»Das ist alles in Frankfurt«, sagte Daniel.
»Gewiß«, sagte Sibylle. Und zu Mercedes: »In den nächsten Tagen können Sie nicht viel für ihn tun. Da müssen wir uns noch kräftig um ihn kümmern. Sie sollten unter allen Umständen hier sein, wenn er entgiftet und auf ein neues Präparat umgestellt ist. Dann wird er Sie brauchen. Wir wollten Sie bitten, die Zwischenzeit auszunützen und nach Frankfurt zu fliegen. Holen Sie seine Wintersachen. Jetzt hätten Sie Zeit dazu.«
»Ja, das ist richtig.« Mercedes nickte. »Findest du nicht auch, Daniel?«
Der sah Sibylle an. Sie erwiderte seinen Blick ausdruckslos, denn sie fühlte, wie Herdegen sie beobachtete.
»Finde ich auch«, sagte er. »Such zusammen, was du für richtig hältst. Du hast dir ja wärmere Kleidung mitgebracht.« Mercedes fiel etwas ein. Sie sagte zu Sibylle: »Ich habe gehört, daß Daniel sich zwischen Entgiftung und Einstellung auf das neue Mittel nicht besonders wohl fühlen wird.«
»Er kann es aushalten. Er kennt diesen Zustand schon. So gut wie jetzt wird es ihm natürlich nicht gehen.«
»Dann möchte ich aber möglichst bald wieder bei ihm sein«, sagte Mercedes. »Ich glaube, ich fliege noch heute.«
»Ausgezeichnete Idee«, sagte Sibylle lächelnd. Herdegen beobachtete sie unausgesetzt.
»So bin ich vielleicht morgen schon zurück.« (»Na also«, sagte Wayne Hyde im Abhörraum zu dem
Techniker der Tagesschicht, der Schorsch genannt wurde.) »Es gehen mehrere Maschinen am Tag nach Frankfurt«, sagte
Sibylle. »Die Sekretärin wird Ihnen einen Flugplan zeigen und bei der Reservierung behilflich sein. Ihren Paß brauchen Sie ja auch.«
»Ein Pfleger bringt Sie im Wagen nach Schwechat und holt Sie selbstverständlich wieder ab, Frau Olivera«, sagte Herdegen. »Ich führe Sie zur Sekretärin«, sagte die dicke Oberschwester freundlich, »sobald die Visite vorüber ist.«
»Danke, liebe Oberschwester.«
»Seh dich später!« sagte Sibylle zu Daniel. »Ich muß ein paar Stunden schlafen. Tschüs! Auf Wiedersehen, Frau Olivera!« Sie verließ das Zimmer, gefolgt von ihrer Begleitung. Die Tür fiel zu. Mercedes und Daniel waren wieder allein. Sie blickte ihn lange stumm an. Dann flüsterte sie in sein Ohr: »Ist es noch so stark wie gestern?«
»Nein«, flüsterte er. »Bei weitem nicht mehr so stark, Mercedes.«
»Lügner«, sagte sie. »Geliebter Lügner.«
»Du mußt das verstehen, so plötzlich ... nach all der Zeit ...« »Ich verstehe es ja«, sagte sie, kaum hörbar. »Danke«, sagte er. »Es wird vorübergehen, Mercedes. Sie ist
auch sehr verwirrt – natürlich.«
»Natürlich«, sagte Mercedes.
Eine halbe Stunde später verließ Sibylle die Klinik und stapfte auf einem von Schnee freigeschaufelten Weg durch den Park zu einer nahen Villa. Sie trug jetzt Stiefel und einen Pelzmantel über ihrem Ärztekittel. Sie sperrte die Eingangstür auf. Durch Räume mit schönen antiken Möbeln, Madonnen, Bildern und Ikonen ging sie zu einem Arbeitszimmer, dessen Wände bis zur Decke von vollgestopften Bücherregalen verdeckt waren. Am Schreibtisch bei einem Fenster saß ein großer, kräftiger Mann. Er trug Flanellhosen und ein rotschwarz kariertes Holzhackerhemd, die Ärmel aufgekrempelt. Sein Gesicht war breit, die Stirn hoch, das Haar schwarz, die Haut grobporig. Der Mann hatte grüne Augen und trug eine schwere Hornbrille. Auf dem Schreibtisch lagen Bücher, Farbfotografien von Gemälden und Umbruchbogen eines großformatigen Buches. Der Mann tippte auf einer Maschine, als Sibylle den Raum betrat.
»Guten Morgen, Werner«, sagte sie, trat zu ihm und küßte ihn auf die Wange.
»Guten Morgen, mein Liebling. Wie geht es ihm?« »Alles okay«, sagte sie, um Ruhe und Gelassenheit bemüht.
»Ich lege mich jetzt hin. Ich bin sehr müde. Wie geht es bei dir?«
»Soso«, sagte Werner Farmer. Sie trat hinter ihn, legte beide Hände auf seine Schulter und las die letzten Zeilen, die er getippt hatte.
