In den folgenden vierunddreißig Jahren hörte Olivera von niemandem mehr ein Wort über den Film.
»Hast du eigentlich jemals an Mutter und mich gedacht?« hatte Daniel den Vater nach diesem Bericht gefragt. Es war fast halb drei Uhr früh, und die Luft wurde nun angenehm frisch. Sie saßen noch immer an dem beleuchteten Pool.
»Manchmal«, sagte Olivera. »Nicht oft.«
»Hast du versucht, herauszubekommen, ob wir noch leben, wie es uns geht?«
»Nein, nie. Wie ist es euch gegangen?« fragte Olivera höflich. »Lange Zeit sehr schlecht. Bis ich dann zu arbeiten anfangen konnte.«
»Dora«, sagte Olivera und sah in das Wasser des Pools. »Ich habe an Dora gedacht. Nur an Dora. Ich habe Tag und Nacht an sie gedacht. Ich habe sehr oft von ihr geträumt. Von ihrem Lachen. Von ihrem Ende. Ich habe sie sehr geliebt. Ich mußte immer daran denken, daß sie mit mir nach Argentinien hätte kommen können. Wir wären sehr glücklich miteinander gewesen. Noch viel glücklicher als in Berlin ...« Seine Stimme verlor sich.
»Mutter ist neunzehnhundertneunundsechzig gestorben. Am zwölften Dezember«, sagte Daniel.
Olivera reagierte nicht.
»Ich habe gesagt, Mutter ist...«
»Ja, ja, ja, ich weiß. Woran?«
»Leukämie.«
»Hat es lange gedauert?«
»Fast ein Jahr. Sie mußte sehr leiden, Vater.« »Ich bin nicht so gefühllos, wie du glaubst, Daniel. Alles, was
ich euch beiden angetan habe, tut mir leid, schrecklich leid. Aber ich habe eben immer noch Dora geliebt. Obwohl sie schon so lange tot war. Immer nur Dora. Neunzehnhundertvierundfünfzig habe ich sie dann wiedergesehen.«
»Was hast du?« Daniel starrte ihn an.
»Ich habe Dora wiedergesehen«, wiederholte Olivera.
Der blaue Ball rollte Olivera direkt vor die Füße. Über den kiesbestreuten Weg stolperte ein kleines Mädchen
in weißem Kleid, mit weißen Schuhen und weißen Söckchen. Das war am Nachmittag des 5. Mai 1954, und Olivera ging durch den großen Parque de Febrero. Er kam aus dem Planetarium, wo er einen Vortrag gehört hatte.
Nun bückte er sich und hob den Ball auf. Das kleine Mädchen kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Es war ein noch sehr kleines Mädchen.
»Das ist aber ein feiner Ball«, sagte Olivera. »Ich habe noch zwei andere, einen grünen und einen roten«,
sagte das sehr kleine Mädchen. »Aber den blauen habe ich am liebsten. Wie heißt du?«
»Hör mal, du kannst den Herrn doch nicht so einfach fragen«, sagte eine dunkle Frauenstimme. Olivera sah auf und erhob sich. Ihm wurde siedendheiß und danach eiskalt. Vor ihm stand Dora Holm. Ihr schwarzes Haar glitzerte in der Sonne, ihre hellblauen Augen leuchteten, und sie lachte ihn mit ihrem schöngeformten Mund an. Sein Atem stockte. Dora, dachte er, meine Dora!
Es war natürlich nicht Dora Holm.
Es war eine Frau, die Dora Holm ungeheuer ähnlich sah. Sie war gewiß zehn Jahre älter und ihre Haut war nicht so weiß wie die Doras, sondern sonnengebräunt. Sie trug ein blaues Kleid mit weißen Punkten und weißem Kragen, dazu weiße Handschuhe und Schuhe. Olivera wollte sprechen und stotterte. »Danke, daß Sie den Ball aufgehalten haben«, sagte die junge Frau.
»Aber ich bitte Sie!« Er hob seinen Leinenhut. »Ein so bezauberndes kleines Mädchen. Und eine so... bezaubernde Mama. Mein Name ist Eduardo Olivera.«
»Ich heiße Mangalez. Eliza Mangalez.«
»Und ich heiße Mercedes«, sagte das sehr kleine Mädchen. Olivera bemerkte, daß es auch schwarze Haare und hellblaue Augen hatte. Im Haar trug Mercedes eine rote Schleife.
Die Frau, die Dora Holm so ähnlich sah, lachte wieder. »Warum starren Sie mich so an, Herr Olivera?«
Sie redeten spanisch.
»Weil Sie mich an ... Weil Sie so schön sind«, verbesserte er sich. »So wunderschön, daß ich ...«
»Ja?« fragte sie.
