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Der Anwalt Roger Morley in London legte ebenfalls den Telefonhörer auf. Er hatte fast zwei Stunden mit verschiedenen Kontaktleuten gesprochen und machte einen erschöpften Eindruck. Jetzt lehnte sich der kleine Mann mit dem rosigen Gesicht, den Pausbacken, dem runden Mund, den Mäusezähnchen und dem wirren grauen Haar in dem bequemen Sessel seines Kanzleibüros zurück und faltete die Händchen über dem Spitzbauch. Es war 1 Uhr 10 morgens. In der Chancery Lane hupte ein Auto, lange und enervierend. Dann war es wieder still. Morley tupfte sich mit einem Seidentuch die Stirn trocken. Ich bin ein alter Mann, dachte er betrübt. Dann erhellte sich sein Gesicht. Tee! Was er jetzt brauchte, das waren ein paar Tassen guten Tees.

Schwungvoll erhob er sich und eilte mit trippelnden Schritten in die Kitchenette. Dort füllte er einen Kessel voll Wasser und stellte eine Herdplatte an. Nachdenklich betrachtete er die lange Reihe von bunten Blechdosen, die auf einem Bord über dem Herd standen. Was nehmen wir am besten? »Flowery Orange Tea«? »China Jasmin with Flowers«? O nein, wir nehmen einmal einen »Finest China Keemun«, blumigzart! Roger Morley bereitete das Getränk, das ihm Erleichterung von des Tages Plagen bringen sollte, mit der Versunkenheit eines großen Dirigenten. Er trug zusammen, was er brauchte. Auf einem Silbertablett brachte er alles zu seinem Schreibtisch. Zuerst legte er drei Stück Kandiszucker in die Tasse aus dünnem Chinaporzellan. Dann goß er sie halb voll Tee. Dann verdünnte er ihn mit heißem Wasser. Er wartete und sog den Duft des »Finest China Keemun« ein.

Endlich trank er. Das glückliche Lächeln eines Babys erhellte sein Gesicht.

Ach ja, so schmeckte das eben!

Nachdem er zwei Tassen getrunken hatte, fühlte er sich wieder frisch. Er bereitete eine dritte Tasse auf Vorrat, zog das Tischchen mit dem automatischen Anrufbeantworter heran, schaltete diesen ein, nahm ein kleines Mikrofon und begann zu sprechen. »Guten Abend, Mister Hyde. Oder guten Morgen, sollte ich besser sagen. Es ist ein Uhr fünfundzwanzig am dreiundzwanzigsten Februar neunzehnhundertvierundachtzig. Ich bin nun in der Lage, Ihnen neue Instruktionen zu geben.«

Ein Schluck Tee.

»Die Situation hat sich geändert, wie ich Ihnen schon mitteilte. Wichtigster Punkt: Die verantwortlichen Leute im Sender Frankfurt, die den Film nun haben, werden ihn – nach präzisen Recherchen – ausstrahlen, gleich, ob die Untersuchung ergibt, daß er eine Fälschung ist oder nicht. Es wird jedoch ohne Zweifel skrupellose Zeugen geben, die auf seine Echtheit pochen. Meine Bekannten wünschten zuerst – Sie erinnern sich –, daß der Film in ihren Besitz kommt und unter keinen Umständen ausgestrahlt wird. Diese Ideallösung ist nicht mehr zu erreichen. Es gilt nun, den Film wenigstens als die infame Fälschung erscheinen zu lassen, die er ist. Dabei wäre zu beachten, daß der Intendant des Senders meinen Bekannten gegenüber die Tatsache, daß er nun im Besitz der beiden Filmkopien ist, als ›Lebensversicherung‹ für alle an dem Projekt Beteiligten, natürlich insbesondere für Ross und die Olivera, bezeichnet hat.«

Etwas zu stark der Tee diesmal. Morley goß heißes Wasser nach. Er kostete. Jetzt war die Konzentration perfekt.

»Unter keinen Umständen, lieber Mister Hyde, in keiner Situation, wie auch immer sie beschaffen sein mag, dürfen Sie jetzt also Gewalt gegen die beiden Herrschaften anwenden. Hahaha. Ich liebe solche Volten. Sie auch? In der Tat hat sich an der Grundsituation nichts geändert: Wir haben es mit einem alten Nazischwein zu tun, das einen gefälschten Film an die Öffentlichkeit bringen und damit möglichst viel Geld verdienen will. Jene Zeugen, die nun behaupten werden, der Film sei echt, sind entweder auch Nazis und lügen deshalb bewußt und skrupellos, oder sie erhalten Geld, das ist klar. Dem einfachen Mann vor dem Fernsehschirm kann man das indessen nicht klarmachen. Ihn wird jede Aussage eines jeden Zeugen beeindrucken. Darum ist es – und jetzt hören Sie gut zu, Mister Hyde – von erstrangiger Bedeutung, diese verleumderischen Zeugen zu liquidieren und zwar noch bevor sie Gelegenheit haben, ihre Aussagen vor einer Kamera zu machen. Wir müssen an diese Lumpen deshalb früher oder wenigstens zur gleichen Zeit herankommen wie die Rechercheure des Senders. Das bedeutet für Sie, Ross und die Olivera ständig unter Observation zu halten. Natürlich werden die beiden nun auch Zeugen suchen. Sie, Mister Hyde, müssen eine Möglichkeit finden, synchron mit ihnen zu erfahren, ob ein solcher Zeuge die Wahrheit sagen will, also daß der Film gefälscht worden ist, oder ob er die Absicht hat, die Echtheit des Films zu belegen. Im ersten Fall ist es notwendig, stets dafür zu sorgen, daß der Zeuge seine Aussage vor der Kamera machen kann. Im zweiten Fall ist es Ihre Aufgabe, den Zeugen zu liquidieren, bevor eine Kamera an ihn herankommt.«

