Выбрать главу

In London trifft er Alice ... bezaubernd, älter als er, dreizehn Jahre älter. Was tut das? Sie heiraten. Mutter wird bei ihnen wohnen, das hat Daniel Alice gleich klargemacht. Er mietet eine schöne Wohnung in Mayfair. Da ist er schon Korrespondent beim Fernsehen. Beim Sender Frankfurt. Was für eine Karriere! Daniel Ross berichtet aus London ...

Nach einem halben Jahr stellt Alice ihn vor die Entscheidung: Entweder Mutter geht, oder sie geht. Große Szenen. Mutter bietet sofort an, wieder nach Wien zu ziehen. Das kommt nicht in Frage! Also geht Alice. Ein halbes Jahr später ist Daniel geschieden. Und so glücklich mit Mutter, so glücklich.

Er wird nach Rom versetzt. Nun ist er doch ein wenig vorsichtiger. Das alles, diese Herumreiserei, wird zu anstrengend für Mutter. Er kauft eine Wohnung in Wien, in Hietzing. Da soll Mutter leben und ihn oft in Rom besuchen. Mit dem Flugzeug ist das ein Katzensprung. Natürlich, sagt Mutter, du brauchst deine Freiheit. Ach, ist sie klug, ach, ist sie verständnisvoll.

In Rom trifft er Anna. Liebt. Wird geliebt. Mutter kommt zu Besuch und ist so nett zu Anna, so freundlich. Doch vor Weihnachten wird sie krank, und sie bittet Anna und Daniel, zu ihr nach Wien zu fliegen. Anna hat einen kleinen Sohn. Der muß natürlich in Rom Weihnachten feiern. Diesmal wird alles anders. Daniel steht auf Annas Seite. Zum erstenmal ist er am Heiligen Abend nicht bei Mutter. Er ruft sie an. Sie ist so verständnisvoll am Telefon. Aber gewiß doch, er kann unmöglich kommen. Sie macht ihm keine Vorwürfe. Aber er macht sich Vorwürfe. Und er macht Anna Vorwürfe.

Dieses Weihnachtsfest bringt das Ende seiner zweiten Liebe zu einer erwachsenen Frau. Mit dem kleinen Robertino, ihrem Sohn, verläßt Anna Daniel am ersten Feiertag. Er will sich besaufen, sinnlos besaufen. Aber er verträgt keinen Alkohol. Er erbricht alles. Totenübel ist ihm. Übernervös ist er, fahrig, zittrig.

Da – ein Mord!

Er muß mit seinem Team arbeiten. Er kann nicht ... Er kann nicht ... Ein Kameramann gibt ihm ein paar kleine Tabletten. »Nimm das! Es ist prima.«

»Was ist das?«

»Valium.« Valium!

O herrliches, gebenedeites Valium!

Vorbei das Zittern, vorbei der Schwindel. Daniel ist wieder ganz sicher. Er kann wieder arbeiten. Und wie er arbeitet in den nächsten Jahren! So gut wie noch nie. Immer unter Valium natürlich.

Er bekommt die Leitung des Wiener Südosteuropa-Studios übertragen. Nun ist er wieder bei Mutter, in derselben Stadt, in derselben Wohnung. Ein großer Kreis hat sich geschlossen. Jetzt braucht er keine Schuldgefühle mehr zu haben. Kein Valium mehr zu nehmen. Aber er muß es nehmen. Er braucht es. Er kann nicht leben ohne Valium.

»Mein Junge«, sagt Mutter, »mein guter, großer Junge!« Was für eine schöne Wohnung sie jetzt haben in der Grinzinger Allee! Da wird Mutter krank. Muß ins Hospital. Und er muß immer wieder fort – nach Prag, Budapest, Bukarest, Belgrad. Mehr Valium. Die Mutter wird immer kränker. Das große Erdbeben bei Neapel. Er muß hin. Verdreckt kommt er von den Dreharbeiten ins Hotel zurück. Ein Telegramm. Mutter ist tot. Und er war nicht bei ihr, als sie starb. Nicht bei ihr ...

Valium natürlich. Sehr viel Valium ...

Römische Göttin des Herdfeuers mit fünf Buchstaben. Nicht rauszukriegen. Buja, der Mann von der Friedhofschicht

im elektronischen Geräteraum hinter dem Dienstzimmer des Dr. Herdegen, mühte sich schon drei Minuten. Klein, untersetzt, mit spärlichem Haarkranz, saß er da und hatte ein Rätselheft vor sich liegen. Aus mehreren Lautsprechern drang das Rauschen offener Verbindungen. Versuchen wir es mal waagrecht, vielleicht kriegen wir da wenigstens einen Buchstaben. Also waagrecht: antiker Dreiruderer. Zum Kotzen!

Die Tür wurde geöffnet, Herdegen und ein Mann, den die Friedhofschicht nicht kannte, traten eilig ein.

