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»Vater! Hör auf! Zehn Millionen Dollar! Für zwanzig Millionen Dollar kann das deutsche Fernsehen von ABC die Senderechte der ganzen Olympiade in Los Angeles erwerben.«

»Mein Film ist aber mehr wert als die Übertragung der Olympiade. Zugegeben, zehn Millionen Dollar sind viel Geld. Es soll viel Geld sein. Das erhöht noch den Wert des Films. Der ungeheure Wert, den er schon hat, ist fast unbezahlbar. Zehn Millionen, wie gesagt.«

»Die kriegst du nie! Höchstens eine.«

»Eine? Lächerlich! Ich brauche zehn, um aus meiner Misere auch nur halbwegs wieder rauszukommen.«

»Das interessiert aber das Fernsehen nicht.« Olivera wurde tückisch. »Dann scheißen wir auf das deutsche

Fernsehen. Dann scheiße ich auf dich. Bleibst du eben, was du bist: ein kleiner Redakteur. Und ich habe im Handumdrehen zwölf Millionen, fünfzehn, zwanzig, was ich verlange.«

»Von wem?«

»Von den Amerikanern zum Beispiel.« Oliveras Gesicht war jetzt wie aus Stein. »Dafür, daß ich ihnen den Film und alle Kopien übergebe, damit sie ihn verschwinden lassen können und niemand in der Lage ist, den Film auszustrahlen.«

Daniel schluckte.

»Du darfst deinen alten Vater nicht für einen Idioten halten«, klagte Olivera. »Meinst du, von den Amerikanern würde ich zehn Millionen bekommen, Daniel?«

»Ja, und danach sechs Kugeln in den Bauch.« »Ah, du sollst mich nicht für einen Idioten halten, Daniel!

Eine Kopie liegt auf der Bank, ich habe es dir doch gesagt. Mein Schutz. Wenn mir etwas zustößt, bekommt Gaddafi den Film. Und das lasse ich die Amis wissen.«

»Wer bekommt ihn dann?«

»Oberst Gaddafi, Staatschef von Libyen. Der haßt die Amerikaner wie kein anderer Mensch auf der Welt. Der würde hundert Millionen bezahlen und allen Ländern der Welt Kopien des Films und die Senderechte schenken. Und verrückt werden vor Freude. Noch verrückter, als er schon ist. Oder meinst du, er würde nein sagen und das Geld lieber für eine Olympiade-Übertragung ausgeben?«

Daniel Ross starrte seinen Vater an, als hätte er ihn noch nie gesehen.

»Siehst du, es wirkt schon, Kleiner. Ich könnte auch gleich an Gaddafi herantreten und nach Libyen gehen. Wäre absolut in Sicherheit. Ich habe ja die Sensation des Jahrhunderts. Ich biete einen sendereifen Film an. Keine Produktionskosten. Nicht einen Dollar mehr muß der Sender ausgeben. Aber Lizenzen kann er verkaufen an andere Länder. An sechzig, siebzig andere Länder in der ganzen Welt. Was meinst du, wie schnell der Sender da seine zehn Millionen wieder eingenommen hat? Oder zweifelst du daran, mein lieber Sohn? Ich kriege die zehn Millionen. Und Angst? In meinem Alter? Jeder muß sterben. Es ist gefährlich – so oder so. Angst habe ich jetzt nur noch vor dem Elend, der Schande, dem Gefängnis. Und deshalb brauche ich die zehn Millionen Dollar. Und deshalb werde ich sie kriegen. Mit dir oder ohne dich. Willst du also den Film zu deinem Sender bringen und sehen, wie gierig der ihn kauft und du Karriere machst – eine Riesenkarriere? Oder willst du lieber, daß ich mich allein um alles kümmere?«

»Ich nehme den Film mit«, sagte Daniel. Danach bemerkte er, daß seine Hände zitterten. Er verschränkte die Finger ineinander. Aber Olivera hatte es schon bemerkt.

Olivera lachte wieder.

Um 12 Uhr 35 am 21. Februar 1984 überflog der Jumbo der AEROLINEAS ARGENTINAS die westafrikanische Stadt Dakar und nahm Kurs auf Europa. Es war sehr kalt in Dakar. Das Airconditioning sorgte jetzt für Wärme. Als sie später Gibraltar überquerten und sich über spanischem Gebiet befanden, kamen sie in den ersten Schneesturm. Zahlreiche weitere sollten folgen. Der flachshaarige Junge und sein Dad spielten wieder NATO – DER KRIEG IN EUROPA, und Junior gewann wieder. Er war von sich begeistert und blickte beifallheischend in die Runde. Dabei bemerkte er, daß ihm die junge Frau in der Sektion links den Rücken wandte. Das ärgerte ihn.

