Выбрать главу

Die Statue wurde von starken Scheinwerfern angestrahlt. Der Christus leuchtete. Viele Passagiere sahen aus den Fenstern und fotografierten.

»... Der sowjetische Sprecher nannte derlei Pläne verbrecherischen Wahnsinn, der einem kranken Gehirn entsprungen ist‹...« Zu jeder vollen Stunde strahlte der Überseedienst der BBC die neuesten Nachrichten aus.

Immer näher kam der strahlende Christus. Die Maschine legte sich schräg und begann, eine Schleife zu ziehen.

Der alte Priester betete laut: »Herr aller Völker, höre uns, da wir Dich bitten, daß Du der Welt wahren Frieden geben wollest ...«

»... Washington: Präsident Reagan unterstützt, wie bereits gemeldet, mit allen Kräften die Pläne Weinbergers vor dem amerikanischen Kongreß«, erklang die Sprecherstimme aus dem Londoner Studio der BBC.

»... daß Du die Herzen der Menschen von Haß, Neid und Zwietracht befreien wollest«, betete der alte Priester.

»... Senator Edward Kennedy bezeichnete Reagan deshalb in einem vor zwei Stunden von Küste zu Küste ausgestrahlten Interview der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC als den›gefährlichsten Präsidenten des Nuklearzeitalters‹ ...«

Mercedes und Daniel sahen einander an.

»Wir bitten Dich, daß Du uns und alle Völker im Dienste der Gerechtigkeit bestärken und erhalten wollest ...«

Der massige Jumbo umflog den segnenden Christus nun in einem riesigen Halbkreis.

»Mann, Dad! Die Pershings der dritten Generation haben eine solche Zielsicherheit, daß sie den Jesus da über fünftausend Meilen weg mit einer Wahrscheinlichkeit von neunzig zu zehn knacken würden«, sagte der amerikanische Junge mit den kurzen Hosen und dem lose hängenden Hemd, der als Gegner seines gutmütigen, rotgesichtigen Vaters nach dem Abflug aus Buenos Aires so lange Zeit NATO – DER KRIEG IN EUROPA gespielt hatte.

»Hast du verdammt recht«, sagte Dad. Die beiden waren aufgestanden. Eine Hand des Christus war direkt auf sie gerichtet. Dad fotografierte unablässig.

Der alte Priester betete: »... daß Du den Regierenden aller Länder und Völker wahre Einsicht und rechte Entschlüsse geben und die Früchte der Erde erhalten wollest ...«

»... Bonn: In der Bundeshauptstadt ist die von den Amerikanern geplante Aufrüstung des Weltraums zum universellen Kriegsschauplatz bei allen Parteien auf schwerste Bedenken gestoßen«, kam die Sprecherstimme aus den Kopfhörern.

»... daß Du den Heimatlosen Ruhe und Geborgenheit in unserer Mitte bereiten wollest, wir bitten Dich, o Herr, erhöre uns!«

»Die sozialdemokratische Fraktion im Bundestag hat von der Bundesregierung verlangt, der Forderung von Verteidigungsminister Weinberger nach Anti-Satellitenwaffen eine scharfe Absage zu erteilen.«

»... daß Du in uns die helfende Liebe zu den Darbenden und Leidenden entzünden wollest...«

»Die Begründung Weinbergers, die Sowjetunion verfüge bereits über derartige Waffensysteme und eine große Zahl von Killersatelliten, nannte der stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises Außen- und Sicherheitspolitik, Jungmann, einen ›fadenscheinigen Vorwand‹.«

Die Maschine hatte den segnenden Christus nun hinter sich gelassen und nahm Kurs nach Nordosten auf das offene Meer. Die Statue konnte man noch lange sehen.

»... daß Du die abwesenden Brüder und Schwestern zu ihren wartenden Familien zurückführen wollest, wir bitten Dich, o HERR, erhöre uns!«

»Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schreibt in ihrer neuesten Ausgabe unter der Vierspaltenüberschrift ›Rüstungswettlauf nun auch im Weltraum‹: ›Die Bundesregierung hat sich gegen ein Wettrüsten im Weltraum gewandt.‹ Die Sowjetunion habe zwar auf dem Gebiet der sogenannten Killersatelliten einen militärischen Vorsprung erreicht ...«

Wieder sahen Mercedes und Daniel einander an. »Daß Du unsere Toten in Dein ewiges Reich aufnehmen

wollest ...«

»... bei amerikanischen Gegenmaßnahmen müsse es jedoch darauf ankommen, die strategische Einheit des NATO-Bündnis-Gebietes zu bewahren. Diese Einheit gerate durch weitere Aufrüstung im Weltraum in schwere Bedrohung.«

»... und schenke uns Frieden, o HERR, wir bitten Dich inniglich, schenke uns Frieden, Amen.«

Der Christus war verschwunden. Finsternis machte die Erde unsichtbar.