»... und diesen hellen oberen Stock ›streckte‹ Tiepolo noch, indem er gegen einen Wolkenhintergrund von blauem Himmel und weißen bauschigen Wolken ›Vier Kontinente huldigen Karl Philip von Greifenklau‹ malte – eine Phantasie, so sinnlos und so köstlich wie irgendeine, die er für die Häuser des dekadenten venezianischen Adels geschaffen hatte.«
Die Maschine der AUSTRIAN AIRLINES mit Mercedes an Bord erreichte Frankfurt am Main um 19 Uhr 30. In Frankfurt war es sehr kalt, darum schneite es nicht.
Mercedes ging in der Ankunfthalle zur automatischen Gepäckausgabe. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie im Besitz ihrer Sachen war: Sie brachte die Sommerkleidung Daniels zurück und einen weiteren kleineren Koffer mit Wäsche, einem zweiten Kostüm und ihren Toilettengegenständen. Im Taxi fuhr sie durch den tiefverschneiten Stadtwald. Aus dem Autoradio drangen Stimmen.
»Stört Sie das?« fragte der Chauffeur. »Von Erich Kästner. ›Die Acharner‹. Hat er gleich nach dem Krieg geschrieben. Für ein Münchner Kabarett.«
»Lassen Sie Ihr Radio ruhig an«, sagte Mercedes. »Ach, Radio«, sagte der Chauffeur. »So was würde kaum
noch im Radio gesendet werden, meine Dame. Das ist eine Kassette. Auf Kassette kann man’s noch kriegen. Ist gleich aus.« Der Chauffeur, ein älterer Mann, nickte zu den Worten, die nun ertönten ...
»... Schneidet das Korn, und hütet die Herde, indes der Planet um die Sonne rollt! Keltert den Wein, und striegelt die Pferde! Schön sein, schön sein könnte die Erde, wenn ihr nur wolltet, wenn ihr nur wollt! ...«
Der Wagen schlidderte. Unter dem Schnee war die Straße gefroren. Wie im Märchen, so verzaubert sahen die alten Bäume aus, die im Scheinwerferlicht auftauchten und in der Dunkelheit wieder verschwanden.
»... Reicht euch die Hände, seid eine Gemeinde! Frieden, Frieden hieße der Sieg. Glaubt nicht, ihr hättet Millionen Feinde! Euer einziger Feind heißt – Krieg! ...«
An dieser Stelle seufzte der Taxichauffeur.
»... Frieden, Frieden, helft, daß er werde! Tut, was euch freut, und nicht das, was ihr sollt. Schneidet das Korn und hütet die Herde! Keltert den Wein, und striegelt die Pferde! Schön sein, schön sein könnte die Erde, wenn ihr nur wolltet, wenn ihr nur wollt!«
Musik setzte ein.
Der Chauffeur fragte alarmiert: »Haben Sie etwas, meine Dame? Ist Ihnen nicht gut?«
»Ich muß weinen«, sagte Mercedes. Sie putzte sich die Nase. »Mir ist auch zum Heulen«, sagte der Taxichauffeur. »Aber was sollen wir machen? Der arme Erich Kästner. Sein Leben lang hat er gegen den Krieg geschrieben. Was hat er erreicht? Nichts hat er erreicht. Weil wir nichts tun können, wir Kleinen.«
»Es gibt viereinhalb Milliarden von uns Kleinen«, sagte Mercedes.
»Und viereinhalb Milliarden können nichts tun«, sagte der Chauffeur. Sie waren jetzt auf der Kennedyallee. Die Stadt kam näher. Mercedes sah sie nicht, sie sah nur, wie ihre Lichter den Himmel erhellten, über den dunkle Wolken zogen.
»Sie können etwas tun!« sagte Mercedes laut. »Ach, meine liebe Dame«, sagte der Taxichauffeur. »Einmal,
da habe ich das auch geglaubt – nach dem Krieg. Reden wir nicht davon!«
Als er dann in der Sandhöfer Allee vor dem Haus hielt, in dem Daniel wohnte, trug er ihr das Gepäck noch bis an die Wohnungstür. Mercedes gab ihm die Hand.
Er sah sie mit flackernden Augen an. »War eine schöne Zeit damals, als ich noch dran glaubte. Und so viele andere auch. Kommt nicht wieder.« Er ging schnell die wenigen Stufen zum Ausgang hinunter.
Mercedes schloß die Tür hinter sich, legte die Kette vor und trat in Daniels großes Arbeitszimmer, wo sie das Licht anschaltete. »Guten Abend«, sagte Wayne Hyde.
Er hatte seinen Dufflecoat ausgezogen und saß in einem tiefen Fauteuil, die Beine übereinandergeschlagen. Er trug einen braunen Anzug, ein weißes Hemd und eine braune Krawatte. In der Hand hielt er eine Pistole. Mercedes erstarrte mitten in der Bewegung. Sie schluckte krampfhaft, bekam aber kein Wort heraus. Hyde stand auf. »Hände vor!« Er untersuchte die Taschen ihres Pelzmantels, dann warf er ihn über den Stuhl beim Schreibtisch. Dort stand die Silbertafel mit dem eingravierten Ausspruch Bertrand Russells. DIE WELT, IN DER WIR LEBEN ... Keine zwei Wochen war es her, da hatte Mercedes diese Inschrift zum erstenmal gelesen. Ihr schien, als wäre es vor zwanzig Jahren gewesen.