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Der Tresor war sehr groß – die Tür höher als Sibylle – und in die Wand links neben dem mit Papieren, Büchern und Medikamentenpackungen überhäuften Schreibtisch eingelassen. Matt glänzte seine Stahlplatte. In halber Höhe trug sie ein versilbertes großes Rad, in dessen Zentrum sich ein stählerner Konus vom Ausmaß eines Wasserglases befand. Der Konus besaß viele Rillen. Eine Skala mit Strichen und Zahlen umgab ihn. Sibylle trat vor den Konus. Durch Hin- und Herdrehen des Stahlkerns begann sie, die Sperre des Panzerschranks zu lösen. Ihr schmaler Rücken verdeckte dabei Konus und Zahlenkreis.

»Ein Riesending«, sagte Mercedes erstaunt. Sibylle antwortete nicht. An ihrer Stelle sprach Herdegen:

»Hier werden alle wichtigen Papiere der Klinik und unserer Patienten aufgehoben – die Krankengeschichten zum Beispiel. Seien Sie ganz ohne Sorge! Der Tresor hat eine fünfstellige Nummernkombination, die man jederzeit nach Belieben mit einem Wählschlüssel – sehen Sie – ändern kann. Eine Million Möglichkeiten gibt es. Wir wechseln die Kombination immer wieder. Nur die Frau Primaria öffnet und schließt den Tresor. Nur sie kennt die momentan eingestellte Kombination.«

Sturm war aufgekommen und peitschte Schnee gegen das große nachtdunkle Fenster.

»Fünf Zahlen, und immer wieder andere – wie merken Sie sich das, Frau Doktor?« fragte Mercedes.

»Ich habe eine sehr gute Methode«, sagte Sibylle, die an dem Konus drehte.

»Aber Sie werden sie nicht verraten«, sagte Herdegen und lachte herzlich. Sibylle wandte sich um und sah ihn ernst an. Er lachte weiter. Die Ärztin zog an dem großen silbernen Rad. Mit einem saugenden Geräusch öffnete sich die gewiß einen Drittel Meter dicke Panzertür. Gleichzeitig flammte in der mannshohen Kammer dahinter elektrisches Licht auf. Mercedes sah einen

Tisch und Regale an den Wänden im Innenraum des Tresors. Sehr viele Akten lagen da, verschnürte Pakete und Leitzordner.

»Was wollen Sie deponieren?« fragte Sibylle. Ihr Gesicht war nun grau. Mercedes stellte die rote Flugtasche auf eine Ecke des Schreibtisches, zog den Reißverschluß auf und holte zwei Videokassetten hervor. Sie trugen Beschriftungen in spanischer Sprache und die Systembezeichnung VHS.

»Hier bitte!« Herdegen reichte Mercedes einen großen gelben Umschlag.

»Danke.« Sie steckte die beiden Kassetten hinein. »Und nun?«

»Nun treten Sie in den Tresor und legen das Päckchen auf das erste Regalbrett links«, sagte Sibylle. Ihre Stimme klang plötzlich unendlich müde.

Mercedes folgte der Aufforderung. Ihr wurde unheimlich zumute, als sie in das Tresorinnere stieg. Schnell trat sie wieder ins Freie.

»So«, sagte Herdegen sonnig, »jetzt können Sie aber beruhigt sein.« Sibylle stellte die Nummernkombination ein und schloß die große Tür. Sie muß sich die Zahlen irgendwo notieren, dachte Mercedes, wenn sie immer wieder wechseln. Ihr Blick fiel auf die gerahmte Farbfotografie eines etwa vierzigjährigen Mannes mit braunem Haar und braunen Augen. Der Mann lachte. »Oh«, sagte Mercedes überrascht. »Was für eine Ähnlichkeit, Frau Doktor! Ihr Bruder?«

»Ja«, sagte Sibylle und hielt sich wie in einem Anfall von Schwäche an dem versilberten Rad des Tresors fest. »Das ist mein Bruder Eugen.«

Etwa eine Stunde später schloß Frau Primaria Sibylle Mannholz Daniel Ross an einen Tropf an. Sie stieß ihm geschickt und schnell die Nadel am Ende des langen dünnen Plastikschlauches, der von der Flasche voll leuchtendgelber Flüssigkeit herabhing, in eine Vene des rechten Arms und fixierte sie. Danach erhob sich Sibylle und regelte die Geschwindigkeit des Tropfenfalls. Zuvor hatte sie Ross gründlich untersucht. Sie war erschrocken gewesen über das Ausmaß seiner Erschöpfung.

»Ich komme fünf nach zwölf, was?« sagte er. »Zehn nach zwölf. Dein Herz möchte ich haben, Danny! Jeder

andere wäre längst tot.«

»Sibylle?«

»Ja?«

»Ich bin sehr glücklich, bei dir gelandet zu sein.« »Ich auch, du Verrückter.«

Während sie sich so unterhielten, hatte Sibylle auf einen Umschlag, den sie ihm nun reichte, geschrieben: REDE WEITER MIT MIR, WÄHREND DU LIEST...