»He!« rief er. »Interessiert Sie nicht, was?«

Mercedes gab keine Antwort. Sie und der Priester namens Sander beobachteten voller Sorge Daniel, der zwischen ihnen zusammengesunken in seinem Sitz lag. Nachts war er ein paarmal auf die Toilette gegangen, um sich zu übergeben. Er hatte ein ganzes Fläschchen Tropfen ausgetrunken. Sie hatten nicht mehr gewirkt. Der junge Mann mit den langen schwarzen Haaren beobachtete drei Reihen hinter ihnen gespannt, was vorging.

»Nur noch wenige Stunden«, sagte Mercedes verzweifelt, »dann sind wir in Frankfurt. Geht es noch so lange, Danny? Danny!« Das zweite Mal schrie sie den Namen, denn sein Gesicht war plötzlich weiß geworden, seine Lippen wurden blau. Er ächzte. Dann, jäh und schrecklich, begannen seine Arme und seine Beine zu zucken, mehr und mehr, richtige Schüttelkrämpfe waren das, die den Körper hin und her warfen.

»Danny!« schrie Mercedes wieder.

Im nächsten Moment sackte Daniel seitlich nach vorne. Mit Hilfe des Priesters richtete Mercedes ihn mühsam auf. Daniel war ohnmächtig geworden. Nun schrien auch andere Passagiere, die den Vorgang beobachtet hatten. Panik entstand. Zwei Stewards und eine Stewardeß bemühten sich, die Menschen auf ihre Plätze zurückzuschicken. Daniel war wieder bei sich. Er starrte ins Leere. Seine Lippen blieben blau, das Gesicht blieb weiß. »Danny! Danny! Was war das?«

»Weiß nicht«, sagte er mühsam. »Einen großen Cognac!« rief der Priester der Stewardeß zu. Sie verschwand und kehrte gleich darauf mit einem halbgefüllten Schwenkglas zurück. Daniel nahm es mit bebenden Händen und trank den Cognac aus. Er nickte und stellte das Glas weg. Im nächsten Augenblick begannen seine Arme und Beine wieder zu zucken, ein neuer Schüttelkrampf, ärger als der erste, setzte ein, und Ross wurde abermals ohnmächtig.

Die Stewardeß lief zum nächsten Telefonmikrofon, riß den Hörer von der Halterung und sagte über Lautsprecher: »Meine Damen und Herren, einem unserer Passagiere ist schlecht geworden. Befindet sich ein Arzt an Bord?«

Sie wiederholte die beiden Sätze in vier Sprachen. Nach der französischen Version erhob sich ein kleiner Mann

mit glänzendem, glattem schwarzem Haar ganz hinten in der Maschine.

»Sanatorium Kingston bei Heiligenkreuz.«

»Guten Tag. Hier ist die Erste Medizinische Universitätsklinik Frankfurt. Herr Doktor Reinstein muß dringend mit Frau Primaria Mannholz sprechen.«

Da war es 15 Uhr 59 am 21. Februar 1984. »Ein Momenterl, ich verbinde.«

Sibylle Mannholz war diesmal in ihrem Arbeitszimmer allein, als das Telefon läutete. Sie hob ab. Zwei Sekunden später hörte sie eine Männerstimme: »Frau Primaria Mannholz?«

»Ja.«

»Hier ist Reinstein aus Frankfurt.«

»Oh, guten Tag, Herr Kollege. Was gibt es?« »Es handelt sich um Ihren Patienten Daniel Ross, den ich

untersucht habe.«

Sibylle packte den Hörer mit beiden Händen. »Ross? Was ist mit ihm?«

»Er befindet sich im Augenblick auf dem Rückflug von Buenos Aires über Spanien. Vor etwa einer halben Stunde bekam er Schüttelkrämpfe und wurde ohnmächtig.«

»O Gott!«

Die Tür ging auf. Der Arzt Herdegen kam herein, ohne anzuklopfen. Wortlos trat er an den Schreibtisch und hielt den zweiten Hörer ans Ohr. Sein bleiches Gesicht war unbewegt wie immer, und da war auch der seltsame Ausdruck seiner Augen, die eine Kombination von zwei Eigenschaften vermittelten: Eiseskälte und Traurigkeit.

»Woher wissen Sie das?« fragte Sibylle. Sie strich sich das kastanienbraune Haar aus der Stirn.

»Warten Sie! Der Reihe nach. Es ist ein französischer Arzt an Bord.«

»Gott sei Dank!«

»Er ist allerdings Gynäkologe. Aber nach den Symptomen diagnostizierte er einen epileptischen Anfall als Folge von schweren Medikamentenmißbrauch. Ross hat ihm die Wahrheit gesagt.«

»Die Diagnose ist richtig. Was hat dieser Arzt getan?« »Bevor er geholt wurde, hatte eine Stewardeß Ross nach

einem ersten Anfall Cognac gebracht. Den hat er getrunken ...« »O nein!«

»... und daraufhin sofort einen zweiten epileptischen Anfall erlitten.«

»Natürlich!« rief Sibylle. »Cognac war das Verkehrteste, was man ihm geben konnte. Der Cognac hat den zweiten Anfall provoziert.«