Выбрать главу

»Gehen Sie!« sagte der Mann, der auf der Sprossenleiter des Turms über ihm stand. »Ich trage Ihren Koffer. Sie müssen zu den Kojen. Durch die Schotten.« Ross machte einen tastenden Schritt, dann noch einen, einen dritten. Das erste Schott. Er stieg durch. Schwaches Licht brannte im Boot. Männer in Jacken, Pullovern, Unterhosen preßten sich an ihm vorbei. Eng. Eng. Eng. Beklommenheit überkam Olivera, wurde größer, immer größer. Der Mann mit seinem Koffer stieß ihn an. Weiter! Das nächste Schott. Dann war Ross in einem Raum mit schmalen Bettenkojen, immer zwei übereinander, zu beiden Seiten. Auf sechs dieser jämmerlichen Pritschen, oben und unten, saßen sechs Zivilisten.

»Morgen«, sagte Ross.

Die sechs starrten ihn an. Keiner antwortete. Der Maat mit dem Koffer sagte: »Da oben, das ist Ihre Koje.«

Er wuchtete den Koffer mit der Filmrolle hinauf und schwang sich durch das offene Schott zurück nach vorne. Olivera sah, daß man seine großen Koffer bereits mit zahlreichen anderen unter die Kojen geschoben hatte. Er zog den Mantel aus, wußte nicht, wohin mit ihm und seinem Hut, warf beides auf die Koje und kletterte nach oben. Die sechs Männer sahen ihm dabei zu. Olivera legte sich auf das schmale Bett und starrte die Stahlwand direkt über sich an. Unten eilten Matrosen hin und her. Er hörte Befehle und Rufe. Offenbar wurde das Boot zum Auslaufen fertiggemacht. Kein Mensch kümmerte sich um die sieben Zivilisten. Keiner von ihnen sprach. Es waren außerordentlich schweigsame Herren.

Eine halbe Stunde später sprangen die Dieselmotoren an. Olivera fühlte, wie sich das Boot langsam in Bewegung setzte. Da war es 6 Uhr 35 am 8. April. Olivera fiel der Satz eines britischen Klassikers ein, aber nicht dessen Name: »Hell must be a place like London.« Er dachte: Die Hölle muß ein Ort wie der hier sein. Zu diesem Zeitpunkt ahnte er noch nicht, daß er in dieser Hölle die nächsten sechsundsiebzig Tage und sechsundsiebzig Nächte bis zum frühen Morgen des 23. Juni 1945 verbringen sollte.

Tagsüber fährt das Boot unter Wasser, um Treibstoff zu sparen. Es fährt deshalb auch nicht sehr schnell. Nur nachts taucht es auf. Die E-Maschinen müssen geladen werden. Nachts können sie alle für ein paar Stunden dem Mief des Bootsinnern entkommen und frische Luft schöpfen. Sechsundsiebzig Tage und sechsundsiebzig Nächte. Das ist selbst für alte U-Boot-Fahrer fast zuviel. Die sieben schweigsamen Zivilisten, die noch nie zuvor auch nur fünf Minuten in einem U-Boot zugebracht haben, kämpfen um das nackte Überleben. Sie werden seekrank. Was sie essen, erbrechen sie sofort wieder. Dann erbrechen sie, ohne etwas zu essen, schon wenn sie Essen nur riechen. Sie müssen immer gleich alles wieder saubermachen, um nicht im eigenen Gestank zu ersticken. Sie haben Todesangst. Sechsundsiebzig Tage und sechsundsiebzig Nächte Todesangst. Keiner kümmert sich um sie. Von der Besatzung werden sie als Top-Nazibonzen verachtet. Allen an Bord wachsen Bärte. Man kann sich nicht richtig waschen. Man ekelt sich vor dem eigenen Körper. Die Stimmung wird gereizter und gereizter, sogar bei den alten Hasen unter der U-Boot-Besatzung.

Der einzige, dem das alles nichts anzuhaben scheint, ist der dreißigjährige Kommandant Heinz Jonson. Der bleibt völlig unverändert. Maulfaul. Schlau. Sieht alles. Hört alles. Schlichtet sofort jeden Streit, trennt schnellstens zwei, die eine Prügelei beginnen. Setzt sich ohne Mühe durch gegen jeden Stänkerer, Meuterer, Intriganten. Hockt über seinem Kartentisch bei Tag und bei Nacht – man weiß nicht mehr, wann was ist –, liest alle Meldungen, die der Funker in seiner Box auffängt, und gibt die weiter, von denen er meint, sie könnten von Interesse sein. Schon am 25. April reichen russische und amerikanische Soldaten bei Torgau an der Elbe einander die Hände. Da haben drei der sieben Zivilisten bereits seit zehn Tagen Dünnschiß. Der wird noch schlimmer nach dieser historischen Begegnung. Am 30. April ernennt Hitler den Befehlshaber der U-Boote, Großadmiral Dönitz, zu seinem Nachfolger und läßt seinen Hund, seine Eva Braun und sich selber umbringen. Die Meldungen kommen von alliierten Kriegsschiffen, die ringsum ihre Bahn ziehen und die »U Swinemünde« nicht entdecken dürfen, weshalb das Boot beharrlich Funkstille hält.

