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An diese Worte seines Vaters dachte Daniel Ross, während er sich in seinem Sitz zurücklehnte. Sie waren nun wieder in der Luft und flogen Rio de Janeiro entgegen. Das Dinner war vorüber. Daniel hatte keinen Appetit gehabt und kaum etwas gegessen. Der Tremor seiner Hände wurde immer stärker, sein Kopf schmerzte zum Zerspringen, und er fühlte wieder die Angst, die Angst ... Noch war sie nicht da, aber sie lauerte, sie war auf dem Sprung. Mercedes beobachtete ihn mit großer Besorgnis. »Schlimm, ja?« fragte sie leise.

Er nickte.

»Du mußt durchhalten! Denk daran, was auf dem Spiel steht!«

»Ich denke daran.« Er zwang sich zu einem Lächeln, »Das Blöde ist, daß das Nobilam nicht mehr wirkt. Ich habe in Sáo Paulo zwölf Tabletten geschluckt. Dazu die zwei Gin-Tonics. Keine Wirkung.« Er strich über ihre Hand. »Aber ich schaffe es.« Er wandte sich an den Priester, der eine halbe Flasche Wein vor sich stehen hatte und ganz langsam trank. »Könnte ich bitte einmal die Tasche haben?«

»Aber gewiß.« Der Priester namens Sander gab sie ihm. Sie befand sich links von ihm, zwischen seinem Körper und der Kabinenwand. Der junge Mann mit dem langen schwarzen Haar, der Pablo hieß und drei Reihen hinter ihnen in der gleichen Sektion, links, saß, sah, wie der Priester die rote Tasche zu Daniel hinüberreichte. Dieser öffnete sie, entnahm ihr ein Fläschchen und sprach mit einer Stewardeß. Sie nickte, eilte fort in die nahe Pantry und kam mit einem Glas Wasser zurück. Pablo konnte nicht sehen, daß Daniel zwanzig Tropfen aus dem Fläschchen in das Wasser fallen ließ und es dann trank. Er konnte nur sehen, daß die Stewardeß fortging und Daniel dem Priester die rote Tasche zurückgab. Der steckte sie wieder zwischen sich und die Bordwand. Leon, du verfluchter Scheißkerl! dachte Pablo wütend, jetzt kommt kein Mensch mehr an die Tasche heran. Natürlich wäre es Wahnsinn, in Rio etwas zu unternehmen. Aber hoffentlich klappt es dann nach der Landung in Frankfurt zusammen mit diesem Mann, der auf mich wartet. Pablo hielt einen kleinen Klarsichtkarton. Eine braungrün gefleckte Orchidee, ein sogenannter Frauenschuh, lag darin: das Erkennungszeichen.

Daniel sagte: »Ich habe die Tropfen auf alle Fälle genommen, ehe es noch schlimmer wird. Es sind genügend da. Und wenn ich sie alle nehmen muß – ich halte durch, Mercedes.« Er ergriff ihre Hand, die auf der Lehne zwischen ihnen lag und schloß die Augen. Wieder dachte er an die Erzählung seines Vaters ...

Die Banca Imperiale beschäftigte vor allem deutschstämmige Angestellte. Sie betreute viele spezielle Kunden. Olivera hatte gewußt, was ihn erwartete. Sogleich nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches begann eine bestens vorbereitete und ausgerüstete Firma mit dem Namen ODESSA zu arbeiten. ODESSA war die Abkürzung für Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen. Sie hatte ihre Mitglieder und Mitarbeiter praktisch überall, und in den ersten Jahren nach dem Krieg arbeitete sie auf Hochtouren, später etwas langsamer. ODESSA betrachtete es als ihre Aufgabe, mit Hilfe von offiziellen Stellen der verschiedensten Staaten, mit Hilfe von reichen Privatpersonen, Politikern und hohen katholischen Würdenträgern, die zum Teil sogar im Vatikan amtierten, an Leib und Leben gefährdete Top-Nazis und Kriegsverbrecher aus Deutschland heraus nach Übersee, insbesondere nach Südamerika und da nach Argentinien zu schaffen. So kam beispielsweise Adolf Eichmann dorthin. Geld und Gold besaß die nun im Untergrund arbeitende SS im Überfluß. Die Männer, die aus Deutschland herausgeschleust wurden, führte ihr Weg meistens über Österreich, Südfrankreich, Spanien und Portugal. Von dort ging es mit dem Schiff weiter. Natürlich mußte wie im Falle Ross alias Olivera in der neuen Heimat alles für den Flüchtigen vorbereitet sein. Es gibt heute exakte Dokumentationen über die ODESSA. Auch die Banca Imperiale war von ihr eingerichtet worden. So klein dieses Institut war, über so ungeheuere Summen verfügte es. Anweisungen kamen zum größten Teil aus der Schweiz, aber auch aus der Bundesrepublik. Eine gewichtige Rolle bei den Aktivitäten der ODESSA spielte die deutsche Nachkriegsindustrie. Unter ihren neuen Bossen gab es genügend ehemalige Wehrwirtschaftsführer und SS-Männer. Oliveras Bank diente den ins Land Geschleusten als Anlaufstelle. Hier bekamen sie Geld und wichtige Informationen. Es gab noch elf weitere Banken mit den gleichen Aufgaben in Argentinien. Sie alle gehörten zur ODESSA.