Ein Schluck Tee.

»Nun, lieber Mister Hyde, Sie können sich nicht um alle Menschen des Senders kümmern, die jetzt auf die Suche nach Zeugen und Beweisen geschickt werden. Aus diesem Grunde sind bereits zahlreiche weitere Profis angeworben worden. Sie bleiben natürlich der wichtigste Mann. Sie werden – nach den letzten Instruktionen – ausschließlich auf die Olivera und Ross angesetzt. Die beiden sind am gefährlichsten. Am allergefährlichsten ist die Olivera. Warum? Weil sie eine Fanatikerin ist, die alle Menschen der Welt – mit Ausnahme von etwa ›zweihundert verbrecherischen alten Männern‹ – und sich selber für Opfer hält. Wissen Sie, wer die Schlimmsten sind, Mister Hyde? Die Opfer, wenn sie zu Anklägern werden. Ich kann Ihnen in Bälde erklären, wie die Jagd losgehen soll. Ein Scenario wird gerade ausgearbeitet. Es hat zur Voraussetzung ...«

»... daß Sie nach Wien zurückkehren und in unmittelbarer Nähe der beiden zu Observierenden bleiben«, klang Roger Morleys Stimme an Hydes Ohr. Der hatte, wie erbeten, den Anwalt um zwei Uhr früh aus seinem Hotelzimmer in Frankfurt angerufen. Er saß, den Hörer in der Hand, unter der Lampe. Die Mineralwasserflasche hatte er ausgetrunken. »Weihen Sie Doktor Herdegen in alles ein. Er hat die Möglichkeit, Sie im Sanatorium unterzubringen. Natürlich darf die Olivera Sie jetzt weder bei Heiligenkreuz noch sonst irgendwo sehen, das ist klar.«

Ich muß Heinz die Waffen zurückgeben, bevor ich wieder nach Wien fliege, dachte Hyde. Und ich muß mich um die Buchungslisten kümmern, damit ich nicht in dieselbe Maschine gerate wie die Olivera.

»Ihre Arbeit und die Ihrer Kollegen, die allein oder zu zweit operieren, wird von hier aus koordiniert. Es wäre schädlich und gefährlich, wenn Sie einander kennen würden. Ich wiederhole: Zeugen für die Echtheit des Films sind sofort zu liquidieren. Umgekehrt brauchen wir dringendst Zeugen, die möglichst eindrucksvoll darlegen, daß der Film eine Fälschung darstellt und wie diese Fälschung entstanden ist. Der Film wird zwar auch dann gesendet werden, wenn alle Zeugen ›Fälschung!‹ rufen, wie man von seiten des Senders erfährt – in dem wir übrigens, und das ist sehr wichtig, lieber Mister Hyde, in dem wir übrigens, sage ich, Gott sei Dank einen zuverlässigen Vertrauensmann gefunden haben, der uns über alles informiert. Aber der Film wird – unberufen! – eine vollkommen andere Wirkung haben als beispielsweise die von der internationalen Friedensbewegung erhoffte. Er wird gerade diese Friedensbewegung als eine Gesellschaft von Leuten bloßstellen, die sich von schwärmerischen Phantasten zu gefährlichen Psychopathen entwickelt haben, welche vor keinem Betrug zurückschrecken und im Grunde die größte Gefahr für den Frieden bedeuten. Dies aufzuzeigen, lieber Mister Hyde, ist das Ziel, welches nun unbedingt erreicht werden muß. Eine große Aufgabe liegt vor Ihnen.«

Plötzlich hörte Hyde den Anwalt lachen und danach folgende Worte: »Entschuldigen Sie die ungebührliche Heiterkeit! Ich dachte gerade: Natürlich ist dieser Film eine Fälschung! Aber wenn er keine wäre, dann müßten wir alle den Amerikanern und den Sowjets auf Knien danken für dieses Geheimprotokoll, denn schließlich und endlich: Es hat seit neununddreißig Jahren keinen Weltkrieg mehr gegeben, nicht wahr?«