DRITTES BUCH
»Jetzt habe ich Ihnen also erklärt, zu welchem Zweck das Sanatorium Kingston eingerichtet worden ist und wie es funktioniert – und alle anderen Kingston-Sanatorien in Europa. Die Sowjets und die Amis wollen in dieser Zeit einfach solche Zentren haben, in denen sie gemeinsam wichtige Informationen kriegen«, sagte Josef Aigner, der grauhaarige, grauäugige Pfleger mit dem gutmütigen Gesicht und dem Körper eines Athleten. Er ging links von Daniel, Mercedes rechts von ihm. Das war am Vormittag des 5. März 1984.
Die drei Menschen überquerten langsam den verschneiten Hof des Stiftes Heiligenkreuz. Seit vier Tagen machte Daniel in Begleitung von Mercedes und wechselnden Pflegern solche Ausflüge in die immer noch winterliche Umgebung des Sanatoriums. Er hatte den Entzug und die Umstellung auf Amadam gut überstanden, zeigte enormen Appetit, schlief gut und kam unglaublich rasch wieder zu Kräften. An diesem vierten Ausflug nun nahm der Pfleger Josef Aigner teil. In den vergangenen fünfzehn Minuten hatte er Mercedes und Daniel das Geheimnis der seltsamen Klinik verraten.
»Warum erzählen Sie uns das, Herr Aigner?« fragte Daniel überwältigt.
»Josef, bittschön, Herr Ross, nicht Herr Aigner! Ich bin der Josef.«
»Also schön, Josef. Warum?«
»Weil die Frau Primaria mich darum gebeten hat«, antwortete der Koloß mit dem weichen Gemüt. »Sie hätte Ihnen das alles natürlich viel lieber selber erzählt, aber das geht nicht. Nie würde der Doktor Herdegen zulassen, daß sie mit Ihnen allein spricht, außerhalb vom Sanatorium. Oder daß sie gar spazierengeht mit Ihnen. Nein, nein, das ist ausgeschlossen. Die arme Frau Primaria ist eine richtige Gefangene. Ich bin der einzige hier, zu dem sie Vertrauen haben kann, denn ich und ihr Bruder sind in dieselbe Schule gegangen, und nachher war ich noch viele Jahre lang sein Freund. Aber das wissen die hier nicht, Gott sei Dank!«
»Sibylles Bruder!« sagte Daniel. »Ich habe ihn nie gesehen die ganze Zeit über in Wien. Aber gesprochen hat sie oft von ihm, so oft. Sie hing ganz außerordentlich an ihrem Bruder, kann ich mich erinnern.«
»Tut sie noch immer«, sagte Josef traurig. »Das ist ja das Unglück. So haben sie es leicht gehabt mit ihr.« Zwei Priester kamen über den gewaltigen Hof und gingen in der Nähe vorüber. Sofort wechselte Josef Thema und Tonfall. »Und hier, bittschön, wenn die Herrschaften die Dreifaltigkeitssäule betrachten wollen.« Er blieb vor einem aus Stein gemeißelten hohen Denkmal stehen, dessen Gestalten und Symbole dicke Schneehauben trugen. An der Spitze ragte ein großes goldenes Kreuz gegen die dunklen, tiefhängenden Wolken. »Ist siebzehnhundertneununddreißig erbaut worden. Grüß Gott, Hochwürden!« Die Priester zogen ihre schwarzen Hüte. »Eine ganz wunderschöne Säule«, sagte Josef. »So, und jetzt gehen wir hinüber zum Josephsbrunnen, der stammt aus dem gleichen Jahr. Kommen jeden Sommer viele Tausende Menschen her. Das Stift ist nämlich ein Wallfahrtsort, wissen Sie? Elfhundertachtundachtzig haben die geistlichen Herren von dem Babenberger Herzog Leopold dem Fünften eine Reliquie vom heiligen Kreuz erhalten. Ja, du lieber Gott, das ist alles viele Jahrhunderte alt. Was meinen Sie, wie im Sommer hier die Busse von den Reiseunternehmen parken! In Dreierreihen! Auch um diese Jahreszeit kommen Besucher.« Und übergangslos, da die beiden Priester sich entfernt hatten: »Die Frau Primaria kann sich wirklich verlassen auf mich, das weiß sie. Darum hat sie gesagt, ich soll Ihnen alles erzählen, wenn ich dran komm zum Begleiten beim Spazierengehen – alles über das Sanatorium und alles über sie. Die arme, gute Frau Primaria! Wir gehen am besten zuerst in die Stiftskirche. Der Doktor Herdegen hat um die Erlaubnis gebeten bei der Verwaltung hier, daß wir überall hindürfen zum Besichtigen. Das tut er oft, wenn er Patienten überhaupt aus dem Sanatorium hinausläßt ...« Sie hatten den Hof überquert und traten gegenüber den zweigeschossigen Arkaden in die große, alte Kirche ein. »Die Frau Primaria meint, Sie müssen alles wissen, damit Sie noch vorsichtiger sind.« Ihre Schritte hallten auf den ausgetretenen Steinplatten. Vor einem seitlichen Altar stand, ins Gebet vertieft, eine alte Frau mit schwarzem Kopftuch. Sofort reagierte Josef: »Sehen Sie die Glasmalereien an den Fenstern, meine Herrschaften! Stammen aus dem Jahr dreizehnhundert ... daß ich also berichte: Neunzehnhundertsechsundsiebzig, vor acht Jahren, da hat die Frau Primaria noch am Allgemeinen Krankenhaus gearbeitet ... an der Psychiatrie, nicht?«
»Ja«, sagte Daniel. »Ich habe sie, als ich das erste Mal hier anrief, gefragt, wieso sie dort weggegangen ist. Sie wollte doch nie weggehen. Ich habe keine Antwort bekommen.«
»Jetzt werden Sie sie bekommen. Wie es die Frau Primaria gewünscht hat, daß ich Ihnen alles erzähl. Immer langsam weitergehen, die Herrschaften, so tun, wie wenn wir uns alles anschauen, sind noch ein paar Leute in der Kirche, sehe ich. Ja, also das war am achtzehnten Juni sechsundsiebzig. Da hat die Frau Primaria einen Anruf bekommen ...«
»Frau Dozentin Mannholz?« fragte die Männerstimme mit einem leichten slawischen Akzent.