Olivera schätzte sich glücklich, diesen entkommenen Massenmördern und gesuchten NS-Größen helfen zu können – er war schließlich auch entkommen. Die Aluminiumtrommel mit dem Fünfunddreißig-Millimeter-Film bewahrte er in einem privaten Tresor seiner Bank auf. Er führte ein außerordentlich zurückgezogenes Leben und wartete auf den Befehl, den Film der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Er wußte, daß er Jahre würde warten müssen, viele Jahre. Vielleicht das ganze Leben. Seine ODESSA-Kunden sorgten von Zeit zu Zeit durchaus für nervenaufreibende Zwischenfälle, Langeweile kam nicht auf. Olivera lebte gerne allein. Natürlich brauchte er ab und zu eine Frau. Es gab sehr diskrete Häuser in der Stadt.

Jahre vergingen. Es kam die Blockade Berlins, es kam der kalte Krieg und am 25. Juni 1950 der erste heiße Krieg in Korea. Die Entwicklung, die Goebbels vorhergesehen hatte, begann. Gegen die Mittagstunde des 12. Juli 1950 erhielt Olivera den Anruf eines Unbekannten, der ihn in fließendem Spanisch aufforderte, am gleichen Tag, pünktlich um 15 Uhr im internationalen SKALCLUB in der Viamonte achthundertsiebenundsechzig zu sein. Ein Mann mit einer weißen Nelke im Knopfloch eines blauen Anzugs werde ihn ansprechen. Olivera solle seine Hälfte des zerrissenen Autogrammfotos mitbringen.

Er saß in einer Ecke im Teeraum des SKAL-CLUBS, er war etwas zu früh gekommen. Schlag 15 Uhr betrat ein untersetzter Mann von etwa fünfzig Jahren, unter dessen Augen schwere, dunkle Tränensäcke hingen, den Raum. Er trug eine weiße Nelke im Knopfloch des Revers eines hellblauen Anzugs aus Schantungseide. Der Mann steuerte direkt auf Olivera zu und gab ihm eine schlaffe, feuchte Hand. Er sagte deutsch und leise: »Heil, Kamerad!«

»Heil«, sagte Olivera. Ein Kellner eilte herbei. Sie waren zu dieser Stunde die einzigen Gäste. Der Mann mit der Nelke bestellte gleichfalls Tee. Dann saß er neun Minuten schweigend da. Solange dauerte es, bis der Kellner den Tee gebracht hatte und wieder verschwunden war.

»Also«, sagte er dann und legte eine Hälfte des postkartengroßen Fotos von Adolf Hitler, das Goebbels im Bunker der Reichskanzlei auf so bizarre Art in zwei Teile zerrissen hatte, auf den Tisch. Olivera nahm die andere Hälfte aus der Brusttasche seines Anzugs und setzte die beiden Teile des Bildes zusammen. »Gut. Alles in Ordnung mit dem Film?« Der Dicke sprach unter sonderbarem Zischen und versprühte Speichel. Sein Gesicht war schmerzverzogen und auf einer Seite geschwollen.

»Natürlich«, sagte Olivera. »Was haben Sie?« »Wurzelvereiterung. Komme direkt vom Zahnarzt. Sie

machen sich keine Vorstellung, wie weh das tut, Kamerad. Wo ist der Film?« Er besprühte den Tisch, die Teetassen, Oliveras Gesicht, alles.

»In einem Tresor meiner Bank.«

»Gut, Kamerad. Bin gestern gelandet. Habe die verfluchte Vereiterung auf dem Frachter gekriegt. Seit zwei Wochen kein Auge zugetan.« Er trank einen Schluck Tee und stöhnte laut auf. »Scheiße, zu heiß. Zentrale ODESSA hat Befehl für Sie.«

»Ja?« Einen verrückten Augenblick lang dachte Olivera, der Fremde werde ihm sagen, daß der Zeitpunkt gekommen sei. Blut schoß ihm ins Gesicht.

»Die internationale Situation ist noch lange nicht schlimm genug. Sie müssen weiter warten. Diese Sache ist von erstrangiger Bedeutung. Sie hören wieder von uns.« Der Mann mit der Nelke steckte seine Hälfte des Hitler-Fotos ein, gab Olivera wieder die nasse, schlaffe Hand, stand auf und ging schnell aus dem Teeraum.