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»Müde«, sagte er. »›Ich denke einen langen Schlaf zu tun, denn dieser letzten Tage Qual war groß.‹ Schiller. ›Wallensteins Tod‹. Fünfter Akt, fünfte Szene.«

Hatte zuvor er gelesen, was Sibylle schrieb, während er sich mit ihr unterhielt, so las jetzt Mercedes während der Unterhaltung, was er geschrieben hatte.

»Aber du fühlst dich besser, ja?«

»Viel besser. Jetzt bin ich hier. Jetzt ist alles gut.« »Das ist eine großartige Frau, deine Sibylle.« »Ja«, sagte er, »nicht wahr?«

Mercedes hatte seine Zeilen gelesen. Sie wußte nun alles, was Sibylle Daniel anvertraut hatte. Sie sah ihn fassungslos an. Er hob die Schultern und legte wieder einen Finger auf den Mund. Danach strich er über ihre Hand und sah sie an. Mut! sagte sein Lächeln. Mut!

»Du hast Sibylle sehr geliebt, ja?« fragte sie. »Sehr, ja, Mercedes.«

»Das muß ein seltsames Wiedersehen gewesen sein.« »O ja, das war es.«

»Liebst du sie immer noch?«

»Ja. Aber wie eine Schwester. Wie eine sehr eng Vertraute.« »Sagst du auch die Wahrheit?«

»Ich sage die Wahrheit, Mercedes.«

»Du mußt die Wahrheit sagen, hörst du? Es wäre gemein, zu lügen. Ich könnte es gut verstehen, wenn du sie immer noch liebst. Das wäre dann mein Pech. Aber ich muß die Wahrheit wissen, denn ich liebe dich so.«

»Und ich dich, Mercedes. Anders. Ganz anders, aber genauso stark, wie ich einmal Sibylle liebte.«

»Oh, das ist gut. Ich liebe dich, wie ich noch niemals geliebt habe, Danny.«

Stille folgte.

»So. Und nun langer Kuß«, sagte ein etwa dreißigjähriger, schwammiger Mann mit rotem Gesicht und blaßblondem Haar. »Tief rein in den Mund mit der Zunge.«

»Halt’s Maul, Toni!« sagte Herdegen, der vor dem Lautsprecher stand.

Die Stille dauerte lange an.

»Na«, sagte der Schwammige, der Toni hieß. »Werden doch nicht erstickt sein?«

Aus dem Lautsprecher ertönten sich entfernende Schritte. Dann begann Wasser zu rauschen.

»Nimmt ein Bad, die Dame«, sagte Toni. »Ach, was für eine schöne, wunderbare Liebesszene!«

Der Lautsprecher befand sich in einem fensterlosen Raum, der vollgestopft war mit elektronischen Geräten. Eine ganze Wand lang standen in Regalen moderne kleine Recorder. An der schmalen Front der schwarzen Bretter waren unter jedem Recorder auf einem kleinen, angeklebten Etikett ein Name und eine Zahl angebracht. Drei Dutzend Lautsprecher gleich jenem, aus dem das von einem versteckten Mikrofon aufgenommene Gespräch zwischen Mercedes und Daniel hierher gedrungen war, hingen über dem Regal. Tatsächlich gehörte jeweils ein schwarzer Lautsprecher zu einem Recorder, und jeder trug die entsprechende Zahl in weißer Farbe aufgemalt. Vor dieser Wand standen hinter einem langen Tisch zahlreiche Bürostühle mit verstellbaren Rückenlehnen. An der anderen Wand waren große und kleine Maschinen und Apparaturen installiert, darunter eine komplette Funkanlage. Ein Exhaustor sorgte ständig für Frischluft.

»Was anderes werden Sie nie zu hören kriegen, Herr Doktor«, sagte der Schwammige. Er saß im Hemd da und schwitzte. Unter den Achselhöhlen zeigte das Hemd dunkle Flecke. Der Raum war überheizt, die Luft trotz des Exhaustors schlecht. »Die Mannholz hat die beiden gewarnt.«

»Die Mannholz? Nie im Leben, Toni! Das wagt sie nicht. Sie weiß, was passiert, wenn wir es herausbekommen.«

»Wie wollen Sie es herausbekommen, Herr Doktor? Genügt, wenn sie den Mann gewarnt hat, diesen Ross. Waren doch einmal große Lovers, die beiden.«

»Trotzdem. Viel zuviel Angst. Hat auch sofort den Tresor aufgemacht.«

»Warum?«

»Warum was?«

»Warum hat die Mannholz den Tresor aufgemacht?« fragte der schwammige Mann auf dem Stühlchen.

»Die Olivera wollte die Videokassetten in absoluter Sicherheit wissen.«

Der Mann, der Toni hieß, erlitt einen Lachkrampf. »Sie hat schon in der Ambulanz dauernd davon gesprochen.

