen ihm mit seinem Gepäck, zwei schweren Koffern. Sie schleppten sie in die Maschine. Den dritten, kleinen Koffer, den Goebbels ihm gegeben hatte, behielt Ross in der Hand. Die Nacht war klar. Ununterbrochen ertönte bald lauter, bald leiser der Lärm von Artilleriefeuer. Das bleiche Licht des Vollmonds ließ alles wesenlos und unwirklich erscheinen. Menschen, Ruinen, das Flugzeug.

Niemand sprach ein Wort. Der SS-Mann ging zu seinem Wagen zurück, Ross stieg in die Maschine, der Funker verschwand in er Pilotenkanzel. Die Motoren sprangen an. Minuten später kurvte die JU 52 bereits über Berlin. Ross sah in die Tiefe. Er erblickte eine alptraumhafte Trümmerstätte. Plötzlich empfand das warme Gefühl des Glücks. Er wurde ausgeflogen. Er kam mit dem Leben davon. Das Gefühl überwältigte ihn. Er lehnte sich zurück, atmete tief und spürte, wie die Phiole mit den Zyankalikapseln gegen seine Brust drückte. In diesem Bunker werden nun bald viele Gift nehmen, dachte er. Mich hat Goebbels ausersehen zu einer gewaltigen Mission. Ich werde tun, was ich kann. Aber das Wichtigste ist nicht die Mission. Das Wichtigste ist das Leben. Und ich werde meines behalten.

Es begann hell zu werden, als die JU 52 auf der einzigen noch intakten Startbahn des gleichfalls fast völlig zerstörten Flugplatzes von Bergen landete. Der wichtigste Hafen an der norwegischen Westküste und die traditionsreiche Stadt sollten die erste Station auf Ross' großer Reise sein. Beim Anflug hatte Ross gesehen, daß das Zentrum Bergens von Bränden und Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben war.

Die Maschine kam zum Stehen. Ein stumpfgrün gestrichener Mercedes rollte auf sie zu. Auch hier saß ein SS-Mann am Steuer. Er hob lässig den rechten Arm. Dasselbe tat Ross. Gesprochen wurde nicht. Der Funker half wieder beim Gepäck.

Die beiden Piloten ließen sich nicht sehen. Gleich darauf fuhr Ross durch die trostlosen Schutt- und Trümmerberge – der Randbezirke über mühselig freigeschaufelte Wege zum Hafen hinunter. Hier war es eisig kalt. Ross fror. Bergen lag auf einer flachen Halbinsel und wurde von hohen Bergen eingeschlossen. Die Hafenarme waren labyrinthartig verzweigt. Ross sah es, als sie dem Wasser nun näher kamen.

Die Gegend wurde immer trister. Hier waren viele Anlagen zerbombt. Der Fahrer ging auf Schrittgeschwindigkeit herunter. Dann tauchte eine riesenhafte Betonwand vor ihnen auf. Viele Meter hoch war sie und endlos lang. Eisnebel verwandelte alles zu einem unheimlichen Gespensterland.

Der Fahrer hielt.

»Was ist los?« fragte Ross.

»Straße im Arsch, sehen Sie doch. Wir müssen zu Fuß gehen bis zum Bunker.«

Sie stiegen aus. Fauchender Sturm warf Ross fast um. Mit dem Fahrer schleppte er sein Gepäck durch diese Mondlandschaft. Außer Atem erreichten sie den schmalen Eingang zu dem grauen Betonbunker. Hier standen zwei Männer der Feldpolizei. Ihre Gesichter waren blaugefroren.

»Ich werde erwartet«, sagte Ross. »›U Swinemünde‹«. »Parole?«

»›Kehre wieder, Morgenröte‹«, schrie Ross. Der Sturm war hier sehr stark, er riß ihm die Worte vom Mund fort.

