»Stellen Sie sofort das Bild zurück!« schrie Sibylle. »Aber bitte sehr, Frau Primaria!« Hyde tat, wozu er lautstark
aufgefordert wurde. Plötzlich lächelte er nicht mehr. »So«, sagte er. »Schluß jetzt! Aufmachen, aber ein bißchen plötzlich!« Sibylle bewegte sich nicht.
»Frau Primaria, zum letztenmal, öffnen Sie!« Sibylle schüttelte den Kopf. Sie wollte etwas sagen. Ihre
Stimme versagte.
»Na schön.« Herdegen trat vor und nahm den Telefonhörer vom Apparat. Er wählte. Dann sprach er sofort: »Guten Abend. Hier ist Herdegen. Geben Sie mir Herrn Abad! Es ist dringend ... Ja, danke. Ich warte ...« Er sah Sibylle an. Die erwiderte
seinen Blick, am ganzen Körper bebend.
»Herr Abad? ... Ja, Herdegen. Ich muß Ihnen leider sagen, daß die Frau Primaria sich weigert ...«
Mit einem gräßlichen Ausdruck von Selbstaufgabe im Gesicht war Sibylle vor die Tresortür getreten und begann, den Konus im Zahlenkreis zu drehen.
»Moment«, sagte Herdegen in den Hörer. »Einen Moment, Herr Abad, bitte ...«
Sibylle hatte die Kombination eingestellt. Sie zog an dem großen, versilberten Rad. Die Panzertür öffnete sich, im Inneren des Tresors flammte Licht auf.
»Ich muß mich entschuldigen, Herr Abad. Es ist schon wieder alles in Ordnung. Die Frau Primaria verhält sich so vernünftig wie immer ... Es tut mir leid, wenn ich gestört habe, aber... Das ist sehr freundlich von Ihnen, Herr Abad ... Ja ... Ja ... Ja, ich werde es ausrichten. Gute Nacht!« Er legte auf und sagte zu Sibylle, die mit dem Rücken gegen das Fenster gesunken war: »Herzlichste Empfehlungen von Herrn Abad. Er dankt Ihnen.« Damit trat Herdegen in den Tresorraum und nahm den gelben Umschlag mit den beiden Videokassetten vom Regal. Er kam zurück und sagte: »Wirklich, Frau Primaria, Sie wissen doch, daß solche Szenen zu nichts führen! Sie regen sich nur völlig sinnlos auf. Das hätten wir gleich haben können. Kommen Sie, Mister Corley! Wir gehen zu mir hinauf.«
»Ich bitte noch einmal, die Störung zu entschuldigen«, sagte Wayne Hyde. Dann folgte er schnell dem bleichen Arzt. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloß. Reglos lehnte Sibylle an der Fensterscheibe.
Nun lächelte Daniel plötzlich nicht mehr, bemerkte Mercedes, die an seinem Bett saß. Er träumte nicht mehr von Sibylle. Alles hatte sich plötzlich gedreht und gewandelt, und er sah ganz andere Bilder, erlebte ganz anderes Leben, wie das so ist in Träumen.
Leben mit Mutter. Damals, gleich nach dem Krieg. Trümmer, Ruinen, Kälte, Not. Das scheußliche Zimmer in der Wohnung der bösen, fremden Leute, bei denen man sie »eingewiesen« hat. Als Serviererin arbeitet Thea Ross in dem nahen amerikanischen Club im Clam-Gallas-Palais an der Währinger Straße, beim Chemischen Institut. Und da sind die Doughnuts.
Die Doughnuts!
An das Kleinste und Entfernteste erinnern wir uns im Traum. Wie oft hat Daniel schon von diesen Doughnuts geträumt! In Schmalz gebackene Teigkringel sind das. Immer erst gegen elf Uhr nachts kommt Mutter heim. Immer ist Daniel noch wach.
Und wartet auf Mutter voller Glückseligkeit, als wäre es Weihnachten, jede Nacht Weihnachten. Und so ist es auch. Denn Mutter bringt stets drei Doughnuts und eine Thermosflasche voll heißer Schokolade mit aus dem Club. Und dann beginnt jede Nacht Weihnachten für Daniel, den kleinen Jungen mit dem schmalen Gesicht, den großen Augen und dem mageren Körper. Doughnuts für ihn! Heiße Schokolade für ihn! Manchmal ein Stück Weißbrot mit Erdnußbutter darauf.
Herrje, ist er da selig in seinem harten Bett! Und Mutter erst, wenn sie über sein Haar streicht, todmüde, froh, die Schuhe von den geschwollenen Füßen streifen zu können. Dann muß sie immer lächeln. Und dieses Lächeln haben die Madonnen in den Kirchen, in die Daniel so oft geführt wird, weil Mutter so oft darum betet, daß sie eine andere Arbeit bekommt, eine, die leichter ist, und eine kleine eigene Wohnung. Bitte, lieber Gott, Vater ist tot, wir sind allein, wir haben nur einer den anderen! Daniel, ach, wie lieb ich dich habe. Ich dich auch, Mutter. Ich dich auch. So muß es im Himmel sein. Mutter und Doughnuts. Vielleicht noch Erdnußbutter. Und heiße Schokolade.
