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»Ja, das sagt auch der Gynäkologe. Er hat Ross Alymin gespritzt. Intravenös.«

»Alymin? «

»Er weiß selber, daß das nur wenig helfen wird. Aber er hatte nichts Besseres in seiner Tasche. Wenn sich die Anfälle wiederholen, wird er wieder Alymin spritzen, hat er dem Chefpiloten gesagt. So kommt Ross wenigstens bis Frankfurt, und die Maschine muß nicht vorher landen. Es besteht keine akute Lebensgefahr. Ross ist offenbar nur völlig am Ende.«

HIERHER MIT IHM! UNTER ALLEN UMSTÄNDEN! schrieb Herdegen auf einen Block.

»Der Arzt meint allerdings, daß er sofort nach der Landung in eine Klinik muß.«

»Woher wissen Sie das alles?«

»Der Pilot hat auf Kurzwelle mit Frankfurt Tower gesprochen und einen Bericht gegeben. Frankfurt Tower hat mich angerufen, weil Frau Olivera – das ist die Begleiterin von Herrn Ross dem Piloten gesagt hat, daß ich ihn kürzlich untersucht habe und am besten wissen werde, was mit ihm nach der Landung geschehen soll. Sie wollte offensichtlich verhindern, daß der Flughafenarzt ihn übernimmt. Ich habe mit dem Kollegen telefoniert und erklärt, ich kenne Herrn Ross wirklich. Der Arzt ist einverstanden, wenn ich Ross nach der Landung weiterbehandle und entscheide, was mit ihm geschieht, sofern ich die Verantwortung dafür übernehme. Ich habe gesagt, ich weiß, daß Herr Ross zu Ihnen unterwegs ist, um einen Entzug zu machen. Ich habe gesagt, ich werde mich mit Ihnen in Verbindung setzen und Sie bitten, mir entsprechende medizinische Anweisungen zu geben. Ich bin kein Psychiater, Sie müssen das verstehen. Wenn ich wirklich die Verantwortung übernehme, und es passiert etwas ...«

ORGOLAN! schrieb Herdegen auf den Block und darunter: DANN HÄLT ROSS DURCH. ER muß HIERHER! »Ich verstehe Sie vollkommen, Herr Kollege. Ich bin Ihnen

außerordentlich dankbar für Ihre Hilfe.«

»Sie haben mir doch auch schon geholfen. Oft.« »Er muß gleich hierher zu mir. Unter allen Umständen. Ich

kenne ihn seit einer Ewigkeit und habe ihn schon zweimal behandelt.«

Herdegen, der neben Sibylle stand, nickte beifällig und strich mit einem Finger über den Rahmen des großen Farbfotos, das auf dem Schreibtisch stand und einen etwa vierzigjährigen Mann mit braunen Augen und braunem Haar zeigte. Er hatte große Ähnlichkeit mit der Primaria Mannholz.

»Also gut, liebe Kollegin. Sie sagen, was ich machen muß, dann werde ich zum Flughafen fahren. Ich vertraue Ihnen.«

»Wann landet die Maschine?«

»Siebzehn Uhr fünfundvierzig. Also in eindreiviertel Stunden.«

»So lange kommt der Arzt in der Maschine mit Alymin zurecht. Wahrscheinlich braucht er es gar nicht mehr. Ross wird schlafen. Wissen Sie, wann die nächste Anschlußmaschine nach Wien geht?«

»Habe ich mich bereits erkundigt. Achtzehn Uhr dreißig. An Wien neunzehn Uhr fünfzig.«

»Dann kann Ross gleich weiterfliegen. Das ist gut. Sie geben ihm zehn Kubikzentimeter Orgolan intravenös. Nein, spritzen Sie ihm zwanzig! Dann ist er absolut ruhiggestellt. Und sein Kreislauf bricht nicht zusammen. Ich übernehme auch dafür die

Verantwortung. Geben Sie mir bitte die Nummer und den Namen des Flughafenarztes, ich spreche mit ihm. Wir schicken eine Ambulanz zum Wiener Flughafen. Hier hat es zu schneien aufgehört. Bei Ihnen auch?«

»Ja. Die Maschine hat ständigen Kontakt mit Frankfurt. Ich rufe sofort an, wenn sich irgend etwas Unvorhergesehenes ereignet. Jetzt noch der Flughafenarzt, notieren Sie ...«

Nach dem nächtlichen Blizzard blieb der Londoner Airport Heathrow am 21. Februar gesperrt bis 15 Uhr. Dann endlich hatten Schneepflüge und Räumfahrzeuge eine Startbahn gesäubert, und die erste Maschine – eine PAA nach New York – konnte um 15 Uhr 15 starten. Wayne Hyde traf um 19 Uhr 05 mit einem Airbus der BEA in Frankfurt ein.

Der große hagere Mann mit dem wettergegerbten Gesicht verließ die Maschine als letzter. Nach der Paßkontrolle schlenderte er ohne Eile zur Gepäckausgabe. Inmitten vieler wartender Passagiere entdeckte er sofort seinen Mann. Pablo mit den langen schwarzen Haaren trug einen dünnen Mantel und fror erbärmlich. Er stand abseits und hielt den Klarsichtkarton mit der Orchidee in der rechten Hand. Hyde ging an ihm vorbei und sagte leise auf englisch: »Ich hole mein Gepäck. Dann gehen Sie mir nach in die BLAUE BAR ...« Eine knappe Viertelstunde später saß er mit Pablo in einer Ecke der BLAUEN BAR. Die beiden großen Kleidersäcke lagen auf dem Boden. Hyde hatte Tee bestellt, Pablo Tee mit weißem Rum. Es war längst dunkel. Durch die Fenster der Bar sah man die Befeuerungen der Startbahnen und der Flugzeuge, die in schneller Folge landeten oder mit mächtigem Dröhnen starteten und steil in den Nachthimmel hinaufzogen.