»Abend, Buja!«

»Abend, Herr Doktor!«

»Nichts los, was?«

»Nein, nichts.«

»Geh mal raus, Buja!«

»Bitte?«

»Du sollst rausgehen. Wir müssen uns was anschauen. Setz dich in mein Zimmer!«

»Bitte sehr.« Der Mann, der Buja genannt wurde, stand auf, streckte sich, gähnte, streifte die Hosenträger hoch, griff nach der Jacke. Herdegen war mit dem Fremden bereits mitten im Raum. Er wandte sich einem Fernsehapparat und einem Videorecorder zu. Buja sah, daß er zwei Kassetten in der Hand hielt. »Wieso bist du überhaupt schon da?«

»Bin wegen dem Schnee früher von Wien weggefahren.« »Also raus! Und du läßt niemanden rein, klar?« »Klar.« Buja ärgerte sich über diesen kaltschnäuzigen Ton.

Wir sind hier nicht beim Bundesheer! Er nahm das Rätselheft mit. Scheißgöttin des Herdfeuers! Im Zimmer des Doktors steht ein vierundzwanzigbändiger Brockhaus. Da wollen wir mal...

Die Tür fiel zu hinter Buja.

Herdegen hatte den Apparat eingeschaltet, schob die erste Kassette in den spielbereiten Videorecorder und stellte mit der Fernsteuerung den Apparat auf einen anderen Kanal um. Wayne Hyde hatte sich gesetzt. Der Bildschirm flimmerte jetzt. Herdegen bediente den Startknopf des Recorders und setzte sich neben Hyde.

Ein paar Sekunden flackerte es auf der Scheibe noch, dann erschienen die Ziffern 3, 2, 1 und danach ein großes X. Plötzlich war da farbiger Film. Beide Männer lasen: WALT DISNEY PRESENTS THE BEST OF MICKEY MOUSE.

Übermütige Jazzmusik setzte ein. In der nächsten halben Stunde sahen Herdegen und Hyde sechs Mickymausfilme, sehr gute.

Herdegen stand auf, stoppte den Recorder, wechselte die erste gegen die zweite Kassette und ließ diese laufen.

3, 2, 1, ein großes X und folgende Schrift: WALT DISNEY PRESENTS: THE BEST OF DONALD DUCK. Wieder fröhlicher Jazz. Wieder sechs Zeichentrickfilme, diesmal über den weltberühmten Enterich, zuletzt einer, in dem Donald Duck Geburtstag feiert, denn diese Figur wurde gerade fünfzig Jahre alt. Herdegen schaltete die Apparate ab und steckte die Kassetten in ihre Schutzhüllen.

»Ich rufe London an«, sagte er.

»Gleich«, sagte Hyde. »Zuerst müssen die Kassetten zurück in den Tresor. Vielleicht will die Olivera sie plötzlich sehen. Frau Primaria hält doch den Mund, wie? Die tut doch, was Sie sagen?«

»Das haben Sie ja gesehen«, sagte Herdegen. »Weil nämlich ...«

»Ich weiß, warum«, sagte Wayne Hyde und ging schon voraus. Im Nebenzimmer saß der fast haarlose, dicke Buja von der Friedhofschicht.

Er blickte auf, als die beiden Männer erschienen. »Danke«, sagte Herdegen. »Kannst zurückgehen. Wir sind

gleich wieder da.« Er verließ hinter Wayne Hyde das Sprechzimmer. Buja zuckte mit den Achseln und stand auf. Was gab es? Dunkelrot im Gesicht war der Doktor. Sonst sah er doch immer aus wie ausgekotzt. »Vesta« hieß die römische Göttin des Herdfeuers mit fünf Buchstaben.

Und Daniel träumt, was er immer wieder träumt ... Werner Farmer, sein alter Freund, der sich gerade in Wien

aufhält, ist zu Besuch in das Zwergenappartement gekommen. Daniel wünscht, daß Sibylle ihn kennenlernt. Und stolz will er Werner Farmer zeigen, was für eine wunderbare Frau Sibylle ist. Da stehen sie in der winzigen Diele und können sich kaum bewegen. Sibylle muß in die Küche treten, und Werner bekommt das Papier nicht von dem Blumenstrauß, den er mitgebracht hat, und er und Sibylle sind recht still, Daniel aber lärmt glücklich und verliebt.

»Ist sie nicht großartig? Habe ich übertrieben?« »Danny, bitte«, sagt Sibylle.

»Ganz großartig ist die Dame«, sagt Werner und lächelt ein scheues, verlegenes Lächeln. Er verneigt sich. Größer als Daniel ist Werner Farmer, kräftiger, er hat ein breites Gesicht, eine hohe Stirn und schwarzes Haar. Er trägt eine Hornbrille, die Augen sind grün, und seine Haut großporig. Hatte eine schlimme Akne als junge, Daniel erinnert sich noch gut daran.