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»Das geschah also heute am Spätnachmittag«, sagte Conrad Colledo. Er stand auf und ging zu einem kleinen Barschrank. »Gut, daß Danny ein paar Flaschen im Haus hat, auch wenn er selbst kaum trinkt«, sagte er. »Ich brauche jetzt einen Whisky.«

»Ich auch«, sagte Mercedes.

»Auch Whisky?«

»Ja. Pur. Mit Eis. Warten Sie, ich hole es.« Sie ging in die Küche und brachte bald darauf ein silbernes Eiskübelchen. Mit einer Silberzange ließ sie Eiswürfel in beide Gläser fallen. »Cheers!« sagte Colledo.

Sie tranken.

»Gott stehe; uns bei«, sagte Mercedes. »Wir haben uns mit den beiden größten Mächten der Welt angelegt.«

»Sie sind doch bereit, jedes Risiko auf sich zu nehmen, wenn es dem Frieden hilft, hat mir Danny erzählt.«

»Ja«, sagte Mercedes. »Aber Angst habe ich trotzdem.« »Die andern auch – wenn das ein Trost ist«, sagte Colledo

und trank wieder.

»Ja«, sagte Mercedes. »Jetzt haben alle Angst.« Wayne Hyde hatte sich ein Zimmer in einem Hotel der

Innenstadt genommen. Er packte seine Kleidersäcke aus und setzte sich auf das Bett. Dann wählte er eine lange Nummer, die mit den Zahlen 00 13 12 begann, der Vorwahl für Chicago.

Die dünne, zittrige Stimme einer alten Frau meldete sich, als die Verbindung zustande kam.

»Ja?«

»Hallo, Ma, hier ist Wayne.«

»Oh, Wayne!« Seine Mutter lachte selig. »Ich habe schon so gewartet! Du hast gesagt, du wirst heute anrufen.«

»Tue ich ja, Sweetheart! Ging nicht früher, leider. Wahnsinnig viel zu tun.«

»Wo bist du? Immer noch in Rom?«

»Immer noch, ja. Die Verhandlungen ziehen sich hin.« »Mein guter Junge, ach bin ich froh, deine Stimme zu hören!« »Du hörst sie zweimal die Woche, Ma.«

»Ja, gewiß. Aber du bist doch alles, was ich habe. Ich liebe dich so, Wayne.«

»Und ich dich. Du bist auch alles, was ich habe, Ma.« Er fuhr sich mit der Hand durch das sehr kurze blonde Haar.

»Danke für die Blumen!«

»Haben sie anständige geliefert?«

»Wunderschöne! Noch nie habe ich so herrliche Orchideen bekommen. Lauter Rispen! Du bist verrückt, Junge.«

»Total verrückt. Das habe ich schriftlich. Sie sind bestimmt okay, die Orchideen, Ma? Bei Überseeaufträgen weiß man ja nie.«

»Du nimmst doch immer dasselbe Geschäft hier, Schatz. Mister Kleene ist ein ehrlicher Mann. Er freut sich immer mit mir, wenn Blumen kommen. ›Sie haben einen wunderbaren Sohn, Mrs. Hyde‹, sagt er. ›Wie der Sie lieben muß!‹«

»Mister Kleene hat recht. Wie geht es dem Bein?« »Doktor Hailey sagt, es wird noch lange dauern, bis ich

aufstehen kann. Es war ein sehr komplizierter Bruch. Und in meinem Alter wachsen die Knochen einfach nicht mehr zusammen. Ich werde wohl nie mehr laufen können.«

»Das sagt der Arzt?«

»Das sage ich.«

»Sag das nie wieder! Was für ein Unsinn! Hailey ist der beste Mann, den wir in Chicago kriegen konnten. Natürlich wirst du wieder laufen können! Ich bete für dich, Ma, jede Nacht. Ehrlich. Jede Nacht bitte ich Gott, daß es schnell heilt, dein Bein.«

»Mein ein und alles. Ich bete auch für dich. daß du Erfolg hast und gesund bleibst.«

»Wir zwei«, sagte Hyde. »Was machst du gerade? Fernsehen? Es wird ja jetzt Abend bei euch, wie?«

»Ein Tanzturnier sehe ich. Du weißt doch, ich bin verrückt nach Tanzturnieren. Wie die Menschen schreiten und gleiten, wie sie sich drehen, wie schön ist das! Ich war doch auch einmal eine sehr gute Tänzerin, nicht? Und jetzt muß mir das mit dem Bein passieren. Ach, Liebster ...«

»Alles wird wieder gut. Ist die Krankenschwester okay?« »Großartig. Aber teuer. Du gibst so viel Geld für mich aus,

