Daniel hatte einen Zweig aus dem Gras genommen und spielte mit ihm. Er sagte: »Und du hast von neunzehnhundertvierundsiebzig bis vierundachtzig, also zehn Jahre, nach uns suchen lassen, bevor du mich gefunden hast.«
Olivera schwieg.
»Na! Du hast dich doch entschlossen, mir die Wahrheit über alles zu sagen! Bisher hast du ja einen ganz ordentlichen Seelenstriptease geliefert ...«
»Bitte, Daniel!«
»Doch, doch, er war beachtlich. Zehn Jahre hat es also gedauert, zehn Jahre, ja?«
»Nein«, sagte Olivera. »Ich wußte natürlich schon nach zwei Monaten, wo du lebtest, daß Thea tot und du beim Fernsehen warst.«
»Und warum hast du mich dann nicht schon vor zehn Jahren von Mercedes holen lassen? Schweig nicht wieder! Sieh mich an! Warum hast du noch zehn Jahre vergehen lassen, Vater?« Olivera sagte: »Es ist ja alles nicht wahr.«
»Was ist nicht wahr?«
»Was ich zuletzt erzählt habe. Über den Film. Über meine fixe Idee, ich hätte eine Mission zu erfüllen mit ihm. Es war alles ganz anders.«
»Wie war es? Die Wahrheit! Sag die Wahrheit!« »Die Wahrheit ...« Olivera warf eine Hand hoch. »Schön, also
auch das noch! Im Grunde ist es gleichgültig. Du kannst mich nicht noch mehr verachten und hassen. Ich habe gelogen, als ich sagte, daß ich dank der Militärjuntas und Perons immer wohlhabender geworden bin. Vierundsiebzig war ich in einer verzweifelten Lage. Isabel Peron wurde im Sommer Staatspräsident. Ich hatte den Militärs Riesenkredite gegeben. Die meisten Generäle waren korrupt. Ja, korrupte Schweine waren meine Freunde. Und ich machte meine Geschäfte mit ihnen – auf Kosten des Landes, das immer mehr und mehr verelendete. Schau es dir heute an! Die Militärs und die Peronisten haben es an den Rand des Staatsbankrotts getrieben. Präsident Alfonsin hat ein furchtbares Erbe anzutreten.«
Mit unsicherer Stimme sagte Danieclass="underline" »Du, der intime Freund der Generäle, nennst sie korrupte Schweine?«
»Ich nenne mich selber ein korruptes Schwein. Ich habe mit meinen Schweinefreunden gemeinsam die fettesten Trüffeln ausgegraben, die man in diesem Lande finden konnte, und ich habe sie gefressen zusammen mit meinen Schweinefreunden. Wird dir das, was du meinen Seelenstriptease genannt hast, jetzt nicht zuviel? Ich habe dir die Wahrheit versprochen. Das ist sie, mein lieber Sohn.«
»Mich überrascht nichts mehr, was du getan hast. Also vierundsiebzig war deine Lage verzweifelt. Und?«
»Und! Und! Und da fiel mir der alte Film ein – ich hatte ihn fast schon vergessen. Da kam ich dann auf die Idee, diesen Film zu verhökern. Für sehr viel Geld. Ich hätte sehr viel Geld dafür bekommen, das meinst du doch auch, was?«
»Meine ich auch, ja. Also war auch all das Geschwätz über die moralische Mission, zu der du dich aufgerufen fühltest, gelogen?«
»Jedes Wort. Es war mir scheißegal, was mit dieser Welt geschah. Was mit mir und Mercedes geschah, das war wichtig, das allein. Hier« – mit einer ausladenden Gebärde der rechten Hand deutete Olivera auf das ganze Gelände – »hier, die Villa, den Luxus wollte ich unter allen Umständen bewahren. Ich
wollte nicht alles aufgeben müssen. Nicht bankrott gehen. Nicht ins Elend abgleiten nach all den Jahren, in denen ich mich so sehr an den Reichtum gewöhnt hatte. Und ich sah nur noch eine Rettung: den Film zu verkaufen!«
»Und warum hast du es nicht getan? Warum hast du mich nicht hergerufen?«
»Alvarez«, sagte Olivera.
