»Sie waren ganz prima, Hochwürden«, sagte Mercedes. »Ich danke Ihnen!«
»Nichts zu danken«, sagte der alte Mann. »War mir ein Vergnügen. Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, hätte der Knabe keine Chance gehabt, abzuhauen. Cheerio, auf diesen Schrecken!« Er hob sein Glas. Sie tranken ihm zu. »Ich war mal bester Boxer im Orden«, sagte Sander. »Und der Schnellste über tausend Meter. Die neuen Drinks müssen gleich kommen.«
Zu dieser Zeit saß der junge Mann mit der randlosen Brille in einem schwarzen Peugeot, der auf dem Platz vor dem Flughafen parkte. Ein anderer junger Mann, er war kleiner und hatte sehr langes schwarzes Haar, saß hinter dem Steuer und behandelte die Platzwunde. Er hielt einen Erste-Hilfe-Blechkasten auf den Knien. Nachdem er die Wunde desinfiziert hatte, wickelte er dem Größeren einen Verband über Haar und Stirn. Dann wischte er sein Gesicht mit Alkohol sauber. Dabei unterhielten sie sich.
»Also, du weißt jetzt, wo sie sitzen, Pablo. Und wo ich gesessen habe. Du mußt dir einen anderen Platz suchen. Die Maschine ist halb leer.«
››Die stellen jetzt die Tasche natürlich zwischen sich«, sagte Pablo. »Du nimmst den Wagen und fährst in die Stadt, Leon. Hauptpost. Kein Risiko. Ruf von der Hauptpost Cristobal an. Er sagte mir, London hat den richtigen Mann gefunden. Der übernimmt jetzt. Er wird in Frankfurt sein, wenn wir landen, hat Cristobal gesagt, und er wird mich ansprechen. Er weiß, wie ich aussehe. Ich halte eine Orchidee in der Hand. Erzähl Cristobal, was passiert ist. Damit dieser Mann es schon weiß. Fotos von den beiden hat er zu sehen bekommen, sagte Cristobal. So, der Verband hält. Verschwinde hier bloß, Leon!« Er schloß den Erste-Hilfe-Kasten und warf ihn auf den Rücksitz. »Ich gehe jetzt rein. Eingecheckt habe ich schon. Ate logo, Leon, mach’s gut!«
»Du auch, Pablo«, sagte Leon. Sie stiegen beide aus und schüttelten sich die Hände. Leon sah Pablo nach, wie dieser auf das Portal des Flughafens zuging, dann setzte er sich hinter das Steuer des Peugeot und fuhr los. Er war sofort auf einer Autobahn, die in die Stadt führte.
In der Wohnung des einsamen alten Mannes namens Cristobal im Haus fünfundzwanzig an der Straße Husares gegenüber den Kasernen und Exerzierplätzen des »Regimento 3 de Infanteria/General Belgrano« in Buenos Aires schrillte das Telefon. Cristobal, wie in den ganzen letzten Wochen daheim nur mit einem Handtuch um die Lenden bekleidet, weil ihn die Hitze fast umbrachte, kam aus dem hinteren Zimmer herbeigeschlurft und hob ab.
»Ja?«
»Hier ist Leon.«
»Wo bist du?«
»Sao Paulo. Hauptpost.«
»Was ist los?«
Leon sagte, was los war.
Cristobal fluchte. »Du beschissener Sohn einer Hure, wer hat dir gesagt, daß du aktiv werden sollst? Begleiten solltest du die beiden bis Sao Paulo, sonst nichts.«
»Ich weiß. Aber ich habe die Kassetten gesehen. Das hat mich völlig verrückt gemacht, Cristobal. Kannst du das nicht verstehen? Ich habe gedacht, ich schaffe es ganz leicht. Und ich hätte es auch geschafft, wenn dieser verdammte Pfaffe nicht gewesen wäre.«
»Wenn ... wenn ... Wenn ihr nur für fünf Pesos Verstand hättet, alle miteinander!« Cristobal fluchte wieder. »Aber nein, so ein kleiner Kacker wie du muß natürlich Nullnullsieben spielen. Hättest du nur gemeldet, daß die Kassetten in der Tasche sind, wärest du ein großer Mann gewesen, Arschloch! Du fliegst natürlich von dem anderen Flughafen zurück.«
»Natürlich. Es tut mir leid.«
»Leid, Scheiße! Ist Pablo jetzt in der Maschine?« »Ja.«
»Übernachte in einer kleinen Pension! Bring den Leihwagen zurück! Flieg morgen früh! Gute Nacht, Idiot!«
Cristobal legte auf, schaltete den Zerhacker ein, seufzte tief und rief Anwalt Roger Morley in London an.
Söldner Wayne Hyde lag im Bett seines Zimmers im Hotel RICHMOND und las Sonette von Shakespeare. Das tat er seit über einer Stunde. Es war halb vier Uhr früh, und Hyde konnte nicht schlafen. Vermutlich konnte kein Mensch in London schlafen. Ein Sturm von einer Stärke, die Hyde nur bei nordamerikanischen Blizzards kannte, raste seit zwei Stunden über die Stadt hinweg. Er deckte Dächer ab, brachte Mauern zum Einsturz, entwurzelte große, alte Bäume und tobte mit dem Lärm eines Bombergeschwaders. Der Sturm, der von ungeheueren Schneefällen begleitet wurde, war in der Tat ohrenbetäubend. Obwohl die Fenster geschlossen waren, wehten die Vorhänge, und eisige Luft erfüllte den Raum. Selbst das alte Hotel mit seinen dicken Mauern erzitterte, Hyde konnte es deutlich spüren. Er hatte Kopfweh und schon zwei Tabletten genommen, die nicht wirkten.
