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Sibylle nahm ein Foto nach dem anderen in die Hand. Ihr Gesicht war zu einer wächsernen Maske erstarrt. Die Bilder zeigten den vierundvierzigjährigen Eugen Mannholz in Sträflingskleidung auf einem Gefängnishof und, zivil angezogen, mit offenem Hemd, ohne Krawatte, stehend, vor den Richtern eines Militärgerichts. Das Restaurantfenster war nun den vielen Hochhäusern der Donaustadt am linken Ufer des Stroms mit ihren erleuchteten Fenstern zugewandt.

»Es tut mir aufrichtig leid«, sagte Abad und spielte mit dem perlengeschmückten Knoten seiner Krawatte. »Ich weiß, wie sehr Sie an Ihrem Bruder hängen – aber er hat seinen Beruf als Spion freiwillig gewählt. Er hat der Sowjetunion jahrelang großen Schaden zugefügt, so daß das Militärgericht nichts anderes tun konnte, als auf Todesstrafe durch Erhängen zu erkennen. Es gibt allerdings einen Ausweg ...«

Sibylle fuhr auf.

»Was haben Sie gesagt?«

Statt einer Antwort reichte ihr Abad ein Kuvert über den Tisch. Sibylle nahm einen zusammengelegten Bogen aus dem Umschlag. Als sie den Brief entfaltete, mußte sie ihn auf das Tischtuch legen, ihre Hände zitterten zu sehr. Die Schrift ihres Bruders! Ohne jeden Zweifel. Sibylle erkannte sie mit absoluter Sicherheit. Sie las:

Moskau, 20. Mai 1976

Liebste Sibylle, wenn Du diese Worte liest, wirst Du bereits wissen, was geschehen ist. Ich habe immer gewußt, was ich tue und was mir widerfahren wird, falls ich Pech habe. Ich habe mich für zu clever gehalten. Ich hatte nie Angst, sterben zu müssen. Nun, da ich verurteilt worden bin, kann ich kaum atmen, nichts mehr essen, nicht mehr schlafen. Ich will nicht sterben!

Sibylle stöhnte. Der Blick durchs Fenster fiel auf wüstes Überschwemmungsgebiet.

Vor einer Stunde waren zwei hohe Offiziere in meiner Zelle. Ich habe Papier und Bleistift und die Erlaubnis bekommen, Dir zu schreiben. Unter einer einzigen Bedingung sieht sich das Oberste Militärtribunal in der Lage, die Todesstrafe in eine Strafe von fünfundzwanzig Jahren Haft umzuwandeln: Du nimmst das Angebot an, welches der Überbringer dieses Briefes Dir macht. Ich weiß, was ich Dir damit antue, aber trotzdem bitte ich Dich: Akzeptiere das Angebot, damit sie mich leben lassen!

Wenn Du annimmst und man mit Deiner Arbeit zufrieden ist, werde ich auch die Erlaubnis erhalten, Dir alle acht Wochen einen Brief zu schreiben. Außerdem hat man mir Hafterleichterungen in Aussicht gestellt. Ja, es besteht für den Fall, daß Du hervorragend arbeitest, sogar die Möglichkeit einer Verkürzung der Haftzeit. Bitte tu, was der Mann, der Dir diesen Brief überbringt, von Dir verlangt! Der Termin für meine Hinrichtung ist schon festgelegt und wird nicht verschoben werden. Hilf mir!

Es umarmt Dich Dein Bruder Eugen.

Neben dem Namen sah Sibylle, halb blind vor Tränen, einen Rundstempel mit kyrillischen Buchstaben.

»Die Schrift im Stempel sagt: Militärzensurstelle einundzwanzig«, erläuterte der so kleine, sorgenvolle Herr Abad. »Trocknen Sie Ihre Augen! Nehmen Sie sich zusammen! Wir dürfen hier kein Aufsehen erregen. Los!« sagte er mit plötzlicher Schärfe. Sibylle nahm ein Taschentuch und tat, was er verlangt hatte. »Waren die Herrschaften zufrieden? Ist alles in Ordnung?« Ein höflicher Oberkellner stand plötzlich lächelnd vor ihrem Tisch. »Es war ganz ausgezeichnet«, sagte Abad. »Vielen Dank!«

»Wir haben zu danken, mein Herr«, sagte der Oberkellner. Er verneigte sich und ging lächelnd weiter. In einem anderen Sektor des Rundrestaurants hatten ein paar Frauen und Männer zu singen begonnen.

»Es wird ein Wein sein, und wir wern nimmer sein ...« »Nun?« fragte Abad.

Sibylle wollte antworten. Sie brachte keinen Ton aus der Kehle. »Frau Dozentin!« sagte Abad.

Sie antwortete nicht. Sie konnte nicht antworten, so sehr sie sich auch bemühte.

