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»Sehr schön. Dann darf ich einen Tisch bestellen im oberen Restaurant für – nun, sagen wir halb acht?«

»Halb acht, gut. Wie erkenne ich Sie, Herr Abad?« »Keine Sorge, Frau Dozentin. Ich kenne Sie.« »Wieso? Woher?«

»Oh, von vielen Fotografien. Wir sind einander auch ein paarmal begegnet.«

»Wo?«

»In der Klinik. Bei Ihren Vorlesungen im Großen Hörsaal.« »Ich kann mich wirklich nicht erinnern ...«

»Sie haben mich nicht gesehen, Frau Dozentin. Ich habe Sie sehr wohl gesehen. Ich erkläre Ihnen alles am Abend im Donauturm.«

Der Wiener Donauturm wurde als Wahrzeichen für die Internationale Gartenschau errichtet und 1964 in Betrieb genommen. Er ist mit 252 Metern das höchste Bauwerk der Stadt. Zwei Expreßlifte bringen die Besucher in 45 Sekunden 165 Meter hoch zum Zentralgeschoß. Der Turm hat zwei Aussichtsterrassen und zwei klimatisierte, drehbare Restaurants in 160 und 170 Meter Höhe. Die beiden Restaurants können mit einer Geschwindigkeit von 26,39 oder 52 Minuten pro Umdrehung rotieren.

Am Abend des 18. Juni 1976 saß die Dozentin Sibylle Mannholz hier einem auffallend kleinen, sorgenvoll aussehenden Mann gegenüber. Abad hatte eine zu große Nase und zu große Ohren für seinen zarten Kopf. Hinter einer sehr starken Brille konnte man nur schwer die Augen erkennen. Seine Stirn war zerfurcht, sein Haar schütter und straff nach hinten gekämmt. Abad trug eine große Perle im Krawattenknoten. Seine Hände glichen denen eines Pianisten. Er vermittelte einen zarten, zerbrechlichen Eindruck.

Während des Essens hatte er höfliche Bemerkungen über Sibylles Aussehen sowie ihre beruflichen Fähigkeiten gemacht und versichert, daß er ihren Mann und die Kunstbücher, an denen dieser mitarbeitete, sehr bewundere. Nun, bei Kaffee und Cognac, lehnte er sich vor, verschränkte die kleinen Finger und senkte die Stimme. Draußen glitt fast unmerklich das Lichtermeer der Innenstadt vorüber.

»Nun also, Frau Dozentin«, sagte der zwergenhafte Abad. »Kommen wir zur Sache! Haben Sie schon einmal von den Kingston-Sanatorien gehört?«

»Nein.«

»Nun ja, sie existieren noch nicht sehr lange, und man macht keine Reklame für sie. Ein amerikanischer Millionär namens Kingston hat sie gebaut, wie andere amerikanische Millionäre Hotelketten gebaut haben, in ganz Europa. Es sind psychiatrischneurologische Kliniken mit allem nur denkbaren Komfort und den modernsten und kostspieligsten Apparaten für komplizierte Untersuchungen. Nur erste Kapazitäten arbeiten in diesen Kliniken, das Personal ist gleichfalls hervorragend. Es gibt ein solches Sanatorium hier ganz in der Nähe – unweit dem Stift Heiligenkreuz. Sie kennen doch Heiligenkreuz? Dachte ich mir. Nun, im Auftrag der Verwaltung der Kingston-Sanatorien habe ich die Ehre, Ihnen die Leitung der Klinik bei Heiligenkreuz zu offerieren.«

Sibylle starrte den Zwerg an. Das Lichtermeer draußen war zurückgeblieben, da sich das Restaurant weitergedreht hatte. Mondschein fiel auf die Berge des Wienerwaldes.

»Warum offeriert man die Stelle mir, Herr Abad?« »Man nimmt nur erstklassige Spezialisten, ich sagte es schon.

Man hat Ihre Arbeit lange und genau beobachtet und ist zu der Ansicht gekommen, daß es in Wien niemanden gibt, der den Posten besser ausfüllen könnte als Sie.«

»Das ist sehr freundlich, Herr Abad, aber ...« Sie brach ab. »Aber?«

»Aber auch sehr ungewöhnlich.«

»Sie meinen: Weil Sie eine Frau sind? Ich bitte Sie, Frau Dozentin! Sie arbeiten doch im Allgemeinen Krankenhaus auch so selbständig wie Ihre männlichen Kollegen!«

»Das habe ich nicht gemeint.«

»Was dann?«

Nun neigte sich auch Sibylle vor.

