Lisa Colledo war eine kleine, zarte Frau mit blondem Haar und blauen Augen. Sie begrüßte Mercedes herzlich. Ihre Hände waren eiskalt. Im Speisezimmer der modern eingerichteten Villa sah Mercedes einen gedeckten Tisch.
»Du hast gesagt, daß es wahrscheinlich spät wird, Conny. Theres hat Gulasch gekocht. Zwanzig Minuten, und wir können essen.«
Im ersten Stock gab es ein Gästeappartement mit Bad und Telefon. Mercedes duschte, dann zog sie das andere Kostüm an und ging wieder hinunter. Die Köchin Theres war eine Frau von gewiß sechzig Jahren, mit einem freundlichen Gesicht und einem prächtigen falschen Gebiß. Sie servierte und füllte Lisas Teller. Colledo schnitt ihr das Fleisch klein.
»Conny hat Ihnen schon erzählt, ja?« Lisa sah zuerst Mercedes an und dann auf ihre Hände. Mercedes nickte. »Es ist zu dumm. So viele Dinge sind noch möglich. Und andere, ganz einfache, nicht mehr. Ich könnte zum Beispiel durchaus Auto fahren. Ich kann es nicht, weil ich die Tür nicht aufkriege, wenn ich aussteigen will. Meine Schrift hat sich überhaupt nicht verändert. Professor Eichholz meint, es wird wieder ganz gut werden. Schmeckt Ihnen das Gulasch? Theres ist Wienerin. Es wird natürlich nie mehr gut. Ich kann nicht einmal Butter auf ein Brötchen schmieren«, sagte sie nun leise.
Colledo hatte Mercedes während der Fahrt erklärt, daß er seine Frau nicht über das informiert habe, was vorging. Es gebe nur besonders viel zu tun im Augenblick, und Mercedes sei eine Freundin Daniels aus Brasilien, eben in Frankfurt gelandet, um ihn zu besuchen. Er mache doch diese Entziehungskur in der Nähe von Wien.
»Morgen fliegt Mercedes weiter, Danny wird sich sehr freuen.«
»Danny!« Lisa lächelte, als nun die Rede auf ihn kam, und plötzlich hatte ihr Gesicht die Lieblichkeit eines jungen Mädchens. »Ein so alter Freund von uns! Ein so feiner Kerl! Mein Mann und er arbeiten seit einer Ewigkeit gut zusammen ...« Mercedes sah Colledo an. Der schloß kurz die Augen. Seine Frau wußte also auch nicht, daß Daniel entlassen und wieder angestellt worden war. Colledo schien alles von ihr fernzuhalten.
Die Wiener Köchin kam und ging. »Prima, das Gulasch, Theres.«
»Dank schön, gnä’ Herr. Gibt noch Sorbet. Ham gnä’ Herr doch so gern! Die Dame auch?«
»Besonders«, sagte Mercedes.
»No, das is aber fein!«
Nach dem Essen saßen sie noch eine halbe Stunde vor dem Kamin im Wohnzimmer. Mächtige Scheite brannten. An den Wänden der Räume hatte Mercedes zahlreiche Bilder gesehen – immer mit dem gleichen Motiv, einem kleinen Mädchen. Es spielte. Es schlief. Es lief. Über dem Kamin hing ein Portrait, auf dem das kleine Mädchen lachte. Lisa bemerkte Mercedes’ Blick.
»Wir hatten ein Kind«, sagte sie. »Es ist gestorben. Mit dreizehn Jahren. Im letzten Sommer.«
Colledo sagte: »Alle Bilder von Kathi hat meine Frau gemalt. Sie ist unerhört begabt.«
»Ja, wirklich«, sagte Mercedes.
»Ach nein«, wehrte Lisa ab. »Und jetzt könnte ich gar nicht mehr malen. Ich will auch nicht. Ich habe alle anderen Bilder vernichtet, als ... Kathi starb. Nur die von ihr habe ich aufgehoben.« Sie begann plötzlich zu weinen. Colledo legte einen Arm um ihre Schultern und redete tröstend auf sie ein.
»Es ist eine solche Gemeinheit!« sagte Lisa zu Mercedes. »Wie kann Er so etwas zulassen? Ein so gutes Kind. ›Mein Engerl‹, hat Theres sie immer genannt. Nein, es gibt Ihn nicht ...« Sie verbarg ihr Gesicht an Colledos Hals. Der sah Mercedes an, flehend war sein Blick.
Die Handgelenke zerschnitten. Von den Messern eines Rasenmähers. Nie und nimmer, dachte Mercedes. Nimmer und nie. Das war ein anderes Messer ...
Sie gingen bald schlafen.
»Wenn Sie jetzt Ihren Vater anrufen wollen«, sagte Colledo, schon bei der Treppe. »Drüben ist es erst halb acht.«
»Ja, danke«, sagte Mercedes.
Auch in ihrem Zimmer hing ein Portrait des kleinen Mädchens. Mercedes setzte sich auf das Bett, neben dem der Telefonapparat stand. Sie wählte die lange Nummer. Ihr Stiefvater meldete sich gleich.
