»Wirklich ein prima Fahrer«, sagte Daniel.
Nach kurzer Weiterfahrt sagte Herdegen: »Wir sind da.« Der Fahrer hupte.
Die Wange an die kalte Scheibe gepreßt, sah Mercedes im Licht der Scheinwerfer ein hohes schmiedeeisernes Tor in einer hohen Mauer. Hinter der Mauer erblickte sie den Teil eines Wächterhauses, aus dem nun ein Mann in Stiefeln und Anorak trat, der das große Tor öffnete. Die Flügel schwangen seitlich zurück. Die Ambulanz fuhr durch einen tiefverschneiten, großen Park und hielt Minuten später vor einem weißen Gebäude.
Es ging alles sehr schnell. Der Fahrer und sein Kollege stiegen aus und öffneten die hinteren Türen des Wagens. Herdegen hatte Mercedes in den Pelzmantel geholfen und eine Decke über Ross gelegt. Nun war er Mercedes, welche die Flugtasche an sich drückte, beim Aussteigen behilflich. Der Fahrer und sein Kollege zogen schnell und geschickt die Trage mit Daniel aus dem Wagen. Schweigend eilten sie die Treppen zum Eingang des Sanatoriums hinauf und hoben die Trage auf ein Gestell mit Gummirädern. Nun ging es einen blendendweißen Gang entlang bis zu einem Lastenlift. Die beiden Männer fuhren mit Daniel nach oben. Ein anderer Gang. Sehr helles Licht auch hier. Die Männer schoben die Trage schnell und dabei vorsichtig. Daniel sah kurz die Gesichter einiger Schwestern und Ärzte vorübergleiten, sah Türen, Türen. Eine stand offen. Und dann erblickte Daniel die Frau mit dem kurzgeschnittenen kastanienbraunen Haar und den großen braunen Augen. Sie trug einen Ärztekittel, und Daniel fühlte, wie sein Herz plötzlich stürmisch zu schlagen begann. Sie neigte sich über ihn, und er schlang die Arme um sie.
»Sibylle«, sagte er heiser.
»Guten Abend, Danny«, sagte sie und küßte ihn auf beide Wangen.
Die Männer hoben die Trage von dem Gestell, eilten mit ihr in ein weißes Krankenzimmer und legten Daniel auf das Bett. Sie verschwanden wortlos.
Sibylle kam näher. Sie preßte ihren Mund an Daniels linkes Ohr. Er hörte sie sehr schnell flüstern: »Da ist ein Mikrofon in deinem Zimmer. Jedes Wort wird abgehört. Sag das deiner Begleiterin! Aber leise!«
Zwei Pfleger brachten das Gepäck.
»Kann ich sonst noch was tun, Frau Primaria?« fragte der eine. Er hatte graue Haare, graue Augen, ein gutmütiges Gesicht und den Körper eines Athleten.
»Nein, danke, Herr Aigner«, sagte Sibylle.
»Wenn Sie mich brauchen, ich bin in der Teeküche, Frau Primaria.« Er sah Sibylle ernst an.
»Ist gut, Herr Aigner«, sagte diese.
»Auf Wiedersehen, Herr Ross«, sagte der Pfleger und verschwand.
Sibylle hatte sich neben Daniel auf den Bettrand gesetzt. Sie sahen einander in die Augen, sie sprachen kein Wort miteinander. Er versuchte ein paarmal zu lächeln. Sie erwiderte den Versuch nicht ein einziges Mal. Ihre Augen waren sehr groß und ernst, und ihr Gesicht war so schön, wie er es kannte, aber voller Sorge.
Endlich sagte sie leise: »Nach so langer Zeit, Danny.« »Ja, nach so langer Zeit«, sagte er.
»Und natürlich bist du wieder rückfällig geworden! Schlimm diesmal.«
»Wirst du mich hinkriegen, Sibylle?«
»Habe ich dich nicht noch jedesmal hingekriegt?« Sie flüsterte in sein Ohr: »Bei der ersten Gelegenheit lasse ich dir alles erklären, was hier vorgeht; bis dahin seid vorsichtig!« Und er roch den Duft ihres Haares und alles, alles war plötzlich wie gestern; wie gestern und nicht zwölf Jahre her, zwölf lange Jahre, die ausgelaufen waren im Sandmeer der Zeit.
»Geht es dir gut, Sibylle?«
»Sehr gut, Danny«, sagte sie, aber große Traurigkeit lag auf ihrem Gesicht und strafte ihre Worte Lügen.
Er streichelte ihren Arm und lächelte wieder, und wieder blieb sie ernst, so ernst.
Er wollte etwas sagen, aber sie machte eine warnende Bewegung. »Denkst du noch manchmal an ... unsere Zeit, Sibylle?«
»Oft, Danny, oft.«
»Weißt du, ich träume immer wieder von uns«, sagte er, zog sie zu sich herab und küßte sie auf den Mund. »Seit zwölf Jahren träume ich von uns beiden. Verrückt, wie?«
»Ja«, sagte sie, »total verrückt.«
Plötzlich waren ihre Augen voller Tränen. Er sah sie fassungslos an. Wieder machte sie das warnende Zeichen. Mit einem Taschentuch tupfte sie schnell ihre Augen trocken.