Mercedes umklammerte Daniels Hand. Sie flüsterte: »Ich habe Angst.«

»Wie ich«, antwortete er. »Ist dir wieder sehr elend?« »Sehr.«

»Es wird alles gut werden, Danny!«

»Ja«, sagte er, »sicherlich.«

In der Kabine brannte die Nachtbeleuchtung. Daniel fiel endlich in einen wirren Halbschlaf, den Kopf an

die Schulter von Mercedes gelehnt. Er träumte von seinem Vater. Sie waren endlich zu Bett gegangen in jener Nacht am Pool, todmüde. Am folgenden Vormittag entdeckten sie dann das Verschwinden Miguels. Olivera war außer sich vor Sorge und auch Angst. Er rief die Polizei. Beamte kamen und stellten viele Fragen. Sie suchten nach Spuren. Sie fanden keine. Ihre Fragen konnte Olivera nicht beantworten. Er vermochte sich nicht vorzustellen, wie und warum Miguel verschwunden war. Hing es mit ihm zusammen? Wieso mit ihm? wollten die Beamten wissen. Darauf hatte Olivera keine Antwort.

Am späten Nachmittag machte er mit Daniel einen Spaziergang durch den weitläufigen Park. Er erzählte den Schluß seiner Geschichte, wie er nach dem Tod der geliebten Frau einen Sinn in seinem Leben gesucht und sich an den alten Film erinnert habe. Nun war die Weltlage in der Tat schon chaotisch geworden. Nun war es an der Zeit, zu handeln.

»Nun war es an der Zeit, zu handeln«, erzählte Olivera, der neben Daniel ging. Sie trugen beide ganz leichte Hosen, offene Hemden und Sandalen. Wieder war es unbarmherzig heiß, auch unter dem Schatten der hohen, alten Bäume, in denen die Vögel sangen. »Mein Leben war mir egal. Ich hätte jede Gefährdung

riskiert – aber da gab es Mercedes, meine geliebte Mercedes. Ich mußte es anders anfangen. Nicht allein. Du schaust mich an, Daniel. Ich weiß, du denkst: Damals hat er begonnen nachzuforschen, was aus seinem Sohn in Österreich geworden ist.«

»Na, das hast du doch auch«, sagte Daniel.

»Ja, das habe ich«, sagte Olivera. Er sah den Sohn bittend an. »Bei all deinem Haß auf mich, den ich verstehen kann, Daniel, bei aller Bitterkeit: Versuche wenigstens zu begreifen, was ich getan habe. Du sollst mir ja nicht verzeihen. Du sollst nur zur Kenntnis nehmen, was alles in einem Menschenleben geschehen

kann, warum ich so gehandelt habe, wie ich handelte. Ich habe deine Mutter und dich unglücklich gemacht. Ich habe euch im Stich gelassen. Und mehr. Und mehr. Ich gebe doch alles zu. Ich erzähle dir doch alles, was ich getan habe. Nenn mich ein Schwein! Einen Lumpen. Was habe ich zu meiner Verteidigung zu sagen? Daß ich eine Frau über alles in der Welt geliebt habe: Dora. Daß sie das Leben für mich war. daß ich ein fanatischer Nazi gewesen bin, der nach dem Tod Doras den Auftrag von Goebbels annahm, weil er weg wollte, weg, weg, weg aus diesem Deutschland. Daß ich Dora dann in Eliza wiederzubegegnen glaubte. Wieder glücklich war – zwanzig Jahre lang. Hasse mich! Verachte mich! Aber sag, du siehst ein, daß einem Mann all das passieren kann. Sag wenigstens, daß so etwas passieren kann!«

»Gut«, sagte Daniel. »So etwas kann passieren. Bleiben wir also bei den Tatsachen. Du mußt mir alles erzählen, wenn wir nun zusammenarbeiten wollen. Ich werde alles zur Kenntnis nehmen – ohne Wertung von nun an.«

»Danke«, sagte Olivera. Als fühle er sich plötzlich schwach, sank er ins Gras und lehnte seinen Rücken an den Stamm eines Eukalyptusbaumes. Daniel setzte sich neben ihn. Sie waren jetzt weit von der Villa entfernt.

»Du hast also Nachforschungen nach Mutter und mir angestellt.«

»Ja, Daniel.«

»Nach dem Tod deiner Frau Eliza. Vierundsiebzig war das, sagst du.«

»Ja, vierundsiebzig. Über Freunde in Deutschland, über eine Agentur. Du verstehst das, nicht wahr? Der Tod Elizas. Meine Verzweiflung. Die Leere. Ich mußte etwas tun. Tun! Da war die endgültige Katastrophe, auf die wir zusteuerten. Und da war ich mit meinem Film, diesem ungeheuerlichen Dokument. Ich redete mir ein, daß es meine Pflicht sei, mit ihm an die Öffentlichkeit zu treten, um vielleicht – vielleicht – das Ärgste zu verhindern. Ich hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen. Mein Leben war noch nicht sinnlos. Mercedes studierte. Sie war inzwischen dreiundzwanzig. Ich zeigte ihr den Film. Du kannst dir vorstellen, wie sie reagiert hat. Nun waren wir beide besessen von meiner Idee, Mercedes noch mehr als ich.«