In dem Zwergenwohnzimmer hat Sibylle den Tisch festlich gedeckt, und in der Küche macht sie Drinks, trockene Martinis für
Werner Farmer und sich, Daniel, der Alkohol nicht verträgt, bekommt Schweppes-Tonic. Er redet am meisten, er möchte so gerne, daß Sibylle und Werner einander sofort sympathisch sind. Es ist eine Unterhaltung mit Pausen, denn Sibylle muß immer wieder in die Küche und nach dem Essen sehen, das auf dem Herd steht.
»Werner macht die tollsten Kunstbücher der Welt, Sibylle! Du kannst dir nicht vorstellen, wie phantastisch die sind! Herrliche Farbbände!«
»Natürlich maßlos übertrieben«, sagt Werner. Er ist wieder verlegen. Sibylle auch. Sie sehen einander kaum an.
Daniel bemerkt das nicht. Er schwärmt: »Aber ja doch, Sibylle!« Werner erklärt: »Das ist ein Riesenprojekt, an dem viele Menschen arbeiten. Und zwei Verlage: ein englischer und ein deutscher. Wäre zu teuer für einen Verlag allein. Hunderte von farbigen Abbildungen in jedem Band. Mit Zeichnungen und Karten. Ich bin nur für die kunstgeschichtlichen Texte verantwortlich – mit einigen englischen Kollegen. Das wird wirklich eine große Reihe. Einige Titel sind schon erschienen, zuletzt ›Die Renaissance‹.«
»Oh,›Die Renaissance‹!« Den Band kennt Sibylle. Vater hat ihn in Salzburg. »Sie sind es, der etwas so Wunderbares gemacht hat!«
»Ich sagte dir doch, Sibylle, er ist ein Genie, ein wirkliches Genie!«
»Bitte, Danny.« Farmer rückt an seiner Brille. »Ich freue mich natürlich, daß Ihnen der Band gefällt, Sibylle.«
»Woran arbeiten Sie jetzt, Herr Farmer?«
»An dem Band über die Zeit des Barocks.«
»Und Werner wird ein ganzes Jahr in Wien zu tun haben«, ruft Daniel. »Im Kunsthistorischen Museum, in der Albertina, in der Staatsbibliothek.«
»Immer ein paar Wochen«, erklärt Farmer. »Dann muß ich wieder zurück nach München. Da sitzt der deutsche Verlag.« Er wird noch verlegener. »Danny hat mir schon so viel von Ihnen erzählt. Wie Sie ihm geholfen haben. Sie sind eine großartige Ärztin.«
»Ach, du lieber Gott!« Auch Sibylle wird verlegener. »Erklären wir einander noch schnell für nobelpreiswürdig, und dann gibt’s was zu essen.«
»Zu essen!« Daniel schlägt seinem Freund auf die Schulter. »Der Tafelspitz, der jetzt kommt, der ist nobelpreiswürdig! So etwas hast du noch nie gegessen. So etwas kriegst du nur bei der Frau Dozentin. Beruflich – na schön, sie versteht etwas von Medizin, zugegeben. Aber als Köchin – Mensch, da hat sie mir schon ein paarmal das Leben gerettet. Ich habe bereits mehrere Tafelspitz-Entziehungskuren hinter mir. Werde immer neue brauchen. Bin hoffnungslos süchtig nach dem Zeug.«
Sibylle küßt ihn auf die Wange. »Verrückter!« »Natürlich bin ich ein Verrückter! Muß man doch werden bei
so einem Tafel ... ich meine: bei so einer Frau. Was, Werner?« »Ja, ich denke, das läßt sich wohl nicht vermeiden«, sagt
Werner. Und dann essen sie, und Daniel stöhnt vor Wohlbehagen. »Ist das nicht das Paradies hier – mit ihr?«
Farmer rückt wieder an seiner Brille. »Ja«, sagt er, »es ist das Paradies, Danny.«
»Er darf wiederkommen, Sibylle, ja? Immer, wenn er in Wien arbeitet, sehen wir uns!«
»Gerne«, sagt Sybille. Sie sieht Farmer nicht an dabei. »Und wir bringen ihn noch zur Bahn.«
»Zur Bahn – wieso?«
»Er muß heute nacht nach München zurück. Ich habe ihn vom Hotel abgeholt. Sein Koffer liegt im Wagen. Wir haben noch Zeit. Der Orient-Expreß geht erst um null Uhr fünfzehn.«
»Ich fahre gerne Schlafwagen«, sagt Farmer. »Man spart Zeit. Und ich schlafe gut.«
»Das wirst du erst sehen, ob du heute gut schläfst, so, wie du dir den Wanst vollgeschlagen hast!« ruft Daniel, und Sibylle protestiert. »Na, ich doch auch, Liebste! Werner wird ganz vorsichtig auf dem Rücken liegen müssen, damit ihm der Bauch nicht wegrollt.« Und Daniel lacht laut. Er ist glücklich, daß sein Freund nun weiß, was für einen kostbaren Menschenschatz er besitzt.
