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Wayne Hyde passierte die Einwegtür, warf sich einen Kleidersack über die Schulter und schüttelte dem Mann, der ihn erwartet hatte, herzlich die Hand. Auf Hydes kurzgeschnittenem, blondem Haar lagen Schneekristalle, sein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht war gerötet.

»Hallo, Franz, mein Alter!« sagte er.

»Servas, Burschi!« sagte Franz Loderer. Auch sein Gesicht war schmal geschnitten, und auch seine Augen waren sehr hell. Er schlug Hyde auf die Schulter. »Dös is a Freid«, sagte er. »Alsdem, wirklich. Waaßt, wie lang mir uns nimma gsehn ham?«

»Genau. Seit neunzehnhundertachtundsiebzig. Angola. Da waren wir zum letztenmal zusammen.«

»Hamms die MPLA außerghaut, was? Heerst, das war a Gschicht! Wie mir mit dem Sikorski-Hubschrauba abgstürzt san?« Sie lachten beide laut.

»Noch viel heiterer als der Kongo«, sagte Hyde. »Gar ka Vergleich«, sagte Franz. »Der Kongo, dös war a

Trauaspül dagegen. Gib mir deine Säck.«

»Nein, laß nur! Ich komme sehr gut zurecht.« »Mei Wagen steht ganz in der Näh.« Sie gingen nun Seite an

Seite. Franz Loderer strahlte noch immer. »Na, wirklich, Burschi. Wia du angrufen hast, hab i echt wana müassen, stell dir dös vor!«

»Guter, alter Franz«, sagte Hyde. Sie erreichten einen der Ausgänge. Es schneite heftig.

»Da ume!« sagte Franz. »Ersta Parkplatz.« Er mußte schon wieder lachen. »I hab ma den Orden von der MPLA angschaut, nach deim Anruf. Des Riesentrumm. Kannst die erinnern? Hast deinen aa no?«

»Klar.«

»Alsdenn, bei mir is a ganze Lad von ans Kommod voll mit dem Blechzeug. Könnt a Gschäft aufmacha. Du aa. Dös war vielleicht a Pletschn, der Stern von der MPLA. Der größte Orden von alle.«

»Haben die Kaffer von den Russen gekriegt. Russische Orden sind immer die größten«, sagte Wayne Hyde, der an der Seite seines alten Freundes durch das Schneetreiben ging. Nach dem angolanischen Bürgerkrieg, welcher 1976 begonnen hatte, war nach Jahren endlich die von der Sowjetunion und Kuba sowie deren Söldnern unterstützte marxistische MPLA-Partei an die Macht gekommen. Wayne Hyde und sein Freund Franz Loderer

hatten zwei Jahre lang für sie gekämpft.

»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!« sagte Hyde. »Boy, o boy, die Weltanschauung, für die wir noch keine Menschen umgelegt haben, gibt's nicht.«

»Da steh i«, sagte sein Freund mit dem Tirolerhut und öffnete den Kofferraum eines schwarzen Mercedes. Hyde verstaute die beiden Kleidersäcke. Dann setzten sie sich in den Wagen. Die Windschutzscheibe war zugeschneit. Franz knipste das Innenlicht an. Er hob eine schwere Segeltuchtasche auf Hydes Knie. »So, Burschi«, sagte er. »Alles da.«

In der Tasche lagen Schaft, Lauf und aufsetzbares Zielfernrohr eines Gewehrs, Munition und eine mächtige Pistole.

»Wast hast ham wolln«, sagte Franz. »Springfield nulldrei, Kaliba siebenzwarasechzig, Magazin für zehn Schuß. Zielfernrohr. I hab zehn Magazin mit bracht, weil da san imma nur sechs Patronen drinna. Okeh, Merc?«

»Okay, buddy.«

»Halt’s mi fest, i scheiß mi an! Der oide Wayne in der Weanerstadt! Wohin fahrma?« Franz Loderer startete den Motor und schaltete die Scheibenwischer ein. Die Scheinwerfer leuchteten auf.

»Heiligenkreuz.«

»Wos?« Franz war verblüfft. »Wüllst du a paar geistliche Herrn umnieten?«

»Nein, wieso?«

»Dös is a Kloster, Burschi.«

»In der Nähe gibt’s ein Sanatorium.«

»Ah so.« Franz fuhr los. »Für wen arbeitst diesmoi? Für de Amis oda für de Russen?«

»Für beide«, sagte Wayne Hyde.

Daniel Ross träumt ...

