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Die Stimme von Mercedes ertönte: »Ich bin überhaupt nicht müde. Ich will bei ihm wachen.«

Sibylles Stimme: »Sie brauchen sich keine Sorgen um Daniel zu machen. Alles geht in Ordnung. Ich komme immer wieder. Und auch die Nachtschwester schaut herein.«

Hinter Buja, der auf einem der Sessel mit den verstellbaren Rücklehnen vor der langen Abhörwand saß, standen Herdegen und Wayne Hyde.

»Die Mannholz hat alles auf einen Zettel geschrieben, also da schwöre ich«, sagte Herdegen.

»Hoffentlich«, antwortete Hyde. »Das ist genau, was wir jetzt wollen. Genau das, was sich Mister Morley eben am Telefon gewünscht hat. Ross und die Olivera sollen wissen, daß wir hinter ihnen her sind. Nur so werden sie schneller handeln. Vorsichtig, aber handeln. Man muß sie provozieren ...«

Auf den Bogen Papier schrieb Mercedes mit Kugelschreiber in krakeliger Schrift: IM TRESOR LIEGEN TRICKFILMKASSETTEN. DIE ECHTEN SIND IN SICHERHEIT. DANKE FÜR IHRE HILFE! Dazu sagte sie leise: »Ich kann einfach nicht schlafen, Frau Doktor. Ich bin zu überdreht. Und ich habe trotz allem solche Angst um Daniel.«

»Völlig unnötig«, sagte Sibylle leise, knipste ein Feuerzeug an, setzte den Bogen in Brand und ging mit ihm ins Badezimmer, wo sie die verkohlten Reste in die Muschel fallen ließ. Sie bedeutete Mercedes durch Gesten, später die Spülung zu betätigen. Währenddessen fuhr sie fort: »Er hat eine unglaublich gute Konstitution. Nächste Woche läuft er schon wieder herum, das verspreche ich Ihnen.«

»Danke!« flüsterte Mercedes.

Die beiden Frauen standen nun einander gegenüber. Sie sahen sich lange ernst an. Dann flüsterte Sibylle: »Bis später!« und verließ abrupt den Raum. Sie ging den in blaues Licht getauchten Gang hinunter.

Plötzlich war ihr, als habe sie keine Kraft mehr, überhaupt keine. Sie taumelte und erreichte gerade noch eine Bank. Auf diese sank sie, die Augen geschlossen. Hier verharrte sie lange reglos. Einmal stöhnte Sibylle. Sehr leise.

In seinem Dienstzimmer saß Herdegen nun am Schreibtisch. Er telefonierte mit London. Der Anwalt Roger Morley hatte zurückgerufen. Herdegen schaltete den Zerhacker ein. Auf der Schreibtischplatte hockte Wayne Hyde, die zweite Hörmuschel am Ohr.

»Ich habe Ihre Informationen weitergeleitet, Doktor. Folgendes soll ich Ihnen und Mister Hyde mitteilen: Kein Grund, entmutigt zu sein. Wir haben es eben nicht mit Idioten zu tun. Indessen ist die Sache höchst eilig. Sie muß schleunigst in Bewegung kommen. In heftige Bewegung. Was ist? Wollten Sie etwas sagen, Doktor?«

»Sie wird in Bewegung kommen, Mister Morley. Die Mannholz war eben im Krankenzimmer. Die Olivera wacht am Bett von Ross. Mister Hyde und ich sind ganz sicher, daß die Mannholz Ross’ Freundin schriftlich darüber informiert hat, daß wir sie gezwungen haben, den Tresor zu öffnen und uns die Kassetten zu geben. Und daß wir sie kommentarlos zurückgebracht haben.«

»Ich hoffte, so etwas würde geschehen – Sie erinnern sich. Nun weiter: Der Zusammenbruch von Ross in der Maschine war nicht gespielt und nicht vorherzusehen. In Frankfurt hatten die beiden keine Zeit mehr, die echten Kassetten in Sicherheit zu bringen. Sie wissen, daß in Sáo Paulo ein alter Priester dem dämlichen Leon mit dem Stock eins über den Kopf gab. Anschließend achtete Hochwürden auf die rote Tasche. Nun, unsere Leute in Frankfurt haben das gecheckt. Nach der Bordliste heißt der Priester Heinrich Sander. Um achtzehn Uhr dreißig sind unsere Freunde nach Wien weitergeflogen. Sander flog kurze Zeit später weiter – mit LUFTHANSA 328 nach Köln. Dort wurde er von zwei jüngeren Priestern erwartet. Ein Funktaxi hat die drei in das große Zisterzienserkloster an der Daverkusenstraße im Stadtteil Köln-Merkenich gebracht. Es steht eine Kirche daneben, sagte der Chauffeur. Die Andreaskirche.«

»Das haben Sie alles in einer einzigen Stunde herausbekommen?« staunte Herdegen.

»Wir beschäftigen nur Top-Leute, das wissen Sie, Doktor. Wie Sie beide. Wenn so etwas überhaupt funktioniert, dann funktioniert es schnell.«

»Aber wann könnte dieser Sander die Kassetten vertauscht haben? Und woher hatte er Disney-Kassetten?« fragte Herdegen. Hyde nickte zustimmend.

