»Umdrehen! Hände gegen die Wand! Beine breit!« Seine Stimme war brutal. Sie folgte. Er tastete ihren Körper nach Waffen ab: Brüste, Hüften, Schenkel.
»Okay. Setzen Sie sich da beim Schreibtisch, Hände auf die Knie!«
Er trat zurück. Sie sackte auf den Sessel. Jetzt konnte sie mühsam sprechen: »Wer ... sind Sie?«
»Der Name ist Corley. Peter Corley. Untersuchungen jeder Art. Nicht! Sie sollen ruhig sitzen, verflucht!« Er ließ den Sicherungshebel der Waffe zurückklicken. Es war eine 9-Millimeter-SIG/Sauer-Polizeipistole. Wayne Hyde hatte sie von seinem alten Freund Heinz Erkner bekommen, mit dem zusammen er 1971 in Sri Lanka für die indischen Regierungstruppen gegen Oppositionsgruppen der Tamilen und 1974 auf Zypern für griechische Zyprioten gegen türkische Zyprioten und türkische Einheiten gekämpft hatte. Wayne Hyde war schon mit der Mittagsmaschine in Frankfurt eingetroffen. Von Wien aus hatte er Heinz angerufen und ihm gesagt, was er brauchte: eine 9-Millimeter-SIG/Sauer und ein Gewehr der Marke Sterling Mk9 mit Zielfernrohr. Heinz war so pünktlich und zuverlässig gewesen wie Wayne Hydes österreichischer Söldnerfreund Franz Loderer, dessen Waffen Hyde in der Obhut Herdegens zurückgelassen hatte. Er mußte sich seine Depots erst aufbauen. Zum Glück besaß er viele Freunde. Heinz Erkner war ihm besonders dankbar. Hyde hatte ihm auf Zypern das Leben gerettet, als sie in einen Hinterhalt geraten waren. Zwei MG-Kugeln hatten Erkner in der Schulter getroffen. Unter Lebensgefahr und ständigem Beschuß durch die Türken war Hyde mit dem Freund auf dem Rücken bis zum Kieselsteinufer eines Flusses getaumelt. Dort konnte dann der griechische Hubschrauber landen, den Wayne Hyde über Funk angefordert hatte. Sie hatten sich darüber unterhalten, als sie einander nun wiedertrafen. Heinz ging es glänzend. Er besaß zwei Peep-Shows und drei Porno-Kinos, war fabelhaft angezogen, und die Waffen lagen im Kofferraum seines Mercedes 450. Nachdem Hyde einen Hertz-Wagen, Marke BMW, gemietet hatte, waren die Waffenfutterale im Kofferraum des grauen BMW gelandet. Der parkte jetzt vor den Universitätskliniken, ganz in der Nähe. Hyde hatte nur die 9-Millimeter-SIG/Sauer mitgenommen.
»Wie sind Sie hier hereingekommen?« fragte Mercedes. »Genau wie Sie hier reinkamen.«
»Was soll das heißen?«
»Küchenfenster eingeschlagen hinten im Garten und den Riegel geöffnet.«
»Woher wissen Sie, daß ich das getan habe?« »Sie sind dabei beobachtet worden. Jemand ist damals mit
Ihnen von Buenos Aires nach Zürich und Frankfurt geflogen. Und dann mit Ihnen und Ross zurück.«
»Wer hat Ihnen gesagt, daß ich heute hierherkommen werde?«
»Ich stelle die Fragen. Sie antworten. Wo sind die Filmkassetten?«
»Welche Filmkassetten?«
»Los, los, los, wo sind sie?« Sie schwieg.
Er hob die Hand.
Die Türklingel schrillte.
Im nächsten Moment spürte sie die Mündung der Pistole an der Schläfe.
»Keinen Laut!« flüsterte er.
Die Klingel begann wieder zu schrillen. Sie hörte nicht mehr auf.
»Mercedes!« rief eine Männerstimme.
Der Druck des Laufs gegen ihre Schläfe wurde fester. »Mercedes!« schrie der Mann vor der Tür. »Sie sind zu Hause. Ich habe Licht gesehen. Wenn Sie jetzt nicht antworten, weiß ich, daß jemand bei Ihnen ist und Sie bedroht.«
»Ruhig! Ganz ruhig!« flüsterte Hyde. Der Pistolenlauf schmerzte, so fest drückte er ihn gegen ihren Schädel.
»Ich habe ein Autotelefon. Ich rufe eine Funkstreife ...« Mit vier Schritten war Hyde bei der Wohnungstür, löste die
Kette, riß die Tür auf und sprang zur Seite.
»Kommen Sie rein!« sagte er. »Schnell!«
Ein schlanker, großer Mann von etwa fünfzig Jahren mit schwarzem Haar und grauen Augen in dem klugen Gesicht trat ein. Er trug keinen Mantel. Sein blauer Anzug war maßgeschneidert, ebenso das hellblaue Hemd. Auf die dunkle Krawatte waren viele sehr kleine, silberne Elefanten gestickt. Er hatte den Hemdkragen geöffnet und die Krawatte gelockert. Als er in der Diele stand, drückte Hyde die Tür hinter ihm ins Schloß. »Hände an die Wand, Beine breit!«
Hyde tastete auch den großen Mann sorgfältig nach Waffen ab. Er fand keine.