»Wie Wellen eilen zu dem Kieselstrand, / So unsre Stunden ihrem Ende zu ...«Das war der Beginn des sechzigsten Sonetts. Hyde kannte und liebte es. Für diesen Mann, der in jeder freien Minute las, las wie ein Verdurstender, wie ein Maniac, war Literatur das, was für fromme Menschen ihre Religion, für Fanatiker ihre Ideologie bedeutet. Ja, ein Lesefanatiker war der vielfache Mörder gegen Bezahlung Wayne Hyde.
»... Und jede wird im Laufe überrannt / Von jeder nächsten, hastend ohne Ruh. / Einmal geboren in das Meer des Lichts, / Drängt jedes Leben nach der Reife hin, / Und ist’s soweit, naht Dunkel schon und Nichts, / Und Zeit, die schuf, wird zur Zerstörerin ...«
Das Telefon auf dem Nachttisch läutete. Hyde hob ab.››Ja?« ››Hier ist der Nachtportier. Verzeihen Sie die Störung, Sir,
aber ein Gentleman hat angerufen und bittet dringend um Rückruf. Ich gebe Ihnen seine Nummer.« Er nannte sie, und Hyde bemerkte nach der dritten Zahl, daß es der Anschluß zu Roger Morleys Telefonbeantworter war. Er dankte, hängte ein, setzte sich im Bett auf, ließ die Beine baumeln, und während draußen der Sturm weiter wütete, wählte er Morleys Nummer. Auf dem Nachttisch lag der kleine weiße Decoder. Er nahm ihn in die freie Hand.
Morleys Stimme meldete sich am Gerät und nannte Namen und Adresse des Besitzers, der angeblich nicht zu Hause war. Man konnte aber eine Nachricht hinterlassen. »Bitte«, sagte Morleys Stimme vom Band, »sprechen Sie – jetzt!«
Hyde hielt das schwarze Oberteil des Decoders vor das Mikrofon des Telefonhörers und drückte auf den schwarzen Knopf des kleinen Apparates. Daraufhin sendete der Decoder drei verschieden hohe und verschieden lange Töne. Hyde hielt wieder den Hörer ans Ohr. Er bemerkte, wie ein Band zurücklief, dann ertönte Morleys Stimme: »Morgen, morgen. Tut mir leid, falls ich störe, aber ich nehme an, Sie schlafen so wenig wie ich. Neuigkeiten für Sie ...« Morleys Stimme berichtete vom Band, was der alte, einsame Mann namens Cristobal in Buenos Aires ihm soeben telefonisch mitgeteilt hatte. Sie schloß: »... leider haben auch wir es mit Idioten zu tun, mein Lieber. Nun, es ist noch einmal gutgegangen. Also, die Kassetten sind an Bord, und wir wissen jetzt auch, wo. In den Unterlagen haben Sie gelesen, woran Sie in Frankfurt sofort den Mann erkennen, der jetzt mit den beiden nach Europa herüberfliegt. Er heißt Pablo. Großes Pech, dieser Schneesturm. Ich habe Heathrow angerufen. Die sagen, das wird noch zwei, drei Stunden so weitergehen. Bis Mittag fliegt keine Maschine, das ist sicher. Fast sicher ist, daß auch am Nachmittag noch keine fliegen kann. Schneeverwehungen auf allen Bahnen von über zwei Metern Höhe. Und es wird ständig schlimmer. Die Chancen, daß Sie rechtzeitig in Frankfurt sind, stehen zwanzig zu achtzig, bestenfalls. Good luck. Ende.« Das Band hielt mit einem leisen Klicken. Hyde legte den Telefonhörer in die Gabel und den Decoder auf den Nachttisch zurück, ließ sich ins Bett fallen, nahm das Buch und las weiter ... »... Die Zeit zersticht der Jugend grüne Flur, / Gräbt Linien in die Stirn, wo Schönheit lag, / Zehrt an den Kostbarkeiten der Natur, / Und nichts besteht vor ihrem Sensenschlag: / Und doch trotz’ ich der grausam harten Hand, / Mein Lied, dein Preis, hält der Zerstörung stand.«
Wunderbar, dachte Hyde, einfach wunderbar. Zwanzig zu achtzig? Da hatte ich, weiß Gott, schon miesere Chancen. Viel miesere ...
»Natürlich brachte mich der Mann mit dem Jeep nicht gleich hierher in diese Villa«, hatte Olivera einige Tage zuvor spätnachts im Park am Pool, der blau leuchtete, erzählt. »Sie hatten eine große Wohnung für mich vorbereitet im Zentrum. Kein Prunk, keine Pracht, aber sauber und solide. Eine Haushälterin, eine ältere Frau, erwartete mich. Ich wurde offiziell als neuer Direktor einer kleinen Bank eingeführt, Banca Imperiale hieß sie.«