Die Zeit verrinnt schnell, kurz ist unser Leben. Schon geht Daniel ins Gymnasium. Und ist der Beste und lernt am eifrigsten, um Mutter Freude zu machen, Mutter, die stets traurig ist und traurig gewesen ist, seit er sich erinnern kann – auch als Vater noch lebte und aus dem Krieg auf Urlaub kam. Jetzt ist kein Krieg mehr. Langsam verschwinden die Trümmer. Dann haben sie die eigene Wohnung, in der Schopenhauerstraße, Parterre, Altbau. Egal, eine eigene Wohnung haben sie! Und Mutter hat andere Arbeit: in einem neuen Verlag. Lektorin für französische, englische und italienische Bücher ist sie da. Denn Mutter kann Sprachen, sie ist gebildet, und nun werden doch all die vielen, vielen Bücher gedruckt, die unter den Nazis verboten waren. Da geht Daniel nach der Schule einkaufen, und er macht auch die Wohnung sauber und spült das Geschirr ab, und erst dann erledigt er seine Hausaufgaben – wie der Anton in »Pünktchen und Anton« von Erich Kästner, der seine Mutter auch über alles geliebt hat.
Und wie Erich Kästner beginnt Daniel sehr früh zu schreiben. Die erste Kurzgeschichte wird zu seinem fünfzehnten Geburtstag gedruckt. Im NEUEN ÖSTERREICH. Sie transit ... Wie lange gibt es diese Zeitung schon nicht mehr! Hundertfünfzig Schilling Honorar bekommt Daniel. Ist Mutter da selig. Nicht über das Geld. Nein, über Daniel. So stolz ist sie auf den geliebten Sohn.
Und der schreibt immer weiter. Die Stories werden nun schon in Deutschland nachgedruckt. Viele sind es, viele. O wunderbare Zeit! Die neuen Bücher! Die neuen Filme! Die neuen Stücke! Daniel geht mit Mutter ins Kino, ins Theater. Andere Jungen in seinem Alter gehen mit ihrer Freundin. Freundin? Daniel will keine. Nur Mutter will er, die immer so gut zu ihm gewesen ist. Dann ist da natürlich doch eine Freundin. Erika heißt sie. Was tut Daniel, der zum erstenmal in ein Mädchen verliebt ist? Noch bevor er sie zum erstenmal geküßt hat, stellt er sie Mutter vor. Sie gefällt Mutter. Zum Glück. Wenn sie Mutter nicht gefallen hätte, wäre gleich wieder Schluß gewesen mit Erika.
Aber Mutter ist ja so klug, denkt er, und empfindet plötzlich Haß in seinem Traum. Sie weiß, daß die Zeit kommen wird, wo er seine Liebe teilen muß. Natürlich haßt sie Erika. Nicht als Erika. Als Konkurrenz. Ach, denkt er sofort darauf beschämt in seinem Traum, aber nach allem, was sie mitgemacht hat: Vater, der Krieg, die schwere Arbeit als Serviererin, wir beide allein. Sie ist doch ein armes Opfer. Opfer der Liebe, wir beide ...
Es dauert nicht lang mit Erika. Mutter hat so viel zu tun. Abends muß sie daheim noch Gutachten tippen. Ihre Augen werden immer schlechter. Da setzt sich Daniel dann hin, nachdem er das Rendezvous mit Erika abgesagt hat, und tippt nach Mutters Diktat, und sie streicht ihm wieder über das Haar. Mein guter Junge.
Natürlich läßt Erika sich das nicht gefallen. Sie sagt Daniel, daß sie einen anderen Freund gefunden hat und daß Schluß sei mit ihm. Ist Daniel da verzweifelt. Und Mutter auch. Um ihn zu trösten, fährt sie – man kann schon wieder reisen – mit ihm nach Elba. Jeden Nachmittag sitzen sie am Hafen von Portoferraio in ihrer Lieblingsbar – alle kleinen Café heißen in Italien Bar –,
und sie sind glücklich, so glücklich, Mutter und Daniel. Und die Schiffe gehen und kommen ...
Und andere Mädchen kommen. Mutter findet sie alle bezaubernd. Aber die Mädchen gehen auch alle wieder. Keine bleibt. Sehr oft ist Daniel froh darüber. Denn er vergleicht sie alle mit Mutter. Und da ist die eine zu eitel und die andere zu verspielt, und die dritte weiß nicht, wie das berühmte Buch heißt, das Marcel Proust geschrieben hat.
Daniels Geschichten haben ihn bekannt gemacht. Der Chefredakteur der amerikanischen Militärsendergruppe Rot-Weiß-Rot holt ihn. So kommt er zum Rundfunk. Hat seine eigene Sendung, bald schon. Schreibt, spricht, produziert selber. Wird als Korrespondent nach Hamburg geschickt. Mutter allein in Wien? Nein, jetzt verdient er genug. Sie muß mitkommen nach Hamburg. Bei ihm sein. Er wird Korrespondent in London. Natürlich zieht Mutter wieder mit. Ihre Augen sind nun schon sehr schlecht. Eine Operation beim besten Arzt hilft. Daniel gibt Mutter immer viel Geld. Sie braucht es gar nicht. Wird es aufheben für ihn, sagt sie, für ihren geliebten Daniel, wenn es dem einmal schlechtgeht.