Na, ich habe ihr von dem großen Tresor erzählt. Jetzt sind die Kassetten in Sicherheit, Toni.«

Immer noch erklang das Rauschen von Wasser aus dem Lautsprecher.

»Wenn die Mannholz sie nicht gewarnt hat, dann müssen sie aber überdämlich sein«, sagte Toni, plötzlich düster. »Und wenn sie überdämlich sind, warum reden sie dann nicht von der Sache?«

»Die sind nicht überdämlich. Die sind hochintelligent, beide. Du weißt, Ross hat die Mannholz mal geliebt. Sie ihn. Er vertraut ihr vollkommen. Also vertraut ihr auch die Olivera. Es ist etwas Wunderbares um Vertrauen, Toni.«

»Und wenn sie so viel Vertrauen haben, warum reden sie dann nicht von den Kassetten?«

»Weil sie eben intelligent sind.« Herdegen setzte sich auf einen der kleinen Bürostühle. »Sie haben Phantasie. Sie wollen einfach kein Risiko eingehen. In ihrer Lage. Haben schon mal was von Wanzen gehört.«

»Das ist nun völlig idiotisch. Und dann gibt die Olivera die Kassetten in den Tresor – damit sie in Sicherheit sind?«

»Ich sage dir doch, sie vertrauen der Mannholz vollständig. Hör auf damit! Wir müssen jetzt warten, bis dieser Wayne Hyde kommt.«

»Wer kommt?«

»Der Mann, den London angekündigt hat. « Herdegen sah auf die Uhr. »Seine Maschine landet in dreißig Minuten.«

Während dieser Unterhaltung war Daniel Ross aufgestanden. Er bewegte sich langsam und vorsichtig, damit die Nadel des Tropfes in der Vene blieb. Er hatte die verchromte Stange auf dem Dreifuß mit Rädern, an welcher sich die Flasche voll goldgelber Flüssigkeit befand, mit der Linken ergriffen und schob das Gerät behutsam vor sich her ins Badezimmer, wo Wasser in die Wanne strömte.

Nur mit einem Höschen bekleidet stand Mercedes beim Waschbecken und putzte ihre Zähne. Sie fuhr herum, als sie Ross im Spiegel auftauchen sah.

»Danny! Bist du verrückt geworden?«

»Psst! Leise!« Er trat in das Badezimmer, schob den Tropf vor sich her und setzte sich auf einen Hocker.

»Du darfst doch nicht aufstehen! Wenn etwas passiert!« flüsterte sie. Das Rauschen des Wassers übertönte ihre Stimmen. »Passiert schon nichts. Ich muß dir noch etwas sagen, Mercedes.«

»Was?« Ihr wurde bewußt, daß sie fast nackt war. Schnell zog sie einen Frotteemantel über.

»Es ist nicht wahr«, flüsterte Daniel bedrückt. »Was ist nicht wahr?«

»Was ich eben gesagt habe. Über Sibylle. daß ich sie wie eine Schwester liebe, wie eine sehr eng Vertraute.«

»Oh.« Eine Pause folgte. Das Wasser rauschte. Mercedes setzte sich auf den Wannenrand.

»Ich meine: Es war wahr. Vor zwei Stunden noch war es wahr, verstehst du, das kann ich schwören bei meinem Leben, Mercedes. Aber dann, als ich sie wiedersah, als ich ihre Stimme wieder hörte ...«

»Da war es so wie früher«, flüsterte Mercedes. »Ja, Mercedes. So wie früher. Ich ... ich kann dich nicht

belügen. Dazu liebe ich dich zu sehr. Ich ... ich bin vollkommen durcheinander ... Das habe ich niemals erwartet ... wirklich nicht ... Aber als ich sie wiedersah, da war alles so wie vor zwölf Jahren ... So, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen ... nicht ein Tag ...«

»Und Sibylle?« flüsterte Mercedes.

»Ich weiß es nicht ... Sie hat kaum etwas gesagt ...« »So etwas merkst du doch sofort, Danny!«

»Ich weiß wirklich nicht, was sie empfindet ... Sie ist sehr verändert ... So ernst und verschlossen. Sie muß einen großen Kummer haben ...«

»Hast du sie nicht gefragt, welchen?«

»Ich sage doch, wir haben kaum gesprochen miteinander. Ich ... ich bin so kaputt ... Vielleicht ist alles nur deshalb so ... Vielleicht liebe ich sie in ein paar Tagen ... morgen schon ... wirklich wie eine Schwester ... Aber im Moment ...«

»Liebst du uns beide?«

»Ja«, flüsterte er. »Beide gleich?«

»Ja ... nein ... ja, doch ... verzeih mir, Mercedes.« »Was ist da zu verzeihen. Ich habe so etwas geahnt, die ganze

Zeit, ich habe es erwartet ...«

Sie sahen einander stumm an.

Das Wasser rauschte noch immer ...

... und darum war dieses Gespräch für Herdegen und den Schwammigen, der Toni genannt wurde, unhörbar. Die beiden unterhielten sich weiter.