Dann winkte er mit der Pistole. »Da rein! Zu der Lady!« Sie traten beide in das Arbeitszimmer.
»Guten Abend, Mercedes«, sagte der Mann im blauen Anzug. »Tut mir leid. Es hat alles so lange gedauert. Rief denn meine Sekretärin nicht am Flughafen an? Da muß etwas schiefgelaufen sein. Sie sollten doch die Nachricht erhalten, daß ich noch zu tun hätte und, um Zeit zu sparen, gleich in die Wohnung kommen würde. Sie sollten hier auf mich warten.«
»Etwas schiefgelaufen, wie Sie sagen. Da war keine Nachricht für mich.«
»Na, dann war das ganz schön knapp«, sagte der große Mann und sah Hyde an. »Er will den Film, ja?«
»Ja«, sagte Mercedes.
»Was wissen Sie davon?« fragte Hyde. »Eine Menge.« »Wer sind Sie?«
»Ich heiße Conrad Colledo«, sagte der große Mann. »Und?«
»Und was?«
»Was ist Ihr Job?«
»Ich komme aus Königstein im Taunus.«
»Machen Sie’s kürzer!«
»In Königstein im Taunus stehen die Studios des Fernsehsenders Frankfurt. Ich bin dort Hauptabteilungsleiter für Politik und Zeitgeschehen.«
»Und wer hat die Kassetten?« fragte Wayne Hyde. »Ich«, sagte Conrad Colledo.
Um diese Zeit schläft Daniel schon wieder ...
15. Mai 1972. An jenem wahnwitzig heißen Tag kehrt er aus Rom zurück. Mußte dort sechs Wochen lang das Studio leiten. Der ständige Korrespondent lag mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Daniel hat noch aus Rom Sibylle angerufen – wie jeden Tag.
»Komm zu mir«, sagt Sibylle nun in seinem Traum. »Werner kommt auch. Er muß aber heute nacht noch nach München für ein paar Tage.«
»Na prima, da sind wir zwei allein!«
Daniel freut sich. Nach der Landung fährt er schnell in seine Wohnung an der Grinzinger Allee, läßt das Gepäck dort, badet, zieht sich um. Dann ist er bei Sibylle im Turm. Er umarmt und küßt sie immer wieder. Gott, ist er froh, wieder bei ihr zu sein! Werner Farmer sitzt schon da. Sieht blaß aus. Überarbeitet, denkt Daniel. Sie essen, und Daniel erzählt begeistert.
»Rom ist fabelhaft, Kinder! Italien ist fabelhaft. So etwas von Korruption! Einfach fabelhaft! Zig Regierungen haben sie gehabt seit dem Krieg. Irrsinnige Arbeitslosigkeit. Die Millionäre sitzen im Norden und werden entführt oder eingesperrt wegen Milliardenschiebungen. In keinem Land wird so geschoben. Einfach großartig! Die Armen – so was von arm habe ich noch nicht gesehen. Auf dem Land die Bauern. Im Süden die Menschen in den Städten. Müßten alle eigentlich längst verhungert sein bei dieser Inflation, bei dieser Mafia. Aber sie leben und singen und trinken Wein, weiß der Himmel, woher sie ihn kriegen. Diese Leute haben uns eingeladen – nicht mal in Bußland haben arme Menschen uns so bewirtet. Fabelhaft, einfach fabelhaft! Lauter gute katholische Kommunisten. Lauter Don
Camillos und Peppones. Sechsundfünfzig Millionen Don Camillos und Peppones. Mit Berlinguer, der gerade Generalsekretär der KPI geworden ist, habe ich mich viele Nächte lang unterhalten. Großer Mann! Gebildet, höflich, schüchtern bisweilen. Und meine zwei Schweizer Freunde! Nägeli und Bürgler! Von der Schweizer Garde! Habt ihr gewußt, daß die Schweizer Garde des Papstes wirklich aus Schweizern besteht? Ich nicht. Söldner sind das, richtige Söldner! Gibt es seit dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts! Als das mit den Ritterheeren nicht mehr so flutschte. Da nahmen die Mächtigen sich Schweizer Söldnertruppen. Das waren die mutigsten. Schweizer Söldner – immer die besten. Na ja, und da hat irgendein Papst – wird mir gleich einfallen, welcher – gesagt, das muß er auch haben. Seither gibt es die Guardia Svizzera Pontificia. Haben ein feines Leben. Viel Freizeit. Können saufen, Mädchen haben, alles. Natürlich auch Kommunisten sein. Bezahlt sie verdammt schlecht, der Heilige Vater. Aber die Pension! Als sie einmal besoffen waren, haben Nägeli und Bürgler mir erklärt, daß es Gott nicht gibt. Alles nur Theater. Habe ich Gott verteidigen müssen – ich, stellt euch das vor! Aber ich konnte mich mit Gott nicht durchsetzen. Fabelhafte Schweizer. Fabelhafte Stadt, Rom, also wirklich ...«