»Nichts«, sagte er. »Darf ich Sie ein Stück begleiten? Da drüben ist ein Restaurant. Ißt du gerne Eis, Mercedes?«
»O ja! Eis ist das Beste, was es gibt.«
»Nun, Senora? Und wollen wir einen Drink nehmen? Es ist sehr heiß ... Ich meine natürlich nur, wenn Sie möchten. Es würde mich sehr glücklich machen ... Aber vielleicht müssen Sie nach Hause ... Vielleicht erwartet Sie Ihr Mann ...«
Das Lachen erstarb auf ihren Lippen. »Mein Mann erwartet mich nicht.«
»Verzeihen Sie ...«
»Mein Mann hat sich vor eineinhalb Jahren scheiden lassen«, sagte sie ruhig. »Einer anderen Frau wegen. Er ist mit ihr fortge-zogen, weit fort. Er arbeitet jetzt in Venezuela.«
»Da hörst du es«, sagte Mercedes. »Papa ist weg. Er wartet nicht zu Hause. Wir können ruhig Eis essen gehen. Ich möchte Erdbeer-Schokolade. Das ist das Allerbeste, was es gibt.« Olivera sah Eliza Mangalez fest in die riesengroßen stahlblauen Augen. Sie erwiderte den Blick und lächelte wieder. Nicht ganz drei Monate später heirateten sie.
»Keine vier Jahre warst du damals alt«, sagte Olivera nachts am Pool im großen Park zu der schönen jungen Frau, die neben ihm saß. »Du kannst dich an das alles natürlich nicht mehr erinnern.« »Aber ja doch«, sagte sie. »Das Eis war prima. Ich glaube, ich habe zwei Portionen bekommen. Und als wir uns eine Woche kannten, habe ich dich gefragt: ›Heiratest du meine Mami?‹ Mutter erzählte mir, daß sie sich fast zu Tode für mich schämte.« »Ja«, sagte Olivera, »das war ein berühmter Ausspruch von dir, Mercedes. Mit euch beiden kam das Glück zu mir zurück. Privat und geschäftlich. Fünfundfünfzig übernahm eine Militärjunta die Macht im Lande. General Lonardi wurde zum Präsidenten gewählt. Ich kannte ihn schon seit drei Jahren. Man darf sagen, wir waren befreundet. Ich habe ihm und seinen Leuten im Rahmen der Möglichkeiten meiner Bank sehr geholfen.« »Ich dachte, du hättest dir eine demokratische Gesinnung zugelegt«, sagte Daniel.
»Das hatte ich auch«, sagte Olivera ernst. »Aber - ich habe es schon gesagt - ich war und ich bin davon überzeugt, daß eine Demokratie in Argentinien nie funktionieren wird. Denke an das, was seit fünfundfünfzig geschah. Demokratische Regierungen kamen immer wieder. Wie lange blieben sie? Wie lange wird Alfonsin bleiben?«
»Ich verstehe«, sagte Daniel. »Und deine Freunde, denen du so sehr geholfen hast, zeigten sich nun erkenntlich.« »So ist es, Daniel.« Olivera trank Whisky und zündete sich eine Zigarette an. »Sehr erkenntlich zeigten sie sich. Ich bekam die Möglichkeit, eine eigene Bank zu gründen. Damals verdiente ich in kurzer Zeit enorm viel Geld. Damals zogen wir hier ein, in diese Villa.« Er machte eine kreisende Handbewegung. »Waren wir glücklich, wir drei. Mit sechs mußte Mercedes in die Schule. Hier im Viertel gibt es die feinste von Buenos Aires, Lyzeum angeschlossen. Mercedes war eine großartige Schülerin. Ihr Abitur machte sie mit Auszeichnung. Dann ging sie auf die Universität...« Olivera brach ab. Er legte eine Hand über die Augen. »Was ist?«
»So unendlich glücklich waren wir drei«, sagte der alte Mann leise. »So viele Jahre. Zwanzig Jahre Glück. Wer hat schon so viel, Daniel? Dann, am siebenten Januar vierundsiebzig ...« Er schwieg.
»... hatte Mama einen Autounfall auf dem Weg zum Flugha-fen«, sagte Mercedes. »Sie wollte eine Freundin abholen. Ein Betrunkener rammte ihren Wagen. Der überschlug sich und ging in Flammen auf. Mama muß sofort tot gewesen sein. Sie hat sich das Genick gebrochen.«
»... Moskau: Mit schärfsten Worten hat ein Sprecher des sowjetischen Außenministeriums die Pläne des amerikanischen Verteidigungsministers Weinberger verurteilt, den Weltraum aufzurüsten ...« Eine englische Sprecherstimme drang aus den Kopfhörern von Mercedes und Daniel. Sie hatten den Schalter an den Armstützen auf fünf gestellt.
Nach der Zwischenlandung hatte der Jumbo um 3 Uhr 55 auf einer Startbahn zwischen den Sümpfen, die den Flughafen von Rio de Janeiro umgaben, abgehoben und in einer weiten Schleife die Stadt umflogen. Jetzt hielt er direkten Kurs auf den riesigen Christus aus weißem Stein, der mit segnend ausgebrei-teten Armen auf der Spitze des Corcovado, einem Berg, der schon im Dschungel verschwand, hoch über der Stadt stand.