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»Er ist echt!«

»Ja, Mercedes, ja. Vielleicht. Vielleicht nicht«, sagte Colledo. »Wir werden das feststellen. Dazu brauchen wir Zeit. Also konnte der Intendant in Bonn versprechen, den Film noch zurückzuhalten. Mehr versprach er nicht. Natürlich hätten Kanzler und Außenminister den Film am liebsten beschlagnahmen lassen. Das wäre dann die letzte Amtshandlung von Außenminister und Kanzler gewesen, und das wußten sie.« Colledo sah Mercedes an. »All dies und was noch kam, dauerte so lange, daß ich es nicht mehr zum Flughafen schaffte.«

Mercedes nickte.

»Sie werden das auf irgendeine Weise Danny mitteilen können?«

»Ja. Was kam noch?« fragte Mercedes.

»Karrelis kehrte heute nachmittag zurück. Wir mußten gleich mit der Dokumentation beginnen, also allerhand aufbauen und den Intendanten schminken. Schließlich rief er die amerikanische und die sowjetische Botschaft in Bonn an. Beim amerikanischen Botschafter dauerte es nur knapp zwanzig Minuten, bis der Herr sich an den Apparat bemühte. Der Intendant hatte in der Zwischenzeit mit drei anderen Herren gesprochen, bis er endlich mit dem Botschafter sprechen konnte ...«

»Exzellenz, mein Name ist Emanuel von Karrelis. Ich bin Intendant des ...«

»Okay, okay«, sagte die Stimme des Botschafters in breitem Amerikanisch. »Das hat man mir schon mitgeteilt. Sie scheinen außerordentlich erregt zu sein, Herr von Karrelis. Wenn ich recht verstanden habe, geht es um einen Film, der in Ihren Besitz gelangt ist.«

»Ich bin außerordentlich erregt, Exzellenz. Das wären Sie auch, wenn Sie den Film gesehen hätten. Präzise gesagt: den Videofilm.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen«, sagte der Botschafter.

»Natürlich nicht. Die drei Herren, mit denen ich vor Ihnen sprach, haben auch keine Ahnung. Ich meine das ganz im Ernst. Sie alle können gar keine Ahnung haben. Bescheid wissen nur Ihr Präsident und der Staatschef der Sowjetunion sowie deren engste Mitarbeiter. Ihre Herren riefen bei mir im Sender zurück, um sicher zu sein, daß sie nicht das Opfer einer Mystifikation waren. Erst danach erzählte ich ihnen, was für ein Film das ist. Man versprach, Sie zu unterrichten. Hat man das nicht getan, Exzellenz?«

»Doch.«

»Nun also.«

»Hören Sie, das Ganze ist reiner Wahnsinn. So einen Film gibt es nicht.«

»Ich habe ihn – und eine Kopie – hier im Sender, Exzellenz.« »Wahnsinn.«

»Ja, das sagten Sie schon. Ich schlage vor, Sie setzen sich umgehend mit Ihrem Präsidenten in Verbindung. Der deutsche Bundeskanzler hat es wahrscheinlich schon getan. Ihr Präsident wird Ihnen erklären können, um was für einen Film es sich

handelt und was auf dem Spiel steht. Moment, Exzellenz! Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen, das Sie bitte dem Präsidenten wiederholen wollen. Wir sind entschlossen, diesen Film zu senden ...«

»Ich glaube, wir beenden das Gespräch.«

»Das glaube ich nicht. Diesen Film zu senden, sage ich, sobald wir alle nur menschenmöglichen Recherchen hinsichtlich seiner Echtheit angestellt haben. Es geht hier nicht um die lächerlichen gefälschten Hitler-Tagebücher. Es geht hier – so oder so – um das riskanteste politische Objekt seit Kriegsende. Wir sind uns durchaus der ungeheueren Verantwortung bewußt, die nun auf uns lastet. Wir besitzen hervorragende Rechercheure. Sie werden Beweise und noch lebende Zeugen dafür finden, daß dieser Film echt oder eine Fälschung ist.«

»Natürlich ist er eine Fälschung.«

»Oh, Sie kennen ihn also doch?«

»Nach dem, was meine Leute mir berichtet haben. Allein die Idee eines solchen Films ist absurd.«

»Da muß ich Ihnen zustimmen, Exzellenz. Bitte, hören Sie jetzt gut zu: Sollte sich herausstellen, daß die Nazis – oder andere Interessenten – den Film gefälscht haben, werden wir ihn gleichfalls senden. Mit allen Zeugenaussagen und Beweisen, welche die Fälschung belegen. Wir werden auch bekanntgeben, woher wir den Film haben. Wir werden dem Zuschauer alle Begleitumstände zeigen, er wird wirklich alles sehen. Zum Beispiel mich, eben jetzt.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, Exzellenz, daß zwei Kameras mich hier aufnehmen, während ich mit Ihnen spreche. Auch unser Gespräch wurde von Anfang an mitgeschnitten. Wir werden jeden unserer Schritte dokumentieren können, wenn wir den Film ausstrahlen. Auf keinen Fall werden wir irgend etwas manipulieren. Dazu ist die Sache weiß Gott zu ernst. Wenn sich herausstellt, daß der Film eine Fälschung ist, kann das nur eine enorme Stützung der politischen und moralischen Macht Ihres Landes bedeuten.«