Wayne!«

»Für wen sonst?«

»Wenn die Bank dich nur nicht immer in der Welt herumschicken würde, Wayne.«

»Geht nicht anders, Ma. Das ist ein Top-Vertrauensposten, den ich da habe. Große Verantwortung.«

»Ja, gewiß. Ich bin auch sehr stolz auf dich. Aber es dauert manchmal so lange, bis du wieder bei mir bist. Wie lange wird es diesmal dauern?«

»Kann ich nicht sagen, Ma. Noch eine ganze Weile, fürchte ich. Aber wenn ich heimkomme, machen wir Ferien. Raus aus dem dreckigen Chicago. Wir fliegen nach Hawaii.«

»Du hast den Verstand verloren!«

»Wir fliegen nach Hawaii und wohnen im teuersten Hotel in der schönsten Suite und haben Sand und Sonne und blaues Meer – und einander.«

»Aber ich kann doch nicht laufen – mit meinem Bein.« »Kaufen wir einen elektrischen Rollstuhl. Die

Krankenschwester kommt mit. Keine Widerrede! Alles schon beschlossen. So, und jetzt muß ich Schluß machen, Ma. Ich umarme dich ganz innig. Paß auf dich auf, hörst du?«

»Und du auf dich, Darling. daß dir nichts passiert. Die Zeiten sind so furchtbar geworden. Überall Gangster und Totschläger. Bitte, sei vorsichtig. Auch mit Frauen. Es gibt so viele schlechte Frauen.«

»Für mich gibt es nur dich, und das weißt du. Großen, dicken Kuß, Ma! In drei oder vier Tagen rufe ich wieder an. Wieder gegen Abend. Leb wohl, Ma!«

Hyde legte auf, hob wieder ab und wählte eine Zahl. Es meldete sich der Etagenservice. Hyde nannte seine Zimmernummer.

»Bringen Sie mir ein Steak mit Pommes frites und grünen Bohnen«, sagte er. »Das Steak medium. Und eine Flasche Mineralwasser. Danke.«

Eine Viertelstunde später erschien ein Kellner mit einem Servierwagen und der Mahlzeit, die Hyde bestellt hatte. Er aß mit Genuß und trank ein Glas Wasser dazu. Zuletzt nahm er die Flasche und das Glas vom Wagen und stellte beides auf ein Tischchen. Den Wagen rollte er in den Gang hinaus. An die Klinke hängte er das Schild NICHT STÖREN. Es war genau 23 Uhr, als Hyde Roger Morleys Nummer in London wählte und die Blockierung des automatischen Beantworters mit Hilfe seines kleinen Decoders aufhob.

Die Stimme des Anwalts ertönte: »Zweiundzwanzig Uhr fünfundvierzig am zweiundzwanzigsten Februar vierundachtzig. Tut mir leid, Mister Hyde. Man berät noch. Unternehmen Sie nichts. Bleiben Sie, wo Sie sind! Rufen Sie mich um zwei Uhr früh mitteleuropäischer Zeit wieder an. Bis dahin weiß ich mehr. Alles Gute! Ende.« Das Band hielt mit einem leisen Schnappen. Hyde goß sich Wasser ein und nahm das Buch zur Hand, das auf dem Telefontischchen lag. Der Sessel war bequem. Das Licht einer Stehlampe fiel auf die Seiten. Er trank langsam. Er las langsam und aufmerksam:

»So reich bin ich, ein Wunderschlüssel kann / Mich führen zu dem lieblichsten Besitze. / Doch nur an seltnem Tag brech’ ich den Bann, / Damit nicht stumpf wird des Genusses Spitze ...«

Conrad Colledo half Mercedes beim Packen. Sie nahmen zwei Koffer, denn Daniels Winterkleidung war schwer und brauchte mehr Platz.

»Sie kommen mit mir und übernachten heute bei uns, Mercedes! Ich habe schon alles mit meiner Frau besprochen«, sagte Colledo. »Sonst hätte ich keine ruhige Minute.«

»Aber ich habe doch jetzt meine ›Lebensversicherung‹!« »Trotzdem«, sagte er. »Wir wissen nicht, was sie im ersten

Schreck tun ... Nein, bitte, widersprechen Sie nicht! Sie kommen mit!« Er trug das Gepäck zu seinem Wagen. Beim Fahren setzte er eine Brille auf. Es war ein gutes Stück Weg. Colledo wohnte in der Siesmayerstraße am großen Grüneburgpark neben dem Palmengarten. Das erzählte er Mercedes, als er startete. Und übergangslos: »Lisa – meine Frau – ist letzten Sommer im Garten unglücklich gestürzt. Direkt in die Messer eines Rasenmähers. Sehnen an beiden Handgelenken zerschnitten. Sechs Operationen. Man sieht kaum etwas. Aber vieles kann sie nicht mehr mit den Händen tun.«