Pablo hatte Hyde alles berichtet, was er vor und nach dem Start des Jumbos in Rio de Janeiro miterlebt hatte. Hyde hörte schweigend zu.

»Nach der Landung hier brachten sie Ross sofort in eine Flughafenambulanz. Zusammen mit einem Arzt. Der wartete schon an der Gangway. Diese Olivera hat gebeten, daß man ihn verständigt, er kennt Ross. Das habe ich bei dem ganzen Durcheinander in der Maschine mitgekriegt. Sie haben den Arzt über Funk hergerufen. Reinstein heißt er. Doktor Reinstein ...« Pablo verstummte, denn der Kellner servierte die Getränke.

»Ja?« sagte Hyde, als der Kellner gegangen war. »Doktor Reinstein muß ein verflucht guter Arzt sein. Oder ein

verflucht gutes Mittel gehabt haben. In der Luft habe ich gedacht, Ross nibbelt ab, so mies ging es ihm. Auch noch bei der Landung. Ich habe mich vor der Rot-Kreuz-Station hier rumgetrieben. Nach zwanzig Minuten kam Ross raus. Mit der Olivera. Da konnte er wieder ohne Hilfe laufen und hatte Farbe im Gesicht, und dieses scheußliche Gliederschütteln war weg. Er schien nur sehr benommen zu sein.«

»Klar«, sagte Hyde und trank Tee.

»Die rote Flugtasche hat die Olivera nicht eine Sekunde aus der Hand gegeben. Die schleppte sie überall hin mit. Der alte Priester, der Leon eins über die Rübe gab, saß in der Maschine neben den beiden. Nach der Landung kümmerte er sich um Ross. War mit in der Rot-Kreuz-Station. Kamen alle zusammen raus, auch dieser Doktor Reinstein.« Pablo zitterte. »Scheißkälte. Drüben hat es über vierzig Grad.«

»Wann fliegen Sie zurück?«

»Morgen um zweiundzwanzig Uhr. Leider geht früher keine Maschine. Ich habe hier im Flughafenhotel ein Zimmer genommen.«

»Lassen Sie sich Corofax besorgen. Nehmen Sie die doppelte Menge, die auf dem Waschzettel steht.«

»Was ist das?«

»Bestes Mittel gegen Diarrhoe. Die kriegen Sie sonst auf alle Fälle bei diesen Temperaturunterschieden. Mit Koliken können Sie schlecht fliegen. Ich nehme es immer.«

»Corofax. Okay. Also weiter. Sie gingen alle zum Schalter der AUSTRIAN AIRLINES, wo Ross und die Olivera zweimal Wien buchten für den Flug um achtzehn Uhr dreißig. Der Priester hatte sich um ihr Gepäck gekümmert. Na ja, und so sind sie jetzt schon über Österreich. Soviel ich mitgekriegt habe, soll Ross sofort in ein Sanatorium.«

»Ja. Ich weiß Bescheid. Es geht zum Glück noch eine Maschine nach Wien heute. LUFTHANSA. Kommt aus Paris. Fliegt hier ab um einundzwanzig Uhr zehn. Hat die Olivera auch ganz bestimmt die rote Tasche mitgenommen?«

»Ganz bestimmt! Dieser Doktor Reinstein ist mit Ross und der Frau in einer Ambulanz zum Flugzeug gebracht worden. Ich hab’ gesehen, wie sie eingestiegen sind. Die Olivera hatte die rote Tasche dabei.«

»Aber ob die Kassetten noch drin waren?«

Erschrocken sagte Pablo: »Das weiß ich natürlich nicht.« Er erregte sich. »Sie haben recht! Das war ja nicht vorgesehen, daß der Kerl einen Zusammenbruch kriegt. Sicher hatten die beiden die Absicht, die Kassetten hier in Frankfurt in Sicherheit zu bringen. Mierda! Weiß Gott, wo die Kassetten jetzt sind! Der Priester kann sie haben, der Arzt, was weiß ich. Was machen wir jetzt?«

»Bleiben Sie hier, Pablo«, sagte Hyde. »Ich muß mal telefonieren. Bin gleich wieder da.« Er verließ die Bar und ging in das Flughafen-Postamt. Seine Kleidersäcke nahm er mit. In der Zelle hatte jemand mit großen Buchstaben und in roter Farbe folgende Worte an die Wand gesprüht: FRESSEN, FICKEN, FERNSEHEN. Hyde führte zwei Gespräche, dann ging er zum LUFTHANSA-Schalter, buchte einen Platz in der 21 Uhr 10-Maschine, die aus Paris kam und nach Wien weiterflog, und gab sein Gepäck auf. Neben dem Schalter saß ein etwa zwanzig Jahre alter Junge auf der Erde. Er hatte einen kleinen Teppich ausgebreitet und war in eine bunte Decke gehüllt. Der Junge spielte Gitarre und sang mit schöner, warmer Stimme: »Der Rüstungsboom ist reich an Gnade. Der Krieg zieht sich noch etwas hin. Wer Pech hat, der zerstrahlt zu Marmelade. Es kocht sich gut mit Napalmin ...«