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Da war die rote Rose.

Er betrachtete sie glücklich und dachte: Die Rose bin ich. Mein Körper, in Erde gebettet, ist zerfallen. Ein Teil von ihm, seine organischen Bestandteile, haben sich verwandelt in Kohlensäure und Ammoniak und ausgebreitet über die ganze Welt. Die anorganischen Bestandteile, die verschiedenen Salze, sind eingedrungen in den Boden, in dem ich liege, und sie haben diese Rose zum Wachsen gebracht, diese wunderbare Rose. Ich bin eine Rose geworden. Eine Rose und auch eine Wolke, denn die Gase in meinem Körper sind zum Himmel aufgestiegen. Ich bin eine Wolke.

Es begann zu regnen, sanft und leicht. Ich bin der Regen, dachte er, ja, auch der Regen. Es gibt eine Weltenergie, deren Größe genau festgelegt ist. Nicht das kleinste Partikel dieser Energie darf jemals verlorengehen. Nur verwandeln darf sie sich. In andere Energie. In unendlich viele andere Energien. Wärme zum Beispiel. Die Energie, die meinen Körper verließ, als ich starb, ist Wärme geworden, Wärme, die ich spüre, goldenes Licht, das die Rose bescheint. Ich bin das Licht, dachte er. Ich bin die Wärme. Jeder Baum, jedes Blatt, jeder Stein enthält einen Teil von mir. Denn die Bestandteile meines Körpers sind nun überall, am Himmel und auf Erden. Ich bin die Erde. Ich bin der Fluß. Ich bin das Meer. Ich bin etwas von allem geworden, das es in dem unendlichen Weltall gibt. Ich bin das Weltall. Das Weltall, das immer da war, das niemals begonnen hat, das es nicht nötig hatte, jemals zu beginnen. Nichts bin ich mehr, nun bin ich alles. Und habe endlich Frieden.

Wie schön ist das, dachte er. Wie schön ist der Tod, wie schön die Ewigkeit. Ja, auch die Ewigkeit bin ich nun. Warum habe ich das nicht früher gewußt? Warum habe ich mir das früher nicht vorstellen können? Ich wollte, ich wäre sofort nach meiner

Geburt gestorben. Nein, überlegte er, das ist ein falscher Gedanke. Ich durfte nicht gleich sterben. Ich mußte heranwachsen, damit mein Körper alle jene Bestandteile erhielt, die sich nun verwandelt haben. Ich habe leben müssen, um auf diese Weise universell sein zu dürfen: ein Teil von allem, was blüht und lebt und gedeiht, ja, was geschieht auf dieser Welt, in diesem Weltall, denn gewiß habe ich auch mit meinen Erlebnissen, den guten und den bösen, mit meinen Gedanken, mit meiner Arbeit Energie geschaffen und eingebracht in den Tod, auf daß diese Energie ein Teil der Weltenergie wird.

Und er sah wieder die Rose, und da waren Wärme, goldenes Licht und Stille.

Etwas Furchtbares geschah. Er wußte nicht, was. Aber die Stille wurde plötzlich gestört durch ein lautes, grauenvolles Durcheinander von abscheulichen Tönen, einen infernalischen Lärm, und da war kein goldenes Licht mehr, sondern Finsternis, oh, grauenvolle Finsternis, und da war keine Wärme mehr, sondern Kälte, schreckliche Kälte, die ihn erschauern ließ.

Schwerelos war er gewesen im Glück. Nun fühlte er plötzlich wieder seinen Körper. Sein Körper wurde hin und her gezerrt, hochgezogen, fallen gelassen. Immer mehr physische Empfindungen machten sich bemerkbar – Kopfschmerz, Gliederschmerz und Kälte, die Kälte, die große Kälte. Voll Entsetzen dachte er: Das ist nicht der Tod.

Im nächsten Moment schlug jemand ihm zweimal sehr heftig ins Gesicht, und eine Frauenstimme schrie: »Schlucken Sie!« Gleich darauf glaubte er, ersticken zu müssen. Seine Nase war verschlossen, schmerzhaft wurden ihre Flügel zusammengedrückt. Luft! Er brauchte Luft. Er hatte keine Luft gebraucht eben noch, nun brauchte er sie. Er empfand wieder Angst, elende Angst. Sein Körper, das fühlte er, wand sich, dann riß er den Mund auf, weit auf, um durch den Mund atmen zu können. Bevor er es konnte, floß heiße, höchst grauenvoll schmeckende Flüssigkeit in seine Kehle. Er wollte sie ausspeien, so entsetzlich schmeckte sie, aber statt dessen schluckte er. Es kam immer mehr von dieser bestialischen Jauche, und er schluckte, schluckte, denn er mußte doch atmen, atmen durch den offenen Mund. Er stöhnte. Das hielt er nicht aus. Das hielt niemand aus. Das war zu arg. Zu arg. Die Flüssigkeit hatte seinen Magen erreicht. Der revoltierte sofort. Die Flüssigkeit schoß wieder hoch. Er fühlte, wie er sich erbrach, erbrach mit größter Heftigkeit. Ekel schüttelte ihn. Er öffnete mühsam, so mühsam die Augen. Alles sah er durch Schleier und Schlieren. Sein Kopf schmerzte zum Zerspringen. Wo war er? In der Badewanne. Wie war er in die Badewanne gekommen? Über sich erblickte er eine Frau, die sich zu ihm herabbeugte. Sie schien nackt zu sein wie er. Warmes Wasser traf ihn. Diese Frau ... diese Frau ... Sie spülte ihn mit der Brause sauber.