»Du nimmst mir jetzt natürlich das Nobilam weg«, sagte er ... ICH WEISS NICHT, WAS DU IN BUENOS AIRES HERAUSGEFUNDEN HAST. UNTER KEINEN UMSTÄNDEN DARFST DU DARÜBER LAUT MIT FRAU OLIVERA REDEN ...

»Natürlich nehme ich es dir weg«, sagte Sibylle. »Bis es aus dem Körper raus ist, das dauert zweiundsiebzig Stunden. Drei, vier Tage werden wir dich entgiften.«

... DU WOLLTEST ZU MIR, KLAR, las ROSS. DU HÄTTEST AN KEINEM GEFÄHRLICHEREN ORT LANDEN KÖNNEN. ERST WENN DU WIEDER BEI KRÄFTEN BIST UND SPAZIERENGEHEN KANNST, WIRD MAN DIR ALLES ERKLÄREN. ICH BIN IN EINER SEHR SCHLIMMEN LAGE ...

»Und nach drei, vier Tagen?«

»Wirst du dich nicht mehr so gemütlich fühlen wie jetzt, mein Lieber.«

... FRAU OLIVERA HÄTTE NIEMALS DIE VIDEOKASSETTEN IN MEINEM TRESOR DEPONIEREN DÜRFEN, las Daniel weiter. NIEMALS! JETZT IST ES ZU SPÄT. JETZT KÖNNEN WIR NUR HOFFEN, DASS ALLES GUTGEHT ...

»Und was machst du dann mit mir?«

... ICH WIEDERHOLE: KEIN PERSÖNLICHES WORT! SAG DAS FRAU OLIVERA INS OHR! ODER SCHREIB ES AUCH AUF!

»Das wirst du dann schon sehen. Angst vor Entzugserscheinungen, ja?«

»Natürlich. Du weißt doch, was für ein Feigling ich bin.« Sibylle hatte ihm den Umschlag fortgenommen und war ins Badezimmer gegangen, wo sie das Papier in kleine Stücke riß und in der Toilette hinunterspülte. Sie kam zurück und sagte: »›Der Feigling stirbt tausend Tode‹, heißt es im Sprichwort, ›der Tapfere nur einen.‹ Das ist natürlich Geschwätz. Der Tapfere stirbt zehntausend Tode, wenn er intelligent ist.«

»Ich bin intelligent«, sagte er und fühlte, wie seine Glieder schwer wurden. »Leider.«

»Ja«, sagte Sibylle. »Dafür mußt du aber auch nicht mutig sein, mein kleiner Feigling! Es würde keinen Unterschied machen. Wir werden dich schon nicht sterben lassen, Danny. Und so eine Portion Angst und Entzugserscheinungen sind eine gute Sache. Dann merkst du dir das hoffentlich eine Weile. Die Menschen vergessen so schnell.« Sie küßte ihn auf beide Wangen und auf den Mund und strich über sein Haar. »So, schlaf schön, mein Alter!«

»Werde ich schlafen können?«

»Wie ein Murmeltier. Du wirst nicht einmal aufwachen, wenn ich die Flasche wechsle. See you later, alligator!« Ihr tragischer Gesichtsausdruck stand in schrecklichem Gegensatz zu der bemüht fröhlichen Stimme. Sie ging zur Tür und winkte Daniel noch einmal zu.

Auf dem Gang saß Mercedes in einem Sessel. Sie stand auf. »So, fertig«, sagte Sibylle. Jetzt lächelte sie sogar. »Sie können zu ihm gehen, Frau Olivera. Alles in Ordnung.«

»Ich danke Ihnen, Frau Doktor. Ich danke Ihnen sehr.« »Danke für gar nichts«, sagte Sibylle. Sie ging den weißen

Gang hinunter. Die Hände hatte sie in die Taschen ihres Ärztekittels gesteckt. Mercedes sah ihr nach und bemerkte, daß Sibylles Rücken ein wenig zuckte. Sie ahnte nicht, daß die schlanke Frau mit dem braunen Haar, die da von ihr fortging, alle Kraft zusammennahm, um sich auf den Beinen zu halten und nicht zusammenzubrechen.

Mercedes kam ins Zimmer und drehte sich um, weil sie die Tür schließen wollte. Im gleichen Augenblick erlosch die starke Neonbeleuchtung auf dem weißen Gang, der nun in blaues Nachtlicht getaucht war. Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Genau 22 Uhr. Sie drückte die Tür ins Schloß und sah, daß Daniel einen Block auf den angezogenen Knien liegen hatte und hastig mit der linken Hand schrieb. Sein rechter Arm hing am Tropf, doch als Linkshänder konnte er mit beiden Händen schreiben. Mercedes wollte etwas sagen, aber er legte schnell einen Finger auf seine Lippen und hielt ihr den Block hin. Die erste Seite hatte er vollgeschrieben. Mercedes begriff die Situation schnell.

»Hallo, Danny, wie geht’s?«