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»Was war los in deiner Schicht?« fragte Herdegen. »Schwester Gertie sagt, der Mann von der ›Union of Concerned Scientists‹ hatte Besuch.«

»Der Mann von den ›Besorgten Wissenschaftlern‹, ja. Der hatte Besuch, Herr Doktor. Einen Ami. Hochinteressant.« Toni wies mit der Hand auf einen der vielen kleinen Recorder. »Nummer zwoundzwanzig. Alles drauf. Reagan hat doch Befehl gegeben, den Himmel aufzurüsten, nicht? Das ›Schlachtfeld der Zukunft‹ nennt er das Weltall. Innerhalb der nächsten zehn Jahre soll es ständig besetzte Raumstationen geben. Gebaut werden sie mit Space Shuttles, diesen wiederverwendbaren Raumfähren wie dem ›Challenger‹. Die können große Lasten tragen, haben sie schon bewiesen. Wenn diese Raumstationen erst installiert sind, haben sie auch Laserkanonen, mit denen anfliegende Feindraketen in der Luft zerstört werden. Aber das ist nur eine Sache in der Planung. Bei den Russen sieht es angeblich ebenso aus. Jedenfalls wird der Kinobegriff ›Krieg der Sterne‹ von Reagan und Weinberger bereits einer lückenlosen Verteidigung gegen ballistische Raketen gleichgesetzt. Die beiden glauben, daß sie in zehn Jahren absolut gegen sowjetische Raketen geschützt sind. Die ›Besorgten Wissenschaftler‹ scheinen sehr besorgt zu sein. Sie müssen sich das anhören, Herr Doktor, was der Ami noch alles erzählt hat! Sie kriegen das Gefühl, alle russischen und amerikanischen Großkopferten gehören zu uns ins Irrenhaus! Aber sie kommen nicht zu uns. Was wird in zehn Jahren sein?«

»Hängt davon ab, ob das alles überhaupt möglich ist, und wenn, wer es zuerst schafft. Dann: Gute Nacht! Was noch?«

»Piontak hatte auch Besuch. Pole, Landsmann. Tut auf Computerschulung. So darf er rein und raus. Sie haben neue Aktionen der ›Solidarität‹ besprochen. Da soll vielleicht was losgehen. Alles auf Band. Müssen die Sowjets schnellstens erfahren.«

»Werden sie, Toni, werden sie. Was noch?« »Nummer vierzehn. Der Mann vom MAD. Besuch eines

Kollegen. Der Militärische Abschirmdienst ist doch jetzt so unter Beschuß, weil er mit Strichjungen als Zeugen behauptet hat, daß dieser NATO-General schwul ist. Sollen Köpfe rollen beim MAD. Die werden jetzt eine Sauerei versuchen. Wenn

man sie nicht in Ruhe läßt, wollen sie sagen, daß sie im Auftrag des amerikanischen NATO-Chefs gehandelt haben, weil der den Deutschen unbedingt los sein wollte.«

»Feine Gesellschaft!«

»Alles auf Band, Herr Doktor.«

»Was noch?«

»Natürlich Damiani. Stundenlanger Streit mit Isabella von Kastilien, Ferdinand von Aragon und diesem Borgia-Papst. Wie immer der Vertrag von Tordesillas. Siebenter Juni vierzehnhundertvierundneunzig. Ich kann das alles schon auswendig. Natürlich nicht aufgenommen. Armer Hund, dieser Damiani. So ein berühmter Völkerrechtler! Total meschugge, was?«

»Schwer schizophren.«

»Und? Wird nicht besser, wie?«

»Nein. Aussichtslos. Wir werden ihn den Italienern zurückschicken. Warten nur noch auf die Anweisung von oben.«

»Ach, Herr Doktor, das Wichtigste: der Mullah!« »Was ist mit dem?«

»Das müssen sofort die Amis kriegen. War einer von der Gesandtschaft bei ihm heute nachmittag. Khomeini will eine Großoffensive starten mit einer halben Million Mann, um den Irak endgültig zu erledigen. Und dann den Golf sperren. Und den Westen erpressen.«

Herdegen war plötzlich aufgeregt. »Wo ist das Band?« »Dreiundfünfzig.«

Herdegen nahm den Recorder mit der Nummer 53 aus dem Fach. »Ich höre es mir gleich an. Das war ja ein ereignisreicher Nachmittag, Toni.«

»Kann man sagen. Ich bin total erledigt. Und jetzt noch bis Mitternacht! Mir tun alle Knochen weh. Wer löst mich ab?«

»Buja.«

»Immer kriegt Buja die Friedhofschicht! Der hat’s gut. Zwischen Mitternacht und Frühstück schlafen sie alle. Buja kann ruhig auch schlafen. Kopfweh hab ich. Das ist ein Mief hier drin. Trotz der Frischluftanlage. Stinkt wie im Scheißhaus, wirklich, Herr Doktor.«

»Das bist du!«

»Ich? Na also, hören Sie, Herr Doktor!«

»Du schwitzt. Du stinkst dich selber an. Bißchen mehr waschen. Öfter ein frisches Hemd. Wirklich, Toni, ich habe dich gerne, aber du bist einfach ein grauenvolles Schwein.«

In diesem Gebäude wird in der ersten Classe täglich 2 Gulden, in der zweyten täglich 30 Kreutzer gezahlet. Umsonst werden eyngenommen: die Gestifteten, deren Stipendium im Haus zufällt; weyters Wahnwitzige aus der Classe derjenigen, welche bey dem allgemeynen Krankenhaus mit 10 Kreutzern oder sonder Entgelt aufgenommen werden.