Er saß, bemerkte er jetzt, mit dem Rücken gegen die Wannenwand gelehnt. Er holte Luft, tief Luft, jetzt war die Nase frei. Gleich darauf war sie wieder verschlossen. Die Frau preßte die Flügel zusammen. Er riß den Mund auf. Im nächsten Augenblick schoß die heiße Jauche in seinen Hals, diese widerliche Jauche. Die Frau sagte etwas. Er verstand sie nicht. Er begann von neuem, sich zu übergeben. Das halte ich nicht aus, dachte er. Das ist zuviel. Das ertrage ich nicht. Tot! Tot! Ich will tot sein.

Ein furchtbarer Verdacht regte sich in ihm: Er sollte ins Leben zurückgeholt werden! In das elende, schmutzige Leben. Aus dem Weltall des Todes. Von jener nackten Frau mit den großen Brüsten, die sich jetzt wieder über ihn geneigt hatte, während die Brause alles fortspülte.

Rasselnd holte er Luft durch den Mund. Er weinte jetzt vor Wut und Hilflosigkeit. Wieder sagte die Frau etwas. Wieder verstand er sie nicht. Ohne Mitleid war sie. Ohne Mitleid drückte sie seine Nasenflügel zusammen, wieder mußte er den Mund aufreißen, wieder schoß die Jauche in seinen Hals, ließ ihn erbrechen, erbrechen.

Er fühlte sich entsetzlich schwach. Sein Herz klopfte rasend. Dann war die Qual wieder vorbei. Er konnte atmen. Warm floß das Wasser der Brause über seine Brust. Eine Hand berührte seine Hand. Es dauerte lange, bis er begriff: Die fremde Frau fühlte seinen Puls. Plötzlich war er allein. Sie hatte das Badezimmer verlassen. Sein Kopf glitt seitlich auf die kalten Kacheln des Wannenrandes. Er war so schwach, daß er die Augen nicht länger offen halten konnte. Sein Schädel schmerzte zum Zerspringen. Die Rose, dachte er.

Dann war sie wieder da.

Sie packte ihn bei den Haaren und zog seinen Kopf zurück. Sie kniff seine Nasenflügel zusammen. Er riß den Mund auf. Die Tortur ging weiter. Sie goß ihm neue Jauche in den Hals. Er übergab sich. Sie brauste ihn sauber und sagte wieder etwas. Diesmal schrie sie. Sein ganzer Körper bebte nun. Vor seinen Augen drehten sich schwarze Schlieren und Ringe. Er hörte die junge Frau keuchen. Es mußte für sie eine große Anstrengung bedeuten, was sie tat. Sie hielt seinen Kopf, sie verhinderte, daß er in die Wanne hineinglitt. In der anderen Hand hielt sie ein Gefäß mit der widerwärtigen Flüssigkeit. Ja, sie keuchte vor Anstrengung. Aber sie gab erst auf, als er das Bewußtsein verlor.

Er kam zu sich, und sofort drückte sie ihm wieder die Nase zu. Es ging weiter. Er wurde immer schwächer. Sie goß ihm die Jauche in den Mund. Er übergab sich. Er verlor das Bewußtsein. Er kam wieder zu sich. Alles begann von neuem. Nach der ersten Sekunde der Ewigkeit war es dann so weit, daß er nur noch bittere Galle ausspie. Nun war eine Weile Ruhe. Dann goß die Frau warmes Wasser in seine Kehle. Auch das behielt er nicht.

Dreimal warmes Wasser. Darauf fühlte er, wie sein Herz stehenblieb. Sie hat dich getötet, dachte er. Danke. Alles wurde schwarz um ihn. Die Stille kehrte wieder. Willkommen, Tod. dachte er.

Er schlug die Augen auf.

Jetzt sah er klar. Sie saß auf dem Bettrand. Er lag bis zum Hals zugedeckt. Sie war nun nicht mehr nackt. Sie trug einen fleischfarbenen Büstenhalter und einen fleischfarbenen Slip. Sie hatte glänzend schwarzes Haar und leuchtende blaue Augen. Ihre Haut war von der Sonne tief gebräunt.

»Wer sind Sie?« Er brachte die Worte kaum verständlich heraus. »Nicht reden!«

»Wie sind Sie hier hereingekommen?«

Sie schüttelte nur den Kopf und legte einen Zeigefinger auf die vollen, schön geschwungenen Lippen.