»Moment.« Der eine Soldat nahm den Hörer eines Telefons, das in einer Lederhülle neben ihm an der Wand hing, drehte eine Kurbel und brüllte in den Apparat: »Der siebente Mann ist jetzt da ... Ja ... In Ordnung.« Er klinkte den Hörer ein und schrie

Ross zu: »Kommen gleich welche, die holen Ihre Koffer. Der Kaleu kommt auch. Warten Sie!«

Ross nickte. Sein Gesicht brannte, aus seinen Augen rannen Tränen. Der Fahrer neben ihm fluchte. Nach einigen Minuten erschienen zwei junge Männer in pelzgefütterten Uniformwesten. Sie nickten Ross zu und nahmen die beiden schweren Koffer, mit denen sie wieder verschwanden. Der Fahrer tippte lässig an seine Kappe und ging. Aus dem Eingang des Bunkers trat ein junger Mann in der Uniform eines Kapitänleutnants. Er war hager, mittelgroß, und sein Gesicht war von Falten und Furchen durchzogen. Er zog Ross in den Bunker hinein.

Nach dem Toben des Sturms draußen herrschte in der gigantischen Halle – so schien es Ross – Totenstille. Er sah sich um. In Schwimmdocks lagen vier U-Boote, drei waren stark beschädigt. Zwei weitere Boote befanden sich auf Trockendocks am unteren Ende des riesigen Bunkers. Dort erblickte Ross auch mächtige Werkstätten. Es wurde noch nicht gearbeitet.

»Herr Eduardo Olivera?« Der Kapitänleutnant trug einen grauen Rollkragenpullover unter der Uniformjacke.

»Ja.« Sie schüttelten einander die Hand.

»Ich heiße Jonson«, sagte der Kapitänleutnant. »Wir haben auf Sie gewartet. Kommen Sie! Wir müssen abhauen.«

Ihre Stimmen hallten. Ross folgte Jonson über schwingende Stahlplatten in den Bunker hinein. Es stank nach Öl und ausgeglühtem Metall.

»Vorsicht!« sagte Jonson. Ross nickte. Er sah nach oben. Der Bunker war hoch. Jonson bemerkte den Blick. »Sieben Meter dick die Decke«, sagte er. »Stahlbeton. Hat bis jetzt auch die größte Bombe nicht durchschlagen können.« Nun gingen sie über Betonrampen. Dann kamen wieder Stahlplatten. Da lag ››U Swinemünde«. Olivera starrte das Boot an. Die zwei Männer, welche die Koffer geschleppt hatten, standen auf dem schmalen, glatten Deck neben dem Turm.

Ross erinnerte sich an die Erklärung, die Goebbels ihm vor Wochen in Berlin gegeben hatte: »›U Swinemünde‹ wird Sie hinüberfahren. Das ist ein Fernfracht-U-Boot. Es hat in den letzten Jahren wertvolle Ladungen nach Japan gebracht und wertvolle Ladungen zurück. Erze zum Beispiel. Nicht für Torpedos gebaut. Hat nur das übliche Deckgeschütz.« Olivera wußte: Die gesamte Besatzung bestand aus Freiwilligen, den Kommandanten eingeschlossen. Das hatte Goebbels ihm auch erzählt. Es war eine Mannschaft, die sich aus Besatzungsmitgliedern verschiedener anderer U-Boote zusammensetzte.

»Nur erstklassige Leute«, hatte Goebbels gesagt. »Noch einmal und noch einmal durchleuchtet. Haben alle Angehörigen verloren. Wollen nicht in die Heimat zurück. Versprechen sich drüben ein besseres Leben. Wissen, daß sie unter Umständen eingesperrt werden. Kennen alle Risiken, wenn sie unterwegs aufgebracht werden. Fahren noch sechs andere Zivilisten mit. Jeder hat seine Mission ...«

Die beiden Besatzungsmitglieder, die auf Deck standen, traten vor. Sie halfen Olivera an Bord. Er war unsicher und fürchtete, in das verdreckte Wasser des Bunkers zu stürzen. Den Koffer mit der Filmtrommel hielt er eisern fest.

»Sie müssen die Leiter am Turm raufklettern und durch die Luke ins Boot rein. Gibt keinen anderen Weg«, sagte der Kommandant, Kapitänleutnant Jonson.

Olivera kletterte die Leiter hoch. Den Koffer gab er einem der Männer, die ihm folgten. Schwankend erreichte Olivera die Luke, verschwand in ihr, kletterte die Sprossen an der Innenseite hinab – und rang nach Luft. Seine schlimmsten Träume hatten ihn nicht darauf vorbereitet, daß es so aussah in einem U-Boot: So eng. So beklemmend. So unheimlich. Überall erblickte er Apparate, Maschinen und Armaturenbretter mit einer Unmenge von Anzeigern unter Glas. Allmächtiger! dachte er.