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Am einundfünfzigsten Tag kriegt einer der schweigsamen Zivilisten einen Tobsuchtsanfall und muß an die Schienen seiner Koje gefesselt werden. Da schlägt er dann immer mit dem Kopf gegen die Stahlwand, bis er blutet wie ein Schwein und auch noch der Kopf fixiert werden muß. Schon eine Sauerei so was! Und ansteckend. Eine Woche später fangen zwei weitere Herren zu toben an und müssen gefesselt werden. Heulkrämpfe haben sie alle – bis auf Olivera. Wenn der in seiner Koje liegt, ist er immer ganz still und ruhig und freundlich. In der JU 52, die ihn nach Bergen brachte, hat er ein Buch entdeckt, das jemand dort liegengelassen hat. »Großes Schachbuch« heißt es, und da sind die zweihundertfünfzig besten Partien der berühmtesten Schachmeister der Welt Zug um Zug beschrieben. Weil das Buch schon 1930 gedruckt wurde, finden sich hier auch die großen Spiele von Juden und Russen, und Georg Ross, der jetzt Eduardo Olivera heißt, studiert dieses Buch Zeile für Zeile. Zug um Zug spielt er im Geist die genialen Partien nach, die Meisterpartien zwischen Bernstein und Janowski, Aljechin und Marshall, Tarrasch und Gunsberg, Lasker und Napier, Capablanca und Bogoljubow und so vielen, vielen anderen. Dieses Schachbuch, Lc1g5, b7-b5, rettet ihm sozusagen das Leben, Sf3e1, Sf8 x e6, denn solcherart behält er seine Nerven und dreht nicht durch und übersteht völlig unbeschadet sechsundsiebzig Tage und sechsundsiebzig Nächte in der Hölle, De2h2, Le8f7.

Am neunundfünfzigsten Tag der Reise weckt Olivera das heftige Stöhnen des Zivilisten, der unter ihm liegt. Er springt aus der Falle. Der Zivilist hat ein blaues Gesicht, verdrehte Augen und Schaum im offenen Mund, und eine Minute später ist es mit dem Stöhnen vorbei und mit dem Mann auch. Stinken tut es, diesmal ausnahmsweise nach etwas anderem als sonst – nämlich nach Bittermandeln. Der Kerl hat eine Zyankalikapsel zerbissen, wie auch Olivera sie hat. Scheinen alle solche Kapseln zu haben, die schweigsamen Herren. Nun sind es nur noch sechs. Und zwei Maate und der Zentralegast schieben den Toten in einen Jutesack, legen ein paar Kanteisen zu der Leiche und binden gut zu. Nachts, als das Boot auftaucht, schmeißen sie den Sack dann über Bord, bevor er zu stinken anfängt, der Tote, und das ganze Gepäck, das er hatte, schmeißen sie ihm nach. Scheiß drauf, was da für geheime Schriftstücke drunter sind! Weg mit Schaden. Ein Gebet wird nicht gesprochen. Der kommt schon so in den Himmel. Und Olivera macht gleich danach seine Freiübungen wie immer. Dg3 x h3, a4a3

In der Nacht zum sechzigsten Tag ihrer Reise verliert dann ein zweiter Zivilist vollends den Verstand. Er war schon seit einer Woche nicht mehr richtig im Kopf und hat dauernd von Röntgenstrahlen und Martin Luther geredet. In dieser Nacht springt er plötzlich auf und läuft Amok durch das Boot, und er hat ein Springmesser, Sh3f2, Lb3 x d1, weiß der Himmel, wo das her ist, Tg1g6, a3a2, und mit dem Springmesser sticht er auf jeden ein, der ihm in den Weg kommt, und auch auf jeden, der ganz friedlich pennt (es ist vier Uhr morgens), und er brüllt wie ein Tier und will raus, raus, raus. Td1 x d2, Kg8g7. Sie können ihn nicht überwältigen, und da nimmt der Kommandant seine Pistole – er ist der einzige, der eine Waffe haben darf – und schießt dem Rasenden drei Kugeln in den Bauch, und als der immer noch nicht tot ist, schießt er das ganze Magazin leer, und das genügt dann. Und wieder müssen sie einen unbekannten Toten in einen Jutesack schieben und Kanteisen dazu und den Sack zubinden und nachts über Bord schmeißen mit allen anderen Sachen. Und der Sani verarztet die Verletzten – sind zum Glück nur Fleischwunden, ungefährliche, nur mächtig desinfizieren muß er sie –, und Olivera ist wieder beschäftigt mit Kniebeugen und Bruststrecken und tief, tief durchatmen, d4 x e5, Se4 x d2. Und es ist erst der sechzigste Tag ihrer Reise.

Nun wird es immer heißer, grauenvoll heiß. Sie sind alle fast nackt im Boot und schwitzen wie die Schweine Tag und Nacht, denn auch die Nächte sind nun heiß, und jetzt haben fast alle Karbunkel und Mundfäule und Ekzeme. Nur Olivera immer noch nicht, De2 x c4, Dc7-c5. Wundervoll hat Rubinstein das gemacht, ganz prachtvoll!