Für Geistliche, welche das Unglück haben, wahnwitzig zu werden, sind bey den Barmherzigen Brüdern Zimmer bestimmt, daher sie der Aufnahme in dieß Haus nicht bedürfen. Für die ruhigen Wahnsinnigen wird das sogenannte Lazarethgebäude zugerichtet werden.

Auf brüchigem, vergilbtem Papier gedruckt, hing diese Nachricht unter Glas an einer Wand von Sibylles Sprechzimmer im ersten Stock der Psychiatrisch-Neurologischen Universitätsklinik in Wien. Darunter stand ein einfaches Bett. Hier schlief die Dozentin Dr. Mannholz, wenn sie Nachtdienst hatte. An diesem Spätherbstabend im November 1970 konnte man durch die geöffneten Fenster viele andere Kliniken auf dem riesigen Areal des Allgemeinen Krankenhauses sehen, dessen Haupteingang sich in der Lazarettgasse fünfzehn befand. Das Gebäude der Psychiatrie stand auf einem sanften Hügel über den anderen Kliniken. Sibylle war sechsunddreißig Jahre alt, mittelgroß und schlank. Sie hatte kastanienbraunes Haar und besonders große Augen derselben Farbe. Ihr Mund war breit, die Lippen waren sanft geschwungen und zum Lachen geschaffen. Daniel war dreiunddreißig Jahre alt, und sein Haar war noch blond. Er sah erholt und gesund aus. Daniel und Sibylle standen einander bei ihrem Schreibtisch gegenüber.

»Da wäre noch eine Komplikation, über die ich zu berichten habe«, sagte er.

»Noch eine Komplikation?«

»Ja«, sagte er.

»Welche?«

»Ich liebe Sie, Sibylle. Seit ich Sie kenne. Ich bete Sie an.« Ihre Augen waren plötzlich riesengroß. Er schlang die Arme

um sie und preßte seinen Körper an den ihren. Sie wehrte sich vergeblich. Die Lippen trafen aufeinander. Er küßte sie hart, und hart blieb ihr Mund. Dann öffneten sich ihre Lippen und wurden weich und wunderbar. Der Kuß dauerte lange. Zuletzt legte sie

den Kopf an seine Schulter, ihre Wange an die seine. Sie flüsterte: »Ich verstehe dich, Daniel ...« Ihre Arme

umklammerten ihn. Sie küßten sich wieder. Danach sahen sie einander in die Augen.

»Für alle Zeit«, sagte er.

»Für alle Zeit«, erwiderte sie. Dann lächelte sie plötzlich. »Was ist?«

»Nichts, Liebster.«

»Doch! Warum hast du gelächelt?«

»Bitte nicht.«

»Bitte ja! Woran hast du gedacht?«

»Ich habe gedacht: Mutterbindung! Natürlich bin ich älter«, sagte Sibylle und lächelte wieder ...

So hatte es begonnen, damals.

Und so begann der Traum, den Daniel seither gewiß viele Dutzende Male geträumt hatte. Immer so. Genau so. So begann er auch in der Nacht zum 22. Februar 1984, der ersten, die Daniel im Sanatorium Kingston bei Heiligenkreuz verbrachte, auf dem Rücken liegend, den rechten Arm mit einem Tropf verbunden.

Er lächelte im Schlaf. Mercedes saß an seinem Bett und sah ihn an. Sie trug einen Frotteemantel, und ihr Gesicht war ernst. Nur eine kleine Lampe auf dem Schreibtisch brannte im Hintergrund. Es war sehr still. Der Sturm hatte sich gelegt. Doch weiter fiel Schnee, sehr viel Schnee. Daniel träumt von ihr, dachte Mercedes. Sie war ganz sicher, daß er von Sibylle träumte.

Der Mann mit dem Tirolerhut stand vor der großen Glasscheibe, welche die Ankunftsebene des Flughafens Wien-Schwechat in zwei Teile zerschnitt. Jetzt warteten nur noch wenige Menschen, die gekommen waren, um Freunde oder Verwandte abzuholen, die mit der letzten Maschine dieses Tages, dem LUFTHANSA-Flug 345 aus Paris mit Zwischenlandung in Frankfurt, um 22 Uhr 30 ihr Ziel erreicht hatten. Es war 22 Uhr 50, und der Mann mit dem großen Gamsbart und dem breiten grünen Band auf dem schwarzen Hut sah durch die Scheibe Wayne Hyde von der Gepäckausgabe her auf sich zukommen. Der Söldner trug seine beiden großen, alten Kleidersäcke. Jetzt erkannte er den winkenden Mann hinter der Scheibe und lachte erfreut. Er steuerte auf eine der zahlreichen Einwegtüren in der gläsernen Trennwand zu. Der Mann in einem Lodenmantel und mit dem Tirolerhut ging auf seiner Seite zu dieser Tür. Andere Passagiere tauchten jetzt hinter Hyde auf, andere Menschen, die gewartet hatten, winkten. In der riesigen Halle verbreiteten Neonröhren ihr scheußliches Licht wie aus dem Reich der Toten. Alle Menschen hatten wächserne Gesichter. Die geschminkten Lippen der Frauen sahen schwarz aus.