Der Fahrer ist zufrieden mit Oliveras Aussprache. »Zu gefährlich«, sagte er. »Sehr viel Militär hier überall.
Nachts bringe ich Sie weiter. In Ihr Haus. Alles vorbereitet!« Und er fährt los über den perlweißen, feinen Sand. Die andern Wagen sind schon verschwunden. Olivera wird leicht in seinen Sitz zurückgedrückt. Ein ungeheueres Glücksgefühl überflutet
ihn, stärker, viele Male stärker als jenes, das er in der JU 52 empfunden hat. Gerettet! In Sicherheit! Er hat überlebt! Er beginnt zu lachen. Er lacht und lacht. Der Fahrer achtet überhaupt nicht darauf. Er fährt ohne Licht, klar. Jetzt sind sie auf einer Straße. Und da, als der Jeep um eine Kurve schießt, gleitet das »Große Schachbuch« von dem kleinen Koffer auf Oliveras Knien und fällt hinaus, hinaus in die Dunkelheit, in den weißen Sand. Und Olivera hat es doch aufbewahren wollen, aufbewahren für immer, das Buch, das ihn vor Irrsinn und Tod bewahrt hat.
»Was war das?« fragt der Fahrer. »War was?« »Da ist doch eben was rausgeflogen.«
»Ach so, ja.«
»Nämlich was?« fragt der Fahrer.
»Nichts Wichtiges«, sagt Olivera.
»Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten!«
Eine Stewardeß war an eines der Telefonmikrofone getreten. Ihre Stimme ertönte aus den Lautsprechern in der ganzen riesigen Kabine, aber auch aus den Kopfhörern an jedem Sitz. Wenn sie auf Musik geschaltet waren, so wurde diese automatisch zurückgenommen. Daniel öffnete die Augen, er brauchte einen Moment, bis er wußte, wo er sich befand. Eben noch hatte er von der Landung seines Vaters in Argentinien taggeträumt. Mercedes hielt seine Hand, bemerkte er.
Unterdessen hatte die Stewardeß weitergesprochen: »In wenigen Minuten werden wir auf dem internationalen Flughafen von Sao Paulo landen. Wir haben einen kleinen Defekt in der Klimaanlage, den wir vor dem Weiterflug beseitigen lassen wollen. Das wird voraussichtlich etwa eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Wir müssen Sie bitten, die Maschine zu verlassen und in den Transiträumen zu warten. Sie sind herzlich zu Drinks eingeladen. Nach dem Start servieren wir das Abendessen. Darf ich Sie jetzt bitten, das Rauchen einzustellen und sich anzuschnallen. Danke!« In drei anderen Sprachen wiederholte das Mädchen ihre Ansage.
Es war Nacht geworden. Licht brannte in der Kabine. »Wie geht es, Danny?«
»Viel besser«, sagte er. »Ich bin ziemlich benommen, aber es geht viel besser, Mercedes.«
Sie streichelte seine Hand. »Du hast geschlafen.« »Ja.«
»Du siehst fabelhaft aus im Schlaf.«
»Mercedes!«
»Nein, wirklich. Und ich habe deinen Schlaf bewacht.« »Das war lieb von dir. Du siehst fabelhaft aus im Wachen.« »Wir sehen beide ganz fabelhaft aus.« Sie hatte ihm seine
Kopfhörer abgenommen und küßte ihn auf die Wange. Der Priester, der aus dem Fenster sah, sagte auf englisch zu Danieclass="underline" »Das ist die größte Stadt Brasiliens. Mittelpunkt des wissenschaftlichen Lebens. Drei staatliche Universitäten und eine katholische.« Mercedes und Daniel sahen in die Tiefe. Die Maschine überflog ein gewaltiges Lichtermeer. Das Straßensystem ähnelte dem von Buenos Aires. »Eine Menge Industrie«, fuhr der Priester fort. »Die meisten brasilianischen Filme werden hier gedreht. Dies ist auch das Fernsehzentrum des Landes. Zwei Flughäfen. Viele Autobahnen. Zum Hafen Santos. Bis nach Rio. Fünfzehnhundertvierundfünfzig ist Sáo Paulo als Jesuitenmission gegründet worden«, sagte der Priester stolz. »Heute nennt man es das Chicago Südamerikas. Herr, Du hast uns in Deiner Güte bisher so wunderbar beschützt. Beschütze uns weiter, wir bitten Dich. « Der Jumbo verlor jetzt rapide an Höhe.