Und siehe, es kommt die Nacht zum sechsundsiebzigsten Tag, und alle wissen: Jetzt ist es soweit! Und die Siechsten und Elendsten grinsen, und der Kommandant Heinz Jonson steht am Scherenfernrohr und beobachtet die Küste, die etwa dreißig Seemeilen entfernt vorüberzieht, und dann – es ist drei Uhr früh holt er das mächtige Rohr herunter und befiehlt aufzutauchen. Und sie klettern alle an Deck, bis auf jene, die Dienst haben, und sehen ein paar verlorene Lichter in der Ferne, und sie wissen, das sind die Lichter von einem Kaff namens Bartolome Bavio, das liegt auf der rechten Seite des Rio de la Plata, also links vor ihnen, und sie sind am Ziel, wenigstens die Zivilisten. Jonson hat sich mit seinen Leuten besprochen. Wenn die Zivilisten weg sind, wird er in das Mündungsbecken hineinfahren bis nach Buenos Aires und sich im Hafen den Amerikanern ergeben. Liegen amerikanische Schiffe dort, das weiß er. Der Kommandant wird sagen, daß sie mit dem Boot getürmt sind, weil sie die Schnauze voll gehabt haben vom Vaterland, dem teuren, schließ dich an, und daß sie als Beweis ihrer Aufrichtigkeit und ihres guten Willens ein ganzes deutsches Fernfracht-U-Boot, vom Stapel gelaufen 1941 auf der Werft von Blohm & Voss in Hamburg, sozusagen als Gastgeschenk mitgebracht haben. Und daß sie nach Nordamerika wollen. Wenn es sein muß, zuerst als Kriegsgefangene. Aber dann soll man sie um Himmels willen im Lande lassen, sie werden auch gute Bürger sein. Sie wollen nur in Amerika leben und in Frieden. In Amerika gibt es für sie noch Hoffnung. In Deutschland nicht. Darum haben sie diese Irrsinnsfahrt riskiert, die sechsundsiebzig Tage und sechsundsiebzig Nächte gedauert hat.

Ganz langsam nähert das Boot sich der Küste. Nach einiger Zeit beginnt der Signalgast sich zu melden. Er sendet mit Rotlicht ein vereinbartes Zeichen.

Und da! Das Signal wird erwidert! Vor der Küste flackert es auf, gleichfalls rot, wieder und wieder und wieder. Sie kommen, um die schweigsamen Männer zu holen. Donnerwetter, hat das vielleicht geklappt! Und den Krieg haben wir auch noch verloren. Tb7b3, Lc3g7.

Etwa zwei Stunden später geht ein sehr großes und sehr schnelles Motorboot längsseits. Deutsche Stimmen ertönen. Schnell! muß schnell gehen, überall paßt die Küstenwache auf. An Seilen werden die fünf Zivilisten und ihr Gepäck zum Motorboot hinübergehievt. Wieso seid ihr nur fünf? Wo sind die anderen zwei? Die sind ... Leise, leise. Flüstern. Und ihre Koffer? Im Meer. O verfluchte Scheiße! Der Kommandant steht neben dem Turm, er hat jedem der ungebetenen Gäste die Hand gegeben und fünfmal »Denn man tau« gesagt. Jetzt werden die Leinen gelöst. Das Motorboot dreht und nimmt sofort mit höchster Geschwindigkeit Fahrt Richtung Küste auf. Olivera schaut sich noch einmal um. Im Dämmerlicht steht Heinz Jonson ganz allein neben dem Turm.

Eine Viertelstunde später erreicht das Motorboot die Küste. Der Rio de la Plata ist hier flach, und der Strand besteht aus feinem, weißem Sand. Sie müssen ein Stück durchs Wasser waten, dann stehen sie auf argentinischem Boden. Die mit dem Motorboot hauen ab. Reglos stehen fünf Zivilisten in dreckigen Anzügen und dreckigen Mänteln, den Hut auf dem Kopf, in der feuchten Hitze und bewegen sich nicht. Sechseinhalb Minuten stehen sie so, dann tauchen sieben Autos auf, darunter zwei Jeeps. Wieder die Fragen, wo die zwei seien, die fehlen, die gleichen Antworten, wieder das Gefluche.

Weg, wir müssen hier schleunigst weg! Jeder der Herren wird in einem anderen Wagen verstaut mit seinem Gepäck. Zwei Wagen haben keinen Passagier. Eduardo Olivera sitzt neben einem großen Mann in weißem Hemd und weißer Hose vorn in

einem der Jeeps, das Gepäck liegt hinten, den Koffer mit der Filmrolle hält Olivera auf den Knien, das »Große Schachbuch« auch.

»Wir fahren nach Bartolome Bavio«, sagt der Mann am Steuer. »Da bleiben Sie den Tag über. Versteckt. Bei Freunden.« Er spricht jetzt Spanisch, und Spanisch antwortet Olivera: »Warum fahren wir nicht gleich nach Buenos Aires?«