»Muß ich jetzt leben?«
»Nicht reden!« sagte sie. Alles wurde wieder schwarz. Er erwachte. Sie saß an seinem Bett. Nun trug sie einen
blauen Morgenmantel. Ihr Gesicht war bleich. Sie sah erschöpft aus. Die Lampe neben dem Bett brannte noch, aber es war Tag. Vor den Fenstern schneite es heftig. Sturm tobte und trieb Schneewehen vor sich her. Er hörte einen Fensterladen klappern.
»Hallo«, sagte sie. Er antwortete nicht. »Sie haben lange geschlafen. Dreizehn Stunden. Vierzehn. Es ist fast elf.« Sie hatte auf das Tischchen neben dem Bett gesehen. Dort stand ein elektrischer Musikwecker.
»Fast vierzehn Stunden?« Sein Kopf schmerzte noch immer. »Ja, Herr Ross.«
»Sie kennen meinen ...« Er brach ab. »Ich bin Mercedes Olivera.«
Er zuckte mit den Schultern. Sein Kopf schmerzte immer heftiger.
»Sie erinnern sich nicht?«
»Woran?«
»Ich habe angerufen. Gestern.« Er sah sie stumm an. »Aus Zürich. Vom Flughafen.«
»Oh ...« Er stöhnte. Alles fiel ihm wieder ein. »Jetzt erinnern Sie sich, ja?«
»Ja.«
»Sie wollten sich das Leben nehmen, Herr Ross. Warum?« »Das geht Sie nichts an. Sie haben mich zurückgeholt.
Warum?«
»Ich konnte Sie doch nicht sterben lassen, mein Gott!« »Weshalb nicht?«
»Herr Ross, bitte!« Sie legte eine Hand an seine Wange. »Nicht« sagte er.
»Was nicht?«
»Nehmen Sie die Hand fort! Ich mag das nicht.« Sie zog die Hand zurück.
»Was geht es Sie an, wenn ich sterben will? Sie haben alles kaputtgemacht.«
»Sie sind noch sehr schwach, Herr Ross. Jeder Mensch geht mich etwas an, der im Sterben liegt.«
»Florence Nightingale«, sagte er. »Edle Schwester. Guter Mensch. Alles kaputtgemacht haben Sie.«
»Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen!«
»Rühren Sie mich nicht an!« Zornig sagte er: »Ohne Sie hätte ich jetzt meinen Frieden. Gemein. Es ist gemein, was Sie getan haben.«
»Sie stehen vor dem wichtigsten Moment Ihres Lebens. Sie müssen leben!«
»Ich hasse Sie«, sagte er. Dann war er wieder eingeschlafen. Als er erwachte, war es vor den Fenstern dunkel. Der Sturm
heulte noch immer. Er peitschte Schnee gegen die Scheiben. Wieder saß die junge Frau an seinem Bett. Sie sah nun unendlich müde aus, aber sie lächelte.
»Na, Murmeltier?«
»Wie lange habe ich diesmal geschlafen?«
»Über sieben Stunden. Es ist sechs Uhr abends.« Er versuchte sich aufzurichten, ächzte und fiel in das Kissen
zurück.
»Was ist?«
»Ich muß ins Bad.«
Sie neigte sich vor. »Warten Sie, ich stütze Sie.« »Ich kann allein gehen.«
»Nein, das können Sie nicht.« Ihr Gesicht war nun sehr nahe vor seinem. Der Morgenrock klaffte, er sah die großen, schönen Brüste in dem weit ausgeschnittenen Büstenhalter, aber er fühlte keine Begierde, er war viel zu schwach. Sie zog ihn an den Schultern hoch, zu sich empor. Einen Moment lang ruhte sein Kopf an ihrer Schulter. Er spürte den Duft von Parfum. »So«, sagte sie, »jetzt die Beine aus dem Bett! Langsam! Ihr Kreislauf!« Folgsam ließ er langsam die Beine aus dem Bett gleiten.
Sie legte eine Hand um seine Schultern. »Ich führe Sie.« »Nicht nötig ...« Er stand auf. Wild drehte sich alles um ihn.
»Doch, bitte«, sagte er. Dann bemerkte er, daß er nackt war. Schritt um Schritt führte sie ihn ins Badezimmer. Er ließ sich auf die Klosettbrille sinken. Immer noch stützte sie ihn.
»Kann ich Sie allein lassen?«
»Bleiben Sie lieber da! Mir ist sehr flau. Eine Zumutung, ich weiß. Verzeihen Sie!«
»Ich habe schon mal einen nackten Mann gesehen, Herr Ross. Auch in einer solchen Situation.«
Das Badezimmer war sauber. Er sagte: »In der Wanne haben Sie mir dieses Dreckszeug in den Mund geschüttet, um meinen Magen leer zukriegen, ja?«
»Ja, Herr Ross. Es war eine höllisch schwere Arbeit. Zuerst mußte ich Sie vom Bett hierher schleifen. Sie waren so schwer, daß ich Sie zweimal fallen ließ. Dann mußte ich mich ausziehen, weil mir zu heiß wurde. Und um meine Sachen zu schützen. Das Ärgste war, Sie über den Wannenrand zu kriegen. Und wieder
heraus. Aber ich mußte es in der Wanne tun, weil ich doch Wasser brauchte. Während Sie schliefen, habe ich hier saubergemacht und gebadet.«
»Was für eine Konversation«, sagte er.