»Was, Alvarez?«
»Mein Freund, der General Carlo Alvarez. Von dem ich Miguel erhielt, neun Jahre später. Er war Mitglied der letzten Junta. Alvarez half mir. Ich erhielt mein Geld zurück. Er schaffte es, daß alles wieder in Ordnung kam.«
»Wie konnte er es schaffen?«
»Na, wie wohl? Mit Erpressung. Es gab zwei Selbstmorde von Mitgliedern der Junta damals. Dann wurden alle Kredite zurückbezahlt. Gefällt dir die Wahrheit, Daniel, ja, gefällt sie dir?« Olivera lachte. »Du brauchst eben die größten Schweine, wenn du die größten Trüffeln haben willst! Ich bekam meine Trüffeln zurück. Also, wozu den Film verkaufen? Viel zu gefährlich.«
»Du hattest Angst, daß man dich töten würde.« »Natürlich. Bevor ich die Trüffeln zurückbekam, war meine
Angst vor dem Ruin größer. Damals ließ ich bei dem Juden Paolo Klein schon Videokassetten des Films herstellen. Damals war ich zu allem entschlossen.«
»Aber dann kamen die Trüffeln«, sagte Daniel. Olivera lachte. »Dann kamen die Trüffeln. Du hast es kapiert,
Daniel. Und auch die Angst kam, daß mir der Film zum Verhängnis werden könnte. Also, zurück in den Tresor mit den Kopien! Mercedes habe ich übrigens damals den Film nicht gezeigt. Sie hatte keine Ahnung von seiner Existenz. Als begeisterte Anhängerin der Friedensbewegung hätte sie mir doch nur die Hölle heiß gemacht, wie? Ist doch klar.«
»Völlig klar. Aber nun kennt sie den Film. Seit wann? Warum hast du ihn ihr gezeigt? Warum hast du mich jetzt doch kommen lassen?«
»Weil ich von den Generälen noch einmal beschissen worden bin«, sagte Olivera, plötzlich ungemein gelassen. »Weil die Hunde mich noch einmal betrogen haben. Und weil mein guter Freund Alvarez mir diesmal nicht helfen konnte. Mein guter Freund Alvarez sitzt im Gefängnis. Die halbe Junta sitzt. Die aber, die mich betrogen haben, sind rechtzeitig aus dem Land gegangen. Wie du mich hier siehst, Daniel, bin ich – und zwar schon seit längerem, nur weiß es noch keiner- erledigt. Absolut erledigt. Noch werden meine Wechsel akzeptiert. Noch arbeiten die großen Banken mit mir. Noch! Vielleicht noch einen Monat, vielleicht zwei. Drei nicht mehr. Wenn bis dahin nicht alles in Ordnung gebracht ist, werden sie mir alles wegnehmen, was ich besitze – und ich werde ins Gefängnis gehen wie mein Freund Alvarez, wenn auch aus einem anderen Grund. Wegen betrügerischem Bankrott. Wegen Veruntreuung von Millionen. Ich bin siebenundsiebzig, Daniel. Ich will nicht ins Gefängnis gehen. Ich will nicht erledigt sein. Ich scheiße auf diese Welt, wahrhaftig, es ist mir egal, was mit ihr geschieht. Aber ich habe einen Film, der die Menschen auf dieser Welt brennend interessieren würde. Du hast ihn gesehen, er würde die Menschen doch brennend interessieren, wie?«
»Ja«, sagte Daniel. Er hatte den Zweig fallen lassen. »Darum die Eile, verstehst du?«
»Ich verstehe.«
»Darum habe ich Mercedes den Film nun gezeigt und sie verrückt gemacht mit ihm.«
»Ich verstehe.«
»Darum mußt du mit dem Film nach Deutschland und ihn verkaufen! An deinen Sender. Du hast selber gesagt, daß ich viel Geld für den Film bekommen könnte.«
Daniel nickte.
»Na also, jetzt ist der Striptease aber zu Ende. Jetzt kennst du die ganze Wahrheit, Junge.«
»Wieviel willst du für den Film?«
»Zehn Millionen Dollar«, sagte Olivera.
»Du hast den Verstand verloren«, sagte Daniel. »Wieso?« »Weil das ein absolut wahnsinniger Betrag ist.« Olivera lachte, als würde er gekitzelt. »Absolut wahnsinnig?
Und wieviel haben die superschlauen Jungs vom STERN lässig für die gefälschten Hitler-Tagebücher hingeblättert, obwohl in diesen Fälschungen kein einziger interessanter Satz stand? Neuneinhalb Millionen Mark. Mark, schön, nicht Dollar. Immerhin.«
»Das kannst du nicht vergleichen! Das war doch Betrug, eine kriminelle Affäre!«
»Ach, wenn es Betrug ist, wenn es kriminell ist, bezahlen die Deutschen lieber?«