»Olivers!«
»Vater, hier ist Mercedes.«
»Ich warte seit gestern.« Seine Stimme klang unruhig. »Etwas passiert?«
»Alles in Ordnung.«
Goldblondes Haar hatte das kleine Mädchen und blaue Augen. Auch auf diesem Bild lachte es.
»Wo ist Daniel?«
»Noch im Sender«, log Mercedes.
»Von wo sprichst du? Kann auch niemand mithören?« »Wir wohnen bei Freunden von ihm, niemand kann
mithören.« Das kleine Mädchen auf dem Bild hielt den Kopf hochgehoben. »Na und? Was ist? Mein Gott, nun rede doch schon!«
»Sie sind überwältigt. Sie werden den Film senden. Vorher müssen sie die Sache natürlich ganz genau prüfen – das hat dir schon Danny gesagt.«
»Jajaja. Und bezahlen sie den Preis?«
»Grundsätzlich sind sie dazu bereit.«
»Was heißt grundsätzlich?« Seine Stimme wurde laut. Über Tausende von Kilometern, über Urwälder und Steppen, über ein Weltmeer hinweg fühlte sie, wie er immer zorniger wurde, immer mehr die Fassung verlor.
»Vater ... Ich bitte dich ... Wir sind erst einen Tag hier. Das ist eine ungeheuere Summe, die du verlangst ... Das ist eine ungeheuere Sache, auf die sie sich einlassen ... Denk an den weltweiten Skandal! Sie müssen Nachforschungen anstellen, sie müssen sich absichern ...«
»Du weißt, was die Leute da in der Hand haben. Natürlich werden die andern nun alles versuchen, den Film als Fälschung hinzustellen ... Sie werden Zeugen bestechen, damit diese falsche Aussagen machen und lügen ...«
»Eben! Und um alle Zeugen für und wider die Echtheit zu finden, brauchen sie im Sender Zeit.«
»Wieviel Zeit?«
»Das weiß ich nicht ... Mein Gott, Vater! Sie haben das Material eben erst bekommen! Sie fangen gerade mit Recherchen an.«
»Und bevor die nicht abgeschlossen sind, zahlen sie nicht.« »Nein«, sagte Mercedes hart. So hatte sie ihren Vater noch nie
erlebt. Wollte er nicht wie sie mit dem Film die Menschen wachrütteln? Einen entsetzlichen neuen Krieg verhindern? Ging es ihm plötzlich nur um Geld? Mercedes war verblüfft und erschüttert. »Nein«, sagte sie nochmals, »vorher zahlen sie nicht.« Was war mit ihrem Vater geschehen?
Ein dunkelrotes Kleid trug das kleine Mädchen auf dem Bild. Am Telefon kam keine Antwort.
» Vater!«
»Ja.«
»Warum sagst du nichts?«
»Weil ... So habe ich das nicht mit Daniel verabredet. Also, sie zahlen erst, wenn sie ihre Untersuchungen beendet haben. Das kann einen Monat dauern, wie? Hörst du mich? Ich habe gesagt: Das kann einen Monat dauern, wie?«
»Ich weiß es nicht, Vater. Ja, vielleicht einen Monat ... Vielleicht auch länger ...«
»Länger?« Jetzt klang seine Stimme hysterisch. »Hör mal zu, Mercedes: Ein Monat ist das absolute Maximum, das ich ihnen gebe. Wenn sie in einem Monat noch nicht bezahlt haben – den ganzen Betrag –, dann können sie die Sache vergessen. Dann tue ich, was ich Daniel erklärt habe. Er soll es dir sagen. Er soll es
seinen Leuten sagen.«
»Du tust gar nichts, Vater! Bitte! Du bringst dich in Lebensgefahr – und eine Menge Menschen dazu. Ich flehe dich an!«
»Lebensgefahr! Ich kann nicht länger als einen Monat warten. Ich will nicht länger als einen Monat warten. Damit müssen sich die Herren abfinden. Ich rufe in drei Tagen an – wo erreiche ich euch?«
»Das weiß ich nicht, Vater. Wir werden jetzt dauernd unterwegs sein. Wir melden uns bei dir.«
»Meinetwegen. Aber wenn ich nicht die feste Zusage bekomme, daß der gesamte Betrag spätestens in einem Monat überwiesen wird, gehe ich eigene Wege.«
»Vater, ich bitte dich ...«
»Gehe ich eigene Wege!« brüllte er. Danach wurde seine Stimme wieder normaclass="underline" »Gute Nacht, mein Kind!« Schon war die Verbindung unterbrochen.
Mercedes legte den Hörer auf und saß reglos da. Sie starrte das Portrait des kleinen Mädchens an, das auf dem Bild so herzlich lachte und im Leben so elend gestorben war.
Eigene Wege geht er, dachte Mercedes. Wohin führen die ihn? Kalt und klebrig hielt sie plötzlich wieder die Angst gepackt. Sie vergrub das Gesicht in den Händen.