»Heute haben wir den achtzehnten«, sagte Abad. »In sieben Tagen ...«

»Hören Sie auf.« sagte Sibylle plötzlich sehr laut. »Leise!« mahnte Herr Abad. »Ganz leise!«

»... ’s wird schöne Madeln geb’n, und wir wern nimmer geb’n«, sang die vergnügte Gesellschaft. Durch das große Fenster konnte man jetzt im bleichen Mondlicht die alten Bäume, Tümpel, Sandbänke und Schrebergartenkolonien der

Lobau erblicken. Verloren blinkten dort wenige Lichter. »Also eine Erpressung«, sagte Sibylle. Sie und Abad sprachen

von nun an fast flüsternd.

»Bitte«, sagte Abad, »sagen Sie das nicht noch einmal! Sagen Sie das niemals wieder! Dies ist keine Erpressung. Dies ist die großherzige Bereitschaft sowjetischer Behörden, in einem Akt vollkommen unangebrachter Menschlichkeit Ihren Bruder zu begnadigen – falls Sie ebenfalls Bereitschaft zeigen.«

»Woher weiß ich, daß Eugen nicht trotzdem hingerichtet wird, auch wenn ich zusage? Wer garantiert mir das?«

»Das«, sagte Abad, »garantiere ich Ihnen namens und auftrags des Obersten Militärtribunals der Sowjetunion. Wenn Sie den Posten annehmen, wird man Ihrem Bruder gestatten, sofort einen ersten Brief zu schreiben. Andere werden folgen. Das ist doch eine weitere Garantie! Mehr Garantien kann kein Mensch verlangen.«

»Wann soll ich bei Heiligenkreuz anfangen?« frage Sibylle. Sie hatte zuvor ihr Glas mit einem großen Schluck geleert. »Meine Kündigungsfrist im Allgemeinen Krankenhaus beträgt ein halbes Jahr.«

»Man wird Sie gleich gehen lassen, wenn Sie sich zu verändern wünschen«, sagte Abad. »Das handhabt man überall großzügig. Sie sollen so schnell wie möglich anfangen.«

»Und mich für fünfundzwanzig Jahre verpflichten? Für fünfundzwanzig Jahre?«

»Vorsorglich ja«, sagte der zierliche Abad. »Es hängt alles von Ihnen beiden ab. Wie Ihr Bruder schreibt: Wenn man besonders zufrieden mit Ihnen beiden ist, kann die Haftzeit verkürzt werden. Sehr verkürzt unter Umständen. Es versteht

sich von selbst, daß Sie über unser Gespräch und über die wahren Gründe, aus denen Sie vom Allgemeinen Krankenhaus zum Sanatorium Kingston bei Heiligenkreuz wechseln, niemals mit einem Menschen sprechen werden – auch und vor allem nicht mit Ihrem Mann. Er ist Wissenschaftler. Sie führen eine vorbildliche, ruhige und großen Gesellschaften abholde« – Abad sagte tatsächlich ›abholde‹ – »Ehe. Ihr Mann kann überall arbeiten. Heiligenkreuz liegt nur dreißig Kilometer von Wien entfernt. Man wird Ihnen eine hübsche Villa im Park neben dem Sanatorium zur Verfügung stellen. Wir verbürgen uns dafür, daß Ihr Privatleben respektiert wird. Soll heißen, in Ihrem Heim werden sich keine Abhöranlagen befinden. Sie können natürlich Ihre Freunde einladen. Manchmal werden wir Sie bitten, einen Patienten einzuladen oder auch zwei. Dann allerdings wird Herr Doktor Herdegen, dessen Funktion ich Ihnen schon erklärt habe, anwesend sein, denn solche Patienten-Einladungen sind als Teil Ihres Dienstes aufzufassen. Sie erweisen sich immer wieder als nötig, weil man ...«

»... und in diesem sogenannten Brunnenhaus hier – Frühgotik – sehen Sie die ältesten Darstellungen von Babenbergern in Österreich.« Der Krankenpfleger Josef Aigner unterbrach seine leise Erzählung jäh, weil ein Priester ihnen entgegenkam. »Grüß Gott, Hochwürden!«

Der Geistliche nickte freundlich.

Josef setzte die Führung fort, während er weiter über das Gespräch berichtete, das Sibylle mit dem Mann namens Abad am Abend des 18. Juni 1976 im oberen Restaurant des Donauturms geführt hatte. »›Weil man private Auskünfte von Patienten in einer privaten Atmosphäre leichter bekommt‹, sagte Abad damals zur Frau Primaria.«

»Moment!« unterbrach Daniel Josef Aigners Erzählung. »Dieser Abad hat der Frau Primaria verboten, je auch nur mit einem Menschen über die wahren Hintergründe ihres Wechsels von Wien ins Sanatorium Kingston zu reden, ihren Mann eingeschlossen. Woher wissen Sie dann von der Sache?«

»Ich bin der einzige, dem sich die Frau Primaria anvertraut hat. Auf mich kann sie sich hundertprozentig verlassen. Ich bin doch mit dem Eugen in die Schule ...«

»Ja, das erzählten Sie schon«, sagte Daniel. »Sie hat zu Ihnen mehr Vertrauen als zu ihrem Mann?«