»Ja.« Sibylle hatte auf einer elektrischen Schreibmaschine eine Krankengeschichte getippt, als das Telefon läutete. Heller Sonnenschein fiel in ihr Dienstzimmer. Es war hypermodern eingerichtet wie das ganze große Gebäude der neuen Psychiatrie. Man hatte sie nahe der Stelle errichtet, an welcher die alte Klinik abgerissen worden war. Alle anderen alten Bauten gab es noch. Die Psychiatrie war der erste Neubau.
»Mein Name ist Abad«, sagte die Männerstimme. »Ich bitte sehr um Entschuldigung für die Störung.«
»Sie stören nicht, Herr Abad. Worum handelt es sich?« »Ich – das heißt, meine Auftraggeber, hätten Ihnen ein
berufliches Angebot zu machen.«
»Ich bin seit Jahren hier an der Klinik, und ich will hier bleiben, Herr Abad.«
»Oh, aber Sie kennen das Angebot nicht, Frau Dozentin! Es ist absolut einmalig. Ich möchte Ihnen das nicht am Telefon erklären. Wann können wir uns treffen?«
Sibylle zögerte.
»Ich fürchte, das hat keinen Sinn, Herr Abad.« »Ganz bestimmt hat es Sinn«, sagte er eifrig. »Würden Sie
mir die Freude bereiten, mit mir zu Abend zu essen? Ich kenne Wien nicht sehr gut. Man sagt, das Restaurant im Donauturm wäre eine Attraktion. Und das Essen ausgezeichnet. Paßt es Ihnen gleich heute abend?«
Sibylle überlegte. Ihr Mann war für drei Tage nach Paris geflogen. Er hatte im Louvre zu tun.
»Einen Moment!« Mercedes unterbrach Josefs Bericht. Ihr Gesicht war plötzlich blaß. »Die Frau Doktor ist verheiratet?«
»No ja, freilich. Haben Sie das nicht gewußt, Frau Olivera?« »Nein, das habe ich nicht gewußt.« Mercedes sah Daniel an.
»Hast du es gewußt?«
Er nickte.
»Warum hast du es mir nie gesagt?«
»Wir haben noch nie ausführlich über Sibylle gesprochen, Mercedes«, sagte er lahm. »Sie hat neunzehnhundertdreiundsiebzig geheiratet. Einen alten Freund von mir. Ich habe die beiden miteinander bekannt gemacht.«
»Und wieso heißt sie dann noch immer Mannholz?« »Das war ihr Name als junge Ärztin. Unter diesem Namen
war sie bekannt. Sie wollte keinen Doppelnamen und behielt ihren bei. Ihr Mann, Doktor Werner Farmer, ist Kunsthistoriker.«
»Wo lebt er?«
»Na, hier natürlich, gnä’ Frau. Mit der Frau Primaria zusammen. In der Villa im Park. Sie haben doch die Villa gesehen, nicht?«
»Ja, die habe ich gesehen«, sagte Mercedes. Sie sah Daniel wieder lange an. Dann lächelte sie schwach und hängte sich bei ihm ein, während sie weitergingen und der Pfleger weitererzählte ...
Sibylle überlegte. Ihr Mann war für drei Tage nach Paris geflogen. Er hatte im Louvre zu tun.
»Heute abend ginge es«, sagte sie zögernd. »Darf ich Sie abholen – sagen wir um sieben?« Sibylle wohnte längst nicht mehr im Turm. Sie hatte mit Werner ein Haus in Sievering gemietet.
»Vielen Dank! Machen Sie sich keine Mühe! Ich habe einen Wagen.«