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Wie über zwölf Jahre später Mercedes, so sitzt in dieser Nacht im Oktober 1971 Sibylle neben Daniels Bett, bis er eingeschlafen ist – ein magerer Mann mit einem schmalen, grauen Jungengesicht und wirrem, blondem Haar, das schon anfängt, weiß zu werden. Sobald Sibylle ihn tief und regelmäßig atmen hört, verläßt sie den Raum. Aber sie bleibt in ihrem Dienstzimmer und kommt immer wieder zurück, um die Flaschen zu wechseln. Es war immer die Mutter, denkt sie. Es wird wohl immer die Mutter bleiben. Ich habe gedacht, ich würde die Stärkere sein. Ich habe mich geirrt. Lieber, guter, armer, armer Danny ...

Das Telefon läutete in Herdegens Zimmer.

Er lag auf einem Feldbett und rauchte. Nun hob er den Hörer ab und meldete sich.

»Der Pförtner, Herr Doktor. Ist gerade ein Wagen gekommen. Ein Herr will Sie sprechen. Er ist mit Ihnen verabredet, sagt er.«

»Geben Sie ihn mir.«

»Einen Moment, Herr Doktor.«

Eine andere Männerstimme ertönte: »Doktor Herdegen?« »Ja.«

»Wayne Hyde.«

»Das klappt ja wunderbar. Taxi?«

»Ein Freund hat mich hergefahren.«

»Warten Sie drei Minuten. Ich komme und hole Sie ab beim Tor.« Herdegen legte den Hörer auf, zog über den weißen Kittel einen dicken Mantel und eilte hinaus auf den Gang im ersten Stock. Mit dem Lift fuhr er in die Garage hinunter. Hier standen zahlreiche Autos. Herdegen setzte sich hinter das Steuer eines Landrovers. Der Wagen holperte über einen tiefverschneiten Weg des Parks. Im Licht der Scheinwerfer sah Herdegen, daß viele Aste unter der Last des Schnees abgebrochen waren. Er kam zum Tor. Hier wartete ein großer, hagerer Mann, der einen pelzgefütterten Dufflecoat trug. Der Mann hatte blondes, kurzgeschnittenes Haar, sehr helle Augen und das Gesicht eines Menschen, der sich viel im Freien aufhält. Er trug zwei große Kleidersäcke über der Schulter. Vor ihm stand eine Segeltuchtasche, neben ihm der kleine, dicke Pförtner, der gerade Dienst hatte.

Herdegen stoppte und stieg aus. Er begrüßte Hyde. Sie schüttelten einander die Hände. Dann verstauten sie das Gepäck in dem Rover. Hyde kletterte auf den Sitz neben Herdegen. Der wendete und fuhr zu dem großen modernen Klinikgebäude

zurück.

»Wo sind die beiden?«

»In ihrem Zimmer. Er schläft längst. War sehr erschöpft. Sie nicht. Sie ist zäh.«

»Ich weiß. War Landesjugendmeisterin im Achthundert-Meter-Kraulen und Tausend-Meter-Brustschwimmen. Große Reiterin. Preise für Tennis und Golf. Ich habe ihr Dossier gelesen.«

»Mich hat Mister Morley informiert über die beiden.« »Ziemliches Wrack, dieser Ross.«

»Ja, im Moment. Der ist aber bald wieder auf den Beinen. Wie sind Sie herausgekommen? Keinesfalls zu unterschätzen. Sie ist die Gefährlichere von beiden. Fanatikerin. Seit vielen Jahren in der internationalen Friedensbewegung.«

Hyde sagte: »Was wollen Sie, Doktor? Diese Friedensbewegungen hat es vor jedem Weltkrieg gegeben.«

Herdegen lachte herzlich.

Daniel träumt ...

Diesmal dauern Entziehungskur und Umstellung auf ein neues Mittel vier Wochen. Das neue Mittel heißt Nobilam.

Sibylle sagt: »Im Grund falsch und unverantwortlich, was ich tue. Ich dürfte dir gar kein Mittel geben.«

»Liebste, bitte, ich kann nicht ...«

»Ich weiß. Ich kenne dich, Danny. Du bist so abhängig geworden von den verfluchten Tranquilizern, daß man dir irgend etwas geben muß. Schlimm. Sehr schlimm. Wir werden es mit einem ganz langsamen Abbau und immer schwächeren Mitteln versuchen bei dir. Nobilam ist freilich ein relativ wirksames Mittel. Gerade deshalb ist die Gefahr groß, daß du es wieder mißbrauchst. Ewig kann das nicht so weitergehen. Ewig hält das kein Körper aus. Versprich mir, daß du wirklich nur die Menge nehmen wirst, die ich dir erlaubt habe!«

»Ich schwöre es. Bei unserer Liebe«, sagt er. Ach, dachte er in seinem Traum, bei unserer Liebe habe ich

geschworen ...