»Glauben Sie, Sie können jetzt etwas essen? Fleischbrühe?« »Ich weiß nicht.«
»Sie müssen. Sie haben ein paar Flaschen Mineralwasser getrunken.«
»Wann?«
»Immer, wenn Sie kurz wach waren, gab ich es Ihnen.« »Keine Ahnung.«
»Sie haben enorm viel Flüssigkeit verloren. Wir mußten sie ersetzen.«
»Ich habe enorm viel getrunken?«
»Merken Sie das nicht?« Sie sah ihn lächelnd an. Er erwiderte das Lächeln mit zitternden Lippen. »Wie alt sind
Sie?«
»Dreiunddreißig. Warum?«
»Ganz schön schamlos für dreiunddreißig.« »Absolut schamlos. Gott, bin ich froh!«
»Worüber?«
»Daß es Ihnen schon wieder so viel besser geht.« »Was haben Sie mit meinem Pyjama gemacht?« »Ihnen ausgezogen. Ich konnte Sie doch nicht mit dem
Pyjama in die Wanne ...«
»Natürlich nicht.« Er stand auf. Seine Knie zitterten heftig. »Wenn Sie noch einmal so freundlich sein wollen?«
Sie stützte ihn auf dem Weg zurück zum Bett, und wieder roch er den Duft des Parfums und den Duft ihrer Haut.
»Was haben Sie da in mich hineingeschüttet?« fragte er, als er wieder lag.
»Alles mögliche. Als ich Sie sah ...«
»Wie sind Sie hereingekommen?«
»Ich habe ein Küchenfenster eingeschlagen, vom Garten aus, und den Riegel geöffnet. Gott sei Dank wohnen Sie parterre! Natürlich habe ich zuerst geläutet – lange. Als Sie nicht aufmachten, bekam ich es mit der Angst. Sie hatten am Telefon eine so seltsame Stimme. Es wohnen Leute über Ihnen, nicht wahr?«
»Ein altes Ehepaar und ein Mann allein.«
»Ich hatte ein schlimmes Gefühl. Ich wollte keinesfalls Aufsehen erregen. Sonst wären die anderen Mieter mißtrauisch geworden. Sie hätten gewiß die Polizei gerufen – jedenfalls bestand die große Gefahr –, und die hätte Ihre Wohnungstür aufgebrochen. Und dann wären Sie auf der Psychiatrie gelandet. Dorthin werden Selbstmörder doch gebracht, nicht wahr?«
»Sie ist ganz in der Nähe.«
»Wer?«
»Die Psychiatrie. Keinen halben Kilometer entfernt.« »Sehen Sie! Natürlich hätte man Sie dortbehalten.
Wochenlang. Und das ist einfach unmöglich.« »Warum?«
»Ihr Vater erwartet Sie.«
Er schluckte schwer. Er starrte sie an. Er versuchte zu sprechen. Der Versuch mißlang. Zu groß war der Schock.
»Was haben Sie?«
»Mein Vater ...«
»Ja?«
»Mein Vater ist im März neunzehnhundertfünfundvierzig gefallen.«
»Nein.«
»Was nein?«
»Nein, er ist nicht gefallen. Er lebt. In Buenos Aires. Er heißt jetzt Olivera und erwartet Sie. Deshalb bin ich nach Deutschland gekommen.«
»Warum?«
»Um Sie zu ihm zu bringen.«
»Sie können mich nicht zu ihm bringen. Was soll der Unsinn?« Er regte sich auf. »Mein Vater ist seit neununddreißig Jahren tot!«
»Er ist nicht tot. Er lebt. Er lebt. So glauben Sie mir doch! Bitte, bitte, bitte! Er lebt und will Ihnen etwas geben. Schnellstens.« Das alles war zu viel für ihn. Er schwieg und starrte sie an. »Was ist? Warum sprechen Sie nicht?«
»Wer ... wer sind Sie eigentlich?«
»Ich bin seine Tochter«, antwortete sie sehr langsam und sehr ruhig. »Seine Stieftochter, meine ich. Er hat meine Mutter geheiratet. Also bin ich Ihre Stiefschwester, Herr Ross.«
Er schloß die Augen. »Und was will er mir geben?« »Ein internationales Geheimabkommen. Ich mußte das
Küchenfenster einschlagen. Dann mußte ich mich mächtig beeilen. Zum Glück fand ich alles in der Küche. Kernseife, ein paar Riegel, Salz, Essig, Senf.«
»Versteh’ kein Wort.«
»Ich mußte doch Ihren Magen entleeren, das ganze Nembutal wieder herauskriegen!«
Er öffnete die Augen wieder. »Woher wissen Sie, daß ich ...« »Die Packungen liegen auf dem Schreibtisch. Ich habe einen