Morleys Stimme aus London: »Er flog schon von Buenos Aires an mit. Vielleicht nahm dort alles seinen Anfang. Sie sagen, die Disney-Kassetten haben Etiketten in spanischer Sprache. Vielleicht wurden sie lange vor dem Abflug gekauft und waren bereits in der roten Tasche. Und die echten waren im Gepäck von Sander. Es könnte so sein. Es muß nicht so sein. Vieles spricht dafür. Vor allem, daß Sander Priester ist. Denken Sie an die überwältigend große Rolle der Kirche in der Friedensbewegung! Denken Sie daran, daß die Olivera seit vielen Jahren in der internationalen Friedensbewegung tätig ist! Vielleicht war das alles genau abgesprochen. Ich sagte schon: Wir haben es hier nicht mit Idioten zu tun. Geben Sie mir einmal Mister Hyde!« Hyde nahm den anderen Hörer und meldete sich. Die beiden Männer begrüßten sich. Dann sagte Morley: »Sie haben alles gehört, ja?«

»Ja, Mister Morley.«

»Ross ist für die nächste Zeit aktionsunfähig. Instruktion für Sie – und den Doktor: Die beiden müssen getrennt werden, verstehen Sie? Die Olivera weiß, wo die echten Kassetten liegen. Es muß ja nicht der Priester gewesen sein, wir dürfen uns da nicht festbeißen. Aber es sieht danach aus. Wenn wir uns irren – irgendwo sind die Kassetten. Sie haben es jetzt bloß mit einer Frau zu tun. Sie werden mit einer Frau fertig werden, Mister Hyde, denke ich doch.«

»Denke ich auch.«

»Gewalt nur, wenn es wirklich nicht anders geht und wirklich sinnvoll ist.«

»Ich bin seit siebzehn Jahren in diesem Geschäft, Mister Morley. Ich weiß, was ich tue. Übrigens vielen Dank für die Geldüberweisung.«

»Oh, Sie haben sich schon in Zürich erkundigt?« »Noch von London aus. Keine Überweisung, und ich wäre

überhaupt nicht nach Frankfurt geflogen. Aber wie bringt man die Olivera dazu, Ross hier allein zu lassen?«

»Das werde ich Ihnen sagen.« Roger Morley sagte es ihm. Die Visite begann um neun.

Um halb zehn kam Sibylle, gefolgt von Herdegen, zwei weiteren Ärzten, zwei Ärztinnen und der Oberschwester zu Daniel. Er war gewaschen und rasiert und blickte Sibylle lächelnd entgegen. Mercedes saß neben ihm. Es schneite noch immer.

Sibylle sah kurz die Fieber-, Puls- und Blutdruckkurven an, welche mit verschiedenfarbigen Stiften auf einem großen Blatt am Fußende von Daniels Bett eingetragen waren.

»Alles normal. Mächtiger Appetit zum Frühstück, höre ich, und gut geschlafen.«

»Wie ein Toter, Sibylle.«

»Ich weiß. Ich war ein paarmal bei dir, du Verbrecher.« Sibylle sah blaß aus und erschöpft. Dunkle Ringe lagen unter ihren Augen. Sie erörterte kurz mit Herdegen die weitere Behandlung. Er war von außerordentlicher Höflichkeit, geradezu unterwürfig. Sibylle nannte der Oberschwester, einer dicken Frau mit Brille, welche alles notierte, die Medikation. »Und natürlich bleibt er am Tropf. Haben Sie alles, Magdalena?«

»Jawohl, Frau Primaria.«

»Streck mal die Arme aus!« sagte Sibylle. »Finger auseinander! Nicht spreizen, locker lassen! Jetzt mach die Augen zu!« Daniels Finger bebten heftig, dann zitterten sogar die Hände. »Hübsch, hübsch«, sagte Sibylle.

»Wird noch. hübscher werden, Frau Olivera. Erschrecken Sie nicht! Das ist ganz natürlich«, sagte Herdegen zu Mercedes, die ein blaues Kostüm trug. »Aber nicht mehr lange.« Er wandte sich an Sibylle. »Da war noch etwas, Frau Primaria ...«

(Im großen Abhörzimmer stand neben einem Techniker, der den untersetzten Buja, die Friedhofschicht, um acht Uhr früh abgelöst hatte, Wayne Hyde und nickte zufrieden. Die Konversation kam aus dem Lautsprecher.)

»Ach ja, richtig. Danke, Herr Kollege.« Sibylle sah Mercedes an. »Wir sprachen gerade darüber ...«

»Worüber, Frau Doktor?«

Sibylle lächelte schwach. »Nichts Schlimmes. Sie müssen sich wirklich keine Sorgen um unseren Patienten machen, Frau Olivera. Der kommt schon wieder auf die Beine. Und eben daran haben wir gedacht. Wenn er in fünf, sechs Tagen aufsteht, muß er bald an die frische Luft. Spazierengehen. Viel spazierengehen. Wie ich gestern sah, hat er nur leichte Sommerkleidung im Koffer. Natürlich – in Argentinien ist es jetzt heiß. Aber bei uns ... Er braucht feste Schuhe, warme Anzüge, einen Wintermantel und so weiter.«