Ein paar Stunden nach Hitlers Ende tötet Goebbels seine Frau, seine vier Kinder und sich selber, und Olivera muß, während er das hört, an das kleine blonde Mädchen mit der Puppe Tine denken, der Brüderchen Hans den Arm ausgekugelt hatte. Ob Goebbels sich die Zeit nahm, das Zyankali für die ganze Familie in Wasser zu lösen? überlegt Olivera. Vermutlich. Welches Kind beißt schon freiwillig auf eine Glasampulle?

Die meiste Zeit des Tages liegt Eduardo Olivera in seiner Koje. Den Koffer mit der Filmtrommel hat er neben sich, die eine Hälfte einer Handschelle um den Koffergriff, die andere Hälfte um eine Stahlstrebe der Außenwandverkleidung geschlossen. Er paßt sehr auf sich auf und bleibt so sauber, wie es nur geht. Er zwingt sich zu essen. Nachts macht er an Deck Freiübungen, bis ihm der Schweiß herunterläuft. Er wird diese Höllenfahrt überleben, das hat er sich geschworen. Von den sechs anderen schweigsamen Herren lassen sich die meisten bedenklich gehen und sind apathisch oder hysterisch geworden. Mundfäule haben sie alle.

Am 7. Mai läßt Dönitz um 2 Uhr 41 den Generalobersten Jodl in Eisenhowers Hauptquartier in Reims die bedingungslose deutsche Kapitulation unterschreiben.

Am 9. Mai, denkt Daniel, während er in einem Jumbo der AEROLINEAS ARGENTINAS der Stadt Sáo Paulo entgegenfliegt, wurde die Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst bestätigt, wo der Generalfeldmarschall Keitel, wiederum auf Befehl von Dönitz, unterschrieb. Den Keitel und den Jodl hängten die Sieger dann später in Nürnberg auf, überlegt Daniel. Der Großadmiral Dönitz bekam zehn Jährchen, die saß er in Spandau auf einer Backe ab, wurde am 1. Oktober 1956 entlassen und schrieb noch ein schönes Buch, dieser Mann, der von den vierzigtausend deutschen U-Boot-Fahrern dreißigtausend verheizt hat. »Zehn Jahre und zwanzig Tage« hieß das schöne Buch. Gestorben ist Dönitz erst am 24. Dezember 1980. Neunundachtzig sollte er werden, das Alter muß man ehren. Hat doch hochintelligent gehandelt 1945. Nein, instinktiv! Bedingter Reflex. Wie bei Pawlows Hunden. Andere die Niederlage stellvertretend unterschreiben lassen, wenn alles im Arsch ist, so denkt Daniel, hat in diesem unserem Lande schon immer ungemein lebensverlängernd gewirkt.

Auf dem Boot feiern sie den 9. Mai 1945, an dem um 0 Uhr 01 die Bedingungen der Kapitulation in Kraft treten. Der Smutje hat einen besonders feinen Fraß gekocht, und jeder bekommt eine Banane und eine Orange, und der junge alte Kaleu, der sagt: »Verflucht – und nie wieder Krieg! Gott schütze uns alle und jeden besonders.« Feiner Kerl, der Alte. Was wohl aus dem geworden ist? Nie wieder Krieg – ach du liebes Gottchen! Am

23. Mai wird die »Regierung Dönitz« in Flensburg verhaftet, und der älteste der schweigsamen Männer an Bord hat einen Karbunkel an einer besonders peinlichen Stelle. Über zehn Millionen deutsche Soldaten befinden sich in Gefangenschaft. Mehr als die Hälfte des Ostheeres, fast zwei Millionen Mann, erreicht in den letzten Kriegstagen noch den westlichen Machtbereich. Und von der Kriegsmarine werden vom 23. Januar bis zum 9. Mai mehr als zwei Millionen Flüchtlinge aus den Ostseebrückenköpfen nach Westen überführt.

Und weiter geht die Fahrt, immer weiter. Die anderen schweigsamen Zivilisten kriegen auch Karbunkel und Ekzeme und Augenentzündungen. Nur Olivera nicht. Ein paar von der Mannschaft schon, und sie verfluchen die Scheiß-Top-Bonzen, diese Nazihunde. Jetzt kann man ja ohne Angst die Wahrheit sagen, nicht wahr? Eine tolle Wut bricht aus bei diesen jungen, geschundenen, armen Kerlen, die dem großen Verheizen eben noch entgangen sind. Sind sie ihm entgangen? Erst fünfzig von sechsundsiebzig Tagen sind vorbei.