Ein paar Abende später erzählt er Sibylle in ihrem winzigen Appartement: »Werner Farmer ist in Wien. Ein alter Freund. Kunsthistoriker. Der netteste Kerl von der Welt, nein, also wirklich! Du mußt ihn kennen lernen! Darf ich ihn morgen Abend mitbringen?«

Sie wäre lieber mit ihm allein – wie immer –, aber natürlich sagt sie: »Klar, Danny.«

»Und ... Liebling ... würdest du für uns kochen? Du kochst doch so phantastisch! Ich habe vor Werner bereits angegeben damit.« Sie lacht. »Dann weiß ich schon, was es sein solclass="underline" Tafelspitz mit Spinat, Bratkartoffeln, Essigkren- und Schnittlauchsauce.«

Da lacht auch er und ist ganz selig und liebt sie so sehr, so sehr, und er umarmt und küßt sie.

»Tafelspitz. Natürlich! In Deutschland können sie doch keinen so guten machen. Ach, Sibylle, du bist fabelhaft, wirklich, ganz, ganz fabelhaft ...«

Es klopfte.

Ehe Sibylle »herein« sagen konnte, wurde die Tür ihres Arbeitszimmers geöffnet, und der große, leichenblasse Herdegen trat ein. Ihm folgte ein ebenso großer, hagerer Mann, der Flanellhosen, ein Tweed-Jackett und einen Rollkragenpullover trug.

Sibylle, die mit dem Rücken zur Tür im Dunkeln gesessen und in das nächtliche Schneetreiben hinausgestarrt hatte, fuhr auf ihrem Stuhl herum. Herdegen hatte gleich beim Eintreten die Deckenbeleuchtung eingeschaltet.

»Was soll das, Herr Herdegen?« Sibylle war erschrocken und erregt. »Sie klopfen und kommen sofort herein? Ich hätte schlafen können!«

»Sie haben mit Kollege Habeck den Nachtdienst getauscht, weil Sie sich selbst um Herrn Ross kümmern wollen.«

»Na und? Es war dunkel im Zimmer. Wenn ich mich ein wenig hingelegt hätte ...«

»Sie haben sich nicht hingelegt. Ich bedauere die Störung, Frau Primaria. Die Angelegenheit ist sehr dringend. Darf ich bekannt machen: Peter Corley. Mister Corley, das ist Frau Primaria Mannholz.«

»Hallo«, sagte Wayne Hyde und lächelte. Er hatte sehr große, gelbliche Zähne. »Fast Mitternacht. Tut mir wirklich leid, Frau Primaria. Wir stören nur ganz kurz.«

»Was wünschen Sie?«

»Daß Sie den Tresor öffnen.«

Sibylle war aufgestanden. Ihre Unterlippe zitterte, ihr Gesicht wurde plötzlich weiß.

»Den Tresor – wozu?«

»Sie wissen, wozu«, sagte Herdegen. »Ich habe keine Ahnung.«

»Frau Primaria, bitte!«

Wayne Hyde lächelte noch immer. »Sie haben heute abend einen neuen Patienten aufgenommen, Herrn Daniel Ross. Seine Begleiterin, Mercedes Olivera, hat zwei Videokassetten in dem Tresor deponiert. Ich brauche sie dringend. Also bitte, Frau Primaria!«

»Nein«, sagte Sibylle. Ihre Hände zitterten. Sie ballte sie zu Fäusten.

»Frau Primaria, ich habe Ihr Dossier gelesen. Natürlich werden Sie den Tresor öffnen«, sagte Wayne Hyde. Sein Lächeln war jetzt geradezu zärtlich.

»Das werde ich nicht tun.«

»Aber was ist denn los, Frau Primaria? In Ihrem Dossier steht, daß es eine Freude wäre, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Besonders lobend wird Ihre Kooperation erwähnt. Und ausgerechnet diesen kleinen Gefallen wollen Sie mir nicht erweisen?«

»Herr Ross ist ein sehr alter Freund. Er und Frau Olivera haben mir vertrauensvoll die Kassetten übergeben.«

»Gewiß, gewiß. Und Sie werden sie jetzt mir übergeben, Frau Primaria.«

»Nein, das werde ich nicht tun, Mister Corley.« »Ach ja, das werden Sie schon tun, Frau Primaria. muß ich

Sie wirklich an Ihren Bruder erinnern? Es ist mir peinlich.« »Hören Sie auf!« Plötzlich schrie Sibylle. »Soll das denn

immer so weitergehen? Soll ich immer weiter jede Gemeinheit mitmachen müssen?«

»Nicht solche Worte, Frau Primaria! Gemeinheit – tck, tck, tck. Aber weitergehen? Nun, natürlich soll das so weitergehen. Sie sind ja seit Jahren vollkommen einverstanden mit unserem Abkommen. Ich verstehe gar nicht, was Sie haben, wirklich nicht. Könnte es sein, daß Sie das Wiedersehen mit Ihrem alten Freund so aus der Fassung gebracht hat? Das täte mir leid. Aber nun machen Sie bitte kein weiteres Theater! Die Zeit drängt!« Wayne hatte das große gerahmte Farbfoto vom Schreibtisch genommen und betrachtete es. »Sieht gut aus, der Junge, wirklich ...«