»›Wenn ich mir was wünschen dürfte ...‹«, sagte er. »Erinnerst du dich noch?«
»An alles, Danny. An alles. Ich erinnere mich an alles.« »Ich auch. Ganz genau. Das Leben ist komisch, nicht?« »Ja«, sagte sie. »Wahnsinnig komisch. Ich glaube, jetzt
kommt deine Begleiterin mit Doktor Herdegen.« »Wo waren sie so lange?«
»Anmeldung. Du hast Frau Olivera doch deinen Paß gegeben, nicht wahr?«
»Ja. Dieser Doktor Herdegen hat darum gebeten.« »Die Bestimmungen sind sehr streng«, sagte Sibylle. »Wir
haben viele ausländische Patienten hier, weißt du. Alle An- und Abmeldungen müssen gleich zu dem Gendarmerieposten in Heiligenkreuz gebracht werden.« Wieder flüsterte sie in sein Ohr: »Sie fotokopieren deinen Paß und behalten ihn dann in Aufbewahrung, solange du da bist. Die Fotokopien brauchen sie sofort. Ich werde dir alles erklären ...«
Auf dem Gang wurden Stimmen und Schritte laut. Sibylle erhob sich. Gleich darauf traten Herdegen und
Mercedes ins Zimmer. Daniel machte die beiden Frauen miteinander bekannt. Mercedes war größer und so ernst wie Sibylle, als sie einander die Hand gaben. Dann lächelten beide. Daniel sah, daß sie einander in der Folgezeit genau beobachteten. Sie sprachen jetzt mit Herdegen über ihn, als wäre er nicht anwesend. Er müsse sofort untersucht werden, sagte Sibylle. Herz, Kreislauf, Lunge. Routine. Ein EKG könne man im Bett machen. Alles andere auch.
»Wenn Sie wollen, schlafen Sie hier bei Herrn Ross«, sagte Herdegen. »Das ist ein großes Zweibettzimmer.«
»Danke!« sagte Mercedes. »Sie sind sehr freundlich.« »Wir beginnen dann sofort mit der Behandlung«, sagte
Sibylle, sehr sachlich. »Ich werde mich darum kümmern, Doktor Herdegen. Herr Ross ist ein sehr alter Freund von mir. Ich hatte schon mit ihm zu tun. Leider. Er wurde immer wieder rückfällig. Wenn Sie vielleicht seine Waschsachen und ein Pyjama aus dem Gepäck nehmen wollten, Frau Olivera!« Und zu Danieclass="underline" »Das Badezimmer ist da drüben. Ich komme in einer halben Stunde zur Untersuchung, okay?«
»Okay, Sibylle«, sagte er leise. »Danke.«
Mercedes hatte schon einen Koffer geöffnet. Während sie noch suchte, sagte der bleiche Herdegen mit dem dichten schwarzen Haar und dem seltsamen Ausdruck in den Augen: »Frau Olivera hat noch eine Bitte. Sie möchte gerne wichtige Dokumente in Ihrem Tresor verwahren, Frau Primaria.«
Sibylles Gesicht gefror zu einer Maske, fand Daniel, der sie dauernd ansah. Zu einer Maske des Erschreckens und der Angst, dachte er verstört.
»In meinem Tresor ...?« Sibylles Stimme war klanglos. »Ja, Frau Doktor. Es sind sehr wichtige Unterlagen«, sagte
Mercedes.
»Hier wird nicht gestohlen, Frau Olivera.«
»Natürlich nicht. Aber es wäre mir doch sehr lieb, wenn ich die Unterlagen in Ihrem Tresor wüßte.«
»Mir auch, Sibylle«, sagte Daniel.
»Da hören Sie es, Frau Primaria.« Nur der Ausdruck in Herdegens Augen wechselte. Nun war er eiskalt. »Gewiß werden Sie nichts dagegen haben.«
Sibylle schwieg. »Frau Primaria ...« Sie zuckte zusammen. »Gewiß nicht«, sagte sie, und ihr verkrampftes Lächeln gefror ebenfalls zur Maske, einer anderen Maske.
»Dann gehen wir am besten gleich«, sagte Herdegen liebenswürdig. »Herr Ross kann inzwischen ins Badezimmer.«
»Wie Sie wünschen.« Sibylle nickte Daniel zu, dann verließ sie mit den beiden anderen das Zimmer. Über den hellerleuchteten Gang eilten die drei zum Lift. Die Tür des Stationsraumes stand offen. Ein junger Arzt und zwei Schwestern saßen darin und tranken Kaffee. Sie grüßten freundlich. Sonst sah Mercedes auf dem ganzen Weg bis zum Arbeitszimmer Sibylles, das im Erdgeschoß lag, nicht einen einzigen Menschen.