Выбрать главу

Ein paar Menschen standen um ihn herum. Sie waren aufgeregt. Ein älterer Mann rief: »Du mit deinen Scheißliedern! Wenn’s dir hier nicht paßt, geh doch in’n Osten!«

»Da komm ick jerade her«, sagte der Junge. »Die wollten mir ooch nich.«

Hyde kehrte in die BLAUE BAR zurück.

»Wir werden bald wissen, ob die Kassetten noch bei der Olivera sind«, sagte er zu Pablo, der jetzt beständig zitterte.

»Wann?«

»Wenn Ross in Wien gelandet ist.« Hyde sah den jungen Mann besorgt an. »Sie gehen jetzt schleunigst ins Bett! Trinken Sie weiter Tee mit Rum! Und vor allem vergessen Sie nicht das Corofax! Ich rufe Sie an, sobald ich etwas weiß. Wirklich,

Pablo, Sie können nicht weiter hier herumsitzen.« »Ja, dann ... Mir ist sehr mies ... Aber Sie rufen an, ja?

Versprochen?«

»Versprochen.« Hyde gab dem jungen Mann die Hand. »Vielen Dank und alles Gute!« Als er allein war, bestellte der Söldner eine neue Portion Tee, und aus einer großen Tasche seines pelzgefütterten Dufflecoats holte er den Band mit den Shakespeare-Sonetten. Er lehnte sich zurück, blätterte ein wenig und las dann ergriffen diese Worte: »Kein Erz und Stein ist, Erde nicht und Flut, / Die die Vergänglichkeit nicht schlägt in Trümmer, / Wie trotzt die Schönheit solcher trüben Wut, / Da sie nicht stärker als ein Blütenschimmer?«

Ach, dachte Wayne Hyde, wie schön. Wie schön. Um 20 Uhr 40 läutete in der BLAUEN BAR das Telefon. Der

Mixer hob ab, sprach kurz und sah sich dann suchend im Raum um, in dem sich etwa ein Dutzend Menschen befand. Er sagte: »Meine Herrschaften, hier ist ein Gespräch für ...«

Hyde war schon aufgesprungen und zur Theke geeilt. »Wayne Hyde«, sagte er, »nicht wahr?«

»Ja, mein Herr.« Der Mixer überreichte ihm den Hörer. Die Menschen in der Bar sprachen ziemlich laut.

»Herdegen«, sagte eine Männerstimme. »Hyde. Und?« »Sie haben die Kassetten dabei.«

»Sie wissen das genau?«

»Der Zoll. Ich bin mit einer Ambulanz gekommen, und sie ließen uns aufs Flugfeld hinausfahren, um den Mann abzuholen. Aber der Zoll hat dann die Frau gefilzt. Auch die Tasche. Ich stand ganz in der Nähe.«

»Okay, fein. Ich fliege kurz nach einundzwanzig Uhr und bin gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig in Wien.«

»In Ordnung.«

»Wie geht es ihm?«

»Schlecht.«

»Gut«, sagte Hyde. Er grüßte kurz und legte auf. Dann hörte er, daß sein Name aufgerufen wurde. Er sollte zur Paß- und Zollkontrolle kommen. »Wie kann ich von hier einen Hotelgast anrufen?« fragte er den Mixer.

»Wählen Sie die Neun, und Sie haben die Zentrale.« Wenige Sekunden später war Hyde mit Pablo verbunden. »Hier ist Hyde. Sie haben die Kassetten bei sich.«

»Gott sei Dank! Guten Flug, Mister Hyde!« »Danke. Und alles Gute für dich, Kleiner!« Hyde zahlte.

Dann nickte er dem Mixer zu und verließ die Bar: Er dachte an die letzten Worte des Sonetts, das er gelesen hatte: »Wer hemmt den schnellen Fuß, des Alterns Wüten? / Wer schützt die Schönheit vor Vergänglichkeit? / Ach niemand, wenn dies Wunder nicht geschieht, / daß hell aus schwarzer Schrift mein Lieben glüht.«

Hoffentlich bringt Franz eine Springfield, dachte Hyde. Das ist ein amerikanisches Gewehr. Ich fühle mich damit immer sicherer als mit einem deutschen Achtundneunzig.

»Seien Sie ganz ohne Sorge«, sagte Dr. Gerd Herdegen. Er wischte Daniel Ross mit einem Tuch die Schweißperlen von der Stirn. »Alles wird ganz schnell wieder ganz gut.« Er lächelte. In seinen seltsamen Augen überwog jetzt der Eindruck von Traurigkeit den von Eiseskälte. Daniel sah zu dem Mann im weißen Kittel auf, der neben ihm saß. Er lag in Hemd und Hose auf einer Trage in der Ambulanz, die sehr schnell vom Flughafen südostwärts über eine nächtliche Landstraße fuhr.

