großen Topf mit Wasser gefüllt und auf die stärkste Platte gestellt. Dann alles rein, viel Salz, viel Essig, Senf, was da war. Die Kernseife habe ich in ganz dünne Scheiben aufgeschnitten. Flocken fast, dann mußte ich das Ganze aufkochen und wieder abkühlen lassen. Immer von einem Topf in den anderen schütten. Bis Sie es vertragen konnten.«
»Geschabte Kernseife habe ich ...«
»Und alles andere, ja.«
»Woher ist der Trick?«
»Kursus für Erste Hilfe.«
»Und wenn ich nun abgenibbelt wäre? Trotz allem?« »Dann wäre ich drangewesen. Fahrlässige Tötung. Aber ich
mußte es riskieren. Ich mußte einfach. Ich hatte Glück. Sie auch.«
»Ich nicht.« Eben hatte er sich noch gut gefühlt. Plötzlich war ihm wieder elend.
»Sie werden mir alles erzählen.« Er schüttelte den Kopf. »Aber ja doch. Später, Daniel. Wenn es Ihnen wieder ganz gut
geht. Ich darf doch Daniel zu Ihnen sagen?« »Natürlich, Mercedes – wenn Sie gestatten.« »Selbstverständlich.« Sie sagte: »Wissen Sie, Daniel, wir
haben schon ein Riesenglück, alle beide. Zwanzig Minuten nachdem ich mit Ihnen telefoniert habe, ging eine Maschine hierher. Ich kriegte noch einen Platz. Um halb neun war ich schon da.« Sie stand auf. »Und jetzt bekommen Sie eine feine, starke Fleischbrühe.« Sie ging zur Tür. Ihm war, als erwache er plötzlich erst aus einem tiefen Traum.
»Mercedes!«
»Ja?« Sie drehte sich um und lächelte. »Was haben Sie gesagt?«
»Jetzt bekommen Sie eine feine, starke Fleischbrühe.« »Nein«, sagte er. »Vorher. Was muß mein Vater, der vor
neununddreißig Jahren gestorben ist, mir in Buenos Aires geben, schnellstens?«
»Das internationale Geheimabkommen. Ich habe in der Küche alles vorbereitet. Ich bin gleich wieder da.«
Er starrte die Decke an. Der Sturm heulte und orgelte, tobte und wimmerte. Wenn ich verrückt geworden bin, soll’s mir auch recht sein, dachte Ross.
Mit schwarzer Farbe war auf dem Deckblatt der Adler eingepreßt, der das Hakenkreuz in den Krallen hielt. SOLDBUCH stand darunter.
Ross öffnete das alte, dünne Heft.
Da war die Fotografie seines Vaters. Ein schmales Gesicht mit großen Augen und dünnen Lippen. Das graue Haar kurz geschnitten. Ross bemerkte, daß seine Hand zitterte. Er las auf der Seite mit dem Foto die Angaben zur Person. Name: Ross, Georg. Geboren: 11. Januar 1907. Ort: Wien/Ostmark. Rang: Major. Er blätterte. Die Seiten waren vergilbt und stockig.
»Ist das Ihr Vater?«
»Ja«, seine Stimme bebte.
»Sie haben nicht den geringsten Zweifel?«
»Nicht den geringsten.« Er sah sie an. »Wie kommt das in Ihren Besitz?«
»Er hat es mir mitgegeben, mein Gott! Wie sollte es sonst in meinen Besitz kommen? Aus dem Reich der Toten? Ihr Vater lebt, so glauben Sie mir endlich!«
Er antwortete nicht. Er starrte das Foto in dem Soldbuch an. Mercedes saß wieder vor ihm. Ein Kissen im Rücken stützte ihn. Er hatte einen neuen Pyjama angezogen, drei Tassen Fleischbrühe getrunken, und er fühlte sich noch immer sehr schwach, aber viel besser und ganz klar. Mercedes trug nun ein graues Kostüm mit einem hellblauen Seidenschal im Ausschnitt. Sie hatte sich geschminkt.
»Hier«, sagte sie und reichte ihm eine gelblich gewordene, verblichene Fotografie. Er sah sie entgeistert an. Da war er! Ein kleiner Junge mit Spielhosen und darüberhängendem Hemdchen, das Haar zur Pagenfrisur geschnitten. Glücklich lachend zeigte ihn das Foto auf der Schulter seines Vaters, der die Uniform eines Majors der Deutschen Wehrmacht trug. Der Vater hatte eine Pfeife im Mund. Er stand vor einer weinbewachsenen Villa in einem großen Garten.