»Fliegen Sie noch weiter?« fragte Mercedes. »O ja«, sagte der Priester. »Bis Frankfurt. Und dann nach
Köln. Der Herr Erzbischof dort hat mich heimgerufen.« »Sie sind Deutscher?«
»Ja«, sagte der Priester, während der Jumbo aufsetzte und über die Landebahn schoß, deren beide Seiten von Lichtern markiert waren. Er sprach jetzt deutsch: »Aus Köln. Sie merken es am Tonfall. Ich heiße Heinrich Sander.«
»Wie lange waren Sie in Südamerika?«
»In Buenos Aires, nur in Buenos Aires«, sagte der Priester, der Sander hieß. »Fünfundzwanzig Jahre.« Er lächelte, und es war das gütigste Lächeln der Welt, dachte Ross. »Jetzt bin ich alt. Jetzt kann ich für mich sein. Ich werde endlich Zeit haben zu lesen. Und in einem großen Garten zu arbeiten. Ich bin ein sehr guter Gärtner, wissen Sie?«
Die Maschine war zum Halten gekommen, die Luftkühlung schaltete sich ab. Sofort brach allen Passagieren der Schweiß aus. Sie beeilten sich, das Flugzeug zu verlassen. Der sehr große, sehr schlanke und braungebrannte junge Mann, der sechs Reihen hinter Mercedes und Daniel in der mittleren Sektion gesessen die beiden seit dem Abflug nicht aus den Augen gelassen hatte, erhob sich gleichfalls. Er sah, daß Mercedes die rote Flugtasche, in der sie die beiden Videokassetten verstaut hatte, aus der Gepäckablage hob. Seine Augen verengten sich. Der alte Priester vor Mercedes und Daniel ging an einem schweren, silberbeschlagenen Stock aus schwarzem Holz.
Im Freien war es so unerträglich heiß wie in Buenos Aires. Die Zubringerbusse fuhren schnell. Eine Stewardeß sagte, die Transiträume seien klimatisiert. Mercedes hatte sich bei Daniel eingehängt und stützte ihn, als sie einen langen, hellen Gang im Airport entlang gingen, den Priester an ihrer Seite. Daniel taumelte ein wenig. Sein Gesicht war eingefallen, er sah sehr bleich aus. Im Augenblick, in dem er den Transitraum betreten wollte, wurde er herumgerissen.
Mercedes schrie gellend auf. Daniel sah, daß ein großer junger Mann mit randloser Brille versuchte, ihr die rote Flugtasche zu entreißen. Sie wehrte sich verzweifelt. Der junge Mann war stärker. Nun hatte er die Tasche. Er wollte weglaufen, ging aber gleich darauf laut stöhnend in die Knie. Der alte Priester hatte ihm den Griff seines Stocks über den Schädel geschlagen.
Nun schrien viele Passagiere durcheinander. Zwei Polizisten in der Halle rannten los. Der alte Priester bückte sich mit einer Geschwindigkeit, die ihm niemand zugetraut hatte, und entriß dem jungen Mann, dem aus einer Platzwunde unter dem Haar Blut über das Gesicht rann, die rote Tasche.
»Policia!« schrie er. »Policia! Socorro! Socorro!« Der junge Mann kam auf die Beine, schlug sich rücksichtslos
den Weg frei und rannte durch einen Seiteneingang in die riesige Halle hinaus. Die beiden Polizisten kümmerten sich um Mercedes. Der Priester erklärte, was sich ereignet hatte. Mercedes war zu aufgeregt, sie konnte nicht sprechen. Daniel schwankte. Die Polizisten nahmen die Verfolgung des jungen Mannes auf. Sie kamen in dem nun von Menschen vollends verstopften Gang nur langsam voran.
»Sie müssen etwas trinken auf den Schreck«, sagte der Priester Sander auf deutsch mit kölnischem Tonfall. »Ich mache das schon. So viele Leute. Ich bestelle an der Bar. Setzen Sie sich hier hin, und rühren Sie sich nicht weg! Ich bin gleich wieder da.« Daniel bemühte sich, Mercedes zu beruhigen. Sie zitterte am ganzen Leib. Mühsam öffnete sie die Tasche und vergewisserte sich, daß die beiden Kassetten noch da waren.
»Ich bin nämlich auch eingeschlafen, kurze Zeit, neben dir«, sagte sie zu Daniel.
»Er hätte dir die Tasche nicht weggerissen, wenn er die Kassetten schon gehabt hätte«, sagte Daniel.
»Der Lump«, sagte Mercedes. »Der schmutzige Lump.« Sie schloß die rote Tasche und legte beide Arme um sie. Gleich darauf kam der Priester mit einem Tablett und drei großen Gläsern.
»Gin-Tonic«, sagte Sander. »Ich habe gleich doppelte genommen.« Er setzte sich.
Die kleinen grünen Zitronen, dachte Daniel und sah in sein Glas, wie bei meinem Vater.
»In fünf Minuten bringt der Kellner uns noch einmal dasselbe«, sagte der Priester. »Haben Sie etwas Wertvolles in der Tasche?«
»Ja«, sagte Mercedes.
»Diese Burschen klauen alle«, sagte der alte Priester. »Am liebsten in der U-Bahn oder in so einem Gedränge.«