Daniel gegenüber saß Mercedes. Sie hatte ihren Pelzmantel abgelegt. Der Wagen war geheizt. Mercedes hielt die rote Flugtasche auf den Knien. Die Sirene des Wagens sang. Ein Blaulicht, das sich zuckend auf dem Dach drehte, schickte in kurzen Abständen Lichtreflexe durch den Wagen.

»Ist es noch weit?« fragte Mercedes.

»Keine zwanzig Kilometer, gnädige Frau«, antwortete der Arzt. Die Ambulanz fuhr durch dichten Wald. Es schneite jetzt wieder heftig. Der Wagen schlidderte von Zeit zu Zeit, aber der Fahrer ging nicht mit dem Tempo herunter.

»Er soll langsamer fahren«, sagte Daniel.

»Er ist sehr sicher. War früher Rennfahrer«, sagte der Arzt. »Es ist mir egal, was er früher war. Er soll langsamer fahren.«

»Sie müssen schnellstens ins Sanatorium«, sagte Herdegen. »Es geht Ihnen nicht gut. Wollen Sie wieder einen Anfall kriegen?«

»Ja«, sagte Daniel. »Ich will wieder einen Anfall kriegen. Lieber noch zwei. Hier auf der Liege.«

»Danny!« sagte Mercedes. Und zu dem Arzt: »Entschuldigen Sie, bitte.«

Herdegen lächelte ihr zu, legte eine Hand auf die ihre, erhob sich dann, schob das Fenster zu den Fahrersitzen etwas auf und sprach mit dem Chauffeur. Er schloß das Fenster und setzte sich wieder neben Daniel. »Er fährt langsamer. Merken Sie es? Zufrieden?«

Daniel gab keine Antwort.

Die Sirene heulte immer weiter, und immer weiter zuckten die blauen Lichtreflexe.

Nach einer Weile wurde es draußen hell. Mercedes sah durch einen klaren Streifen oben in den Milchglasfenstern beleuchtete Straßen und Häuser. Sie fuhren an einem Rathaus vorüber.

»Jetzt sind wir schon in Mödling«, sagte der Arzt. »Beliebter Ausflugsort am Rand des Wienerwaldes. Auch ein Kulturzentrum. Hier haben Schubert, Hugo Wolf, Wildgans und Grillparzer gearbeitet. Jetzt fahren wir durch die Hauptstraße. Da, sehen Sie, das angestrahlte Gebäude. Es heißt Hafnerhaus und ist eine Gedenkstätte. In den Sommermonaten achtzehnhundertachtzehn und neunzehn schuf Beethoven hier die›Missa solemnis‹.«

»Tresor«, sagte Daniel undeutlich. »Bitte?« fragte Herdegen. Daniel wies auf Mercedes. »Ich kann nur schwer sprechen«,

sagte er.

Mercedes sagte: »Sicher gibt es einen Tresor in Ihrem Sanatorium, Herr Doktor.«

»Im Zimmer der Frau Primaria, ja. Warum?« Die Lichter blieben zurück. Sie fuhren wieder durch Wald.

Mercedes klopfte auf ihre Flugtasche. »Ich habe hier wichtige Unterlagen. Wir wollten sie in Frankfurt zur Bank bringen, aber das war unmöglich. Wir konnten den Flug nach Wien nicht aufschieben. Darum habe ich die Unterlagen immer noch bei mir.«

»Selbstverständlich steht Ihnen der Tresor zur Verfügung«, sagte Herdegen lächelnd. »Seien Sie ganz ohne Sorge!« Nach einer Weile tauchten wieder vereinzelte Lichter auf. »Hinterbrühl«, sagte der Arzt. »Hier gibt es ein aufgelassenes Gipsbergwerk mit dem größten unterirdischen See Europas. In der Saison fahren da Elektroboote hinein. Große Fremdenverkehrsattraktion.«

»Ich habe Angst um Herrn Ross«, sagte Mercedes leise. »Müssen Sie nicht haben, gnädige Frau. Er ist in besten Händen. Bald wird er wieder ganz in Ordnung sein.« Herdegen lächelte Daniel zu und fühlte den Puls.

»Wieviel?« fragte Daniel.

»Erhöht«, Sagte Herdegen. »Das ist ganz natürlich. Jetzt sind wir gleich da. Da ist schon Heiligenkreuz.« Zu Mercedes sagte er: »Da drüben – die angestrahlte Kirche, sehen Sie? – liegt das älteste Zisterzienserkloster Österreichs.« Es schneite jetzt sehr heftig und in großen Flocken. Mercedes erblickte ein riesiges Bauwerk neben der Kirche. »Gegründet elfhundertfünfunddreißig von dem Markgrafen Leopold dem Heiligen. Großartig! Wenn Sie den Entzug hinter sich haben, Herr Ross, werden Sie sich das alles zusammen mit der gnädigen Frau ansehen. Hier liegen die Gräber der alten Landesherren Österreichs. Das Kloster Heiligenkreuz ist auch eine Wallfahrtsstätte und ...« Der Wagen schleuderte wieder heftig.