»Erinnern Sie sich an das Foto?« fragte Mercedes. »Ja. Meine Mutter hat es aufgenommen. In diesem Haus
haben wir gewohnt. Zur Miete. Sternwartestraße. Achtzehnter Bezirk. Im Cottage. Ich erinnere mich an Vaters Pfeife. Gegen Ende des Krieges gab es nur noch wenige Zigaretten. Da fing er an, Pfeife zu rauchen. Das Foto muß gemacht worden sein, als er das letzte Mal auf Urlaub kam vor seinem Tod.«
Sie sagte geduldig: »Er hat mir dieses Foto vor drei Tagen gegeben. Er ist nicht tot. Mit diesem Foto soll ich Sie davon überzeugen.«
»Aber wir bekamen doch die offizielle Todesnachricht!« Er zitierte skandierend: »›Gefallen in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland bei schweren Abwehrkämpfen am zweiten März neunzehnhundertfünfundvierzig im Großraum Küstrin.‹ Wie kann er da noch leben? Und wieso haben wir niemals etwas von ihm gehört – niemals, all die Jahre?«
››Das wird er Ihnen selber erzählen. Hier, wer ist das?« Sie reichte ihm ein zweites Foto.
Er sah sich als kleinen Jungen und eine zarte Frau, die um ein Lächeln rang. Sie saßen nebeneinander auf einem Sofa neben einem Radioapparat.
»Meine Mutter – und das war ein sogenannter Volksempfänger«, sagte Ross. »Es gab sie zu Millionen. Wir hatten noch ein großes Gerät, mit dem hörte Mutter nachts immer London. Natürlich hörte sie nur London, wenn Vater nicht da war. Er hätte sie glatt angezeigt. Er war ein fanatischer Nazi. Ich bin sicher, er hat viele Menschen angezeigt. Das Schwein, das verfluchte. Ah, wie ich ihn gehaßt habe!«
»Weil er ein fanatischer Nazi war?«
»Damals war ich viel zu klein, kaum sieben Jahre alt. Ich verstand noch nichts. Damals war ich immer selig, wenn er auf Urlaub kam. Damals liebte ich ihn noch. Sie sehen ja, wie glücklich ich lache auf dem Foto. Nein, später, Jahre später, als ich erwachsen wurde und begreifen konnte, hat meine arme Mutter mir alles über ihn erzählt. Was für ein grauenvoller Nazi er war. Und daß ihr Leben die Hölle war, daß sie heimlich weinte vor Angst, tagelang, bevor er kam. Weil er ihr Szenen machte, die schlimmsten Szenen. Nachts, wenn ich schlief, tobte er herum. Das hörte ich natürlich nicht ... ein kleiner Junge. Später erst habe ich alles begriffen. Die Ehe war zerbrochen. Er wollte sich scheiden lassen, sobald der Krieg aus war. Meine arme Mutter. Da begann ich ihn zu hassen.« Er sagte: »Sie wissen alles über mich und ihn und meine Mutter, wie?«
»Ja.«
»Dann sagen Sie mir auch, wo er gearbeitet hat, bevor er zur Wehrmacht mußte!«
Die Antwort kam prompt: »Er war Leiter einer Filiale der Österreichischen Sparkasse.«
Ross starrte sie lange an. »Also gut, er lebt. Das verfluchte Schwein lebt. Ich begreife es immer noch nicht. Wieso heißt er nicht mehr Ross? Wieso heißt er Olivera? Wie ist er nach Argentinien gekommen? Der Drecksack. Oh, jetzt hasse ich ihn erst! Dabei konnte er so charmant sein, so lieb, so freundlich – wenn er wollte. Auch zu meiner armen Mutter.« Er wies auf das vergilbte Foto. »Sehen Sie! Die Riemenschuhe mit den hohen, dicken Absätzen! Korkschuhe nannte man sie. Komisch, woran man sich erinnert. Ich erinnere mich an die ganze Geschichte ... Vater brachte diese Korkschuhe einmal mit, als er auf Urlaub kam. Die Schuhe – das alles hat mir Mutter später erzählt, und nun fällt es mir wieder ein nach so langer Zeit –, die Schuhe waren aus Italien. Vater muß sie von einem Kameraden bekommen haben, denn er war ja dauernd an der Ostfront. Große Sensation damals: italienische Korkschuhe! Sie sehen, der Kork ist mit Leder verkleidet. Mutter hat sich so gefreut, als Vater sie ihr schenkte. Zwei Stunden später weinte sie. Seinetwegen. Ein Sadist. Machte ihm Spaß, wenn meine Mutter weinte. Schauen Sie sie an! Mitte Dreißig, kaum älter als Sie, Mercedes. Eine alte Frau ohne Hoffnung.«
»Was warf er ihr denn vor?«
»Nichts! Er hatte sie einfach satt. Mutter war sicher, daß es eine andere Frau in seinem Leben gab. Ich auch.«
»Was heißt: Sie auch?«
»Ich war auch sicher – später, als ich Verstand hatte und Mutter mit mir über alles sprach.«
»Warum kam Ihr Vater überhaupt nach Wien auf Urlaub, wenn es doch nur Tränen und Szenen gab?«
»Er war verrückt mit mir. Ich war sein Schatz.« »Sie wären doch der Mutter zugesprochen worden bei der