Um 23 Uhr 30 brechen sie auf. Sie fahren zum Westbahnhof. Dort besteht Daniel darauf, Werners Koffer zu tragen.
»Nein, nein, er ist sehr schwer. Es sind viele Bücher drin.« »Bücher, lächerlich!« Daniel wuchtet den großen Koffer aus
dem Wagen. Im nächsten Moment nennt er sich im stillen einen verfluchten Idioten. Der Koffer reißt ihn fast um. Einen schwereren hat Daniel noch nie getragen. Und dazu vollgefressen, wie ich bin, denkt er, während er schon die große Treppe hinaufschwankt, die zu den Geleisen führt. O Gott, o Gott, o Gott, haben wir da vielleicht einen Koffer! Und der Orient-Expreß ist endlos lang, und Werners Schlafwagen befindet sich natürlich an der Spitze des Zuges.
Sie gehen nebeneinander. Der Weg scheint kein Ende nehmen zu wollen. Ich bin ein Held, denkt Daniel. Ein idiotischer Heldenheld bin ich. Fast am Ende seiner Kräfte, erreicht er den Schlafwagen und wuchtet den verfluchten Koffer auch noch die Eisentreppe zum Gang hinauf. Er keucht. Das Hemd klebt ihm am Leib. Seitenstechen hat er. Aber er grinst.
»Tschüs, mein Alter! Wann kommst du wieder?« »Nächsten Donnerstag – für einen ganzen Monat.« »Hast du das gehört, Sibylle? Einen ganzen Monat! Da sehen
wir uns aber oft, was?`«
»Na klar«, sagt Sibylle.
Werner Farmer verabschiedet und bedankt sich. »Schön, Sie kennengelernt zu haben, Herr Farmer«, sagt
Sibylle. Sie schaut ihn wieder einmal nicht an dabei. Er klettert in den Waggon. Gleich darauf erscheint er am
Fenster seines Abteils. Er kann das Fenster nicht öffnen. Er winkt. Sie winken auch. Daniel lacht. Sibylle nicht. Minutenlang stehen sie so da, dann fährt der Zug ab. Daniel winkt, bis der Orient-Expreß in einem Gewirr von Geleisen und roten und weißen Lichtern verschwunden ist.
»Der war vielleicht begeistert von dir!« sagt Daniel. Sie gehen den Bahnsteig entlang.
»Meinst du?«
»Meine ich? Der hat dich doch mit den Augen verschlungen! Hast du das nicht bemerkt?«
»Nein, das habe ich nicht bemerkt. Hat er das wirklich getan?«
»Aber ja doch! Der ist völlig von den Socken! Und du? Wie gefällt er dir?«
»Oh«, sagt sie. »Gut«, sagt sie. Daniel lacht. »Ein Jahr hat er in Wien zu tun! Eine feine Zeit werden wir
haben, was?«
»Ja«, sagt sie, »sicherlich.«
Er packt ihre Hand und rennt plötzlich mit ihr los. »Was hast du denn, Danny? Danny!«
»Komm, fahren wir zurück zu unserem Turm!« sagt er. »Ich bin so furchtbar verliebt. Laß uns spielen, Sibylle, ja? Laß uns spielen ...«
Die Tür des Zimmers öffnete sich leise.
Mercedes, die an Daniels Bett saß, schreckte auf. Sibylle trat ein. Sie legte einen Finger auf die Lippen. Sie kam zum Bett. Aus einer Tasche ihres Ärztekittels nahm sie ein Blatt Papier und reichte es Mercedes.
Sibylle brachte auch eine neue Flasche und wechselte sie geschickt gegen die fast leere, die im Tropf hing, aus. Daniel spürte nichts, er schlief ganz tief und lächelte glücklich.
Mercedes war aufgestanden. Im Badezimmer brannte eine Lampe. Durch die halboffene Tür fiel ihr Lichtschein, in dem Mercedes folgende Worte erkennen konnte:
SCHNELL LESEN UND VERNICHTEN! ICH BIN ERPRESSBAR. SIE SIND HIER IN EINEM SPIONAGEZENTRUM. HERDEGEN UND EIN FREMDER MANN ZWANGEN MICH, DEN TRESOR ZU ÖFFNEN. SIE HABEN IHRE KASSETTEN HERAUSGENOMMEN UND NACH VIERZIG MINUTEN KOMMENTARLOS ZURÜCKGEBRACHT. WAS NUN GESCHIEHT, IST IHRE ENTSCHEIDUNG.
Während Mercedes las, sagte Sibylle leise: »Warum gehen Sie nicht ins Bett, Frau Olivera? Sie müssen doch todmüde sein!«
Und leise kam Sibylles Stimme aus einem der vielen Lautsprecher in dem fensterlosen Raum hinter Herdegens Dienstzimmer. Der kleine, untersetzte Techniker mit dem spärlichen Haarkranz, namens Buja, der jetzt die Friedhofschicht hatte, drehte an einem Regler, um die Stimmen lauter zu bekommen. Ab und zu knackte es in der Verbindung.