Nackt liegt er neben der nackten Sibylle. Zum erstenmal haben sie sich geliebt. Es ist spät nachts. Er streichelt ihre kleinen, festen Brüste. Sie rauchen gemeinsam eine Zigarette. Das Bett ist groß und quadratisch. Tags ist es eine quadratische Couch. Vor dem Fenster des winzigen Zimmers flimmern in der Tiefe Millionen Lichter: die Lichter von Wien. Auf einem Tischchen stehen ein kleiner Fernsehapparat und ein kleiner Plattenspieler, der zu einer sehr kleinen Stereoanlage gehört. Er hat einen Dorn, auf den man zehn Platten stapeln kann.

Die beiden liegen da und hören leise, sentimentale Musik aus einer vergangenen Zeit. Willi Forst hat gerade ›Bel ami‹ gesungen. Sibylle sammelt alte Schellack-Platten. Die nächste fällt auf den sich drehenden Teller. Ein Klavier ertönt, ein klagendes Saxophon, Geigen. Die Musik hat den seltsam blechernen, scheinbar zu hohen Klang, den sie auf all diesen alten Platten hat. Das Arrangement ist ganz anders als in späteren Zeiten, etwas zu langsam, etwas scheppernd. Das Saxophon, die Geigen schweigen nun. Nur das Klavier begleitet eine helle, ganz junge, ach so wehmütige Frauenstimme, die singt: »Man hat uns nicht gefragt, als wir noch kein Gesicht, ob wir leben wollten oder lieber nicht. Jetzt gehe ich allein durch eine große Stadt und ich weiß nicht, ob sie mich lieb hat. Ich schaue in die Stuben durch Tür und Fensterglas, und ich warte, und ich warte auf etwas ... Wenn ich mir was wünschen dürfte, käm’ ich in Verlegenheit, was ich mir denn wünschen sollte, eine schlimme oder gute Zeit ...« Daniel horcht auf.

»Wer ist das? Wer singt da?«

»Ich weiß es nicht, Liebster.« Sibylles Finger streichen durch sein Haar, immer wieder. Sie läßt ihn an der Zigarette ziehen, dann streift sie die Aschenkrone an einem kleinen Teller ab, der neben ihr auf dem Bett steht.

»... Wenn ich mir was wünschen dürfte, möchte’ ich etwas glücklich sein«, singt die Kindfrau auf der alten Platte, »denn wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.« Das Saxophon setzt wieder ein, die Geigen kehren zurück. Dann ist das Lied zu Ende.

Schnell richtet Daniel sich auf und hält den Plattenspieler an. »Was willst du?«

»Sehen, wer da gesungen hat.«

Sie kniet nun. Nackt schmiegt sich ihr Körper an seinen. Er nimmt die Platte vom Teller.

»Seltsam«, sagt er.

»Was ist seltsam, Danny?« Ihre kleinen Brüste pressen sich gegen seinen Rücken.

»Der Aufkleber. Schau her! Völlig verkratzt. Auch der auf der anderen Seite ... Man kann kein Wort mehr entziffern. Nicht ein einziges. Bei allen deinen andern alten Platten sind die Aufkleber lesbar. Nur bei dieser nicht. Ich habe diese Platte auch noch nie gesehen, noch nie gehört. Wirklich seltsam. Ich habe gedacht, ich kenne alle.«

»Ich habe auch gedacht, ich kenne alles an dir«, sagt sie und läßt sich auf das Bett zurückfallen, die Arme weit ausgebreitet. Und er gleitet über sie, und wieder beginnt das Wunder, das wunderbare Wunder für sie beide in diesem Raum, der fast schon Sibylles ganze Wohnung ausmacht, diesem Raum, der so klein ist, daß nur zwei Menschen, die sich sehr lieben, in ihm gemeinsam leben können. Es gibt noch ein Badezimmer, eine Küche und einen Vorplatz, alles winzig.

Jahre später, 1973, wird das Gelände des Wiener Allgemeinen Krankenhauses für viele Jahre zu einer immer größeren, zuletzt riesigen Baugrube werden. Nacheinander reißt man alle alten Kliniken ab – zuerst das einstmals kaisergelb gestrichene, uralte und häßliche Gebäude der Psychiatrie. Jede Klinik wird durch eine neue, hypermoderne ersetzt. Diese Umgestaltung, die mit einer gigantischen Bestechungsaffäre, dem sogenannten AKH-Skandal, untrennbar verbunden bleibt, ist auch zur Stunde, da Daniel von Sibylles kleiner Wohnung träumt, noch nicht abgeschlossen.