»Herr Abad, Sie sind Ausländer, nicht wahr? Ich meine: Sie sprechen phantastisch Deutsch, aber da ist ein kleiner Akzent. Ein slawischer Akzent ...«

»Meine Eltern waren Russen, Frau Dozentin.« »Sehen Sie!«

»Sehe ich was, liebe Frau Dozentin?«

»Sie sind Russe, sagen Sie, und machen mir dieses Angebot im Namen einer amerikanischen Gesellschaft?«

»So ist es«, sagte Abad und lächelte traurig. »Und es besteht da durchaus kein Widerspruch. Diese Kingston-Sanatorien werden nämlich sowohl ...«

»Alle Wappensteine und Altarbilder, die Sie hier sehen, stammen von den großen Künstlern Rottmayr und Altomonte«, sagte der Pfleger Josef laut und schnell. Er unterbrach seinen Bericht, weil ihnen ein Mann und eine Frau durch das Kirchenschiff entgegenkamen. Der Mann hatte einen Reiseführer in den Händen, der offenbar eine Beschreibung der Kirche und des ganzen Stifts enthielt, denn er las seiner Begleiterin aus ihm vor. Sie blieben stehen und betrachteten ein Altarbild. Mercedes, Daniel und der Pfleger Josef gingen weiter. Als sie sich weit genug entfernt hatten, sagte Josef: »Na ja, und dann hat dieser Abad der Frau Primaria ganz offen erklärt, um was für Einrichtungen es sich bei diesen Kingston-Sanatorien handelt ...«

»Ärzte und Personal sind natürlich absolut ahnungslos. Ich kann Ihnen das ganz offen erklären, liebe Frau Dozentin«, sagte der kleine Mann und trank einen Schluck Cognac, »denn ich weiß, wie sehr Sie Ihren Bruder Eugen lieben.«

»Was hat mein Bruder Eugen damit zu tun?« »Oh, sehr viel, liebe Frau Dozentin. Er wird der

entscheidende Grund dafür sein, daß Sie unser Angebot annehmen.«

»Ich werde Ihr Angebot niemals annehmen, Herr Abad«, sagte Sibylle. »Hören Sie? Niemals! Mich entsetzt das, was Sie mir eben über Sinn und Arbeitsweise dieser Sanatorien erzählt haben. Nie im Leben möchte ich mit einer solchen Einrichtung etwas zu tun haben. Wenn ich geahnt hätte ...«

»Ihr geliebter Bruder Eugen arbeitet seit neun Jahren für den Bundesnachrichtendienst«, unterbrach Abad Sibylle, und seine Stimme war jetzt traurig. »Der BND hat seine Zentrale in Pullach bei München. Vor nicht ganz drei Jahren wurde Ihr Bruder in die Sowjetunion eingeschleust – äußerst geschickt eingeschleust – und war in Moskau als Korrespondent einer großen westdeutschen Zeitung – Sie wissen, welcher – tätig. Das stimmt, nicht wahr?«

Sibylle nickte stumm.

Jetzt sah man durch ihr Fenster den breiten Strom, der silbern leuchtete im Widerschein des Mondlichts.

»Sie haben in regelmäßigem Kontakt gestanden. Sie haben immer, all die Jahre, Angst um Ihren Bruder gehabt. Nun, jetzt hat er auch Angst.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß es dem sowjetischen Staatssicherheitsdienst nach so langer Zeit – Kompliment, Ihr Bruder ist ein kluger Kopf –, nach so langer Zeit, sage ich, gelungen ist, genügend Belastungsmaterial gegen Eugen Mannholz zusammenzutragen, um ihn als westdeutschen Agenten entlarven und vor Gericht stellen zu können. Die Verhandlung fand vor vier Wochen statt. Ihr Bruder wurde schuldig befunden und zum Tode verurteilt.«

»Der Kreuzgang, den wir nun besichtigen werden«, sagte Josef Aigner, seinen Bericht neuerlich unterbrechend, weil eine Gruppe von deutschen Touristen mit einer Fremdenführerin an ihnen vorüberzog, »entstand zwischen zwölfhundertzwanzig und zwölfhundertvierzig. Ich habe zu erwähnen vergessen, daß das Stift im siebzehnten Jahrhundert durch Angelo Canavale barocke Anbauten erhielt, wie den schönen Stiftshof, den wir gesehen haben, und seine Arkaden ...« Die Touristen waren weitergegangen. »Die arme Frau Primaria! Sie war vollkommen durcheinander. Sie liebt ihren Bruder wirklich sehr und hat wirklich stets in Angst gelebt. Eugen war schon während unserer Schulzeit ein ganz wilder Bub. Bei Kletterpartien auf der Rax hat er sich an Felshänge gewagt, vor denen uns andern schon vom Anschauen schlecht geworden ist. Dasselbe war es beim Turnen, beim Schwimmen und beim Motorradfahren. Wir haben immer gesagt, der Eugen hat keine Nerven. Was ihn faszinierte, war das Abenteuer, die Gefahr, schon in der Schule ...« Josef seufzte. »So ist er also dann später zum BND gegangen und nach Bußland. Dort haben sie ihn zuletzt enttarnt und zum Tod verurteilt. Und damit die Frau Primaria den Worten dieses Herrn Abad auch Glauben schenkte, breitete er eine Reihe von Fotografien vor ihr auf dem Tisch des Restaurants aus ...«