»Unverschämtheit!«

»Ich bin überzeugt, auch bei Ihnen läuft ein Tonbandgerät, das unser Gespräch aufzeichnet. So können Sie Washington das Band vorspielen. Ich komme jetzt nämlich zu einem besonders wichtigen Punkt: Ich könnte mir vorstellen, Exzellenz, daß Sie – ich meine natürlich für derartige Aktionen speziell ausgebildete Personen – nun versuchen werden, die Kassetten in Ihren Besitz zu bringen. Wenn es nicht anders geht, durch Mord und Terror. Aus dem Sender bekommen Sie die Kassetten freilich nicht einmal mit dem tollkühnsten Kommandounternehmen heraus. Es wäre jedoch möglich, daß jemand auf den Gedanken verfällt, einen oder mehrere der auf unserer Seite mit diesem Film Beschäftigten – Redakteure oder Rechercheure etwa – oder deren Angehörige als Geiseln zunehmen und eine Erpressung zu versuchen.«

»So, jetzt habe ich genug, ich lege auf.«

Karrelis sprach ohne Pause weiter: »Sie werden nicht auflegen, Exzellenz. Zu den besonders exponierten Personen in diesem Zusammenhang zählen Herr Eduardo Olivera in Buenos Aires, sein Sohn Daniel Ross, seine Stieftochter Mercedes Olivera, der Chefredakteur Hans Kleinhals, der Hauptabteilungsleiter Conrad Colledo und ich. Ich habe die Namen schon einem Ihrer Herren genannt, er hat sie aufgeschrieben ... Bitte, lassen Sie mich zu Ende sprechen, Exzellenz. Wie gesagt: Wir beabsichtigen, dieses Filmdokument erst nach genauester Prüfung und unter Bekanntgabe aller Prüfungsergebnisse zu senden. Sollte einem der soeben Genannten oder einem einzigen anderen Menschen, der mit diesem Film zu tun hat oder zu tun haben wird, in der Zwischenzeit etwas zustoßen – Entführung, Geiselnahme, Mord, Morddrohung-, dann werden wir, und ich bitte, nun auf meine Worte besonders zu achten, Exzellenz, den Film sofort ausstrahlen, ohne weitere Recherchen! Dafür aber mit ausführlichen Berichten darüber, was Sie getan haben, um eine Ausstrahlung zu verhindern. Sie verstehen, ja? Sie haben es auch auf Band. Der Film ist unser aller Lebensversicherung. Exzellenz, nehmen Sie bitte den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung entgegen!« Karrelis legte auf. Dann rief er die Sowjetbotschaft in Bonn an.

Nachdem er seinen Namen und seine Position genannt hatte, erfuhr er, daß der sowjetische Botschafter in Moskau war. Wie lange? Völlig unbestimmt. Der Intendant bat, mit seinem Stellvertreter verbunden zu werden.

»Bedauere, ist mitgeflogen zur Berichterstattung.« »Geben Sie mir den Ersten Sekretär.«

»Worum handelt es sich?«

»Das werde ich dem Ersten Sekretär sagen.« »Der Herr Erste Sekretär ist in einer Konferenz. Darf nicht

gestört werden.«

So ging das weiter. Karrelis gelang es schließlich, den Presseattache an den Apparat zu bekommen. Er begann – wieder in englischer Sprache – dasselbe zu berichten wie beim Gespräch mit dem amerikanischen Botschafter.

»Gibt keinen solchen Film«, erklärte der Presseattache anschließend.

»Ich habe ihn selbst gesehen.«

»Dann handelt es sich um eine amerikanische Fälschung.« Der Intendant ließ sich nicht beirren. Er empfahl dem

Attache, sich schnellstens mit Moskau in Verbindung zu setzen. »Amerikanische Infamie. Wir werden sofort eine internationale Pressekonferenz einberufen.«

»Ich bezweifle, daß Sie das tun werden, Herr Attache.« Karrelis wiederholte alles, was er dem amerikanischen Botschafter gesagt hatte. Eindringlich warnte er vor gewalttätigen Maßnahmen gegen jeden einzelnen der zahlreichen Menschen, die mit dem Film zu tun hatten, beziehungsweise deren Angehörige. »Wir würden dann sofort senden, ohne Recherchen abzuwarten. Aber wir würden im Detail schildern, auf welche Weise Sie versucht haben, eine Ausstrahlung zu verhindern. Herr Attache, ich bitte Sie, den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung entgegenzunehmen!«